Getreu dem Motto „Unter den Blinden ist der Einäugige König“ profitiert momentan die syrische Regierung von der Schwäche der dortigen Opposition und vom Siegeszug des „Islamischen Staates“ (IS). In weiten Teilen des Landes herrscht der IS, in anderen die reguläre Armee, einen kleinen Streifen im Norden kontrollieren kurdische „Volksschutzeinheiten“. Dem Hauptteil der syrischen Opposition bleiben nur noch kleinere Gebiete. Wer aber einen Sieg der Regierung al-´Asad mit Stabilität für das Land gleichsetzt, wird sich getäuscht sehen. Nicht nur, weil der gegenwärtige Aufstand ohne den ökonomischen wie ideologischen Bankrott des derzeitigen Regimes nicht denkbar gewesen wäre, sondern weil die syrische Regierung sich selbst in neue Abhängigkeiten begibt. Und dies keinesfalls nur im Ausland (Iran und/oder Russland), sondern auch im Inland.

Neue und alte Abhängigkeiten

 

Vorherzusagen wie der syrische Bürgerkrieg enden wird, ist ohne Zuhilfenahme eines Kaffeesatzes wohl kaum möglich. Dennoch zeigen sich momentan einige Tendenzen. Wir haben an andere Stelle bereits von einem „bewaffneten Franchising“ gesprochen. Das heißt, hinter oftmals sehr eindrucksvollen Namen wie „Jabhat al-Nusrah“ (Beistandsfront) und „Ahrar Sham“ (Befreier Syriens) verbergen eher Netzwerke als geschlossene Formationen. Dies könnte mit einem Franchise-Unternehmen verglichen werden: Man erhält Ausrüstung, Geld, eine „Corporate Identity“ gegen Anschluss an das Netzwerk, operiert aber zu weiten Teilen auf eigene Rechnung. Wenn es um die Opposition in Syrien geht, ist dieser Zustand durchaus schon als bekannt vorauszusetzen. Nicht zuletzt der Siegeszug des IS beruht auf der Schwäche der aus überwiegend sehr lokalen Milizen zusammengesetzten diversen bewaffneten Gruppen, die von den Gewaltprofis des „Islamischen Staates“ oftmals einfach überrannt, mitunter auch eingegliedert werden. Was jedoch weniger Beachtung findet, ist, dass auch die Regierungsseite von diesem Phänomen betroffen ist. Das wird Auswirkungen haben auf die mögliche Lage nach dem Krieg: Sollte das syrische Regime tatsächlich diesen Krieg gewinnen – und momentan sieht es so schlecht für Bashar al-´Asad nun wieder nicht aus – wird man sich bei jenen erkenntlich zeigen müssen, die hierzu beigetragen haben.

Auch ein Kommentar zur derzeitigen Situation in Syrien: im Bild 1 erbittet ein syrischer Regierungssoldat schnellstmögliche Unterstützung vom Hauptquartier. Dieses will offenbar Munition schicken. Darauf der Soldatt im Bild 2: "Nein, nein wir wollen keine Munition...wir wollen Nüsschen und Matah (ein traditionelles Getränk), wir schauen gerade Freie Syrische Armee gegen Islamsicher Staat"

Auch ein Kommentar zur derzeitigen Situation in Syrien: im Bild 1 erbittet ein syrischer Regierungssoldat schnellstmögliche Unterstützung vom Hauptquartier. Dieses will offenbar Munition schicken. Darauf der Soldatt im Bild 2: „Nein, nein wir wollen keine Munition…wir wollen Nüsschen und Matah (ein traditionelles Getränk), wir schauen gerade Freie Syrische Armee gegen Islamsicher Staat“

 

