Eric Hobsbawm kennzeichnet das „lange 19. Jahrhundert“ als ein Jahrhundert der „Extreme“. Damit verweist er u.a. explizit auf die unzähligen politischen Radikalisierungsprozesse auf dem eurasischen Kontinent, ausgehend von der Französischen Revolution bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Ebenso ist das „lange 19. Jahrhundert“ ein Jahrhundert der Völkermorde oder Genozide. Aus diesem Grund ist es am heutigen Abend mein Ziel, innerhalb des mir gebotenen Rahmens, den armenischen Völkermord oder Genozid in einen breiten historischen Kontext einzubetten und das Geschehen nicht isoliert zu betrachten. Nicht zuletzt deswegen, weil mehr als 20 Millionen osmanische Muslime zwischen 1822-1922 durch reguläre oder irreguläre Streitkräfte der Kolonialmächte ermordet wurden. In diesem Zusammenhang wurde bisher kaum der Begriff Genozid verwendet.

Ich möchte in zwei Schritten vorgehen: a) zuerst werde ich auf die Entstehung der Idee der territorialen Exklusivität und der dazugehörenden homogenen Nation eingehen. Daran anschließend b) wie die Idee der Homogenisierung die Regeln des Krieges veränderte und ethnische Säuberungen, Genozid oder Völkermord zu „natürlichen“ Kriegsinstrumentarien der Mächte des „langen 19. Jahrhunderts“ werden ließen.

Es ist unverantwortbar und opportunistisch, die Gewalttaktik Genozid von 1915 ihren Ausgang nehmen zulassen. Die muslimische Bevölkerung im 19. Jahrhundert war immer wieder Ziel ethnischer Säuberungen, Genozid, Völkermord. Die Kriegsniederlagen der Hohen Pforte förderten nationalistische Entwicklungen auf ihrem Territorium und veränderten die gesellschaftspolitische Situation im Osmanischen Reich nachhaltig.

Weiterlesen