„Nicht Iran, nicht Hizb-Allah, wir wollen einen gottesfürchtigen Muslim“ („la Iran, la Hizb-Allah, bidna Muslim iakhaf Allah“) lautet ein derzeit populärer Slogan der syrischen Revolution. Wie wir an anderer Stelle schon näher ausgeführt haben, tobt derzeit im Rahmen des Aufstandes in Syrien eine propagandistischen „Schlacht um die Symbole“. Wiewohl eine organisierte militärische Beteiligung libanesischer Akteure tendenziell eher unwahrscheinlich ist – aber für die Hizb-Allah auch keineswegs ausgeschlossen werden kann – existieren viele Formen libanesischer Involvierung in die Revolution im Nachbarland. Wir wollen einige davon hier aufzeigen.

Ein Vergleich, der hinkt

Unabhängig davon, dass zumindest eine wie auch immer geartete emotionale Bindung an der Nachbarland allen Libanesen zu eigen ist, sei es eine furchtsame, eine verwandtschaftliche, eine feindselige oder eine bewundernde, haben nur zwei politische Akteure aus dem „Zedernstaat“ ein veritables Interesse am Konflikt im Nachbarland. Das eine ist Rafiq al-Hariri mit seinem Mustaqbal-Block, der andere die bereits erwähnte Hizb-Allah. Da Hariri zumindest vermuten muss, dass Syrien etwas mit dem gewaltsamen Tod seines Vaters zu tun hatte, ist seine Involvierung klar. Als Verbündeter der Saudis und schwerreicher Geschäftsmann bietet er sich natürlich als ein Finanzier des syrischen Aufstandes an. Allerdings soll Hariri nach Angaben seines Koalitionspartners Samir Ja`ja` unter finanziellen Problemen leiden soll. Sein Fernsehsender sei angeblich mit den Gehältern im Rückstand und Hariri habe die PR-Agentur gewechselt, da er seiner vorherigen noch „einige Millionen“ schulde (cable.php?id=10BEIRUT118).  Genaues und Bewiesenes zu einem möglichen Engagement des Hariri-Blocks im Nachbarland ist bislang jedoch nicht ans Tageslicht gelangt. Innenpolitisch kann sich Hariri jedoch die Sympathie mit dem Aufstand im Nachbarland durchaus zu Nutze machen, v.a. über seine exzellenten Verbindungen in die arabischen Golfstaaten. Nicht nur durch die Verbesserung des eigenen Images, da die Hizb-Allah und ihre Verbündeten nunmehr mit dem Malus leben müssen, sozusagen an der arabischen Revolte vorbeizuschwimmen, sondern auch was die derzeitige Regierung im Libanon angeht. Diese wird sein Anfang diesen Jahres von Hizb-Allah und ihren diversen Verbündeten gestellt, wobei die „Partei Gottes“ selbst nur 2 Ministerposten bekleidet (Husain Hajj Hassan für Landwirtschaft und Staatsminister Muhammad Fnaish). Dies täuscht jedoch über ihre wahre Stärke hinweg. Auffällig ist nämlich, dass 4 Ministerien (+ Premier Miqati selbst) der harakat majd des neuen Premierminister Najib Miqati zufielen, einer weitgehend virtuellen sunnitischen Notablenpartei (wiewohl Wirtschaftsminister Niqula Nahhas orthodoxer Christ ist), die selbst im Parlament mit gerade einmal 2 Abgeordneten vertreten ist.  Neben Miqati gehören sein Staatssminister Karami und eben Nahhas offiziell zur „Ruhmespartei“, aber Finanzminister Safadi, Informationsminister Da`uq und Bildungsminister Diab sind ihr de facto ebenfalls zuzurechnen. Somit bekleiden Anhänger dieser virtuellen Partei einige ganz wesentliche Ministerien. Faktisch bedeutet dies, dass Hizb-Allah über eine solch schwache politische Kraft, die v.a. von den Millionen ihres Chefs lebt, Einfluss ausüben kann, ohne ihr eigenes Etikett aufkleben zu müssen. Gegen eben diese Regierung Miqati demonstriert im Windschatten des „Arabischen Frühlings“ seit einigen Wochen das Lager um Hariri. Sie vergleicht diese Proteste ganz offen mit eben diesem „Frühling“. Allerdings sind diese Proteste rein innen- und machtpolitischer Natur, sie knüpfen lediglich an die Symbolik des arabischen Aufstandes an. Symbolisch versuchen sie die derzeitige Regierung in Beirut als Handlanger der al-´Asads darzustellen und damit eine Art Querachse von den nordafrikanischen Revolten über Syrien ins eigene Land herzustellen. Inhaltlich existiert jedoch keine Parallele: Proteste gegen eine autoritäre Regierung wären im Libanon auch weitgehend sinnfrei, errang der Block um die Hizb-Allah doch bei den letzten Wahlen quantitativ die meisten Stimmen und verfügt seit dem Seitenwechsel der drusisch-sozialdemokratischen PSP über eine parlamentarische Mehrheit.