Dies sind zum einen diejenigen aus dem Damaszener Großbürgertum, die den Krieg finanzieren und sich nach kurzem Devisenexportstopp dessen Aufhebung haben zusichern lassen. Mit verheerenden Folgen für die ohnehin schon zu Friedenszeiten von einem hohen Kapitalabfluss geprägte syrische Volkswirtschaft. Das lässt erahnen, dass auch nach einem möglichen Sieg die al´Asads primär auf Privilegierung einiger weniger setzen werden. Eine wirtschaftliche Entwicklung, unter deren Prämisse die al-Ba`ath einmal angetreten war, ist da kaum zu erwarten. Ebensowenig muss man glauben (oder hoffen), dass Bashar al-´Asad den mit Lizenzen gepäppelten „Cronies“ seines Umfeldes an die Vermögen geht: Wie könnte irgendeine Art von Reformen, egal ob mehr Markt oder mehr Umverteilung, denn an seinem Cousin Rami Makhlouf vorbeigehen, der bis zu 60% der syrischen Volkswirtschaft direkt oder indirekt kontrollieren soll? In einem Land, in welchem etwa in der Baubranche oder der Landwirtschaft schon vor dem Krieg bis zu 70% und mehr „schwarz“ arbeiteten, dass heißt ohne Anspruch auf staatliche Sozialleistungen, wird das Überleben nach dem Krieg aber davon abhängen, ob die neue oder alte Regierung den Arbeitsmarkt beleben kann, der die überproportional junge Bevölkerung des Landes schon bislang kaum fassen konnte.
Es ist ja in diesem Zusammenhang ein besonders pikantes Faktum, dass ausgerechnet Mitglieder einer Partei, die sich einstmals die Feindschaft zum Großgrundbesitz auf die Fahnen schrieb, nunmehr diesen selbst beerben – nachdem sie ihn nach der Machtübernahme enteignet hatten Rami Makhlouf gehört in Syrien zu den größten Agrarunternehmern, ex-Verteidigungsminister Mustafa Tlass hatte seine Familie ebenfalls gut mit Land ausgestattet und der ehemalige Chef des militärischen Nachrichtendienstes, Generalleutnant `Ali Duba, ließ sich in einer Art offiziell sanktionierter Schutzgelderpressung von der alteingesessenen Grundherrenfamilie Kanj aus Latakia die Hälfte des Familieneigentums an Grund und Boden überschreiben – als Schutz der anderen Hälfte vor Enteignung. Der französische Geograph Fabrice Balanche konnte im Rahmen seiner Feldstudien im Küstengebirge vor einigen Jahren beobachten, dass dort mittlerweile massenweise sunnitische Tagelöhner aus den armen Zentralprovinzen des Landes auf den Feldern derjenigen Regimefunktionäre arbeiten, die in Damaskus im Staatsapparat zu Geld kamen. Ironischerweise kam die Rolle des so gut wie rechtlosen Landarbeiters früher zumeist den `Alawiten selbst zu. Solche Praktiken, die das legitimatorische Narrativ der Regierung über Jahre hinweg nachhaltig schädigten, abzuschaffen oder mindestens sozial abzumildern, dürfte schwer fallen. Dafür müsste in jedem Fall jenen genommen werden, auf die das Regime angewiesen ist.
Aber ein möglicherweise siegreicher, oder wenigstens in weiten Teilen des Landes siegreicher Bashar al-`Asad müsste sich ja auch noch bei anderen bedanken: seinen Bewaffneten. Dies meint nicht nur die vielen Privilegien der Militärs und Geheimdienstler, sondern auch ganz neue Formen von Bewaffneten, die aufzeigen, dass das syrische Regime dabei ist sich zu transformieren. Hatte man vor dem Krieg immer versucht, die vielen `Alawiten im Machtapparat zu verbergen, wird dies nachher schwer fallen.

 

