Zu Beginn einer kleinen Serie über die aktuellen Entwicklungen in Syrien und deren Bedeutung für das regionale Umfeld wollen wir an dieser Stelle einen Blick auf die Situation im Lande werfen. Diese ist primär als fortschreitender Zerfall einer zentralisierten Ordnung auf beiden Seiten des Konfliktes zu verstehen. Damit einher geht die Schaffung immer neuer Konfliktakteure. Dies macht - leider - jedwede Möglichkeit eines baldigen Endes des Krieges recht unwahrscheinlich. Darüber hinaus wirkt sich dieser Zerfall natürlich auch auf eine mögliche Nachkriegsordnung aus.

Seit dem libanesischen Bürgerkrieg hat Syriens kleiner Nachbar die ganze Region bereichert, wenigstens was den Wortschatz anbelangt. „Lubnanah“, „Libanisierung“ ist seitdem zu einem geflügelten Wort geworden. Gemeint ist der weitgehende Zerfall zentralstaatlicher Macht, inklusive deren Gewaltmonopol. Nun ist eben dieses ohnehin in der arabischen Welt oftmals nur Makulatur.

Schon vor dem Bürgerkrieg war die syrische Gesellschaft eine außergewöhnlich stark bewaffnete. Nicht nur in den entlegenen Gegenden des Landes gehören Waffen immer noch zur Würde eines Mannes, auch die Politik der Regierung trug hierzu bei. Als Ende der 1970er Jahre der für eine eventuelle Rückeroberung des Golan-Höhenzuges strategisch notwendige Partner Ägypten aus der Linie der „Frontstaaten“ ausscherte, ließ Präsident Hafiz al-´Asad tonnenweise Waffen kaufen, um diesen Verlust einigermaßen auszugleichen. Das Resultat war eine Armee von damals einer halben Million Mann, nicht zu vergessen die Waffen der Sicherheitsdienste, der regulären Polizei, der Parteimiliz, der fast durchwegs ebenfalls bewaffneten höheren Kader und Beamten, der Palästinensergruppen, der kurdischen PKK, der armenischen ASALA, der diversen ausländischen Terrorzellen, der semi-offiziellen Schmuggelnetzwerke und all derjenigen die sich sonstwie bedroht fühlten. Und das alles in einem Lande von damals 11, heute 22 Millionen Einwohnern! Nun sind diese Waffen nicht verschwunden.

Ganz im Gegenteil, heute trägt der reichhaltige Nachschub aus aller Herren Länder weiter dazu bei, dem syrischen Konflikt „libanesische“ Dimensionen zu verleihen: Eine Fülle von Waffen bedeutet nicht nur genug Material für einen langen Krieg, sie bedeutet auch das Potential für eine Erosion von Macht. Und genau dieser Prozess war so typisch für den libanesischen Bürgerkrieg, auch wenn er sich dort wesentlich schneller vollzog. Die schiere Unmöglichkeit einer zentralen Machtausübung hielt diesen Zustand ebenso am Leben, wie das Fehlen akzeptierter institutioneller Regelungen des Konfliktaustrages. Genau diesen Weg geht nun auch Syrien.

Der Aufstand seit 2010 zeigt nun auch einer breiten Weltöffentlichkeit, was im Grunde genommen schon vorher stets sichtbar war: Syriens Einheit war von oben herab verordnet und blieb deshalb immer nur oberflächlich. Hierzu trägt auch ganz wesentlich bei, dass das Regime selbst jedwede Einheit aufs neue torpedierte. Korruption, Klientelismus, inoffizielle Praktiken und die zwar nicht offen gewollte aber in Kauf genommene faktische Konfessionalisierung des Sicherheitsapparates, gewachsen aus der paranoiden Angst vor einem Aufstand oder Umsturz, konterkarierten mehr oder weniger unfreiwillig die eigenen Bemühungen um Einheit, die sich die Ba`ath-Partei offiziell so grell auf die Fahnen geschrieben hatte.