Der 08. März als Fallbeispiel

Dessen ungeachtet bedienen sich beide Seiten einer sehr handfesten Sprache, wobei das Hariri-Lager Syriens Regime gerne mit der Regierung Miqati gleichsetzt. Exemplarisch keilte jüngst einer der wichtigsten Verbündeten der Hizb-Allah, Michel `Aoun zurück, indem er ganz im Stile der syrischen Regierung der libanesischen Opposition vorwarf,  Konfessionalismus aus dem Dar ul-Fatwa (deren Hausherr, der Mufti der Republik, dem Hariri-Lager nahesteht) heraus zu betreiben und die Politik auf die Straße zu verlagern (al-Hayyat, 23. 03.2011), was er selbst freilich von 2006 bis 2008 im Verein mit Hizb-Allah und `Amal in Gestalt einer riesigen Zeltstadt in Beirut noch selbst betrieben hatte. Mit Blick auf Syrien bestritt er, dass das dortige Regime despotisch sei, da eine Tyrannei alle töte, in Syrien stürben jedoch gegenwärtig nur einige Demonstranten, weshalb die Repression doch sehr eingeschränkt sei (al-Hayyat, 23.03.2011). An anderer Stelle sprach er davon, dass die Opposition in Syrien terroristisch sei, nicht der Staat (Naharnet, 09.08.2011). Sein Adlatus, der ehemalige Stellvertretende Vorsitzender der al-kata`ib-Partei (dem Pakradouni-Flügel zuzuordnen),  Rashad Salamah, der mittlerweile der `Aoun-Partei angehört und den wegen Spionage für Israel angeklagten Brigadegeneral Fayez Karam, auch er ein enger Vertrauter `Aouns, vor Gericht verteidigte, sprach im syrischen Fernsehen gleich nur noch von der amerikanischen (bzw. israelischen) Verschwörung (das Video befindet sich auf „rabi` al-`arab/Arab Spring“, Rashad Salamah im syrischen Fernsehen ). Dies spiegelt den komplizierten Spagat des gesamten „thirdworldistischen“ Lagers im Libanon wieder, das einerseits das syrische Regime nicht rückhaltlos verteidigen kann, andererseits nicht nur auf die `Asads politisch angewiesen ist, sondern auch Angst haben muss vor jedweder Konfessionalisierung im Nachbarland.
