Der Arabische Frühling führte nicht nur zum Sturz von Diktatoren im Nahen Osten, sondern auch zu politischen Spannungen zwischen den Staaten in der Region. Beispielsweise tobt zwischen der Türkei und Ägypten derzeit ein unerbittlicher Kampf auf diplomatischer, politischer, wirtschaftlicher und ideologischer Ebene. Von Beginn des Arabischen Frühlings an unterstützte die türkische Regierungspartei AKP unter der Leitung des damaligen Premierministers und heutigem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan den politischen Wandel in Ägypten. Mohammad Morsi wurde als neue politische Lichtgestalt in der Türkei in Szene gesetzt. Die Haltung der türkischen Regierung gegenüber Abdel Fattah el-Sisi ist dem Gegenüber gekennzeichnet durch Ressentiments und Ablehnung. Erdoğan lässt keine Gelegenheit aus, die gegenwärtige ägyptische Führung als illegitim und el-Sisi als einen Tyrannen zu bezeichnen. 2013 forderten die Türken den UN-Sicherheitsrat sogar auf, Ägypten mit Sanktionen zu belegen. El-Sisis revanchierte sich, indem er alles tat, um die Türkei daran zu hindern, einen Sitz im UN Sicherheitsrat einzunehmen. Das politische Auseinanderdriften Ägyptens und der Türkei wird umso deutlicher mit Blick auf die Ereignisse des 16. Februar dieses Jahres. El-Sisi befahl seiner Luftstreitkraft, Ziele in Libyen anzugreifen, um den Vorstoß der IS aufzuhalten. Die Türkei stellte sich gegen die Bombardierung und forderte Ägypten auf, die Angriffe einzustellen. Während die international anerkannte libysche Regierung in Tobruk das Eingreifen der Ägypter begrüßte, verurteilten die islamistischen Kräfte in Tripoli (NGNC / Allgemeiner Nationalkongress) die Aktion und stellten sich somit demonstrativ auf die türkische Seite. Ziel beider Länder ist es, sich als regionale Macht zu etablieren. Historische Hypotheken Die Beziehungen beider Länder waren schon in der Vergangenheit von Spannungen geprägt. Als Teil des Osmanischen Reiches entschied die weitgehend unabhängige Provinz Ägypten 1830, sich gegen das Reich der Hohen Pforte aufzulehnen. Unter der Führung von Mohammad Ali Paşa konnten Palästina, Syrien und Teile Anatoliens erobert werden. Ohne die militärische Unterstützung britischer und französischer Truppen hätte das Osmanische Reich die Gefahr nicht eindämmen können. Mit der Gründung der türkischen Republik orientierte sich die Türkei an westlichen Vorbildern und kappte bzw. reduzierte ihre Beziehungen auf ein Minimum zu den Ländern des Nahen Ostens. Islamisch-türkische Intellektuelle, die die kemalistischen Reformen nicht mittragen wollten, ließen sich in großer Zahl in Kairo nieder und agierten gegen die Modernisierungsbestrebungen Mustafa Kemal Atatürks. Währen des Kalten Krieges und der türkisch-amerikanischen Allianz waren die Beziehungen von ambivalenter Natur. Während sich die Türkei für den Westblock entschied und 1952 NATO-Mitglied wurde, war die ägyptische Haltung uneinheitlich. Gamal Abdel Nasserʼs Annäherung an die Sowjetunion 1953 ließ das Misstrauen zwischen den beiden Staaten erstarken. Zu einer Entspannung kam es in den 1970er und 1980er während der Regierungszeit von Turğut Özal und Anwar Sadat. Ersterer änderte die Haltung der Türkei gegenüber dem Nahen Osten und letzterer Ägyptens gegenüber den USA. Diese Voraussetzungen sorgten für eine vorsichtige Annäherung zwischen Kairo und Ankara. Das grundsätzliche Misstrauen aber blieb und verstärkte sich später nicht zuletzt auf Grund der Rivalität um die regionale Vormachtstellung im östlichen Mittelmeerraum, die fehlende politische Unterstützung Kairos während des Zypernkonflikts und die proisraelische Haltung der Türkei. Gegenwärtige politische Querelen Seit der Machtübernahme der AKP 2002 betreibt die Türkei eine intensive Nahostpolitik. Einige Parameter dieser Politik skizziert der gegenwärtige türkische Regierungschef Ahmet Davutoğlu ausführlich in seinem Buch „Stratejik Derinlik / Strategische Tiefe“. Das stärkere Interesse der AKP an der Region des Nahen Ostens ist keine endgültige Absage an die europäisch ausgerichtete kemalistische Außenpolitik. Die Türkei