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Vom Rauschen im Leserbriefwald, der syrischen Opposition und dem „Heißsporn“ al-`Ar`ur - Fokus-Nahost

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Vom Rauschen im Leserbriefwald, der syrischen Opposition und dem „Heißsporn“ al-`Ar`ur

  • um mir Menschen die nach Brot anstehen anzuschauen ...muss ich nicht nach Syrien reisen, da reicht schon jede etwas größere Deutsche Stadt!  [...]
  • Nun hat man mal wieder die Katze aus dem Sack gelassen, es geht also gar nicht um die Menschen in Syrien, sondern um den Sturz Assads im Interesse des "Westens" durch die ach so "friedlichen Rebellen".
  • Das in Syrien gewählt wurde interessiert natürlich nicht! 7000 Kandidaten haben sich für die Ca 200 sitze im Parlament beworben. Die Opposition boykottiert die Wahlen. Die sind ja auch zu sehr.mit bomben bauen beschäftigt
  • Wenn sich jemand Geld sparen will, indem er für Brot ansteht, um sich dafür danach mit dem Geld etwas anderes zu kaufen, dann ist das nicht notwendigerweise ein Zeichen von Armut. Und Geld um sich Brot im Supermarkt zu kaufen hat [...]
  • Dem dusseligen "Westen" ist anscheinend überhaupt nicht klar, was er sich da wünscht...
  • Wäre mal an der Zeit zu erwähnen um was sich wirklich handelt, nämlich um die riesigen Gasreserven, laut Voltairenet.org, die grössten bisher bekannten Reserven, die sich auf syrischem Gebiet befinden. Daher das plötzliche Interesse [...]
  • Wagt es etwa Syrien sein Öl in anderen Währungen als den Dollar zu verkaufen ? Libyen und der Irak wollten das auch. Und der böse Iran tut das auch.
Dies ist nur eine kleine Auswahl der Leserreaktionen auf EINEN EINZIGEN Spiegel-Artikel. 
Selten hatten die Berufszyniker, Stammtischgeneräle und sogenannten "kritischen Geister" solche Konjunktur wie momentan angesichts des Aufstandes in Syrien. Immer wieder geht es dabei um die Frage einer angeblichen islamistischen und konfessionalistischen Revolte in diesem Staat. Wir wollen in diesem Artikel diese Frage einmal ganz ohne das übliche verschwörungstheoretische Brimborium diskutieren.

 

„Konfessionalismus“ und „relationale Identität“ in Syrien

Die immer konfessionalistischer werdenden Slogans in Syrien, die teilweise hasserfüllten Kommentare unter diversen Youtube-Videos (wir haben in anderen Artikeln schon darauf hingewiesen); sie alle sprechen eine ebenso deutliche Sprache wie die Kämpfe zwischen Sunniten und `Alawiten in Homs und Hamah. `Alawitische Zuzügler vom Lande landen in den großen (sunnitisch geprägten) Städten des Landes zumeist in halbwegs geschlossenen Quartieren, in Homs al-Zahra´ und `Akramah al-Jadidah (Karte hier: Baba Amr befindet sich links unten, es folgt die Uni, dann kommt, wenn man nach rechts navigiert  "New Akramah", Zahra befindet sich weiter oben rechts, östlich der Innenstadt).

Dies ist kein konfessioneller Sonderfall, denn dasselbe gilt auch für Christen, die vom Lande zuziehen. Viele Syrer berichten jedoch auch von einer weitgehenden sozialen Isolation der `Alawiten im täglichen Leben, sowohl selbstgesucht als auch von den anderen erzwungen. Wenn es um konfessionalistische Konflikte ging, konnten Syrer früher fast schon hymnisch werden: natürlich existierten sie nicht, man verstehe sich ganz wunderbar, habe viele, viele christliche (oder falls es sich um einen Christen handelte: muslimische) Freunde. Die säkulare Opposition betont das Mantra des friedlich-toleranten Zusammenlebens ebenfalls nahezu pausenlos. So beispielsweise Burhan Ghaliun, Präsident des oppositionellen Nationalrates, der Syrien als „ein einiges Vaterland für ein einiges syrisches Volk (...) ohne dass in ihm Mehrheit und Minderheit erwähnt würden“ bezeichnet (1:25-1:52). Ebenso verhält es sich etwa mit der Menschenrechtsaktivistin Muntaha al-´Atrash, die in einer sehr emotionale Videosequenz (ab ca. 5:30), betont, alle könnten zusammenleben in einem Syrien, das ein „Land der Freien und nicht der ´Asads“ sei, Syrien dürfe nicht eine Partei oder Konfession sein, sondern das Land  aller seiner Söhne und Konfessionen. Schließlich, so die allgemeine Formel (fast) aller Syrer, seien ja doch alle Syrer - Araber zudem. Dieses gilt mit Einschränkung.

