Vor 25 Jahren, am 21. Dezember 1988, explodierte ein Verkehrsflugzeug über dem schottischen Lockerbie, 270 Menschen starben. Nach über einem Jahrzehnt zäher Verhandlungen gab Gaddafis Libyen dem internationalen Druck nach und übernahm die Verantwortung für die Tat. Dennoch kam der daraufhin verurteilte Hauptschuldige vorzeitig aus der britischen Haft frei. Das Lockerbie-Attentat symbolisiert so die widersprüchlichen Wandlungen im Verhältnis des Westens zu Gaddafi.

 

 Skandal oder humanitäre Geste? Als Abdel-Basset Ali al-Megrahi im August 2009 aus Großbritannien in sein Heimatland Libyen zurückkehrte, gingen die Meinungen auseinan­der. Der ehemalige Sicherheitschef der staatlichen libyschen Fluggesellschaft war nach zehn Jahren Haft gerade vom schottischen Justizministerium begnadigt wor­den. Aus gesundheitlichen Gründen, lautete die offizielle Stellungnahme. Der Aufschrei aus den USA, aber auch aus Großbritannien selbst, war groß: Megrahi war für schuldig befunden worden, im Auftrag des libyschen Geheimdienstes am 21. Dezember 1988 eine Pan-Am-Maschine auf dem Weg von London nach New York über dem schottischen Ört­chen Lockerbie zur Explosion gebracht zu haben. Für den Mord an insgesamt 270 Men­schen hätte er eigentlich mindestens 27 Jahre im Gefängnis verbringen sollen.

Im Sommer 2009 gab Schottlands Justizminister Kenny MacAskill dem Gnadengesuch Megrahis statt: Die Ärzte waren der Ansicht, der an Prostatakrebs leidende Häftling habe nur noch etwa drei Monate zu leben. Sofort wurde allerdings vermutet, bei der Entlassung des Lockerbie-Attentäters gehe es nicht nur um Menschlichkeit, sondern um handfeste wirtschaftliche Interessen – etwa die des britischen Konzerns BP im ölreichen Libyen. Für gute Handelsbeziehungen zum Gaddafi-Regime nahmen die Entscheidungsträger in Edinburgh und London auch in Kauf, dass der verurteilte Massenmörder Megrahi in Tripolis von Diktatorensohn Saif al-Islam persönlich als Held begrüßt wurde.

 

Reagans „Mad Dog of the Middle East“

Tatsächlich ist die Geschichte des Lockerbie-Attentats auch eine Geschichte von den Wandlungen der Politik des Westens gegenüber Gaddafis Libyen. Als am 21. Dezember 1988 kurz nach 19 Uhr Pan-Am-Flug 103 in Flammen aufging und nicht nur alle 259 Insassen, sondern auch noch elf Einwohner Lockerbies durch den Anschlag getötet wur­deLockerbie Gedenksteinn, war der Höhepunkt einer Gewaltspirale erreicht: Libyen hatte sich immer mehr zum Hauptgegner des Westens, in erster Linie der USA, in der arabischen Welt entwi­ckelt. Besonders seit dem Amtsantritt Präsident Reagans, der Gaddafi auf einer Pressekonferenz einmal als „Mad Dog of the Middle East“ bezeichnete, hatten die Spannungen zwischen dem nordafrikanischen Land und der westlichen Führungsmacht ständig zugenommen. Das Attentat vom 21. Dezember, bei dem 189 US-Bürger starben, erschien als Vergeltung für die Luftangriffe auf Libyen, die Reagan zweieinhalb Jahre zuvor angeordnet hatte. Bei der Bombardierung von Zielen in Tripolis und Libyens zweitgrößter Stadt Bengasi waren im Frühjahr 1986 ebenfalls zahlreiche Zivilisten ums Leben gekommen, darunter Gaddafis kleine Adoptivtochter. Die Angriffe der US Air Force waren wiederum eine direkte Reaktion auf den Anschlag in der Berliner Disko­thek La Belle nur wenige Tage zuvor, dem mehrere amerikanische Soldaten zum Opfer gefallen waren. Begonnen hatten die Auseinandersetzungen 1981, als die US-Marine zwei libysche Kampfflugzeuge über dem Mittelmeer abgeschossen hatte.