Dezentralisierung, Milizionarisierung und Konfessionalisierung

Das der konfessionelle Faktor zunimmt, hängt auch mit dem gegenwärtig noch anhaltenden Zerfall der Zentren im Lande zusammen. Nach ganzen Wellen von Fahnenflucht hat die offizielle Armee diesen Trend zumindest zeitweise aufgehalten, dies hängt auch mit einem Punkt zusammen, der die Armee zwar „milizionarisiert“, ihr dafür aber etwas an Schlagkraft zurückgibt: Denn zeitgleich muss dass Regime immer mehr auf „inoffizielle“ Kämpfer zurückgreifen. Von der libanesischen Hizb-Allah und der irakischen „Mahdi-Armee“ Muqtada al-Sadrs ist mittlerweile verbürgt, dass sie mitkämpfen.
Ihre Präsenz mag zwar in vielen Fällen rein demagogischen Zwecken der Opposition dienen, so wie die ausländischen Kämpfer in deren Reihen Hauptzielscheibe der Regierungspropaganda ist. Dennoch sind sie im Lande und ihre Präsenz zeigt Wirkung. Aber auch innerhalb der syrischen Bevölkerung tut sich etwas: In `alawitischen, kurdischen, drusischen und christlichen Dörfern werden Dorfmilizen aufgestellt. Vor zwei Jahren erzählte mir in Beirut ein katholischer syrischer Christ, die Familien seines Dorfes hätten beschlossen, die Siedlung auf eigene Faust zu verteidigen. Einzig die Waffen kämen von der Regierung. Passend hierzu stellte jüngst auch „L´Orient le-Jour“ fest, dass christliche Dörfer von der Regierung mit Waffen versorgt werden, vorausgesetzt die damit verbundenen Aktivitäten bleiben im Rahmen ihrer unmittelbaren Umgebung. Ob diese Bedingung dann auch von den ursprünglichen Verteilern kontrolliert werden kann, bleibt eine offene Frage. Sie einfach wieder einzusammeln, erscheint kaum vorstellbar. Ihre Ausbildung entspricht Theodor Hanfs altem Diktum zum libanesischen Bürgerkrieg, dass die Milizen immer armeeähnlicher und die Armee immer milizenartiger wurde. Angesichts blutiger Kämpfe sollen sie offenbar die Verluste der regulären Armee in Grenzen halten und „dirty jobs“ übernehmen, die man sunnitischen Rekruten der Armee nicht zumuten will oder mit denen niemand offiziell etwas zu tun haben möchte. Als Resultat aber, das steht für mich außer Zweifel, werden sie Syrien brutalisierter, fragmentierter, dezentralisierter und konfessionalisierter zurücklassen.

Bei weitem nicht nur auf Seiten der Opposition, nein, auch in den Reihen der Regierung treten regionale Akteure auf den Plan. Ausweislich ihrer Selbstdarstellungen sind sie strikt regierungstreu, sie verweisten jedoch auch auf Identitäten, die neben der offiziellen des Regimes eigene Logiken und Narrative haben.

 

Beispiel 1: Die Drusenmilizen

Zu Beginn des Krieges in Syrien schälte sich im Süden des Landes rasch eine pikante Frontstellung heraus: Wiewohl sogar Teile der führenden Drusenfamilie al-`Atrash ins Lager der Opposition wechselten, setzte sich jene verhängnisvolle Dynamik in Gang der zu einer Konfessionalisierung des Konfliktes führte. Damit ist keinesfalls gemeint, dass notwendigerweise um der eigenen Religion willen gekämpft würde. Für viele Beteiligte, Regierungstruppen wie Opposition gleichermaßen, geht es einfach nur darum, an einem Merkmal in ungefähr festzumachen, wer Freund und wer Feind sei. Und die konfessionelle Zugehörigkeit, in der ganzen Region ein nicht unbedeutender Filter politischer Wahrnehmung, diente da allen Beteiligten als Richtschnur. So quartierte sich die Regierungsarmee in den `Alawitenvierteln von Latakia ein um von dort die unter den Sunniten im Stadtzentrum vermuteten regimekritischen Demonstranten unter Feuer zu nehmen und im Süden des Landes brach ein erbitterter Kleinkrieg zwischen dem überwiegend sunnitischen Dara`a sowie dem drusischen Suwayda´ aus. Entführungen und Ermordungen wechselten einander ab, die syrische Regierung importierte sogar eine ihrer „Geheimwaffen“, den libanesischen Drusenpolitiker Wi´am Wahhab, der in seiner Heimat v.a. mit einer ganzen Serie kraftstrotzender Auftritte als rhetorische Panzerhaubitze in Erscheinung getreten ist und sich in seiner uneingeschränkten Parteinahme für die Regierung in Damaskus von niemandem allzu rasch übertreffen lässt. Unserer Nationalmannschaft ließ er – immerhin – mit seinem schönsten Casinolächeln seine Unterstützung angedeihen – man müsse ja den Deutschen zugute halten, dass sie die Juden hassten und sie verbrannt hätten . Allerdings muss man Wahhabs Bedeutung stark in Zweifel ziehen, wie sich leicht am nicht einmal mehr mäßigen Abschneiden seiner Partei im drusische geprägten Shuf-Distrikt bei der libanesischen Parlamentswahl 2009 ablesen lässt: Betrachtet man lediglich die drusischen Stimmen für die beiden Bewerber um den zweiten Drusensitz im Shuf, so siegte dort der Bewerber der dominanten Drusen-Partei PSP klar mit 83,83% gegen Wahhabs Kandidaten Bahaa `Abd al-Khaliq mit 6,22%.  Als Einpeitscher jedoch eignet sich Wahhab allemal. Es lag aber wohl weniger an ihm als am „bewaffneten Franchising“, dass der Konflikt weiter eskalierte. Denn trotz zahlreicher Vermittlungsversuche, die eine lokale Verständigung erzielen sollten, hielten die Anschläge an, insbesondere seit sich im äußersten Süden Syriens der al-qa`idah-Verband „an-Nusrah-Front“ angesiedelt hat, für den Drusen vom Glauben abgefallene Häretiker sind.

Und so verkündet mittlerweile über das Internet eine „Armee der die Einheit Bekennenden“ (jaysh al-muwahidin, eine Eigenbezeichnung der Drusen) dass man sich in den Drusenbergen (der Sprecher benutzt die offizielle Sprachregelung „Jabal al-`Arab“, also „Araberberg“) im „Jihad“ verteidigen werde. Die Kämpfer sind maskiert, das Video wird mit den drusischen Farben eingeleitet, das Symbol der Konfessionsgruppe wird dauernd eingeblendet. Ein anderes Video mit einem Kampflied bettet die Kämpfer dieser Gruppierung ostentativ in konfessionell drusische Zusammenhänge ein: Sie knüpfen an eine alten drusische Historie an, in Einblendungen werden drusische religiöse Autoritäten gezeigt, man verwendet den vielfarbigen Drusenstern sowie die ähnlich gestaltete Fahne der Gemeinschaft. Das Schicksal dieser Gemeinschaft aber betten die Organisatoren der Miliz in den Kampf des syrischen Regimes ein, wie die folgenden Bilder beweisen:

 

"Die Märytrer von Suweida" - drusisches Plakat, links die syrische, rechts die drusische Fahne

„Die Märytrer von Suweida“ – drusisches Plakat, links die syrische, rechts die drusische Fahne

 

 

Ein weiteres Poster aus Suweida

Ein weiteres Poster aus Suweida

 

 

Das "Heer der die Einheit Bekennenden" - eine drusische Selbstbezeichnung

Das „Heer der die Einheit Bekennenden“ – eine drusische Selbstbezeichnung

 

Reguläre Uniform und Bewaffnung, aber die Fahne ist die der Drusen

Reguläre Uniform und Bewaffnung, aber die Fahne ist die der Drusen

 

Die "Männer Abu Ibrahims" (eine Selbstbezeichnung der Drusen) mit der Botschaft man werde nicht niederknien, auf dem Stirnband wird Salman der Perser beschworen, der in der drusischen Religion eine wichtige Rolle einnimmt

Die „Männer Abu Ibrahims“ (eine Selbstbezeichnung der Drusen) mit der Botschaft man werde nicht niederknien, auf dem Stirnband wird Salman der Perser beschworen, der in der drusischen Religion eine wichtige Rolle einnimmt

 

 

Im folgenden Video kann man recht anschaulich sehen, wie lokale (Suweida), konfessionelle (drusische), nationale-syrische und politiusche (pro-Regierung) Symboliken fast unauflöslich miteinander verbunden werden: Die Tanzenden stellen den Drusenstern genauso zur Schau wie die syrische Fahne, sie beschwören . Das gleiche Muster fidnet sich in den hier verlinkten Videos im Angedenken an die regierungsamtlichen „Märtyrer“ aus der Gegend um den Hermon, die beim Kampf um die Siedlung `Arnah fielen. An diesen Kämpfen nahmen übrigens auch Libanesen aus Wi´am Wahhabs Kleinpartei teil. Dabei fällt auf, dass Drusentum und syrische Identität gleichzeitig betont werden, mit Separatismus hat das ganze also nichts zu tun. Die meisten Toten sind Drusen, nur in einem Video taucht die Todesanzeige eines Christen auf. Im Vordergrund steht aber eine stark ausgeprägte lokale Identität, die „Märtyrer“ eint, dass sie aus der selben Gemeinschaft, aus derselben Gegend kommen, ihre Aufmachung lässt erahnen, dass einige im offiziellen syrische Heer, andere in diversen Milizenverbänden fielen. Mindestens ein Poster ( ca. Minute 2,20) fügt den drusischen Stern neben der syrischen Fahne als begleitende Symbolik hinzu. Die vier libanesischen Drusen werden nicht ausdrücklich als solche ausgewiesen, sind aber dargestellt. Bemerkenswert ist, dass nur eine Minderzahl der Gefallenen überhaupt – dem Anschein nach – offiziell in der syrischen Armee dienten. Der überwiegende Teil wurde offensichtlich in Milizverbänden aus der lokal und konfessionell näher definierten Gemeinschaft gewonnen.