Burhan Ghaliun bei einer TV-Ansprache; Quelle: al-arabiyyah News

Sicher, im Gegensatz zum Libanon existiert in Syrien ein deutlich geringeres konfessionalistisches Problem, Muslime und Christen betreffend. Während das private Leben teilweise getrennt stattfindet, kann dies im öffentlichen Raum kaum beobachtet werden. Freitags etwa pilgert der muslimische Teil von Damaskus ins Christenviertel, wo Geschäfte und Restaurants unverändert geöffnet haben, am Sonntag bricht die Karawane dann in umgekehrte Richtung auf. Dennoch ist das Bewusstsein für Unterschiede zumindest unterschwellig vorhanden. Eine kleine Geschichte soll das illustrieren:

Im habe einmal erlebt, wie ein Syrer vom Zahnarzt kam. Einer seiner Verwandten (ich glaube es war ein Neffe) fragte ihn ganz mitleidig wie es denn gewesen sei – ganz schrecklich jedenfalls. Daraufhin der Verwandte: „Was war es denn für einer?“ Die Antwort des Leidenden: „Schia“. Die Frage zielte also weder auf die handwerklichen Qualitäten des Arztes, noch auf sein mögliches Spezialgebiet, sondern auf seine religiöse Zugehörigkeit.

Auch der bewusste Konsum christlicher Fernsehkanäle aus den USA oder dem Libanon (oft mit besonders christlichen Inhalten), weist auf eine Persistenz religiöser Identitäten hin. Bei einer Bevölkerungsgruppe hört jedoch oftmals das Beschwören der großen syrischen Einheit, der nicht vorhandenen Probleme, auf. Wenn es um `Alawiten geht, werden viele Syrer oft überraschend abschätzig, assoziieren sie in toto mit dem Regime, beklagen sich, dass sie sich selbst – etwa auf dem Universitätscampus – isolieren würden, wahrscheinlich aber doch mindestens ebenso sehr isoliert werden. Wie die wenigen `Alawiten die sich uns mitteilen, beklagen, wurden gerade ihre Bemühungen gleichfalls gegen al-´Asad zu opponieren, zumeist kaum zur Kenntnis genommen (vgl. exemplarisch einen englischen Blogeintrag einer syrischen `Alawiten, die genau diesem Umstand unter dem Pseudonym „Zenobia“ bitterlich beklagt). Eine vorschnelle Identifizierung der Familienherrschaft der al-´Asads mit der `alawitischen Bevölkerungsgruppe hat dies zusammen mit dem brutalen Militäreinsatz in ein gefährliche Entwicklung verwandelt. Der wesentliche Unterschied zwischen Syrien und Libanon ist jedoch zweifellos, dass der letzgenannte institutionell konfessionalisiert ist, wobei spätestens durch den Krieg das Alltagsleben sehr viel weiter getrennt verläuft, als dies in Syrien der Fall ist. In Beirut kann es schon einmal vorkommen, dass christliche Libanesen aus dem Osten der Stadt im muslimischen Westen kaum mehr den Weg kennen, weil das nicht „ihr Revier“ ist. Einer der wenigen Verdienste der al-Ba`ath war es daher stets, eine Aufteilung etwa des Bildungssektors verhindert zu haben. Nun ist die syrische Gesellschaft eine tendenziell sehr konservative. Das heißt, dass die meisten Syrer natürlich nicht willens oder spontan bereit sind, einem `Alawiten den Schädel einzuschlagen. Aber ein gewisses Repertoire an Vorurteilen und überlieferten Zerrbildern über andere ist vorhanden und kann jederzeit radikalisiert werden. Diese Persistenz von familiären oder religiösen Identitäten ist jedoch nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie ist (natürlich) ein Produkt der bestehenden Verhältnisse. Die libanesische Anthropologin Su`ad Joseph schreibt:

„The strenght of kin (...) is linked to the widespread lack of faith and trust in the state to deliver protection and critical services.“ (Su`ad Joseph: Political Familism in Lebanon, S. 159.)