Die Regierung von Präsident Reagan, die sich eine harte Haltung im Kalten Krieg auf die Fahnen geschrieben hatte, vermutete auch in der arabischen Welt überall sowjetischen Einfluss. Gaddafi schien ihr zunächst – wie die anderen arabisch-sozialistischen Regime von Algerien über Syrien bis Südjemen – nichts als eine Moskauer Marionette zu sein.

 

Gaddafis Selbstinszenierung als Freiheitskämpfer

Gaddafi selbst verstand sich dagegen seit jeher als großen Vorkämpfer für die Dritte Welt und unversöhnlichen Gegner von Kolonialismus und Imperialismus. Die libyschen Erdöleinnahmen setzte er großzügig zur Unterstützung von „Freiheitskämpfern“ in aller Welt ein. Das konnten Bewegungen sein, die durchaus auch in Westeuropa ihre Sympathisan­ten hatten, zum Beispiel Nelson Mandelas ANC oder verschiedene linksgerichtete Gruppierungen in Lateinamerika. Der selbst ernannte libysche „Revolutionsführer“ förderte aber auch afrikanische Diktatoren wie Ugandas Idi Amin, muslimische Rebellen auf den Philippinen und nicht zuletzt Terrororganisationen in Europa selbst wie die baskische ETA oder die nordirische IRA. Sein zentrales Anliegen war allerdings der Kampf der Palästinenser gegen Israel. In den Achtzigerjahren waren es dann zunehmend die Aktionen radikaler palästinensischer Gruppen, die Libyen als Unterstützer des Terrorismus in den Blick rückten: Den Angriffen von 1986 war nicht nur das La Belle-Attentat vorausgegangen, sondern auch die Entführung des italieni­schen Kreuzfahrtschiffs Achille Lauro, bei der ein Amerikaner ermordet wurde, sowie Anschläge auf die Flughäfen von Rom und Wien – alles Aktionen palästinensischer Terroristen, hinter denen die USA aber Libyen vermuteten.

 

Comicfigur oder „gefährlichster Mann der Welt“?

Von einem simplen Satelliten der Sowjetunion hatte sich Libyen in der öffentlichen Wahrnehmung zur zentralen Basis des internationalen Terrorismus gewandelt – das Lockerbie-Attentat galt bis zum 11. September 2001 als schlimmster Terroranschlag auf ame­rikanische Zivilisten. Das Magazin Newsweek titulierte Gaddafi gar als „gefährlichs­ten Mann der Welt“. Schon damals bemängelten Kritiker jedoch, die Reagan-Administra­tion habe den libyschen Diktator zu einer Art Comicfigur aufgebaut – den die amerikani­sche Öffentlichkeit als Hassobjekt gerne annahm –, um relativ gefahrlos außenpolitische Stärke zu demonstrieren. Die Luftschläge von 1986 beendeten den Terrorismus jeden­falls keineswegs, wie unter anderem das Lockerbie-Attentat bewies. Und Gaddafi, der in der arabischen Welt weit entfernt von der angestrebten Führungsposition blieb, gefiel sich selbst nicht schlecht in der Rolle des gefährlichen Hauptgegners der Supermacht USA. Ob alle Anschläge jener Jahre dabei wirklich auf das Konto des libyschen Regimes gin­gen, ist freilich keineswegs sicher. Sogar was Lockerbie angeht, wurde immer wieder vermutet, nicht Libyen, sondern der Iran könne für das Attentat verantwortlich gewesen sein – die Islamische Republik war schließlich der andere große Feind der USA im Na­hen und Mittleren Osten, außerdem hatten amerikanische Streitkräfte kurz vorher ein iranisches Verkehrsflugzeug über dem Persischen Golf abgeschossen. Eine weitere Ermittlungsrichtung verfolgte das deutsche BKA (die Bombe, die die Pan-Am-Maschine auseinanderriss, kam am 21. Dezember mit einem Zubringerflug aus Frankfurt): Hier deutete einiges auf eine Gruppe palästinensischer Terroristen hin, die in der Bundesrepublik ansässig waren.