Hierzu trug auch die Unfähigkeit bei, überhaupt offene politische Auseinandersetzungen gemäß transparenter Regeln zuzulassen. Auch und gerade über die Frage des Islam. Bei kaum einem anderem Punkt wurde soviel amtlich unter den Teppich gekehrt. Dem ostentativen Bekenntnis zu einem angeblich „liberalen“ Islam stehen entgegen das Dulden jahrzehntelanger saudischer Beeinflussung der religiösen Landschaft, der oftmals offen rassistische Kulturislam der al- Ba`ath, sowie die Unfähigkeit, die faktische religiöse Vielfalt Syriens auch amtlich zu institutionalisieren. Interessanterweise existiert nämlich in Syrien keinerlei kulturelle Autonomie irgendeiner `alawitischen Institution, noch wird schiitischer Religionsunterricht erteilt. Zumeist erwähnt man amtlicherseits noch nicht einmal, dass die islamische Religion überhaupt interpretative Unterschiede aufweist. Gerade aber dieser Spagat zwischen der konfessionalistische anmutenden Zusammensetzung des Regimes und seiner ostentativen Praxis führt zu jenen übergroßen Grauzonen, deren schiere Existenz Argwohn, Mißtrauen und „Nebenrealitäten“ hervorbringen.

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Ein Poster aus den schöneren Tagen des Arabischen Frühlings: Ein Kind mit Kuffiyyah und ägyptischer Flagge erklärt, dass es morgen den Mond besteigen wolle. Mittlerweile ist die Revolution längst auf einem sehr harten Boden der Tatsachen gelandet. In Syrien heißt dieser Bürgerkrieg.

Zerfall der Zentren

Je länger der Krieg nun dauert, desto mehr zerbricht jedwede zentrale Macht. Dies betrifft beide Seiten gleichermaßen. Als im Sommer 2012 die Rebellen zum Sturz auf Damaskus ansetzten, zog die Regierung eilig ihre zuverlässigsten Einheiten zusammen – mit dem Effekt, dass prompt kaum mehr verteidigte Posten an der irakischen Grenze den Aufständischen in die Hände fielen. Ebenso zeigt der Umstand, dass trotz vielfacher Ankündigungen einer Rückeroberung weite Teile des Landes von der Regierung nicht mehr kontrolliert werden, wie dünn die Personaldecke der Streitkräfte längst geworden ist. Nach zehntausenden Deserteuren scheint längst klar, dass viele Einheiten nur mehr für Sicherungsdienste eingesetzt werden können. Minister, Staatssekretäre, Generäle, Stammesführer, sogar Bashar al-´Asads Jugendfreund Manaf Tlass sind übergelaufen, einer von dessen Cousins kommandiert mittlerweile eine Einheit der oppositionellen „Freien Syrischen Armee“ (FSA).

Die offiziellen palästinensischen Verbündeten von der PFLP-GC haben längst die Kontrolle über das Damaszener Viertel (und Flüchtlingslager)  Yarmuk verloren. Selbst unter vermeintlichen Säulen des Systems kriselt es: Ganze Parteizellen sind de facto nicht mehr existent, in einigen Gefängnissen (Homs und Aleppo) beschossen sich vor Monaten regimetreue und aufständische Wärter gegenseitig, in den Kurdengebieten komplimentierten im Herbst letzten Jahres die kurdischen Milizen die verbliebenen Vertreter des syrischen Zentralstaates sehr bestimmt zum Tor hinaus.