Identität ist in der arabischen Welt zumeist eine „relationale Identität“, Recht, ein „relationelles Recht“ (S. Joseph), welches durch die Zugehörigkeit zu einer genealogisch oder generell primordial definierten sozialen Einheit erlangt wird. Die andauernde Identifizierung mit einer kollektiven Einheit ist stets auch dem Unvermögen geschuldet, als Individuum selbständig und autonom Zugang zu den Ressourcen des politisch-sozialen Zentrums zu erhalten. Bei Wahlen zu Berufsvertretungen in Syrien – etwa derjenigen der Ingenieure – wurden anscheinend jedoch ausschließlich Sunniten gewählt. Schiiten oder Christen, wiewohl ebenfalls in diesem Beruf vertreten, erhielten offenbar kaum Stimmen von sunnitischer Seite. Da diese Wahlen zu Berufsvertretungen bislang die einzigen einigermaßen freien Wahlen darstellten, lässt dies befürchten, dass das konfessionalistische Denken tief verwurzelt ist.

Gefahren einer Radikalisierung

Die tagtägliche Gewalt in Syrien radikalisiert die Identität der Anhänger beider Parteien, der Regierung wie der Opposition. Nicht nur die Schläger und Heckenschützen des Regimes terrorisieren die Bevölkerung, auch Anhänger der Opposition sind längst zu solchen Methoden übergegangen. Je stärker die Auseinandersetzung sich zu einem Bürgerkrieg entwickelt, desto weniger zählen die Intellektuellen oder die Besonnenen. Es sind nicht nur Soldaten übergelaufen, die sich – was überaus ehrenhaft ist – weigern, auf das eigene Volk zu schießen, sondern auch solche die generell keinerlei Sympathien für `Alawiten hegen. Und wie bei anderen Bürgerkriegen zuvor, etwa im Libanon oder im Irak, gelangen die Waffen zunehmend auch in die Hände der „Shabab“, unterbeschäftigter, gelangweilter und desillusionierter junger Männer, oder der „Qabadhyat“ aus dem kriminellen bis halbkriminellen Milieu, sowie in den Besitz von religiösen Extremisten oder all jener, die das Massaker des Regimes von 1982 in Hamah nicht vergessen können. Sie sind der wirklich gefährliche Faktor und nicht gleichzusetzen mit den Milizionären, die das eigene Viertel als „Jungs aus der Nachbarschaft“ verteidigen (ein guter Bericht über die Milizen findet sich auf al-jazeerah ). Vielmehr wird sich auch in Syrien schon sehr bald ein Prozess einstellen, den wir auch im libanesischen Bürgerkrieg beobachten konnten: Ein Teil dieser Milizen wird sich potentiell in der Gewalt einrichtenden, insbesondere auch jene „ganz normalen Männer des Viertels“, die radikalisiert und verhärtet werden, aber auch die, die noch in jedem Krieg vorne mit dabei waren, die „harten Jungs“. Die Kriege im Irak und im Libanon haben gezeigt, dass mit fortschreitender Dauer der Auseinandersetzung diese „Jungs aus der Nachbarschaft“ einen Erosionsprozess mitmachen: Ein Teil geht nach Hause, ein anderer Teil professionalisiert sich und wird eins mit jenen „schweren Jungs“, die zu sehr vielem bereit sind.  Um sich ein Bild von diesem Prozess zu machen, empfiehlt es sich, einmal die Bücher von Youssef Bazzi, Rawi Hage oder – von minderer literarischer Qualität – die Lebensbeschreibung Robert „Cobra“ Hatems zu lesen.