 

Beispiel 2: Die SSNP

Da wäre aber auch als zweites Beispiel ein alter Bekannter, die Syrisch-Nationalsoziale Partei (SSNP, al-hizb al-qaumiyy al-ijtima`iyy). 1932 durch den Deutschlehrer Antun Sa`adah gegründet, weist sie eine ästhetisch sehr starke Nähe zum Nationalsozialismus auf, geistig fällt die Nähe nicht ganz so eng aus, letztlich stellt sie ein typisches Produkt der „Shirt-Parties“ der 1930er Jahre dar, eine säkular-großsyrisch-nationalistische Partei. Organisatorisch eine recht detailgetreue Kopie der NSDAP, bewunderte die SSNP zu gegebener Zeit durchaus den deutschen Nationalsozialismus, konzipiert die syrische Nation aber eher über die französische Nationalgeographie, biologischer Rassismus kommt kaum vor. Sa`adah betrachtete, Syrien als eine eigene Kulturnation, die nicht zwangsweise gegen eine übergeordnete arabische Nation stehen musste, aber tendenziell gegen sie abgegrenzt wurde und daher auch nicht unter Preisgabe aller regionaler Besonderheiten hätte in einem arabischen Einheitsstaat verschwinden können: Sein kulturell-geographisch begriffenes Syrien sei, so Sa`adah, eine Konstituante der arabische Nation, die ihrerseits aber eine Mischnation darstelle, so wie Deutschland oder Frankreich eigene Nationen, aber eben auch jeweils Teile der europäischen Nation seien. Eine Sichtweise, die nicht christlich war (Sa`adah war ein keinesfalls religiöser orthodoxer Christ), aber vielen Christen gelegen kam, da man zwar nicht zu einer christlichen Separatidentität greifen musste, jedoch auch nicht mit dem gesamten arabisch-islamischen Raum, v.a. der arabischen Halbinsel, ganz verschmelzen musste.
Ideologisch machte sie in der Zwischenzeit vom vehementen Antikommunismus einen Schwenk hin zum Marxismus, den sie mittlerweile anscheinend wieder kleiner schreibt. Die Partei, die als gut vernetzt mit dem syrischen Nachrichtenapparat gilt, wurde 2005 in Syrien wieder legalisiert und in die Einheitsfront der „Blockflöten“ eingereiht. 2013/14 bildete sie kurzzeitig einen eigenen, aber regierungstreuen Kleinblock im Parlament in Damaskus gemeinsam mit dem ehemals kommunistischen Stellvertretenden Ministerpräsidenten für Wirtschaftsangelegenheiten, Qadri Jamil, der 2013 zurücktreten musste, nachdem er sich für Gespräche mit der syrischen Opposition ausgesprochen hatte. Interessanterweise sind drei der vier Abgeordneten der SSNP im syrischen Parlament Christen, einzig ihr syrischen Generalsekretär `Isam al-Mahayri fällt als sunnitischer Muslim aus dem Rahmen. Ihr zentraler Führer für alle „Regionen Syriens“ (das Syrien-Konzept der SSNP überschreitet den Staat Syrien bei weitem), `Ali Haydar, ist ein syrischer `Alawit und Klassenkamerad Bashar al-´Asads – offenbar seine bedeutsamste Qualifikation. Die Partei, die an der Basis durchaus Risse zeigt, weist eine auf den ersten Blick fast sektenartig in sich geschlossene Führung auf. In Wirklichkeit soll es innerhalb der Partei einen harten Zwist zwischen ihrem syrischen Chef `Isam al-Mahayri, ihrem libanesischen Generalsekretär ´Assa`ad Hardan und seinem Vorgänger `Ali Qanso geben. Hardan, der dem bewaffneten Arm der Partei zugeordnet werden konnte, drängte mit Hilfe des syrischen Kommandeurs im Libanon, General Ghazi Kana`an, den Einfluss der Zivilisten um al-Mahayri auch unter Einsatz physischer Gewalt zurück. War sie in den 1930er-50er Jahren eine sehr akademische Organisation, beschränkt sich die SSNP heute vermehrt auf bestimmte Gebiete. Mitgliedschaft wird in der immer noch wie eine militärische Vereinigung geführten, straff hierarchischen Partei in der Familie vererbt, ein im Nahen Osten durchaus geläufiges Schema. Regional fällt mittlerweile eine gewisse Häufung im libanesischen Distrikt al-Kurah sowie Dörfern im Süden des Libanon auf und im Wadi an-Nasara in Zentralsyrien, der Gegend um die Kreuzfahrerburg Krak de Chevaliers. In ihren libanesischen Hochburgen kann man bis heute ihre Bewaffneten offen in zivil oder schwarzer Uniform sehen.
In Syrien scheint die Partei – anders als im Libanon – zunehmend ein eher unfreiwillig christliches Profil zu besitzen, das freilich – wie oben erwähnt – keine explizit christlich-programmatische Grundlage aufweist. Als nach der Eroberung der Altstadt von Homs offenkundig `alawitische Kämpfer der al-Quwwat li-difa`a al-wataniyy (Patriotische Verteidigungskräfte = das offizielle Sammelbecken der Regierungsmilizen) auch christliche Häuser plünderten, kam es zu Gefechten zwischen Milizionären der „Patriotischen Verteidigungskräfte“ und den Bewaffneten der SSNP, in deren Verlauf ein Mann getötet wurde. Auch während der Kämpfe um den mittlerweile von sunnitischen Islamisten gehaltenen Krak des Chaveliers war es die SSNP, die Einheiten der christlichen Milizionäre der Gegend organisierte.
Dies spricht durchaus für sich. Zum einen offenbart es Identitäten, die aus sich selbst heraus, neben und mit der offiziellen Ba`ath/al-´Asad-Identität leben, sei es eine drusische, eine christliche, eine regionale oder eine hochideologische, wie die der SSNP. Deren Mitglieder sind nicht nur aus ideologischen Gründen auf Seiten der syrischen Regierung, da sie einen säkularen syrischen Nationalismus einfordern (ab und an fällt dieser so militant aus, dass er die Grenzen zur „politischen Religion“ überschreitet, wie Franck Mermier festellte: Antun Sa`adah sah seine Philosophie als Religion die von der Erde zum Himmel aufsteigt), sondern auch aus pragmatischen: Viele ihrer einfachen, v.a. die schiitischen, Mitglieder im Libanon sind abhängig vom Job als Kämpfer der Partei, schließlich aber auch aus sehr handfesten: Durch ihre Nähe zur Regierung in Damaskus gerieten die „Syrisch National-Sozialen“ ihrerseits sofort in den Verdacht, gegen den Aufstand zu sein: Die Suche nach einem Indikator wer den Feind und wer Freund sei, schuf eine Dynamik, der viele von ihnen sofort zum Opfer fielen und im Regierungslager landeten, bzw. in den offiziellen Rekrutierungsbüros ihrer Partei. Aber nicht nur externer Druck half beim Disziplinieren der eigenen Anhängerschaft: Als 2011 Syrer und Libanesen vor der syrischen Botschaft in Beirut gegen die Herrschaft al-´Asads protestierten, fielen jugendliche Schlägertrupps der SSNP über sie her. Aber auch eigene Mitglieder der Partei aus Syrien hatten dort und im eigenen Lande sich an den Demonstrationen beteiligt: Sie wurden umgehend aus der Partei ausgeschlossen.

