asad (2)Seit seinem Ausbruch vor genau fünf Jahren dominiert der syrische Bürgerkrieg die Schlagzeilen der Tageszeitungen und der abendlichen Nachrichten. Die Grundlagen dieses Konflikts werden dabei nicht immer ausreichend beleuchtet. Ben Baweys Buch Assads Kampf um die Macht, das in zweiter, überarbeiteter Auflage bei Springer VS erschienen ist, setzt genau hier an und erläutert in kompakter Weise die grundlegenden Zusammenhänge und aktuellen Entwicklungen des Kriegs in Syrien – einer Weltregion, die so instabil scheint wie nie zuvor. Für Fokus-Nahost hat Bawey in drei Etappen Staatswerdung und Zerfall Syriens, wie er sie in seinem Buch analysiert, zusammengefasst.
  1. Geheimdiplomatie, Grenzverschiebungen und Putschversuche waren die Geburtshelfer des heutigen syrischen Staates
  Der Nahe Osten, in den Grenzen, wie wir sie heute kennen, entstand zum Ende des Ersten Weltkrieges. Die Koalition der Entente Cordiale konstruierte nicht nur neue Staaten, die aus der untergegangenen k.u.k.-Monarchie und dem zerbrochenen russischen Zarenreich hervorgingen und die mittel- und osteuropäische Landkarte dramatisch veränderten. Das Osmanische Reich, das an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten war, wurde 1919 gezwungen, gewaltige Gebiete im Nahen und Mittleren Osten abzutreten. Diese geopolitischen Verschiebungen hatten eine Vorgeschichte. Drei fatale Abkommen zu Beginn des 20. Jahrhunderts schufen die Grundlage für eine Instabilität im Nahen Osten, die zum Nährboden von Konflikten werden sollte, deren Wucht wir noch heute zu spüren bekommen: die Hussain-McMahon-Korrespondenz von 1915, das Geheimabkommen von Sykes-Picot von 1916 und die Balfour Declaration von 1917. Die Siegermächte teilten die Konkursmasse des „kranken Mannes am Bosporus“ bereits neu unter sich auf, während deutsche Ingenieure noch fieberhaft den Bau der Bagdadbahn vorantrieben. Der Nahe Osten wurde im Sykes-Picot Abkommen neu geordnet und von Großbritannien und Frankreich in Interessensphären eingeteilt. Die Araber, denen im Aufstand gegen die Osmanen ursprünglich ein gesamtarabischer Nationalstaat in Aussicht gestellt wurde, fanden sich nun Klein- und Kleinststaaten wieder, die in den seltensten Fällen entlang natürlicher Grenzen verliefen. Im Gegenteil: Sprachliche, ethnische und historisch gewachsene Verbindungen wurden bei den jetzt vorgenommenen Grenzziehungen nicht beachtet, ja sogar bewusst ignoriert, um so der Entstehung homogener, mächtiger Staaten im Nahen Osten entgegenzuwirken. Syrien erschien auf der Landkarte erstmals als ein Staat im europäischen Verständnis, zählte jedoch zur französischen Einflusszone, was es faktisch zu einer Kolonie machte. Dennoch war dieser neue Staat kein völlig ahistorisches Konstrukt. Im Arabischen kann Syrien mit aš-Šām übersetzt werden. Hingegen meint die Bezeichnung Bilād aš-Šām das Gebiet des historischen Großsyriens, bestehend aus dem heutigen Syrien einschließlich des Libanons, Jordaniens, Teilen des heutigen Iraks, des historischen Palästina und Alexandretta, der heutigen türkischen Provinz Hatay. Die Entstehung dieses großsyrischen Einheitsstaates wurde jedoch erfolgreich verhindert. Die Grenzen des modernen Syriens schließen zwar die Kerngebiete des Bilād ašŠām (ohne den Libanon) ein, sind letztlich aber das Werk der französischen Mandatsherrschaft. Die volle Souveränität erhielt das Land erst im Jahr 1946, nachdem mehrere Aufstände der Syrer blutig niedergeschlagen und Damaskus von den Franzosen bombardiert worden war. Am 8. März 1963 putschte eine Gruppe von Militärs erfolgreich gegen die Regierung und bis zur endgültigen Etablierung der Macht des Asad-Clans Anfang der 1970er Jahre erlebte der junge Staat mehrere Regierungskrisen und insgesamt sechs Militärputsche. Hafiz al-Asad regierte Syrien als Präsident von 1971 bis zu seinem Tod im Jahr 2000. Der für die Nachfolge seines Vaters vorgesehene älteste Sohn Bassil verstarb bei einem Autounfall im Jahr 1994, weswegen Baschar zum Nachfolger und zukünftigen Führer des Landes bestimmt wurde.  