Erst in jüngster Zeit scheint es, als ob dieser Zerfall zumindest zeitweise aufgehalten wäre, dies hängt auch mit einem Punkt zusammen, der die Armee zwar „milizionarisiert“, ihr dafür aber etwas an Schlagkraft zurückgibt: Denn zeitgleich muss dass Regime immer mehr auf „inoffizielle“ Kämpfer zurückgreifen. Von der libanesischen Hizb-Allah und der irakischen Mahdi-Armee Muqtada al-Sadrs ist mittlerweile verbürgt, dass sie im Lande weilen, auch wenn viele frühere Belege wenig vertrauenserweckend wirken. In `alawitischen, kurdischen, drusischen und christlichen Dörfern werden Dorfmilizen aufgestellt. Vor einem Jahr erzählte mir in Beirut ein katholischer syrischer Christ, die Familien seines Dorfes hätten beschlossen, die Siedlung auf eigene Faust zu verteidigen. Einzig die Waffen kämen von der Regierung. Ob diese deren Benutzung dann auch kontrolliert, bleibt eine offene Frage.

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Sozusagen das Kontrastprogramm zum Besteigen des Mondes: Abu Jaafar (Mitte) ein mittlerweile fast schon berühmt gewordener Milizionär der syrischen Regierung.

Zersplitterte Opposition und der „Franchise-Islamismus“

„Bewaffnetes Franchising“ ist auch auf der anderen Seite das Schlagwort der Stunde. Wie schon zuvor im Irak verbergen sich hinter so prunkvollen Namen wie „Jabhat al-Nusrah“ (Beistandsfront) und „Ahrar Sham“ (Befreier Syriens) eher Netzwerke als geschlossene Formationen. Selbst zwischen den beiden Falle al-Qa`idah-Netzwerken (Beistandsfront und Islamischer Staat in Syrien und Irak) gibt es erhebliche Differenzen, die wohl in unterschiedlichen Führungsansprüchen begründet sind.

Die Kunst islamistischer Kaderorganisationen mehr oder minder radikaler Gesinnung besteht ja darin, an bestehende Verhältnisse gleichsam „anzudocken“. Dies könnte mit einem Franchise-Unternehmen verglichen werden: Man erhält Ausrüstung, Geld, eine „Corporate Identity“ gegen Anschluss an das Netzwerk, operiert aber zu weiten Teilen auf eigene Rechnung. So machte sich al-Qa`idah im Irak sunnitisch-arabische Clans zu Nutze, die „Partei Gottes“ im Libanon assoziierte sich mit bereits existenten Netzwerken, oft familiärer Natur. Aber nur letzterer gelang es mit diesen komplett zu verschmelzen. Im Fall al-Qa`idahs verhinderte die schiere Radikalität der eigenen Programmatik diesen Prozess. Für Syrien heißt dies, dass die neuen „Organisationen“ täuschen: Sie sind alles andere als uniforme Einheiten. Gleiches gilt für die FSA, deren Einheiten immer wieder mit radikalen Islamisten zusammenstossen, so etwa erst vor wenigen Wochen in der Stadt ´A`zaz bei Aleppo. Der Angriff islamistischer Kämpfer auf die kurdische Siedlung Ras al-`Ain im Norden des Landes wiederum fand nicht den offiziellen Beifall der FSA-Führung, ebensowenig wie nach mehr als einem Jahr Geiselhaft die auf ihrer Pilgerfahrt in den Irak entführten libanesischen Schiiten wieder freigekommen wären. Und dies wiewohl die offizielle militärische „Führung“ der Opposition mehrfach deren Freilassung angekündigt, befohlen oder doch wenigstens erbeten hatte – letztlich ohne Erfolg. Und erst vor einigen Wochen erschossen radikale Jihadisten einer Gruppierung die für ein islamisches Emirat in Syrien und dem Irak kämpft, den FSA-Kommandeur Kamal Hamami an einer ihrer Straßensperren in der Provinz Lattakia nachdem es dort zuvor zwischen lokalen FSA-Kämpfern und häufig internationalen Jihadisten vermehrt zu Spannungen gekommen war.