 

3. Beispiel: „Sutoro“ und „Volksschutz“

Seit 2005 soll es in Syrien auch eine Partei der aramäischen Minderheit geben, wobei diese faktisch eher im Exil präsent war. Diese Organisation gehört eigentlich der Opposition an, ihr Vizepräsident soll unter nebulösen Umständen in Regierungshaft gestorben sein ), ihre Miliz die „Sutoro“ (vgl. die umfangreiche Reportage auf L´Orient le-Jour) jedoch kooperiert mit der sogenannten „Volksschutzeinheiten“ (YPG), der Miliz der „Kurdisch Demokratischen Union“, faktisch der syrischen Variante der PKK, die wiederum zwar die Regierungseinheiten im Herbst 2012 mehr oder minder sanft aus den Kurdengebieten hinauskomplimentierten, niemals jedoch die Verbindungen ganz abreißen ließen. Ob nun das nunmehr faktisch autonome Kurdengebiet jeweils wieder zurück unter die Obhut Damaskus´ kehrt, ist sehr fraglich. Offizielle syrische Präsenz im Norden reduziert sich immer mehr auf einzelne Außenposten und Geheimdienstaktivitäten. Mindestens eine Teileinheit der „Sutoro“ soll zudem vom syrischen Sicherheitsapparat infiltriert sein. Weitere aramäische und armenische Verbände sind Bestandteil der YPG. Auch hier wird Sicherheit lokal organisiert. Im Vordergrund steht hier ganz offensichtlich nicht die Nähe zur syrische Regierung, sondern bereits ganz ungeschminkt die eigene, autonom agierende Gruppe.