  1. Syrien ist ein ethnisch und religiös zerklüftetes Land, in dem sich die religiöse Minderheit der Alawiten gegen eine sunnitische Mehrheitsbevölkerung behauptet
  Mit dem Putsch des Asad-Clans, übernahm die muslimische Sekte der Alawiten die Macht in einem Land, dessen Mehrheitsbevölkerung (bis zu 70%) sunnitischen Glaubens ist. Obwohl die Alawiten mit einem Anteil von circa 11% an der syrischen Gesamtbevölkerung eine alles andere als kleine religiöse Splittergruppe sind, handelt es sich insgesamt dennoch um eine Minderheit. Die Alawiten sind eine Glaubensgemeinschaft, welche sich aus dem frühen schiitischen Islam herausgebildet hat und sich immer wieder gegenüber einem Mehrheitsislam rechtfertigen und behaupten musste. Ihren Namen alawī erhielten sie durch die Franzosen, die diese religiöse Gruppe protegierten und 1922 sogar einen eigenständigen Alawitenstaat proklamierten. Das kurzlebige Staatsgebilde mit der Hauptstadt Latakia existierte bis 1936. Frankreich versuchte mit der gezielten Förderung religiöser Minderheiten und der Schaffung von arabischen Kleinstaaten gezielt, einem gesamtarabischen Nationalismus entgegenzuwirken (siehe Punkt 1). Die französische Mandatsregierung gründete zudem eine Armee, die Troupes Spécial du Levant, in deren Reihen fast ausschließlich nur Alawiten aufgenommen wurden. Nach der syrischen Unabhängigkeit im Jahre 1946 blieb das Militär lange Zeit die einzige soziale Aufstiegsmöglichkeit für die einfache Landbevölkerung. Vor allem religiöse Minderheiten, welche nicht selten sozial benachteiligt wurden, strebten somit nach einer Karriere in der syrischen Armee und im Offizierskorps. Viele Alawiten wurden ins Militär aufgenommen, machten Karriere und gewannen damit an Einfluss. Im Jahr 1963 putschte sich diese Gruppe schließlich an die Macht und setzte sich im Laufe der kommenden Jahre endgültig durch. Die alawitischen Offiziere um den früheren syrischen Verteidigungsminister Hafiz al-Asad waren Anhänger der sozialistischen Baath-Partei und wurden mit ihren säkularen und nationalistischen Vorstellungen spätestens ab 1970 die gestaltende Kraft in Syrien. Religiöse Minderheiten sowie Sunniten, welche die syrische Mehrheit repräsentieren, wurden weitestgehend aus der Regierung verdrängt, während das säkulare Asad-Regime den christlichen Konfessionen, schiitischen Gruppierungen, den Drusen oder den Yeziden weitreichende Rechte und Religionsfreiheit einräumte. Somit stand eine „Koalition der Minoritäten“, angeführt von der alawitischen Asad-Familie, einer überwiegend sunnitischen Mehrheit gegenüber. Gleichzeitig wurde der sunnitische Islamismus im eigenen Land unterdrückt und mit brachialer Gewalt verfolgt. Die Demonstrationen, die im März 2011 gegen den syrischen Polizeiapparat und später gegen Asad losbrachen, wurden blutig niedergeschlagen. Gewalt wurde mit Gegengewalt beantwortet und es scheint, als sei so die Büchse der Pandora geöffnet worden.  
  1. Die Arabellion wirkte auf den ausgehöhlten, korrupten syrischen Staatsapparat wie ein Brandbeschleuniger, wodurch ein Machtvakuum entstand, das den IS wachsen und erstarken ließ.
  In Syrien verlief die Arabellion anders als in Tunesien, Ägypten oder Libyen. Nach Ausbruch der Aufstände im südsyrischen Deraa kam es schnell zu einer Pattsituation, die es weder der bewaffneten Opposition noch dem Regime erlaubte, die Oberhand in dem sich nun abzeichnenden Konflikt zu gewinnen. Die USA, Großbritannien und Frankreich erklärten die Herrschaft Asads schnell als illegitim und hofften auf eine starke Opposition, welche international durch die syrische Nationalkoalition vertreten werden könnte. Diese war dazu auserkoren, nach einem Sturz Asads eine Übergangsregierung zu bilden, die im Idealfall sogar noch einen Demokratisierungsprozess einleiten würde. Es sollte anders kommen. Die syrische Opposition war zerstritten zwischen Gegnern und Befürwortern eines Regimesturzes; jugendlichen und eher traditionellen Standpunkten; der vor Ort präsenten und der im Ausland agierenden Exilopposition und nicht zuletzt zwischen säkularen und religiösen Gruppen. Die Uneinigkeit von Asads Gegnern nutzte dem Regime, welches die Zivilbevölkerung kollektiv mit Gewaltexzessen strafte. Aleppo ist das jüngste, blutige Beispiel dieser Politik. Mehrere diplomatische Gespräche in Genf scheiterten und die zum Teil von den USA ausgerüstete Freie Syrische Armee FSA konnte sich in keiner Weise gegen die Truppen Asads durchsetzen. Die syrische Armee (und mit ihr die Luftwaffe) galt seit jeher als eine der stärksten Armeen im gesamten Nahen Osten und sie ging seit 2011 brachial gegen Aufständische und Dissidenten vor. Was den Syrienkonflikt weiter verschärfte, war der Fakt, dass sich die Führungen der Armee, der verschiedenen Eliteeinheiten und der Geheimdienste meist mehrheitlich aus Alawiten zusammensetzten. Im syrischen Bürgerkrieg wurden somit konfessionelle Gräben aufgerissen, während sich das Regime gleichzeitig als Bollwerk gegen den Islamismus, als Schutzmacht der Minderheiten inszeniert. Es setzte eine Radikalisierung und Politisierung ein. In den verschiedenen Rebellengruppen gewannen konservative und extreme Sunniten an Einfluss. Sie standen dem alawitischen Regime, das sie eines Abfalls vom wahren Islam bezichtigten, vor allem aus religiösen Gründen feindlich gegenüber. Diese Konfliktkonstellation kommt beinahe einer sich selbst erfüllende Prophezeiung gleich. Syrien war seit jeher ein Ort religiöser und ethnischer Kontraste und Heimat beinahe „exotischer“ Glaubensgemeinschaften. Seit Ausbruch des Bürgerkrieges werden die verschiedenen Gruppen jedoch von den Konfliktparteien instrumentalisiert und geschickt gegeneinander ausgespielt. Im Windschatten dieser politischen und konfessionellen Konflikte formierte sich eine weitere Macht, die aus den Trümmern des gescheiterten „demokratischen Experiments“ im Irak hervorstieg. Durch den Sturz Saddam Hussains und die quasi über Nacht erfolgte Auflösung der irakischen Armee durch die Amerikaner im Jahr 2003 wurde im Nahen Osten ein Machtvakuum geschaffen, welches zur Keimzelle eines bis heute andauernden Terrors in der Region werden sollte. Im Umfeld der dem politischen Chaos entsprungenen irakischen al-Qaida bildete sich ein sogenannter „Islamischer Staat im Irak“, der expandierte und sich dann in den „Islamischen Staat im Irak und in aš-Šām“ umbenannte, was auf Arabisch ad-Daula al-ʾislāmīya fī-l-‘Iraq wa aš-Šām bedeutet. Im arabischen Dialekt wird dieser lange Titel mit Daesh abgekürzt, was im Nahen Osten auch die landläufige Bezeichnung für den „Islamischen Staat“ ist. Šām kann sowohl mit Großsyrien als auch mit Levante übersetzt werden, weswegen manchmal auch die Rede von ISIL ist (das L steht dann für Levante). Mit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges entstand ab 2011 ein zusätzliches Machtvakuum in der Nachbarschaft des Iraks. Der „Islamische Staat im Irak“ konnte nun vor allem im Norden und Osten Syriens zu einem regionalen Machtfaktor heranwachsen. Mit einer groß angelegten Offensive riss diese Terrororganisation die syrisch-irakischen Grenzanlagen nieder und erklärte mit propagandistischem Geschick das Ende der Grenzen von Sykes-Picot (siehe Punkt 1). So konnte diese Gruppe spätestens ab 2014 ihren territorialen Anspruch auf das gesamte Bilād aš-Šām ausweiteten und nannte sich von nun an nur noch Islamischer Staat IS. Die Islamisten fügen nun das zusammen, was – aus ihrer Interpretation der Geschichte heraus – zusammengehört: ein Land, das in seinen Grenzen Mesopotamien, also den heutigen Irak, Syrien, Alexandretta, die autonomen Kurdengebiete sowie Syrien, den Libanon und letztlich Palästina mit der Hauptstadt Jerusalem umfasst. Der Westen muss sich entscheiden, ob er dem Blutvergießen in Syrien weiter tatenlos zusieht, ob der Sturz Asads alternativlos bleibt (ein Syrien ohne Asad würde nicht automatisch demokratisch) oder ob eine Unterstützung des Regimes, das in diesem Moment Aleppos Krankenhäuser und Lebensadern bombardiert, vielleicht nicht doch das kleinere Übel in einem immer weiter eskalierenden Konflikt wäre.   Ben Bawey Assads Kampf um die Macht – Eine Einführung zum Syrienkonflikt   Taschenbuch: 60 Seiten: http://amzn.to/1Ql0VEX Auch als eBook: http://amzn.to/1pY9yMx   Verlag: Springer VS; Auflage: 2 (15. März 2016) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3658120568 ISBN-13: 978-3658120566   www.benbawey.de www.twitter.com/benbawey www.facebook.com/benbawey