Der Vorteil der frei flottierenden Radikalen ist nicht nur ihr Radikalismus, es sind auch ihre Ressourcen. So wurde etwa die Brotausgabe der Rebellen in Aleppo zu einem nicht unerheblichen Grade von Islamisten organisiert. Diese können auf oftmals über Jahre hinweg im Untergrund gewachsene Netzwerke zurückgreifen. Oftmals auch auf solche, die rund um die unter den Augen des syrischen Staates in aus der Golfregion finanzierten Moscheen ihren ruhigen Hafen fanden. Wie ambivalent dabei die Rolle des Regimes in Damaskus war, zeigt sich auch daran, dass das Netzwerk „Islamischer Staat in Syrien und Irak“ (dawlah islamiyyah fi-l-`Iraq wa-l-Sham) gerade im nordöstlichen Teil des Landes dominiert (Jabhat al-Nusrah ist eher im Süden stärker). Aus dieser Gegend (der sog. „Jazirah“) drangen während des Krieges im benachbarten Irak die Kämpfer in denselben vor. Ihre Netzwerke aus dieser Zeit sind immer noch abrufbar. Natürlich konnten diese in einem Überwachungsstaat wie Syrien nur mit Hilfe des offiziellen Apparates überhaupt entstehen, geschweige denn über Jahre hinweg erhalten bleiben. Die Mischung aus Überwachen, Zerschlagen, Instrumentalisieren und Wegsehen war über all die letzten Jahre hinweg typisch für den von ausgesprochen kurzfristigen Interessen geleiteten Umgang der syrischen Regierung mit den radikalen Islamisten.

Darüber hinaus war es auch im Libanon und im Irak so, dass die ganz „harten Jungs“ im Krieg häufig am meisten Renommee aufwiesen, welches sich allerdings über die Jahre hinweg in einigen Fällen recht deutlich abbaute. „Salafismus“ ist heute auch wegen dieser "Härte" durchaus ein Modephänomen. Nicht nur ideologisch, auch rein symbolisch. Nicht jeder, der mit Vollbart, eng anliegendem schwarzen Shirt und Cargohose ein kräftiges „Allahu Akbar“ ausbringt, ist notwendigerweise ein in die Wolle gefärbter Radikaler. Diese modischen Symbole stammen ursprünglich sogar aus dem „Milizen-Schick“ der schiitischen Hizb-Allah und wurden mittlerweile auch bei deren Gegnern weithin übernommen. Vielmehr sollen sie ein bestimmtes „entschiedenes“ Image befördern, an erfolgreiche Vorbilder erinnern (Krieg gegen Israel 2006!) oder einfach nur Unmut über das „verkommene“ syrische Regierungssystem ausdrücken. Mediale Beachtung befördert dieses Phänomen dabei ganz erheblich. Und eine „takbir“ (das Ausbringen des „Allahu Akbars“) gönnt sich im arabischen Raum selbst der Fussballkommentator, wenn der Freistoß mal wieder direkt ins Tor geht....

Was zu  einem solchen „Andocken“ zentral dazugehört, zeigt, dass der Anteil am Lohn des Siegers nicht zu unterschätzen ist. Unter den Vermögenden in den Arabischen Golfstaaten sammeln mittlerweile die islamistischen Netzwerke jedweder Gesinnung, wobei die Jihadisten in den überaus meisten Fällen auf nicht-staatliche Hilfe bauen müssen. Daneben ist es den Radikalen gelungen, analog zu den Milizen im libanesischen Bürgerkrieg, über Zölle aus Straßensperren und besetzten Grenzposten, aber auch illegalen Ölgeschäften, ein eigenes ökonomisches Netzwerk im Lande selbst aufzubauen.

