In der aktuellen Ausgabe der deutschsprachigen „WIRED“ kommentiert Richard Gutjahr auf interessante Weise die Entwicklung eines so genannten „Silicon Valley“ in Israel. Der Kommentar ist durchaus lesenswert, beinhaltet aber eine Einleitung, die diskutabel ist: "Nach Tunesien, Ägypten und anderen Nachbarstaaten hatte also auch Israel seine Facebook-Revolution." Dieser Satz klingt so einfach und er passt hervorragend in die schöne neue Welt, die sich durch Begriffe wie Web 2/3/4.0, Twitter und Social Media so simpel, wie unzureichend beschreiben lässt. Es klingt nach Revolution, nach Umsturz vorhandener Systeme der Unterdrückung. Nach demokratischem Diskurs, an dem endlich auch diejenigen Teilnehmen können, die der deliberativ-kooperative Ansatz ebenso vergessen hat, wie das bürgerlich-liberale Konzept sie nicht teilhaben lässt. Anonymität, freie Meinungsäußerung und relative Geräteunabhängigkeit werden gerne als Vorraussetzungen für diese Facebook-Revolutionen genannt. Dabei wird vergessen, dass Revolutionen und Revolten, die zur Änderung einer politischen Ordnung oder eines Regimes führen sollen, immer aus dem digitalen Raum heraustreten müssen. Rebellion ist eine analoge Angelegenheit könnte man polemisch betonen. Analog bedeutet hier, dass der abstrakte Begriff der autoritären Staatsmacht ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Realität erfahr- und spürbar wird. Die Gruppe der Revolutionäre oder der Revoltierenden muss sich in die physische Auseinandersetzung mit dem Regime begeben. Wie dieser Konflikt endet, ist die entscheidende Frage. Dies hängt von mehreren Komponenten ab: Innere Stärke des autoritären Systems; Stabilität der Befehlskette; Durchdringung der Gesellschaft durch die autoritären Sicherheitsapparate; Außenpolitische Abhängigkeit und Einbindung uvm... Welche Rolle spielt in dieser Problemsituation nun das Web 2.0 und welche Rolle übernimmt es in revolutionären Kontexten? Zuerst hilft es, sich die wesentlichen Charakteristika autoritärer Systeme vor Augen führen. Das autoritäre System... Anders als in totalitären Systemen, durchdringen autoritäre Regierungen ihre Gesellschaften nicht mit einer einzig wahren Ideologie, gewissermaßen dem Monomythos, den Walter Benjamin im Dritten Reich der Nazis ausgemacht hat, sondern sie bedienen sich korrumpierender Partizipationsstrukturen. Eine ausgedehnte staatliche Verwaltung, elitäre Konkurrenzsituationen um den Zugang zur höchsten Ebene der Macht, sowie die Etablierung diffuser Pluralität im Bereich der Presse und der Parteien stellen nur einige Beispiele hierfür dar. Es offenbart sich also ein steter Prozess der wechselseitigen Anpassung der Gesellschaft an das Regime und des Regimes an die Gesellschaft. Der öffentliche Diskurs wird im Rahmen einer sensiblen Zensurpolitik mit Reformbegriffen aufgeladen, die oft unter Bezug auf den Entwicklungsstand des Landes relativiert werden. So wird von Demokratisierung gesprochen und Parteien zu den meist offensichtlich manipulierten Wahlen zugelassen. Diese Parteien müssen sich jedoch im Kern zur Systemstabilität bekennen, also die "Ordnung" respektieren. Die politische Narrative der Machthaber bezieht sich im Sinne eines konservativen Spektrums also auf die Begriffe von Stabilität, Ruhe und Ordnung, um das Land aus der wirtschaftlichen Rückständigkeit in eine prosperierende Zukunft zu führen. Hierfür müsse der Verzicht auf einige Freiheiten geübt werden. Diese Narrative wird auch nach Außen kommuniziert. Stabile Verhältnisse im Land und in der Region lassen sich eben nur durch eine autoritäre Struktur garantieren. In Ägypten wurde beispielsweise immer auf die angebliche islamische Radikalisierung durch die Muslimbruderschaft verwiesen. Man müsse autoritäre Stärke zeigen um ein zweites Iran zu verhindern und den Frieden mit Israel nicht zu gefährden. So ist denn auch die westliche Außenpolitik dieser Narrative nicht ganz uneigennützig gefolgt und hat die Stabilität gewissermaßen zum Dogma erhoben und mit Freude auf kleine politische Freiheiten reagiert, die meist im Zuge einer Ausdehnung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit gewährt wurden. Spannend war hierbei die Differenz zwischen legislativer Zuerkennung und juristischer Unterstützung gegebener Freiheiten sowie die konsequente Missachtung