 

"Märtyrer" der kurdischen YPG - ein Bezug zu Syrien fehlt hier ganz

„Märtyrer“ der kurdischen YPG – ein Bezug zu Syrien fehlt hier ganz

 

Christliche Milizionäre im Norden Syriens

Christliche Milizionäre im Norden Syriens

 

 

Kämpfer der Sutoro

Kämpfer der Sutoro

 

Die Bilder oben illustrieren dies treffend: die abgebildeten Kämpfer werden gezielt in ein lokales, autonomes Narrativ eingebettet, welches sich in eigenen Symbolen äußert. Dies sogar soweit, dass gar kein expliziter Bezug mehr zu einer „gesamtsyrischen“ Agenda erkennbar ist. Die Angehörigen der aramäischen Minderheit wie ihrer Miliz sind offensichtlich tief gespalten, wie sie sich überhaupt zur syrischen Regierung stellen sollen). Dass dies so ist, liegt auch daran, dass die aramäischen Christen im Norden Syriens von der al-Ba`ath nicht immer als Araber gesehen wurden, wiewohl die meisten Arabisch mittlerweile als Umgangssprache verwenden. Damit ist, analog zu YPG, das Interesse am syrisch-arabischen Gesamtstaat eher gering. Interessant ist aber auch, dass jene „Sutoro“-Einheiten in Wusta, die sich mehr oder weniger auf die Seite der syrischen Regierung geschlagen haben, aufgrund der schwachen Präsenz der regulären Regierung, dort primär mit arabischen Stammeskriegern kooperieren, die wiederum offiziell Teil der „Nationalen Verteidigungskräfte“ sind. Gerade der Blick auf den Norden Syriens dürfte am deutlichste machen, was unter solchen Umständen ein „Sieg“ der Regierung al-´Asad überhaupt noch meinen könnte.

 

4. Beispiel: Schiiten- und `Alawitenmilizen

Es gibt im Lande Gruppen, die offen die Symbolik der „Hizb-Allah“ übernehmen. Das ist insofern kein Wunder, als dass diese Organisation v.a. aufgrund ihres durchaus erfolgreichen Krieges gegen Israel 2006 im Nahen Osten mindestens zeitweise eine gewisse Popularität genoß. Da sie in ihrer Symbolik, ihrem Narrativ und schon allein in ihrem Namen deutlich an das iranische Vorbild Khomeinis anknüpft, können wir in der Tat von einem globalen Phänomen sprechen, dass auch in Syrien abrufbar ist. So existiert im Lande eine irakische Gruppierung radikaler Schiiten, die sich „kata`ib Hizb-Allah“ (Einheiten der Partei Gottes) nennt. Aber auch aus Syrern werden anscheinend Gruppen rekrutiert, die auf die Symbolik der Hizb-Allah verweisen, wobei ihre Stärke unbekannt ist.

 

Einen "ideologisch [fundierten] Patriotismus" verspricht dieses Plakat einer Organisation die sich offensichtlich auf die libanesische Hizb-Allah ebenso bewruft wie auf ihr iranisches Vorbild und dieses mit der syrischen Flagge sowie Figuren aus der Geschichte aller drei Länder verbindet: neben zeitgenössischen Figuren findet sich hier auch Salih al-Ali, der 1919 einen Aufstand gegen die Franzosen anführte. Ob er tatsächlich für einen arabisch-syrischen Einheitsstaat oder nicht einfach nur für alawitische Autonomie kämpfte, ist umstritten.

Einen „ideologisch [fundierten] Patriotismus“ verspricht dieses Plakat einer Organisation die sich offensichtlich auf die libanesische Hizb-Allah ebenso bewruft wie auf ihr iranisches Vorbild und dieses mit der syrischen Flagge sowie Figuren aus der Geschichte aller drei Länder verbindet: neben zeitgenössischen Figuren findet sich hier auch Salih al-Ali, der 1919 einen Aufstand gegen die Franzosen anführte. Ob er tatsächlich für einen arabisch-syrischen Einheitsstaat oder nicht einfach nur für alawitische Autonomie kämpfte, ist umstritten.