Der Hizb-Allah nahestehende Journalist Ibrahim al-´Amin, konstatierte etwa, dass die Gesellschaft Syriens in der Sackgasse stünde, niemand käme mehr voran; tatsächlich repräsentiere die Opposition nicht die wahre Mehrheit und sei deshalb zu Reformen kaum fähig. Der Aufruf zum Sturz des Regimes werde es unmöglich machen, mit diesem und durch dieses Reformen als Resultat eines Dialoges durchzuführen. al-´Amin wirft der Opposition vor, konfessionalistisch und in diverse ideologische Richtungen zersplittert zu sein, es drohe ein Bürgerkrieg (al-Akhbar, 09.05.2011). Ähnlich `Aouns Pressesprecherin, die ehemalige an-Nahar-Journalistin May Akl, die organisierte Attacken auf Soldaten des syrischen Regimes als Indiz für eine Konfessionalisierung des Aufstandes in Syrien durch die Muslimbruderschaft wertet. Es sei kein Zufall, dass die Rebellion zuvörderst in sunnitisch-konservativen Regionen ausgebrochen sei. Graduelle Reform durch Bashar al-`Asad sei einer Revolution vorzuziehen (Foreign Policy, 19.04.2011). Und Elias Murr, ehemaliger Verteidigungs- bzw. Innenminister in Beirut, fragte besorgt, welches Syrien man als Libanese denn so haben wolle, drohe doch nach einem Umsturz beim Nachbarn eine Katastrophe wie einst im Libanon. Als Vorschlag folgt auch hier ein bestenfalls angedeuteter Reformprozess mit den ´Asads an der Spitze (NOW Lebanon, 18.04.2011). Nun ist Murr durchaus eine schillernde Person, die früher als Freund Syriens bekannt, jüngst v.a. als „der Saboteur“ in seiner Heimat notorisch wurde: Er soll 2006 israelischen Soldaten über die US-Botschafterin Michele Sison den Ratschlag erteilt haben, doch bitteschön nicht die Infrastruktur der christlichen Teile des Libanon zu bombardieren, für seine eigenen Soldaten wüsste er aber doch recht gerne, wieviel Proviant man einplanen müsse, um in den Kasernen auszuhalten bis der Sturm vorüber sei (cable.php?id=08BEIRUT372).
Jean `Aziz, ein libanesischer Journalist und Professor an der Universität Kaslik, von 2007 bis 2011 Nachrichtenchef von `Aouns Fernsehsender Orange TV, muss einerseits die Opposition in Tunesien oder Ägypten loben, andererseits aber den Demonstrationen in Syrien einen konfessionalistischen Charakter bescheinigen. In einem Kommentar (das Wort Artikel scheint hier eher unangebracht), stellt er zunächst fest, dass die Demonstranten sowohl einen emanzipatorischen als auch einen ideologischen Hintergrund hätten, dann beschuldigt er sie, sich auf traditionelle Feindschaft und Hetze verlegt zu haben, was angesichts der gewalttätigen Ereignisse fast unausweichlich sei (al-Akhbar, 19.03.2011). Primär ist für `Aziz saudische (wahhabitische) Hetze im Spiel, was eindeutig auf die Verbindung Hariris nach Saudi-Arabien und die Ausbreitung wahhabitischer Theologie in der Levante anspielt. Vergleicht man dies mit dem alten Slogan „De Prague à Beyrouth un seul combat: la liberté. Alexandre Dubček et Michel `Aoun“ aus der „Kampfzeit“ `Aouns Anfang der 1990er Jahre, wird die rein innenpolitische Funktion des Bezuges auf Aufstände im Ausland überdeutlich. Die Situation in Syrien werde sich ebenso beruhigen, wie 1982, als eine Operation des damaligen Präsidenten Hafiz al-´Asad zu einer Staatskrise in Syrien führe, hofft `Aziz.