Externe, staatliche Hilfe gibt uns jedoch häufig kaum Auskunft über besonders feste organisatorische Verankerung, sondern mehr über grobe Orientierungen und ein Franchise-Andocken über eine bestimmte Zeit hinweg: So unterstützt Saudi-Arabien in Aleppo etwa einen Teil der radikal-salafistischen Fajr-Bewegung, der sich schon aus finanziellen Gründen offiziell der FSA angeschlossen hat (als Brigade Nur al-Din Zenki, benannt nach einem türkischen Heerführer gegen die Kreuzfahrer aus der Region Aleppo) und deswegen nunmehr saudische Hilfe erhält. Umgekehrt erreichten von Katar bezahlte Waffen aus Libyen militante Gruppen wie Ahrar al-Sham und Suqur al-Sham, wohl nur um diese zu beeinflussen. Das Resultat dieser materiellen Hilfe ist auch aus der schieren numerischen Stärke der islamistisch inspirierten Gruppen abzulesen: Mittlerweile erreichen sie – alle offiziellen (und damit nur begrenzt glaubwürdigen) Angaben zusammengenommen – mindestens die Stärke der gesamten FSA.

Folgendes Beispiel unterstreicht, was deshalb eben auch zu den Netzwerken der Islamisten gehört: Eine gute Bekannte von mir erlebte vor einem Jahr in Beirut die wohl schlimmste Nacht ihres Lebens, als sich in dem Haus, in welchem sie wohnte, ein Kämpfer der jihadistischen „Fatah al-Islam“ mit der libanesischen Armee ein mehrstündiges Feuergefecht lieferte. Begonnen hatte alles damit, dass der Jihadist im betrunkenen Zustand seinen gleichfalls betrunkenen Kumpel im Streit um eine Frau erschossen hatte. Doch, doch,  richtig gelesen, zwei betrunkene Islamisten im Streit um eine Frau....

Neben den Spezialisten für „Ideologieproduktion“, den gebildeten und überaus konservativen Bürgerlichen, sind es eben auch die einfachen „harten Jungs“, die die Reihen islamistischer Organisationen füllen. Deren Spezialität ist sicher nicht die oftmals durchaus komplexe Reproduktion politischer oder theologischer Doktrinen, sondern eher eine diffuse Mentalität, die auf verschiedenem Wege abrufbar ist und deren exakte Grenzziehung verschwimmt. Wie das dann aussehen kann, zeigte der französische Soziologe Michel Seurat im Rahmen seiner Feldforschungen während des Bürgerkrieges Anfang der 1980er Jahre im benachbarten Libanon. Dort untersuchte er die Shabab Bab al-Tabbanahs, einem Stadtteil von Tripoli, der mittlerweile für seine sunnitischen Extremisten einigermaßen bekannt ist. Seurat stellte dabei immer wieder fest, dass die lokale Identität – wir hier gegen „das Establishment“ und in diesem speziellen Viertel gegen „die von den Bergen“, also hier die `Alawiten aus dem Nachbarviertel Jabal Muhsin – die eigentliche Grundlage der Motivation der Kämpfer darstellte. Sie strukturierte als Prädisposition auch die Adaption ganz verschiedener Ideologien seitens der Bewaffneten: erst Nasserismus, dann palästinensischer Kampf, dann sunnitischer Islamismus. Aber alles nicht unbedingt sehr theoretisch fundiert, sondern als eine religiös untermalte Gruppenidentität. Die Grundstimmung Außenseiter zu sein, konnte also ganz verschiedene, diffus ausgeprägte Formen annehmen. Wobei die Betroffenen keinesfalls in deren Abfolge einen Widerspruch ausmachen konnten, sondern gemeinsame Kerne zu erblicken glaubten: partikulare Identität des Viertels, sunnitisches Gemeinschaftsgefühl, Antielitismus, Arabertum und die eigene als ungerecht empfundene ökonomische Situation als städtische Unterschicht. Die auf dem Papier nur bedingt kompatiblen Identitätsbilder des arabischen Nationalismus und des radikalen Islamismus, wurden hier nicht als Widerspruch aufgefasst.

