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Libanesen und Iraner in Syriens Sicherheitsapparat?

Zur Zeit wabern viele Gerüchte über eine libanesische oder iranische Beteiligung am syrischen Aufstand durch den Pressesumpf. Wir wollen im Folgenden ein wenig versuchen in diesem Nebel herumzustochern. Wie vertrauenswürdig sind diese Gerüchte und was steckt dahinter?

Umstrittene Videos

Generell gilt: zuvörderst sind Gerüchte eben Gerüchte. Sie sind schwer überprüfbar und verfolgen zumeist ein spezifisches politisches Interesse.  Allemal, seit die syrische Regierung ihr Land nach außen hin abschottet. In diese Kategorie gehören sicher auch die vielen Hinweise auf eine mögliche Beteiligung libanesischer und iranischer Bewaffneter an der Niederschlagung des syrischen Aufstandes. Eines der wichtigsten Foren der syrischen Gerüchteküche ist nunmehr das Internet. Schauen wir uns dort einige dieser Gerüchte mal im Detail an:

  • Zu sehen sind auf einem Kanal der syrischen Opposition drei bewaffnete Männer in Räuberzivil auf den Straßen einer Stadt, die angeblich in Syrien liegt. Schon der Ort ist jedoch nicht verifizierbar. Die Aufschrift auf dem weißen T-Shirt des breiter gebauten Mannes ist leider nicht zu entziffern, die abgebildete Person konnte ich ebenfalls nicht klar erkennen. Dass es sich um Männer der Hizb-Allah handeln soll, ist so unmöglich zu bestätigen, ebensowenig, dass sie eventuell aus dem Iran stammen könnten. Interessant ist jedoch, dass die Kommentatoren des Videos sich für diese Fragen erst gar nicht interessieren: Dass Bashar al- ´Asad eine Marionette der Iraner sein soll, die von einem „Diskutanten“ – falls man dies überhaupt so nennen kann – gar keine Frage. Die Iraner selbst werden sogar direkt als „Assasinen“ bezeichnet. Die nicht minder verschwörungstheoretischen Einwände der Verteidiger des gegenwärtigen syrischen Regimes bestätigen das Vorurteil, dass Youtube-Videos mit ihren Kommentaren, wohl zuvörderst Tummelplätze der Veschwörungsneurotiker und Querulanten jedweder Couleur sind.
  • Hier ist eigentlich sofort klar, dass es sich um ein Propagandavideo handelt. Zu sehen sind offensichtlich syrische Soldaten, die um einen Schützenpanzer herum stehen. Wiewohl die Überschrift uns Iraner verheißt, sprechen sie eindeutig Arabisch. Nichts rechtfertigt die Vermutung des Einstellers, dass es sich um Libanesen handele. Auch nicht, dass einer der Soldaten den Kameramann bei den Männern Hasan Nasr-Allahs willkommen heißt. Dass es sich tatsächlich um Kämpfer der Hizb-Allah handelt, ist schon allein deswegen sehr unwahrscheinlich, da diese für gewöhnlich keine Schützenpanzer fahren, schon gar nicht solche vom relativ schweren russischen (bzw. sowjetischen) Typ BMP-1 (und um einen solchen scheint es sich zu handeln). Diese wären im asymmetrischen Kampf gegen Israel, den Hauptgegner der Partei, auch kaum zu gebrauchen. Angesichts der Vielzahl syrischer Soldaten ist es auch eher unwahrscheinlich, dass das Regime in Damaskus, ausgerechnet die Hizb-Allah um Männer bitten muss, eben solche Fahrzeuge zu fahren. Der zu Beginn zu sehende Soldat links vom Panzer trägt eine Bartracht auf, die eher typisch sunnitisch ist. Also auch hier gilt: ein Fake-Video.