Robert "Cobra" Hatem (links) gilt vielen Libanesen als Prototyp des Berufsmilizionärs - rechts daneben Elie Hubayqa, der das Massaker in Shatila befehligte

Dabei existieren natürlich auch Männer  die sich mit Verbalradikalismus rasch eine gewisse Anhängerschaft verschaffen. Ein besonders interessantes Exemplar der Gattung „religiöser Extremist“ stellt sicher der aus Hamah stammende, in Homs studierte salafistische Shaikh `Adnan al-`Ar`ur dar, der von Saudi-Arabien aus auf einem militant-sunnitischen Kanal gegen alles Schiitische hetzt. Sein mittlerweile berühmtester Auftritt (Vorsicht: der Kanal gehört zum syr. Regime, ein bedeutender Teil der Originalvideos ist mittlerweile sukzessive aus dem Netz "verschwunden") ist dabei der, bei dem er all jenen, die das Regime noch unterstützen und ganz besonders den `Alawiten unter ihnen, androht, ihr Fleisch an die Hunde zu verfüttern. Nun könnte man natürlich einwenden, dass er keineswegs alle `Alawiten dergestalt behandeln wollte, auch ein überschäumendes Temperament ließe sich dem sunnitischen Kleriker vielleicht bescheinigen. Tatsächlich aber weisen die sonstigen Aktivitäten al-`Ar`urs in eine ganz bestimmte Richtung. Der Shaikh ist nämlich Mitglied salafistischer Netzwerke in Saudi-Arabien, die sich primär mit dem Verbreiten schiitenfeindlicher Pamphlete und in theatralischen Scheindiskussionen mit Schiiten über die Richtigkeit dieser Konfession befassen. Dies wiederum wird gerne vom Regime in Damaskus genutzt, um die gesamte syrische Opposition zu verleumden.

Und damit niemand glaubt, solche Sektierer gäbe es nicht auch in Deutschland noch ein paar Schmankerl aus unserer beliebten Abteilung: Alle Mann druff auf den Schiiten:

  • hier lernen wir, dass die Schia eine Erfindung der Juden ist, um den Islam zu zerstören
  • auch ein Prediger  aus Frankfurt/Main, Sheikh Abd al-Latif von "Dawa-fm"  lehrt uns an geeigneter Stelle, wer da recht und wer unrecht hat (ggf. weiterklicken um die anderen 9 Teile der Predigt anzusehen); sehr schön ist dabei auch die Debatten der Nutzer unter den Videos
  • ein weiterer Sunnit/oder eine Sunnitin? macht sich derweil in Einblendungen ganz ernsthaft Sorgen um die geschlechtliche Identität der türkischen Alevitinnen (nicht zu verwechseln mit den `Alawiten Syriens)

Besonders aussagekräftig ist aber auch die saudische Berichterstattung über Shaikh al-`Ar`ur, die offensichtlich der Beeinflussung des westlichen Publikums (da auf englisch verfasst) dient: Hier wird der radikale Kleriker nachgerade als eine Art Nelson Mandela des syrischen Widerstandes eingeführt . Es sind gerade solche Artikel, die im Kontext mehr verraten, als beabsichtigt wurde. Denn der Betreiber der Website, der TV-Kanal al-`arabiyyah sitzt in Dubai und wird mit saudischem Kapital finanziert. Entweder hatte der Journalist nun keine Ahnung, oder er wollte gezielt desinformieren. Denn es ist ja nicht zuletzt das Königreich Saudi-Arabien das die syrische Opposition unterstützt. Nicht jedoch aus Liebe zur Demokratie, sondern aus praktischen Gründen: Es geht gegen den Iran, dessen Verbündeter Syrien ist, und um eine „saudisierte“ Einflusszone.