Sorgen aber scheinen, bei aller Volatilität dieser augenblicklichen syrischen Netzwerke, dennoch angebracht, denn al-Qa`idah trägt weiter dazu bei, im einstmals eher liberalen Syrien die Diskurse zu radikalisieren. Fraglich ist vor diesem Hintergrund jedoch, inwieweit es den Radikalen am Ende überhaupt gelingen kann, ihre momentane militärische Stärke in politisches Kapital zu verwandeln. Dies misslang al-Qa`idah schon im Irak und in Libyen. In ar-Raqqah beispielweise, wo die radikale Salafisten und Jihadisten gerade besonders stark sind, sollen sich einige Einheimische schon ob der neuen Pressionen auf ihr Alltagsleben beschwert haben (vgl. zu den Wurzeln der syrischen Salafiyyah die Interviews mit Thomas Pierret, dem ausgewiesenen Spezialisten zu Syriens Islamisten:  Teil 1 und Teil 2). Syriens Gesellschaft ist zwar gespalten und konfessionalisiert sich gerade, die Mehrheit der Syrer würde aber meines Erachtens niemals al-Qa`idah als politischer Kraft vertrauen. Schon gar nicht nach den bislang bekannt gewordenen Exzessen. Diejenigen jedoch, die sich „einbinden“ lassen, werden die syrische Gesellschaft konservativer und sunnitischer zurücklassen als sie sie angetroffen haben. Ob dies für eine politische Mehrheit reicht, bleibt aber angesichts der Zahlenverhältnisse fraglich: Wenn ca. 60% der syrischen Bevölkerung arabische Sunniten sind, so bilden sie die Zielgruppe einer sunnitisch-islamistischen Agitation. Samir al-Taqi, ein ehemaliger Berater Bashar al-´Asads, jetzt auch der Opposition nahestehend, taxierte das konservativ-islamische Potential allein in Damaskus auf 60-65% der religiösen Syrer. Nimmt man die Ergebnisse im vormals allerdings etwas konservativeren Ägypten als Maßstab, so würde dies ein landesweites Potential von 35-50% ausmachen, was nur sehr eingeschränkt als Mehrheit taugt.

Fazit

Die Erfahrung aus dem Irak und dem Libanon lehrt leider eines deutlich: Ein politischer Erosionsprozess setzt gewaltige Dynamiken frei. Rein auf der politischen Ebene wird es immer fordernder, überhaupt noch mit jemandem verhandeln zu können. Ein Ausbau ausländischer Hilfeleistung zur Förderung der organisatorischen Kapazitäten gemäßigter Akteure wäre deshalb möglicherweise eine nennenswerte Option. Auf der militärischen Ebene sieht die Sache noch wesentlich düsterer aus: Die Milizionarisierung eines Konfliktes trägt nicht nur zu seiner Ökonomisierung bei (Raubökonomie, mittlerweile hat sich im Lande bspw. eine ganze Entführungsindustrie etabliert ), sondern auch zu einer gewissen Statik – Milizen sind zumeist nicht gut genug gerüstet und ausgebildet um einen Bewegungskrieg im großen Maßstab zu führen. Sie zementieren eher einen unbeweglichen Dauerbeschuss, der schon aus Mangel an qualifiziertem Personal bzw. Technik oft in einer großen Zahl ziviler Todesopfer mündet. Das Gegenteil wäre in Syrien erst noch zu beweisen.

Die einzig positive „Libanisierung“ die Syrien drohte, wäre, dass man sich der bis 1963 auch dort existenten Machtteilungsformeln erinnern möge, also den Minderheiten ethnischer, konfessioneller wie politischer Art garantierte Mindestanteile einräumte. Denn das wäre die wirkliche Lehre aus den so unterschiedlichen Entwicklungswegen dieser beiden einander so nahen Gesellschaften: Einheit und Kohäsion können nicht verordnet werden, sie erwachsen aus garantierten Rechten, aus institutionellen Konfliktverreglungen und den vielen kleinen Kompromissen im Alltag.