dieser Gesetzgebung und Rechtsprechung durch die exekutiven Gewalten. Die ägyptischen Sicherheitsbehörden haben gerichtliche Anordnungen wie vorzeitige Haftentlassungen schlicht nicht vollzogen. Auf wirtschaftlicher Ebene zeigen die Reformansätze der autoritären Regime meist nur dort eine Wirkung, wo systemerhaltende Eliten profitieren können. Sei es das Militär, welches sich in Ägypten zu einer Wirtschaftsmacht entwickelt hat, ganze Stadtteile sein eigen nennt, den Brotmarkt kontrolliert und altgediente Offiziere auf hohen Posten in der staatlich kontrollierten Industrie positioniert. Sei es der Clan um den Präsidentensohn Gamal Mubarak, der durch ein Netzwerk von gegenseitigen Abhängigkeiten Konzessionen und Anteile ausländischer Konzerne kontrolliert und Marktsegmente monopolisiert. Sei es die Verteilung der Parlaments- und Senatssitze, die durch offensichtliche Wahlmanipulation dazu dienen, wirtschaftliche und gesellschaftliche Seilschaften zu zementieren oder - je nach Gunst und Gutdünken der herrschenden Elitekonstruktion - zu eliminieren. Die Wohlstandsverteilung innerhalb der Gesellschaft gerät in eine offensichtliche Schieflage, große Teile der jungen Gesellschaft werden auch im Kontext europäischer Entwicklungsförderung zwar an Universitäten ausgebildet, erhalten aber auf Grund mangelnder Netzwerke keine beruflichen Karriereoptionen, staatliche Wohnungsbau- und Berufsprogramme werden nicht ausreichend finanziert. Teilnahme am globalisierten, luxuriösen Lebensstil der Eliten ist nur schwer möglich. Kleine informelle Netzwerke ersetzen im Rahmen einer parallelen Gesellschaftsstruktur die staatliche Wohlfahrt. Frustration macht sich breit und macht sich in Brotunruhen und vereinzelten Arbeiteraufständen Luft. Diese Demonstrationen werden seitens des Regimes entweder unter Bezug auf feindliche ausländische Einflussnahme brutal niedergeschlagen oder durch die Auswechslung der verantwortlichen Politiker - also einer kleiner Veränderungen der Eliten-Macht-Beziehung - oder mit wirtschaftlichen Reformversprechen (bspw. der Subventionierung des Brotpreises) beantwortet. ...und seine Gegner Nach Asef Bayat stehen autoritäre Systeme einem Gegner gegenüber, der sich vereinfachend unter dem Begriff "politische Straße" zusammenfassen lässt. Im Kontext der Theorie der politischen Straße, welche auch als nicht-physischer Ort beschrieben werden kann, sammeln sich Erfahrungen, Eindrücke und Frustrationen Einzelner. Die sozialen Plattformen des Web 2.0 wie Twitter, Facebook, Youtube, aber auch die Möglichkeiten des so genannten Citizenjournalism wie Blogger.com, Tumblr oder WordPress erlauben es, die oben genannten Frustrationen mit einer Öffentlichkeit zu teilen, die anders strukturiert ist, als bekannt. Die Öffentlichkeit im Web 2.0 ist weniger leicht zu zensieren als es noch die Printmedien oder das staatliche Fernsehen waren. Dies liegt zum einen an der Schnelligkeit, mit der Nachrichten im Internet veröffentlicht werden können. Dies liegt zum anderen an der relativen Geräteunabhängigkeit der Medien des Web 2.0. Eine einfache SMS reicht oft schon aus, um ein Profil oder einen Blog auf den aktuellsten Stand zu bringen. Ein weiterer Vorteil des Web 2.0 liegt neben der Interaktivität in der Ortsunabhängigkeit. Lassen sich öffentliche Plätze, wie Parks, Arbeitsstätten oder Cafés durch das autoritäre Regime noch relativ einfach überwachen, so schafft das Web 2.0 einen Raum, der schwieriger zu kontrollieren ist, weil er dezentral organisiert ist. Zustimmung zu gefühlten oder erfahrenen Ungerechtigkeiten, zu offensichtlichen Vertuschungen (wie im Falle der Ermordung des Bloggers Khaled Said) oder zu Korruptionen wird kollektiv ausgedrückt und kann durch die Aggregationsfunktionen des Web 2.0 (beispielsweise durch Weiterverlinkung, den „Like“ Button oder Retweets) zeitnah und dezentralisiert geteilt werden. Es ist also letztlich eine Frage der Zeit, ab wann eine kritische Masse der Frustrierten erreicht ist, die so groß wird, dass die traditionellen Abwehrmethoden autoritärer Regime nicht mehr richtig greifen. Der Hashtag #jan25 war eines der zahlreichen Aggregationsstichworte, welche sich in einem protodemokratischen Prozess herausgebildet haben und unter denen sich die Frustration wie auch die Demonstrationsmotivation vereinte.