Shaikh Adnan al-Arur; Quelle: al-arabiyyah news

Gerade aber Männer wie Shaikh al-`Ar`ur sind es, die dem syrischen Regime die Arbeit leicht machen. Mit Folgen. Denn in Homs etwa soll es längst zu einem regelrechten Krieg zwischen den Wohnvierteln gekommen sein. Während Armee und Sicherheitsdienste den Sunnitenstadtteil Baba ´Amr bombardieren, schießen radikale Oppositionelle Mörsergranaten auf die `alawitisch-christlichen Stadtteile al-Zahra´ und `Akramah al-Jadidah ab. Im drusisch dominierten Suwayda, einer Hochburg des Regimes, sollen mittlerweile dutzende Menschen Opfer eines offenbar systematisch betriebenen Kidnappings sein. Verantwortlich sind Radikale aus den rebellierenden Regionen des Landes, insebsondere aus dem benachbarten Dara'a. Milizionäre mit oftmals zweifelhaftem Hintergrund, entführten dort und in der Region Homs-Hamah Einwohner gegen Lösegeld oder erschossen mutmaßliche Helfer der Regierung. Die „Shabab“, egal ob durch den Militäreinsatz radikalisiert oder schon vorher mit einer extremen Weltsicht begabt, dürften jedoch Männern wie al-`Ar`ur eine prominente Rolle verschaffen (vgl. den Artikel in der „Financial Times“). Denn in diesem Prozess der Radikalisierung läuft ein Teil des ohnehin äußerst heterogenen „Syrischen Nationalrates“ Gefahr, endgültig marginalisiert zu werden. Ein Hauptproblem vieler seiner Mitglieder liegt dabei zweifellos in ihnen selbst. Status, Bildung und politisches Weltbild vieler dieser Herren liegen nicht unbedingt  immer im syrischen Durchschnitt.

Aufwertung, Einbindung oder Bürgerkrieg

Nach Jahren der Repression ist die Opposition zersplittert - aber was bedeutet das schon? Pluralismus der Meinungen ist weltweit der Normalfall. Auch die Opposition im Ostblock war sich nur in einem ganz sicher: das herrschende System sollte weg. Der „Jihaz“, der Sicherheitsapparat  des Regimes, hat in Syrien freilich kaum Möglichkeiten einer politischen Organisation gelassen. Und Syrien ist ein extrem heterogenes Land. Die Vielzahl der Oppositionellen - Liberale, Linke, konservative Islamisten, salafistische Islamisten, die vielen Revolutionskommittees in den aufständischen Vierteln, Nasseristen, Milizen und übergelaufene Soldaten - spiegelt ein Land wieder, das, wie wir in diesem Blog schon diskutiert haben, nur nach dem Konkordanz- nicht aber nach dem einfachen Mehrheitsprinzip regiert werden kann.

Es kann daher nicht von Nachteil sein, die institutionalisiertere Variante der Opposition zu stärken, nicht um eine Art „gelenktes System“ zu erschaffen, sondern aus einem anderen Grund: Sollten die Milizionäre am Ende allein entscheiden, hieße dies ja noch lange nicht, dass sie auch die Mehrheit vertreten. Sie wären nur am lautesten und im Besitz der Waffen. Über die Frage, ob Einbindung aus Islamisten Demokraten macht, kann man sicher geteilter Meinung sein. Für die mittlerweile meisten Muslime scheint sich diese Frage allerdings heute kaum mehr in dieser Form zu stellen: Islamisten wurden in Ägypten, der Türkei oder Tunesien nicht gewählt, weil sie versprachen, der Demokratie ein rasches Ende zu bereiten, sondern weil sie gelobten, demokratische Formen der Machtbestallung mit einer sehr konservativen politischen Kultur zu verbinden. Im Grad dieses Konservatismus liegt der Hauptunterschied zwischen ihnen. Ebenso übrigens ist dieser Konservativismus der Indikator für die Frage, wie stark demokratisch am Ende das formale Prozedere tatsächlich ausfällt. Immerhin wissen nicht zuletzt wir Deutschen sehr gut, dass Demokratien zwar auch ohne eine demokratische politische Kultur überleben können, aber nicht sehr lange. Die größere Gefahr stellten deshalb die – im Vergleich zu den Muslimbrüdern – wesentlich konservativeren Salafisten dar. Die Muslimbrüder in Damaskus an der Macht zu sehen, muss also nicht grundsätzlich falsch sein, zumal sich – zumindest nach meiner persönlichen Erfahrung – die wenigsten Araber gegen freie Wahlen wehren würden, ganz im Gegenteil. Tröstlich ist da vielleicht ein Graffito an eben jener Schule in Dara`a, an der die Proteste, die die Revolution einleiteten, begonnen haben sollen: Es besagt „La li-l-`Ar`ur, la li-l-´Asad“, also „Nein zu al-`Ar`ur, nein zu al-´Asad“ (zu sehen bei 0:20 oben auf der rechten Mauer).