  • Auch hier sollen Iraner zu sehen sein, angeblich von der Opposition gefangengenommene Agenten, die jedoch – wieder einmal – Arabisch sprechen, wobei es jedoch auch im Iran eine arabische Minderheit gibt. Nach eigener Aussage sind sie Schiiten, was wohl von den Einstellern des Videos als Indiz für ihre iranische Identität angesehen wird. Beide sagen jedoch nichts über den Iran, sondern geben an, für den syrischen militärischen Nachrichtendienst zu arbeiten. Ein ernsthafter Hinweis auf eine libanesische oder gar iranische Abkunft fehlt auch hier.
  • In diesem Video (mittlerweile leider entfernt, sobald es wieder auftaucht, wird der Link erneuert) erklärt sich ein Oberstleutnant der Luftabwehr namens `Abd al-Sittar Yunsu für eine „Bewegung Freier Offiziere“. Diese gehört zu dem mittlerweile zwischen 15. und 25.000 Mann starken (die Angaben schwanken, mttlerweile sollen es sogar 50.000 geworden sein) Überläuferkontingent der Armee. Er wirft dem Regime vor, Iraner und Libanesen der Hizb-Allah ins Land zu lassen. Zu den von ihm genannten Forderungen seiner Bewegung, gehört auch deren Abzug. Ein ähnliches Video findet sich unter folgendem Link (Syrischer Soldat über Iraner und Libanesen) Er sagt, er habe mit eigenen Augen Iraner und Leute von der Hizb-Allah gesehen. Diese hätten auch auf Frauen und Kinder geschossen, syrische Soldaten die sich weigerten es ihnen gleichzutun, seien per Genickschuss ausgeschaltet worden. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussaagen lässt sich aufgrund des Videos selbst jedoch nicht sicher bestätigen. Von anderen Überläufern ist sie immer wieder westlichen wie  arabischen Journalisten berichtet worden.  Analog dazu ist noch folgendes Video zu sehen (Gefangene der Rebellen). Zwei gefangene Syrer berichten über Schiiten aus dem Libanon, dem Iran und dem Irak, die für das Regime kämpfen sollen. Die Antworten werden ihnen  geradezu in den Mund gelegt, zumal einer der Befragten zu Beginn nur von den „Leuten Maher al-´Asads“ spricht, bevor ihm einer der Fragenden den Hinweis  auf die Hizb-Allah aufdrängt. Der zweite Gefangene kann auch gar nicht genau bestätigen, ob die Irakis Muqtada as-Sadrs anwesend seien, was den Kommentator des Videos in seinem Urteil aber nicht erschüttert. Zwischenzeitlich wird mit Schlägen auch ein wenig nachgeholfen. Von dieser Quelle ist sicher weniger zu halten.
  • Hier ist ( bzw. war, sobald das Video auf Youtube wieder auftaucht, werde ich es neu verlinken) zu sehen, wie mehrere junge Syrer von teilweise uniformierten Bewaffneten mit abstoßender Brutalität verhaftet werden. Die Videoüberschrift, dass „der bellende Hund Irans“ Hasan Nasr-Allah  (Generalsekretär der Hizb-Allah) seine Schergen ausgesandt habe, erscheint hier zumindest nicht mehr hundertprozentig abwegig. Auffallend ist, dass zu Beginn der Sequenz ein junger Uniformierter mit amerikanischen Sturmgewehr wie es die Hizb-Allah durchaus benutzt, davon spricht, dass einer der verhafteten Syrer aus Aleppo stamme, auch später spricht er nochmals von „diesem Syrer“, als ob er und/oder der Kameramann keiner wäre. Allerdings könnte es möglich sein, dass der Kameramann Ausländer ist und dass sich folglich die Erklärung „dieser Syrer“ an ihn richtet. Schließlich benutzen alle anderen Bewaffneten sowjetische Waffen, die allerdings in der Arsenalen der Hizb-Allah ebenfalls vorkommen. Das vermeintlich amerikanische Gewehr des einen Soldaten, auf welches auch die Kommentatoren des Videos hinweisen, könnte aber auch eine falsche Fährte sein, da die VR China eine Kopie des amerikanischen Gewehrs M-16 herstellt. Einige Exemplare dieser Waffe des chinesischen Staatskonzerns NORINCO sind auch nach Syrien gelangt. Da die chinesische „Volksbefreiungsarmee“ sie nie einführte, landeten diese  oft im Iran, der während des Krieges mit Irak Nachschubprobleme hatte und für Waffen mit amerikanischen Bauteilen immer sehr dankbar war. Mittlerweile stellen Iran und Sudan Kopien her. Später im Film brüllen einige der Bewaffneten die Verhafteten mehrmals an, dass für sie wohl diejenigen der Feind seien, die Israel bekämpften. Dies spräche deutlicher für Hizb-Allah, die ja sehr aktiv gegen die Israelis zu Felde zieht. Allerdings glorifiziert sich auch das Regime in Damaskus als ein Israel bekämpfendes, welches obendrein stets die Opposition verdächtigt, vom Ausland (also auch von Israel) gekauft worden zu sein. Es bliebt also ein unklares Bild zurück.