konnte durch starken Handel mit Ägypten von 2002 bis 2013 ihre Einnahmen von 301 Millionen auf 5 Billionen Dollar steigern. Trotz Mubaraks Bedenken musste er den wirtschaftlichen Beziehungen Vorrang geben und das politische Prestigewachstum der Türkei hinnehmen. Dies ermutigte letztere zusätzlich in der Region stärker aufzutreten. Ganz deutlich positioniert sich die Türkei seit 2002 im Nahostkonflikt stärker als in der Vergangenheit auf der Seite der Palästinenser. Kontakte mit den ägyptischen und libyschen Muslimbrüdern oder der Hamas wurden intensiviert. Ab Februar 2011 präsentierte sich die Türkei als islamisch-demokratisches Modell für den Nahen Osten. Die ägyptische Bevölkerung begrüßte den türkischen Regierungschef Erdoğan im September 2011 in Kairo als Helden. Unmittelbar nach seiner Wahl 2012 wollte Morsi durch die Gründung einer regionalen Koalition (Türkei, Iran, Ägypten und Saudi Arabien) ein rasches Ende des Syrienkonflikts herbeiführen. Das Unternehmen scheiterte am saudischen Widerstand. 2012 besuchte der türkische Premier Ägypten erneut, diesmal mit einer Wirtschaftsdelegation und lobte in seiner Rede an der Kairoer Universität die Politik Morsis. Die rigide Politik Mohammad Morsis, sich über die ägyptische Verfassung zu stellen, führte dazu, dass sich eine Gegnerschaft bildete, die dessen Sturz forderte. Nun schlug die Stunde von el-Sisi, damals noch Verteidigungsminister. Am 3. Juli 2013 ließ er als neuer ägyptischer Führer verlautbaren, dass das Militär zum Schutze des Staates und der Bevölkerung die Regierung Morsis abgesetzt habe. Im November 2013 kam es wieder zu einem radikalen Bruch in den Beziehungen zwischen Ägypten und der Türkei. El-Sisi wird seitens der türkischen Regierung beschuldigt, mit terroristischen Mitteln gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen. Ebenso wurde es Morsi Anhängern erlaubt, in der Türkei mithilfe von Funk und Fernsehen die neue ägyptische Militärdiktatur zu bekämpfen. Die Reaktion Kairos kam prompt. Ankara wurde beschuldigt, terroristische Gruppen zu unterstützen, die die Sicherheit Ägyptens gefährden. Gemeinsame Flottenmanöver, die für November 2013 angesetzt waren, wurden kurzerhand abgesagt. Die diplomatischen Verhärtungen traten 2014, während des Gaza Konfliktes, deutlich ans Tageslicht. Ägypten und die Türkei legten jeweils einen Friedensplan zur Bewältigung der Situation bei. Kairo unterstellte Ankara, die Position Ägyptens in der Region schwächen zu wollen und die Palästinenser für ihre Interessen auszunützen. Im Gegenzug näherte sich Kairo im November 2014 Zypern und Griechenland an. Im Mittelpunkt der Gespräche stand eine Unterwasserpipeline zur Lieferung von Naturgas. Ziel el-Sisi dürfte es dabei sein, die türkische Energiepolitik im Mittelmeerraum zu unterwandern. Persönliche Fehde? Nicht nur geopolitische Rivalität ist ausschlaggebend für die diplomatischen Verhärtungen zwischen Ägypten und der Türkei. Das Vorgehen des Militärs in Ägypten erinnert stark an jenes des türkischen während der 1960er, 1970er und 1980er Jahre. Gleichzeitig zeigen sich Parallelen zwischen dem brutalen Eingreifen der türkischen Polizei z.B. während der Gezi Park-Bewegung und der ebenso kompromisslosen Strategie der ägyptischen Sicherheitsbehörden. Erdoğan wurde während seiner Amtszeit immer wieder vom türkischen Militär bedroht, während in Ägypten die religiösen Kräfte das Land für ein Jahr regieren durften und die Macht des Militärs für eine gewisse Zeit zurückdrängen konnten. Offentsichtlich fürchten beide Politiker die Macht des anderen und versuchen, durch Geopolitik und persönliche Attacken das Ansehen des jeweils andern zu diskreditieren. Dieser Machtkampf könnte zu einer Destabilisierung der gesamten Region führen. Angesichts der bestehenden Konflikte u.a. in Syrien und dem Irak wäre das fatal. Die bestehenden Herausforderungen können nur durch ein gemeinsames Agieren der Staaten im Nahen Osten und eine klare und einheitliche Nahostpolitik der Europäer und Amerikaner gelöst werden.   Hüseyin Cicek ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg