Wer sich in Deutschland mit dem Israel-Palästina-Konflikt auseinandersetzt, der lernt, sich beide Seiten anzusehen – warum hat Israel diese geradezu paranoid wirkende Angst vor Angriffen; warum fliegen Steine auf israelische Kontrollposten; warum müssen Kinder auf dem Weg zur Schule durch Militärkontrollen; warum sind israelische Siedlungen hermetisch abgeriegelt; warum darf überhaupt immer weiter gesiedelt werden? Für jeden Angriff, jede Anfeindung, jeden Vorfall sucht man zuerst nach den Hintergründen, die die andere Seite dazu bewogen haben. Das ist gut für die Objektivität und die wissenschaftliche Analyse, keine Frage. Von Nadja Kutscher Dagegen ist es im alltäglichen Umgang mit Menschen aus jener konfliktbeladenen Region umso schwerer, sich objektiv zu zeigen, beziehungsweise Hintergründe nachvollziehen zu wollen. Ich habe während meines Aufenthaltes in der West Bank im Frühjahr 2013 nicht wissenschaftlich geforscht, sondern Menschen unterschiedlicher sozialer und politischer Herkunft kennengelernt. Meine Aussagen sind dementsprechend Momentaufnahmen, die weder repräsentativ für die gesamte palästinensische Bevölkerung stehen, noch in einem offiziellen oder wissenschaftlichen Rahmen entstanden sind. Es sind schlichtweg Eindrücke aus Gesprächen – Gespräche, deren Aussagen ich nach wenigen Wochen, ganz subjektiv, meist vollständig nachvollziehen konnte und die mir immer wieder die Gefühle der Verzweiflung und Unterdrückung der Palästinenser vor Augen geführt haben. In eben diesen Gesprächen in Cafés, in den Häusern meiner Freunde oder bei ihren Verwandten wurden oft konkrete Vorfälle angesprochen, die meist israelische Soldaten oder den israelischen Sicherheitsapparat betrafen. Es ging dabei entweder um das Verhalten von Soldaten an den Checkpoints, um die verweigerte Einreise nach Israel, um Tötungen oder Festnahmen von Kindern und Jugendlichen. Dies alles sind sensible Themen, bei denen sich die Menschen oft in ihrer Ehre, in ihrer Freiheit und – zum Beispiel im Falle des verweigerten Zugangs zu heiligen Stätten in Jerusalem – auch in ihrer Religionsausübung eingeschränkt fühlen. Subjektiv betrachtet konnte ich die Verzweiflung und Empörung meiner Gesprächspartner stets nachvollziehen. Gleichzeitig drängten sich mir Fragen auf, um die Hintergründe der jeweiligen Aktionen zu verstehen. Was also ging einem bestimmten Vorfall voraus? Nicht immer, ich könnte nicht einmal „meist“ sagen, aber zumindest häufig, wurde mir in eben diesem Moment die Frage gestellt: „Warum stellst du dich auf ihre Seite?“ „Ihre Seite“ – das ist die Seite Israels, genauer gesagt, die Seite der israelischen Regierung, des israelischen Sicherheitsapparats und die der israelischen Entscheidungsträger. Und diese gedankliche wie reale Frontenbildung hat wohl nicht allein mit den palästinensischen Gebieten auf der einen und Israel auf der anderen Seite zu tun, sondern schließt auch internationale Verbündete Israels, wie die USA oder Deutschland mit ein. Beim Besuch Barack Obamas in Ramallah war die Ablehnung des US-Präsidenten anhand zahlloser Demonstrationen und Graffitis deutlich sichtbar. So wurde ich allein aufgrund meiner Nationalität häufig in Gespräche verwickelt, die das in Europa herrschende Bild der Palästinenser betrafen. Eine Freundin fragte mich, wie die „normalen Leute“ in Deutschland, die mit Politik nicht viel am Hut hätten, die