Internettraffic vor und nach der "Abschaltung" des Internets in Ägypten. Originalbild unter: http://www.ianschafer.com/2011/01/28/egypts-internet-traffic-visualized/

  Sobald der Protest jedoch aus dem digitalen Raum heraus physisch wird, sich also in konkreten Demonstrationen materialisiert, tritt das Web 2.0 mit seinen Fähigkeiten in den Hintergrund und dient zur Koordinierung der Protestierenden untereinander sowie zur Verbreitung von Informationen an eine Weltöffentlichkeit. Der Erfolg der Revolution hängt deshalb letztlich nur bedingt von den Medien des Web 2.0 ab. Wichtiger ist dann die Transmitterfunktion des Web 2.0, welches Informationen vom Ort des Geschehens direkt an die traditionellen Medien wie das Satellitenfernsehen oder die freien Printmedien weiterleitet. Al-Jazeera hat beispielhaft die Einbindung und Auswertung der verschiedenen Twitterfeeds und Facebookpostings vorgeführt, in dem eigene Journalisten den Nachrichten nachgegangen sind und diese dann bestätigen oder verwerfen konnten. Die Reaktion des autoritären Regimes auf die Transmitterfunktion des Web 2.0 war es, die meisten ISPs aufzufordern, ihre Datennetzwerke abzuschalten. Auf Grund der Einbindung Ägytens in einen globalen Wirtschaftsraum, welcher von Informationen nunmal abhängig ist sowie auf Grund der Tatsache, dass nun die Geräteunabhängigkeit des Web 2.0 zum Tragen kam, gelang dies nur bedingt und hatte sogar noch einen weiteren, für die Proteste positiven Effekt. Alle diejenigen, die noch vor ihren PCs saßen, gingen auch auf die Straße. Zudem wurde das Ausland nun in Gänze sensibilisiert und richtete so genannte Dial-Up Server usw. ein, um den Informationsfluss weiterhin zumindest in Teilen zu ermöglichen. Darüber hinaus war den Sicherheitsapparaten des autoritären Regimes selbst die interne Kommunikation erschwert worden, als sogar die Mobiltelefonnetze abgeschaltet wurden. Die Öffentlichkeit ließ sich also nicht vom Revolutionsgeschehen fernhalten. Der Sinn und Unsinn der „Facebook-Revolution“ Der Erfolg einer Revolution im autoritären Kontext hängt also auch ab vom Sieg im so genannten „Media-War“. Diesen Kampf haben die Fähigkeiten des Web 2.0 für die Protestierenden und die auf Informationen angewiesenen Journalisten erheblich vereinfacht. Der Erfolg einer Revolution hängt aber viel mehr von den Menschen ab, die ihre physische Unversehrtheit in der direkten Konfrontation mit der realen Macht des autoritären Systems riskieren. Diese Menschen haben die Revolution zu einem Erfolg geführt, weshalb von einer Facebook- oder Twitterrevolution nur äußerst begrenzt gesprochen werden kann. Man würde so dem Web 2.0 ein Rolle zuweisen, die es nicht erfüllen kann und den Menschen, die aktiv ihr Leben für die Revolution eingesetzt haben nicht gerecht werden würde.