Operation Mare nostrum – so nennt die italienische Regierung ihren „humanitären Militärein­satz“, der weitere Flüchtlingstragödien wie die auf Lampedusa am 3. Oktober verhindern soll. Die von den Römern übernommene Bezeichnung mare nostrum (unser Meer) wurde immer wieder von italienischen Politikern verwendet, um auf die beson­dere Stellung Italiens im Mittelmeer aufmerksam zu machen. Für eine humanitäre Opera­tion scheint der Begriff allerdings schon etwas unglücklich gewählt: Ob es Ministerprä­sident Letta und seinem Innenminister Alfano nun bewusst ist oder nicht, mare nostrum war über die Geschichte vor allem die Parole für einen italienischen Herr­schaftsanspruch im Mittelmeer. Die Historikerin Mariella Cagnetta nennt die Vorstellung der Italiener von „unserem Meer“ einen „geopolitischen Mythos von Pompeius bis Musso­lini“. von Jakob Krais     Der Mythos vom mare nostrum Pompeius und Mussolini – der eine Feldherr des alten Rom, der andere faschistischer Diktator – stehen beide für Imperialismus und Expansion. Die Idee des mare nostrum, die in der imperialistischen Ära des 19. und 20. Jahrhunderts die italienische Kolonial­lobby beflügelte, wurde verbunden mit dem Römischen Reich, mit den mittelalterlichen Seefahrerstädten Venedig und Genua – und mit Emigranten. Aus heutiger Sicht mag es paradox erscheinen: Versuchen die Italiener derzeit vor allem, mit den von Nordafrika her übersetzenden Einwanderern fertig zu werden, war es vor hundert Jahren gerade die Auswanderung von Italienern in andere Mittelmeerländer, aus der Politiker und Aktivis­ten eine mediterrane Mission ihres Landes ableiteten.   Italienische Auswanderer in Nordafrika Wie alle wohlhabenden Staaten Europas ist Italien längst ein Einwanderungsland – noch bis vor ungefähr 50 Jahren waren die Italiener dagegen eher als Auswanderer bekannt. Seinen Höhepunkt erreichte der große Exodus 1913, als fast 900 000 Italiener ihr Land verließen. Neben der massenhaften Emigration nach Amerika (in die USA, nach Brasilien oder Argentinien) und den Gastarbeitern, die ihr Glück in Deutschland oder der Schweiz, in Frankreich und Belgien versuchten, waren schon im 19. Jahrhundert italienische Auswan­derergemeinden über den Mittelmeerraum verstreut. In den alten Handelszen­tren Istanbul und Alexandria lebten in erster Linie Kaufleute italienischer Nationalität (häufig sephardische Juden). Die armen Bauern zog es eher an die direkt gegenüberliegen­den Küsten: Wie heute der kürzeste Weg afrikanische Flüchtlinge von Tunesien oder Libyen aus eben nach Lampedusa führt, legten auch die damaligen Auswande­rer oft dieselbe Strecke, nur in entgegengesetzter Richtung, zurück. Für viele Sizilianer lag damals in Tunis die Hoffnung auf ein neues Leben. So wie heute Einwande­rer aus Nordafrika zum Straßenbild der Großstädte von Palermo bis Turin gehören, wa­ren Menschen italienischer Herkunft lange Zeit fester Bestandteil der Bevölkerung in den Zentren der arabischen Mittelmeeranrainer. Anfang des letzten Jahrhunderts lebten in Tunesien vielleicht an die 100 000 Italiener – weitaus mehr als Franzosen, obwohl das Land seit 1881 unter französischem Protektorat stand. Auch in Algerien, das sogar schon 50 Jahre länger von Paris aus regiert wurde, bildeten die Franzosen immer eine Minderheit unter den europäischen Siedlern. Und auch hierhin wanderten Italiener in großer Zahl ein; Mitte des 19. Jahrhunderts hatte zum Beispiel die westalgerische Stadt Oran schon um die 40 000 italienischstämmige Einwohner.   Auswanderung als Basis der Kolonialherrschaft Diese Zahlen sind insofern etwas unsicher, als italienische Zeitgenossen sie gerne großrechne­ten, um einen Anspruch auf bestimmte Gebiete zu begründen. Mare nostrum bedeutete auch „unser Meer“, weil „wir“ all seine Küsten besiedelten. In einer Epoche, als Nationalismus und Kolonialismus fast überall in Europa die öffentliche Meinung bestimm­ten, wurde ein solches demographisches Argument zur Legitimation für die Eroberung von Kolonien: Da beispielsweise in Tunesien so viele Italiener lebten (eben viel mehr als Franzosen), sollte das Land nicht unter französischer, sondern unter italieni­scher Herrschaft stehen. Die italienische Öffentlichkeit war so besessen von der Idee der Vorherrschaft im Mittelmeerraum, dass Außenminister Mancini 1885 sogar die Besetzung eines Hafens im späteren Eritrea gegenüber seinen Kritikern folgendermaßen rechtfertigte: Man müsse sich eine Position am Roten Meer sichern, nicht weil es dort etwas Besonderes zu holen gebe, sondern weil das Rote Meer der Schlüssel zum Mittel­meer sei. Die Italiener in Libyen Dazu kamen als weitere Erinnerung an das mare nostrum immer mehr Ausgrabungen römischer Ruinen in allen Mittelmeerländern, besonders aber in Nordafrika. Damit konnte man nicht nur gegenüber Frankreich ein Recht auf diese Gebiet anmelden, son­dern sogar gegenüber deren Einwohnern: Die Römer waren schließlich noch vor den Arabern in Nordafrika gewesen, ursprünglich gehörte der Maghreb also den Italienern! Nachdem Italien mit Libyen ab 1911 endlich eine eigene Kolonie am Mittelmeer erobert hatte, hätten die Faschisten dieses „mediterrane Bollwerk“ gerne zum Ausgangspunkt genommen, um ein neues römisches Imperium zu errichten. Ab 1939 drangen die Trup­pen Mussolinis in Albanien, Griechenland und Jugoslawien, in Tunesien und Ägypten ein: Der faschistische Traum vom Mittelmeer als italienischem mare nostrum schien für einen Moment greifbar nahe ... Seit den Zwanzigerjahren hatte die Regierung in Rom versucht, ihre auswanderungswilli­gen Bürger in Libyen anzusiedeln. Über 100 000 zo­gen bis zum Aus­bruch des Zweiten Weltkriegs in die Kolonie, die die Propaganda schon zur „vierten Küste“ Italiens erklärte. Die letzten italienischen Siedler wurden erst 1970 vom Gaddafi-Regime als „Erben der Kolonialherrn“ ausgewiesen.   Vielleicht sollten sich Italiener und Europäer allgemein an die Geschichte ihrer eigenen Migrationen erinnern, wenn nun genau von dieser „vierten Küste“ aus eine neue Genera­tion mittelloser Menschen in See sticht, um ihr Glück in der Auswanderung zu suchen. Die Vorstellung der besonderen Stellung Italiens in seinem mare nostrum sollte eher an diese Vergangenheit denken lassen, als wieder einmal einen Vorherrschaftsanspruch gegenüber den südlichen Nachbarn zu formulieren, deren Meer es ebenso ist wie das der Italiener (oder Spanier oder Griechen).