Lage der Palästinenser sehen würden. Sie chatte häufig im Internet mit Deutschen und US-Amerikanern und oft hätte sie das Gefühl, jeder würde auf Seiten Israels stehen. Man fühlt sich also nicht nur im eigenen Land eingeschränkt, sondern auch von der internationalen Gemeinschaft (zumindest vom „Westen“) ausgegrenzt und missverstanden. Das Unverständnis darüber ist groß, denn schließlich wolle man ja nur ein ganz normales Leben in seinem Heimatland führen und „die anderen“ würden dies verhindern. Damit sind wir wohl am Knackpunkt des Problems angelangt. Die Frage ist nicht: wer steht auf welcher Seite? Die Frage ist: wer ist „Opfer“, wer ist „Täter“? Deshalb überrascht es nicht, dass man gelegentlich das Gefühl nicht los wird, es wäre unpassend, nach den Hintergründen eines Vorfalls zu fragen. Denn schon die Kinder lernen in der Schule, in der Moschee, im privaten Umfeld: Wir sind die Opfer, das Land gehört uns und wird auch immer uns gehören. Eine Freundin, die selbst für eine lokale NGO arbeitet, drückte es so aus: „It’s ourland and they took it;we will never leave, we will fight for it.“ Jede einzelne Person, die ich kennenlernte, hatte ihre eigene Opfergeschichte zu erzählen. Da wäre zum Beispiel eine Frau, die seit Jahren nicht mehr nach Jerusalem fahren durfte, weil ihr Onkel einmal im Gefängnis war. Oder mein Freund Hassan, der seine Mutter seit über 10 Jahren nicht mehr gesehen hat, weil sie im Gaza-Streifen lebt. Ein Arbeitskollege eines Freundes nahm mich mit nach Hebron und erzählte mir auf dem Weg dorthin, wie er während der letzten Intifada mit ansehen musste wie ein Mädchen von Soldaten erschossen wurde. Ein Bekannter berichtete mir begeistert von seinem ersten Besuch der Al-Aqsa-Moschee nach Jahren; ihm war lange Zeit die Einreise verweigert worden und er konnte jetzt aufgrund einer Erkrankung und der nötigen Behandlung in Jerusalem in die Stadt fahren. Fast unter Tränen zeigte er mir Bilder der Moschee und des Felsendoms auf seinem Handy – „Only Allah knows if I will ever see it again“. Was genau die Hintergründe all dieser Vorfälle waren, kann ich nicht sagen. Wie schon erwähnt fand keine der Aussagen vor einem offiziellen Hintergrund statt, sondern lediglich in privaten Gesprächen. Fakt ist jedoch, dass man sich im Kontakt mit den Menschen in der West Bank jeden Tag aufs Neue bewusst wird, wie fest sie mit dem Land, auf dem sie leben, verwurzelt sind. Die Kinder in den Flüchtlingslagern, die nie woanders gelebt haben, teils schon die zweite dort geborene Generation sind, nennen als ihren Herkunftsort die Dörfer und Städte, aus denen ihre Familien stammen. Dazu sollte ich erwähnen, dass mir die hier benannte „Opferrolle“ zu keiner Zeit als solche vermittelt wurde. Eher schien es mir, als sähe man sich selbst in einer Position der inneren Stärke, gegen alle Widerstände für sein Recht einzustehen. Das mag pathetisch klingen, spiegelt aber wohl am besten meinen Eindruck wieder. Dass nicht alles bei einem Aufenthalt in der West Bank so gefühlsbeladen klingen muss und dass gerade die jüngere Generation ihre Lage auch mal mit Humor nehmen kann wurde mir aber mindestens genauso oft klar. Auf einer Busfahrt entlang der Mauer sagte ein junger Filmregisseur aus Ramallah mit Blick auf eine Ziegenherde zu mir: „I wonder when the goats will finally start eating the wall… maybe we should paint it green.“