Auch sollte uns nicht die wahrscheinliche Präsenz einiger al-Qa`idah-Kämpfer im Lande dazu verführen, das zu tun, was die Leserbriefspalten und Onlineforen Deutschlands bis zum Abwinken tun, nämlich in Gestalt des Vorwurfes, in Syrien fände eine islamistische Revolution der Terroristen statt, den eigenen Zynismus als „kritische Haltung“ zu verkleiden. In diesem sind sich pikanterweise – wieder einmal – die Rechts- wie die Linksaußen einig: Die einen, weil der Muslim als solcher ja nun mal keine demokratische Revolution machen kann, die anderen weil die Opposition gegen ein angeblich linkes Regime (wer das allerdings behauptet, ist noch nie mit offenen Augen durch Damaskus gelaufen) ja nur aus „Reaktionären“ bestehen kann. Um einen Vergleich aus dem Ostblock zu bemühen: 1989 demonstrierten auch die Rechtsradikalen der DDR auf den Straßen Leipzigs. Aber wer käme auf den abwegigen Gedanken, diese damalige Revolution als „Skinheadrevolte“ zu bezeichnen? Dennoch spielten eben jene Skinheads in der Jugendkultur auf dem Gebiet des verflossenen „Arbeiter- und Bauernstaates“ auf deutschem Boden vor und nach der Wende eine wichtige Rolle). Es muss aber hier einmal klar festgehalten werden: In Syrien findet nicht die Revolte von al-Qa`idah statt, sondern die einer Gesellschaft die es satt hat, in Angst und ökonomischer Stagnation leben zu müssen. Dass vorhandene Feindbilder sich radikalisieren, liegt zuvörderst jedoch am Regime selbst (Interview mit einem britischen Journalisten über seine Erfahrungen in einem syrischen Gefängnis, weitere Berichte finden sich in den AI-Reports, ein Syrer erzählte mir einmal vor fast 20 Jahren, dass er gesehen habe, wie man einem seiner Mithäftlinge mit einer Bohrmaschine die Schulterblätter angebohrt hatte).

Das Problem jeder politischen Gruppe in Syrien ist stets das gleiche: Sie träfe auf eine heterogene Gesellschaft, in der sie nie und nimmer allein die Macht übernehmen könnte (und dürfte), wenn das Resultat nicht ein Blutbad sein soll. Deshalb liegt die Herausforderung – gerade auch für den Westen – darin, über eine klarere Unterstützung der syrischen Opposition (ihre diplomatische Anerkennung, Bereitstellung finanzieller wie institutioneller Hilfen für den Fall eines Regimesturzes, so konsequent wie möglich durchgesetzte ökonomische Isolation des Regimes) deren politischen Apparat aufzuwerten und Teile der derzeit Herrschenden zu einem paktierten bzw. ausgehandelten Wechsel zu bewegen. Denn ohne Teile des alten Apparates, das zeigt das Beispiel Irak sehr deutlich, wird ein Neuanfang ohne Bürgerkrieg kaum zu bewerkstelligen sein.

2 Kommentare

  1. Leider hat der „Wissenschaftler“ auch nicht mehr Durchblick als der „Stammtisch“.

    • Thuselt Christian

      20. September 2012 at 16:48

      Vielleicht wollen Sie Ihren Kommentar ja etwas praezisieren oder uns einfach mal Ihre Version unter Ihrem vollen Namen zukommen lassen? Oder sollten wir schon mal vergessen haben zu erwaehnen, dass sich Islamisten unter den Rebellen befinden, wie uns der beigefuegte Spiegel-Link wohl mitteilen will? Eigentlich nicht, also wuerde ich Sie bitten, uns einfach die Gelegenheit zu geben, sich mit Ihrer Kritik, und als solche verstehe ich Ihren Kommentar einfach mal, auseinanderzusetzen.

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