Femen Aktivismus in der arabischen Welt: Geburtshelfer der Emanzipation oder kulturimperialistische Befreiungswut? Ein kritischer Kommentar von Susanne Kaiser.

Mit ihrem ersten barbusigen Einsatz in der arabischen Welt sorgten die Aktivistinnen von Femen in Tunis für einen handfesten Skandal, freilich nicht ganz überraschend. Doch nicht nur aus der Perspektive von konservativen Islamisten ist die Aktion verurteilungswürdig, auch Muslimminnen aus der ganzen Welt, darunter viele Frauenrechtlerinnen, schließen sich der Kritik am „Oben-Ohne-Dschihad“ an. In der Facebook-Gruppe „Muslim Women Against Femen“ bringen Bilder von Transparenten mit der Aufschrift „Nudity does not liberate me and I do not need saving“ Wut und Protest gegenüber der ignoranten oder doch zumindest naiven Aktion zum Ausdruck, die in erster Linie der inhaftierten Aktivistenkollegin Amina galt, aber von vielen als Befreiungsversuch der arabischen Frau verstanden wird. Die Aktivistinnen sehen sich unter anderem mit dem Vorwurf des Rassismus, der Islamophobie und des Kulturimperialismus konfrontiert. Bildschirmfoto 2013-07-22 um 11.34.14 Frauenbefreiung oder Kulturimperialismus? „Die arabische Frau“ als Objekt Dass die Kampagnen keine große Rücksicht auf religiöse Gefühle nehmen, sich die Aktionen sogar explizit gegen Religion als Institution männlicher Herrschaft wenden, räumt Femen offen ein. Der Vorwurf des Rassismus und Kulturimperialismus hingegen dürfte zunächst überraschen, schließlich gilt das Interesse von Femen in erster Linie dem Ideal der Freiheit von Frauen, ob diese nun in der arabischen Welt zuhause sind oder anderswo. Doch genau hier liegt das Problem: Nicht allein die provokativen Mittel des Protests sondern bereits das Anliegen, Frauen aus anderen Kulturen aus ihren patriarchischen Unterdrückungsverhältnissen zu befreien, ist Anlass genug zur Empörung. Denn diejenigen, um die es bei der Befreiung geht, werden gar nicht gefragt, ob sie befreit werden wollen oder sich überhaupt unfrei fühlen. Von einem eurozentrischen Standpunkt aus, der die Sicherheit eines absoluten und universalgültigen Wertmaßstabes garantiert, scheint das auch nicht nötig zu sein. Den Aktivistinnen ist dabei weder die historische Dimension noch das Dilemma bewusst, in welches sie die Zielgruppe ihrer Aktionen stürzt. Nicht erst seit der Diskussion in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts um die Möglichkeit, die Stimme zu erheben für all diejenigen, die sich nicht selbst vertreten können (am prägnantesten in Gayatri Spivaks Aufsatz „Can the Subaltern Speak?“), dürfte klar sein, dass es ein Repräsentationsproblem zwischen Orient und Okzident gibt, das bis heute fortbesteht. Bereits die Orientalismusdebatte brachte dies auf den Punkt, die Edward Said 1978 mit seiner Studie „Orientalism“ über das Orientbild in europäischen Künsten, vor allem Literatur, in die westliche Welt transportierte. So entspringt bereits die Zuschreibung an Musliminnen als schwach und unterdrückt dem in Europa von vielen geteilten Bild der Frau in orientalischen Gesellschaften. Der Protest der Aktivistinnen von Femen ist dabei nur der jüngste Fall einer kulturell und gesellschaftlich gesehen von außen initiierten Befreiungskampagne der arabischen muslimischen Frau durch europäische Akteure. Zwar ist Femen potentiell in der ganzen Welt aktiv, überschreitet dabei kulturelle und geographische Grenzen und wurde von einer Ukrainerin gegründet. An dem Nacktprotest in Tunis waren aber bezeichnenderweise nur zwei Französinnen und eine Deutsche beteiligt. Nicht einmal die tunesische Kollegin Amina, der die Solidaritätsaktion galt, hatte sich zuvor in dieser Form gegen das Patriarchat ihres Landes zur Wehr gesetzt. Vielmehr sitzt sie im Gefängnis, weil sie an einer Friedhofsmauer den Schriftzug „Femen“ angebracht hatte. Von dieser Unverhältnismäßigkeit der Gefängnisstrafe für eine Bagatelle ist der Blick angesichts des größeren Skandals jedenfalls erfolgreich abgelenkt. Die europäischen Aktivistinnen reihen sich damit in die Geschichte der Zivilisierungs- und Befreiungsmissionen, die das gesamte 20. Jahrhundert hindurch die