Die Hizb-Allah ist mitsamt ihren Verbündeten finanziell und militärisch eng an das Nachbarland gebunden. Nicht zufällig also macht sich die Partei bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Sprachregelungen Syriens zu eigen. Auch für den Aufruf zu grundlegenden Reformen nutzt Generalsekretär Hasan Nasr-Allah regelmäßig den Duktus Bashar al-`Asads. Dennoch sollte man dies nicht überschätzen: Iranische Waffen würden bei einem Sturz des ´Asad-Regimes zweifellos – wenn auch in vermindertem Maße – über den Land- und Seeweg ins Land gelangen. Und politisch lebt die „Partei Gottes“ ohnehin nicht vom Damaszener Präsidentenclan. Ihre Legitimation bezieht sie aus ihrer politischen Theologie, ihrer Rolle als „Kümmerer“ der libanesischen Schiiten und als ebenso aktiver wie erfolgreicher Gegner Israels, dem es gelang, mit militärischen Mitteln einen, wenn nicht sogar den wesentlichen, Beitrag zur Befreiung des Südlibanons zu leisten. Allerdings dürfte eine Minderung der externen Hilfe die Hizb-Allah an einen anderen entscheidenden Punkt führen: Zur Frage, inwieweit sie DIE Partei der libanesischen Schiiten sein will, was nur vermittels jenes bis unter die Zähne bewaffneten verzuilings auf der Grundlage des „Widerstandes“ geht, das sie momentan betreibt, oder ob sie nur eine ganz spezifische schiitische Richtungspartei werden möchte. In letzterem Fall müsste sie politischen Pluralismus im eigenen Lager zulassen, was derzeit nicht wirklich der Fall ist. Der alte Rivale `Amal ist heute de facto eher ein – wenn auch durchaus bedeutsames – Anhängsel der Hizb-Allah. Im selben Maße, in welchem die bewaffnete Militanz als Mittel der alten Blockbildung jedoch fällt, werden die verschiedenen politischen Positionen und Habituskonstallationen der libanesischen Schiiten die Dominanz der Hizb-Allah zumindest teilweise aufbrechen – diese stünde dann eben nur mehr für einen bestimmten konservativen Teil dieser Konfession. Die derzeitigen Proteste in Beirut gegen die Hizb-Allah zeigen jedoch, dass der Konflikt in Syrien primär für innerlibanesische Zwecke instrumentalisiert wird. Und genau hier liegt auch das einzige wirkliche Interesse libanesischer Akteure am syrischen Aufstand: Die mit der im Raum schwebende Frage nach der Zukunft des Hariri-Tribunals verwobene Rivalität um Macht im eigenen Lande bestimmt die Agenda.

Gefahr einer Radikalisierung

Diese Rivalität wird jedoch – wie alle Auseinandersetzungen – mit einem oftmals doch recht hochtrabenden Überbau versehen. Und dieser Überbau besteht nicht selten in einem ziemlich brachial daherkommenden Konfessionalismus, dessen größte Gefahr darin besteht, dass er eine gewisse Eigendynamik entwickeln könnte. Das nachfolgende Video ist ein interessanter Beleg für diese Tendenz: (  Überfall auf Apotheke in Sidon)
Zu sehen ist der Überfall auf eine Apotheke in Sidon, die offensichtlich einem Sunniten gehört. Die Täter zerschlagen Teile der Einrichtung und bedrohen den Apotheke. Dabei geben sie sich im Verlauf der Sequenz als Ba`this zu erkennen. Ihre Identität lüften sie auch, da ihr Anführer sich als Mustafa al-Qawwas, der örtliche Verantwortliche der Ba`th vorstellt (ca. 6:27). Er ist Schiit. Interessant sind hieran zwei Tatsachen: Zum einen dass sich diese Schläger ganz offensichtlich relativ willkürlich eine sunnitische Apotheke ausgesucht haben, zum anderen auch die Methodik, mit der eben diese schiitische Identität der Täter, welche in Syrien wie im Libanon unschuldige Sunniten mit ihren mafiösen Methoden terrorisierten, hervorgehoben wird. Auch wenn der Aufstand in Syrien keine konfessionalistische Revolte darstellt, so wird er doch vermehrt von vielen Beteiligten zu einer eben solchen gemacht, auch mit Propagandavideos wie diesem, auch im Libanon. Interessanterweise kandidierte Qawwas 2009 sogar als Parlamentskandidat für die Ba`th. Als Beleg hier sein Wahlplakat:

In den im Rahmen der cabelgate-Affäre ans Licht gekommenen Dokumenten zeigt sich ebenso eine zunehmende Militarisierung der libanesischen Politik. Nicht nur dass die Zahl der verkauften Waffen im Lande ansteigt, auch die politischen Akteure selbst äußern regelmäßig recht detaillierte Vermutungen über die Aufrüstung der jeweils anderen Partei. Der Vorsitzende der Forces Libanaises, Samir Ja`ja`, als ehemaliger Milizkommandeur militärisch ja auch bestens bewandert, ging dabei am weitesten und entwarf gegenüber US-Botschafter Jeffrey Feltman schon vor Jahren ein Szenario möglicher militärischer Operationen im Rahmen eines neuen Bürgerkrieges im Lande.