 

Ein Schurke als geschätzter Partner

Trotz bestehender Zweifel sah sich Gaddafis Libyen nach dem Lockerbie-Anschlag  international mehr und mehr isoliert (zumal 1989 ein ebenfalls Libyen zugeschriebener Anschlag auf ein französisches Passagierflugzeug in Niger folgte). Im April 1992 erließ der UN-Sicherheitsrat weit reichende Sanktionen gegen das Land, denen sich auch die arabischen Staaten zum größten Teil anschlossen. Nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation erhofften viele eine neue Weltordnung, die auf internationaler Koopera­tion beruhen würde. Libyen wurde nun, zusammen mit dem Irak, zum Außenseiter in dieser neuen Ordnung, zum geächteten „Schurkenstaat“ par excellence. Nach langen Verhandlungen erklärte Gaddafi sich 1999 jedoch endlich bereit, die Hauptverdächtigen im Lockerbie-Fall auszuliefern, und die libysche Regierung übernahm schließlich „die Verantwortung für die Handlungen ihrer Funktionsträger“. Vier Jahre später verkündete er zudem einen Verzicht auf Massenvernichtungswaffen.

Danach ging die Wiederaufnahme Libyens in die Weltgemeinschaft überraschend schnell: Die europäischen Staats- und Regierungschefs, unter ihnen der damalige Bundeskanzler Schröder, gaben sich in Tripolis die Klinke in die Hand. Gaddafi wurde zum wichtigen Partner der EU, besonders was die Energiesicherheit betrifft (2010 flos­sen etwa 80 % der libyschen Erdölexporte nach Europa). Neben dieser Geschäftspartnerschaft sollte der ehemalige „Schurkenstaat“ die Außengrenzen der Europäischen Union schützen helfen und afrikanische Flüchtlinge an der Reise über das Mittelmeer hindern. Dafür lieferten westliche Länder nun auch bereitwillig Waffen nach Libyen. Etwas später als die Europäer nahmen auch die USA wieder diplomatische Beziehungen zu Tripolis auf; 2010 kam es sogar zu einem Handschlag zwischen Gaddafi und Präsident Obama. In diesem guten Geschäftsklima sollte die Entlassung Megrahis, der 2001 von einem in Den Haag tagenden schottischen Gericht wegen des Lockerbie-Anschlags zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, wohl einen verbliebenen Störfak­tor in den ansonsten guten Beziehungen eliminieren.

 

Der Fall des Tyrannen

Noch schneller als Gaddafi sich um die Jahrhundertwende vom „gefährlichsten Mann der Welt“ in einen geschätzten Geschäftspartner verwandelt hatte, wurde er freilich 2011 von westlichen Politikern und Medien wieder zurück in den „Schurken“ transformiert. Dabei spielte wiederum Lockerbie eine Rolle: Mustafa Abdel-Dschalil, früher Gaddafis Justizminister und nun Führer der Opposition, behauptete im Februar 2011, er könne beweisen, dass der Diktator persönlich 1988 den Terrorakt angeordnet habe. EU und USA setzten schon früh auf eine Kooperation mit den Aufständischen; die NATO interve­nierte in Libyen und trug maßgeblich zum Sturz des Regimes bei. Mit seinem Tod im Oktober endete Gaddafis schillernde Karriere nach 42 Jahren an der Macht: In dieser Zeit hatte er sich in den Augen der westlichen Öffentlichkeit zunächst vom Revolutionär und sowjetischen Vorposten am Mittelmeer zum aus der internationalen Gemeinschaft ausgestoßenen Terrorfürsten gewandelt, dann zum wichtigen Kooperationspartner an der Südgrenze Europas und letztlich wieder zum brutalen Tyran­nen.

Abdel-Basset al-Megrahi lebte übrigens noch weitaus länger als die drei Monate, die die Ärzte ihm im Sommer 2009 prognostiziert hatten – er überdauerte sogar noch Gaddafi. Erst im Mai 2012 erlag der verurteilte Lockerbie-Attentäter schließlich seinem Krebslei­den.