britische, französische und italienische Kolonialpolitik in Nordafrika prägte. Historische Vorbilder: Ägypten und Algerien In Ägypten etwa manifestierte sich die Befreiung der Frau in einer aggressiven Entschleierungspolitik und lieferte so die Rechtfertigung für den Kolonialismus, der den Frauen die Freiheit und dem Land die Entwicklung nach europäischem Vorbild bringen sollte. Unter Lord Cromer, in Großbritannien selbst Vorsitzender des Anti-Suffragetten-Vereins, wurde die Frauenfrage zur kolonialen Agenda erklärt, war doch die Behandlung der Frau eines der deutlichsten Anzeichen für das Scheitern des Islam als Sozialsystem und der Schleier sichtbarer Ausdruck der weiblichen Unterwerfung. Gerade die Entschleierungspolitik diente aber nicht den Frauenrechten, sondern vielmehr den Kolonialmächten dazu, eine gesellschaftspolitische Spaltung der Geschlechter herbeizuführen und Ägypten so leichter unter Kontrolle zu bringen. Cromer ist auch dafür verantwortlich, dass ägyptische Frauen ihren Beruf als Ärztin nicht mehr ausüben durften, weil diese Arbeit für eine Frau von den Briten als nicht ziemlich angesehen wurde. Der Status der muslimischen Frau wurde bald auf den höchsten politischen Ebenen verhandelt. Im Zentrum stand dabei immer der Körper, der zur Fläche für die jeweiligen politischen Projektionen und Programme wurde und der ja auch von Femen als sichtbare und provokative Fläche für politische Forderungen eingesetzt wird. In Algerien beispielsweise war das weibliche Erscheinungsbild ein wesentlicher Faktor im Unabhängigkeitskampf, den der nationale Widerstand der FLN („Front de Libération Nationale“) gegen die französische Kolonialmacht gezielt für sich einzusetzen wusste. Der Psychiater und Kolonialkritiker Frantz Fanon beschreibt in „Aspekte der algerischen Revolution“ von 1959 (also noch im Algerienkrieg und vor der algerischen Unabhängigkeit im Jahr 1962 veröffentlicht), wie Algerierinnen unverschleiert und so als Europäerinnen getarnt Waffen oder Botschaften in ihren Handtaschen über die französischen Kontrollposten von der Altstadt in die Neustadt und umgekehrt schmuggelten. Sie konnten als Frauen unbehelligt passieren, weil ihre offenherzige europäische Kleidung sie harmlos und politisch nicht ernst zunehmen wirken ließ. Auch von ihren Landsleuten wurden die Frauen dabei kaum je gefragt, ob sie diese Vorgehensweise mit ihren religiösen Anschauungen vereinbaren können, vielmehr war es selbstverständlich, dass persönliche Gefühle der männlich geführten nationalen Sache unterzuordnen sind. Solidarität statt Alleingang Wenn die Aktivistinnen von Femen nun also mit den gleichen Intentionen, seien sie im Gegensatz zu den kolonialen Bestrebungen auch ernst gemeint, und der gleichen kulturellen Unkenntnis oder Verachtung in Tunesien einmarschieren, müssen sie sich den Vorwurf des Kulturimperialismus gefallen lassen. Gerade das Internet hätte zahlreiche Möglichkeiten geboten, sich mit Frauenorganisationen vor Ort kurzzuschließen und gemeinsame Aktionen zu planen, die den kulturellen Kontext berücksichtigen. Das ignorante Vorgehen kritisiert laut Spiegel beispielsweise die tunesische Frauenrechtlerin und Chefin der „Hizb Dschumhuri“ („Republikanische Partei“) Maya Jribi, die mit den patriarchischen Strukturen ihres Landes ebenfalls nicht zufrieden ist und sich seit vielen Jahren für die Rechte der Frauen auf Gleichheit und Freiheit einsetzt. Doch hält sie die Vorgehensweise von Femen für kontraproduktiv, weil sie den Islamisten argumentativ in die Hand spiele und die Vorurteile gegen den zu freizügigen Westen bekräftige. Die Parteichefin setzt hingegen auf juristische Erfolge, die wesentlich unspektakulärer und langwieriger zu erzielen sind. Die Aktionen von Femen sind aufgrund der großen Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, natürlich im Vorteil – gerade deshalb wäre eine gemeinsame Strategie wünschenswert, mit dem rechten Gespür für Angemessenheit und dabei medienwirksam. So medienwirksam beispielsweise, wie die Bilder von verschleierten Musliminnen, die gemeinsam mit und neben den ägyptischen Männern auf dem Tahrir-Platz für ihre Rechte demonstrierten.