Von Händlern, Schmugglern, Verschwundenen und pinken Panthern

Tatsächlich schwimmen jedoch nicht nur Libanesen im Kielwasser des Konfliktes im Nachbarland. Allein schon durch die räumliche Nähe und die tiefen verwandtschaftlichen, ökonomischen wie politischen Verflechtungen kann eine Loslösung von den Ereignissen in Syrien nicht möglich machen. Die Tatsache, dass tausende Syrer ganz regulär oder schwarz im Libanon arbeiten und andere ins Nachbarland geflohen sind, erschwert eine „splendid isolation“ ganz erheblich. Nicht zuletzt, da auch die „Staatsklasse“ Syriens beste ökonomische Verbindungen in den Libanon unterhält. Vor allem die Sicherheitsdienste und Militärs verdanken einen großen Teil ihres Vermögens dem mal legalen mal illegalen Handel mit dem Nachbarn. Als „Hong-Kong Syriens“ (Volker Perthes) erfüllte der Libanon dabei über Jahre hinweg eine zentrale Funktion im Herrschaftssystem der al-´Asads: Ohne die offiziellen Regimegrundlagen einer staatsgelenkten Wirtschaft aufgeben zu müssen, konnte man durch die semi-legale Verlagerung gewinnbringender ökonomischer Aktivitäten nach nebenan gezielt Privilegien verteilen. Für die meisten „Ali-Normal-Syrer“ sind diese ökonomischen Aktivitäten allerdings eher Mühsal denn Privileg. Sie schuften zu Zehntausenden auf den Baustellen Beiruts, sie arbeiten als „Boys“ oder Müllarbeiter. Ihre Arbeitsbedingungen gelten, wie die aller Gastarbeiter im Libanon, als prekär.
Militärische Auseinandersetzungen zwischen beiden Staaten sind natürlich nur punktuell und zum Beweis der eigenen Stärke zu erwarten. Immerhin kam es bereits zu vereinzelten bewaffneten Zusammenstössen: Unter anderem beschoss im Norden (wahrscheinlich versehentlich) eine syrische Militärpatrouille an der kaum markiertem Grenze eine libanesische Armee-Einheit, einige Tage später bombardierten in `Arsal zwei syrische Panzer ein leerstehendes Gebäude auf dem Territorium des Nachbarlandes, was kaum mehr zufällig zu kennen ist. Des weiteren lieferten sich regimetreue Einheiten und Deserteure der syrischen Armee im oftmals recht unwegsamen Grenzgebiet mehrere Schießereien. Ein weiteres bemerkenswertes Vorkommnis ereignete sich wiederum im sunnitischen Städtchen `Arsal in der Biq`a-Ebene: Dort versuchten Unbekannte einen Angehörigen einer prominenten syrischen Familie zu entführen, der im Libanon selbst keinesfalls per Haftbefehl gesucht wird, was aber von Einheimischen verhindert wurde. Die später hinzugestoßene libanesische Armee löste die Menschenmenge auf. Die Angaben zur Herkunft der „Unbekannten“ weichen erheblich voneinander ab: Das Militär verkündete offiziell, Agenten der Militäraufklärung in Zivil hätten Verdächtige verhaften wollen, die Mustaqbal-Partei Hariris wollte Mitglieder der Hizb-Allah am Werke gesehen haben. Immerhin liegt `Arsal unmittelbar an der syrisch-libanesischen Grenze. Ohnehin stieg – laut Murr-TV – in den letzten Monaten in Libanon der Preis per Kalaschnikov von ca. 400 US-$ im vorvergangenen Jahr auf rund 1.100 US-$ anno 2010. Dies lag zuvörderst an innerlibanesischen Konflikten. Zuletzt aber soll dieser Preis noch weiter nach oben geschnellt sein, was am Aufstand in Syrien liegen dürfte (an-Nahar, 17.10.2011). Dabei gilt `Arsal als ausgewiesene Schmugglerhochburg, die neuerdings in Angst vor den zur Abriegelung der Grenze aufmarschierten syrischen Truppen lebt. Aber Entführungen syrischer Oppositioneller im Libanon, wie die Opposition im Fall `Arsals mutmaßte, sind mittlerweile so sicher nicht mehr auszuschließen: General ´Ashraf Rifi, der Hariri nahestehende Chef der libanesischen Polizei, bestätigte im Oktober, dass drei Syrer in Beirut verschwunden seien. Vermutlich seien sie von Mitarbeitern der syrischen Botschaft in Beirut gekidnappt und über die Grenze verschafft worden. Zudem verschwand auch der syrische Oppositionspolitiker Shibli Aisamy. Er galt als eines der Gründungsmitglieder der syrischen Sektion der al-Ba`th überwarf sich aber 1966 mit dieser. Insgesamt soll die Zahl der vermissten Syrer im Libanon mittlerweile bei 13 liegen. Da der über 80-jährige Aisamy Druse war, lebte er zuletzt in `Aley, östlich von Beirut. Die pro-syrischen Kräfte im Libanon nutzten dies aus, um in Gestalt des libanesischen Ba`th-Vorsitzenden `Asim Qansu, gewählt von Gnaden der Hizb-Allah auf einen Schiiten-Sitz im Gouvernement Biqa`, den Drusenpolitiker Jumblatt zu beschuldigen, er habe im Rahmen einer innerdrusischen Vendetta den prominenten Syrer ermorden lassen (Daily Star 10.11.2011). Da Qansu von Syrien komplett abhängig ist und keinerlei Beweise vorlegte, scheint dies jedoch sehr unwahrscheinlich zu sein.
Angesichts der vielfältigen Verbindungen des syrischen Sicherheitsapparates im Nachbarland erscheint die Entführung missliebiger Syrer im Libanon nicht allzu schwer, zumal Sicherheit dort eine durchaus zwiespältige Sache ist. Militär, Geheimdienst und Polizei sind in sich gespalten, werden von Parteigängern der jeweiligen politischen Lager beherrscht. Da zudem viele Libanesen selbst ein Gewehr daheim haben, wird Sicherheit v.a. in entlegenen Gebieten oftmals zur Privatsache, wie die offenbar gewerbsmäßig betriebene Entführung estnischer Touristen im syrisch-libanesischen Grenzgebiet. Nachdem zunächst die PFLP-GC oder Mu`amar al-Qaddhafi verdächtigt wurden, stellte sich rasch heraus, dass Darwish Khanjar, ein einschlägig bekannter Krimineller, der Leiter des Entführungskommandos war und die verschleppten Balten an eine bis dato unbekannte islamistische Gruppe verkauft hatte. Angesichts solcher Verhältnisse darf der ungehinderte Waffenschmuggel nach Syrien keinesfalls verwunden. Zudem sind nicht nur Kriminelle und die relativ armen Bewohner der Grenzprovinzen anfällig für ein kleines Engagement jenseits der Grenzen: Als im Jahre 2008 mehrere Bombenattentate auf syrische Funktionäre Damaskus erschütterten, wies die Spur zu sunnitischen Extremisten in der hierfür notorischen Stadt Tripoli. Ob diese Attentate, wie in der Presse spekuliert wurde, mit oder ohne Beteiligung diverser Geheimdienste stattfanden, lässt sich hier natürlich nicht klären. In jedem Fall sind die Grenzen aufgrund der internationalistisch-militanten Ausrichtung solcher Gruppen jedoch sowieso fließend: die Fatah al-Islam, die in Tripoli im Lager Nahr al-Barid ihre Basis hatte, rekrutierte Palästinenser, Libanesen und Syrer gleichermaßen. Diese Gruppen sind jedoch klein und werden vom libanesischen Staat bekämpft.  Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht gefährlich für die innere Balance des Libanon sind. Nachdem 2007 die libanesische Presse berichtete, in Nahr al-Barid gefangene Islamisten hätten geplant, die `Alawiten der Stadt im Stadtbezirk Jabal Muhsin anzugreifen (al-Mustaqbal, 07.06.2007), scheint ein wahrer Rüstungswettlauf im ohnehin sehr unsicheren Tripoli begonnen zu haben. Nun organisierte die `alawitische ADP eine Miliz, deren Vorläufer übrigens in den 1980ern auf den liebevollen Namen „Pink Panther“ gehört hatten: Ihre roten Uniformen standen in dem Ruch, die Waschmaschine nicht in voller farblicher Schönheit zu überleben. Die Gegenseite mobilisierte daraufhin eine eigene Miliz, die Afwaj Tarabulus, hinzu kommen noch die starken palästinensische Gruppen in den Lagern Baddawi und (ehemals) Nahr al-Barid. Schon im Januar 2007 starben 2 Männer bei Gefechten zwischen sunnitischen und `alawitischen Kämpfern, während der allgemeinen Kämpfe im Mai 2008, als Hizb-Allah eine Verstaatlichung ihres Telekommunikationsnetzes zu verhindern wusste, starben in Tripoli 18 Menschen bei Feuergefechten, tausende Sunniten und `Alawiten verließen die Stadtviertel der jeweils anderen Konfession in der Stadt fluchtartig (Daily Star, 05.08.2008). Gerade die verarmten Bezirke Tripolis eignen sich besonders gut als hotbed einer Radikalisierung. Im `alawitischen Quartier Jabal Muhsin sollen 60% der Bewohner arbeitslos sein, bis zu 80% der Kinder verlassen die Schule frühzeitig. Im benachbarten `Akkar lebten 63% unterhalb der Armutsgrenze, 86,6% der Heranwachsenden konnten ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten, 21% der Haushalte erhielten überhaupt kein fließendes Wasser (UN-Report Juli 2011).

Fazit: Gefahr einer neuen Dynamik

Ein offizieller Krieg kann nicht im Interesse Beiruts liegen, egal wer dort regiert. Und ein Überschwappen des bewaffneten Konfliktes könnte nur gelingen, wenn die Auseinandersetzung an innerlibanesische Konflikte andocken kann. Mit der immer noch im Raum stehenden Frage nach der Zukunft des Hariri-Tribunals erscheint dies zumindest nicht unmöglich, da hier essentielle Interessen diverser libanesischer Akteure auf dem Spiel stehen. Eine Radikalisierung der libanesischen Politik kann die Revolte in Syrien dennoch bedeuten: Wie der Fall des Überfalles von Sidon gezeigt hat, werden aktuelle Auseinandersetzungen symbolisch und emotional mit Anleihen im regionalen Umfeld aufgeladen. Dabei können dieselben Dynamiken wirken wie bereits Anfang der 1970er Jahre. Stabiler wird der Libanon also eher nicht.