Unklar bleibt auch, ob diese pro-Regierungs-Milizen sich unter der kleinen Gruppe syrischer Zwölferschiiten rekrutiert, oder einen Niederschlag jener fortdauernden Bestrebungen darstellt, die heterodoxen `Alawiten Syriens sozusagen näher auf „Mainstream-Schia“-Linie zu bringen, wie dies immer wieder über die letzten Jahre vor dem Krieg aus Syrien berichtet wurde.

 

Ein Märtyrerplakat der Hizb-Allah

Ein Märtyrerplakat der Hizb-Allah

Des weiteren existieren, neben der „Mahdi-Armee“ aus dem Irak und ihren Abspaltungen, etwa die „al-Abbas-Brigade“, in denen Schiiten verschiedener Nationalität nebeneinander dienen, zwar überwiegend Ausländer, aber eben auch Angehörige der kleinen Minderheiten der Zwölferschiiten in Syrien. Und genau die letztere ist ja der Punkt unseres Interesses: auch sie muss und kann offenbar außerhalb der „al-Ba`ath“ angesprochen werden. Offiziell kämpfen sie, wie alle diese freiwilligen Schiiten, primär zum Schutze der heiligen Schreine in Damaskus (Schrein der Sayyidah Zainab in einem Vorort, die Sayyidah Ruqiyyah-Moschee in der Innenstadt).

 

"Wir opfern uns für dich, oh Zainab" - ein Plakat schiitischer Freiwilliger aus dem Irak

„Wir opfern uns für dich, oh Zainab“ – ein Plakat schiitischer Freiwilliger aus dem Irak

 

Neben solchen Gruppen existieren auch noch radikale Marxisten-Leninisten, deren Führer ein türkischstämmiger `Alawit mit einschlägigen Kampferfahrungen in kommunistischen Gruppen innerhalb der Türkei ist, offenbar eine relativ unbedeutende Gruppe ohne offene Bezüge auf eine konfessionelle Identität, aber im Kontext des syrischen Bürgerkrieges, so wie andere auch, zwangsläufig durch die Konfession (hier: `Alawiten) geprägt, da diese hier als Filter sozialer Wahrnehmung fungiert. Ebenso fanden sich Restbestände militanten (säkularen) arabischen Nationalismus, die in Syrien zu kämpfen bereit waren.

 

Teil eines Erosionsprozesses?

Noch sind diese Gruppen offenkundig von der Regierung abhängig, mit Ausnahme der „Sutoro“, die am weiteten aus deren Reichweite geraten sind.

Die Märtyrerposter der weiter oben genannten bewaffneten Verbände weisen ihre Kämpfer als Teil der im weitesten Sinne des Wortes verstandenen Regierungskräfte aus, fügen allerdings oftmals bereits ihre eigenen Symbole hinzu. Sie sind auch offenkundig noch abhängig vom Regime: Drusische Shaiks, die die lokalen Drusenmilizen betreuen, machen dem Ba`ath-Chef von Suwayda´ ihre Aufwartung, die SSNP ist auch deshalb so fest in Haydars und Hardans Hand, weil beide eine besonders enge Nähe zum syrischen Geheimdienstapparat auszeichnet. Gleichzeitig tut sich hier jedoch auch eine Schwäche auf: Offenkundig können Drusenclans im „Jabal al-`Arab“ etwas mobilisieren, was die Regierung in Damaskus ohne Hilfe nicht in gleicher Weise könnte. Offenkundig muss man um diesen Mobilisierungseffekt zu erreichen auch das Gewaltmonopol der al-Ba`ath-Partei aufweichen: Früher durfte nur sie in den bewaffneten Organen rekrutieren, nur ihre eigenen Politoffiziere agitierten in Syriens Kasernen. Nun aber muss lokal das Gewaltmonopol des Staates bereits in den eigenen Reihen aufgegeben werden. Einen Vorgeschmack darauf konnte man bereits unmittelbar nach der Eroberung des Stadtzentrums von Homs gewinnen: Beobachter führten die Schießereien zwischen der offiziellen Regierungsmiliz, bzw. dessen was sich an diese Bezeichnung gerade angedockt hat, und der SSNP auf den Versuch der „Syrisch National-Sozialen“ zurück, in Homs Einflussgebiete abzusichern.