  • Der von Vermummten vorgeführte Gefangene soll Mitglied der Hizb-Allah sein. Tatsächlich jedoch hält er einen syrischen Ausweis in die Kamera (der natürlich eine amtliche Fälschung sein kann) und sagt, er habe im Libanon gearbeitet und man habe ihm 1.000 oder 2.000 US-$ gezahlt (er erwähnt beide Zahlen, die im Untertitel angegebene Zahl 3.000 jedoch nicht) und ein Auto gegeben. Danach wären er und die anderen von der Hizb-Allah mit 4 bis 5 Bussen am Freitag nach Syrien verbracht worden. Ob dieses Video echt ist oder nicht, lässt sich kaum beurteilen, wenn es gefälscht wurde, wäre die schauspielerische Leistung allerdings bemerkenswert gut, zumal der Gefangene reichlich mitgenommen aussieht. Ob seine Aussage erpresst wurde, kann nicht beurteilt werden, allerdings sieht er recht übel zugerichtet aus. Tendenziell würde ich es daher für echt halten. Angesichts der sozialen Wirklichkeit im Libanon könnte ein kurzfristiges bewaffnetes Engagement im Nachbarland ja durchaus eine verführerische Option sein. Die als Bezahlung angegebene Summe ist zwar deutlich weniger als auf der rechtsradikalen Website der „Stormfront“  kampfeslustigen Europäern für den Dienst bei Qaddhafi angebote wurde (10.000 US-$), aber für einen Libanesen sind 1.000 oder 1.200 Dollar eine Menge Geld. Da die Preise – besonders für Wohnraum und Lebensmittel – in Beirut ziemlich hoch sind (in einige Stadtteilen erreicht der Mietpreis sozusagen Münchener Dimensionen, selbst das Phänomen der „Entmietung“ ist in der libanesischen Hauptstadt  rund um die partytauglichen Szenegegenden wohlbekannt), wäre hier in einigen Fällen wohl weniger ideologische Nähe, als die angebotene Geldsumme entscheidend.  Daneben lebt und arbeitet mehr als eine Viertelmillion Syrer im Nachbarland, oft für einen Hungerlohn. Auch für diese Gruppe wäre ein bewaffneter Einsatz in der Heimat möglicherweise attraktiv.
  • Gefangene Iraner? 
  • Hier sehen wir einen kleinen Report von al-Jazeera, die eine angebliche Gruppe gefangener iranischer Soldaten zeigen, die recht bereitwillig die Teilnahme an Massakern einräumen. Allerdings existieren gewisse Ähnlichkeiten mit iranischen Ingenieuren, die in Syrien arbeiteten. Wiewohl die Gefangenen klar Persisch sprechen, scheint keinesfalls offensichtlich zu sein, dass es sich auch wirklich um Soldaten und nicht um gefangene Zivilisten handelt. Auch hier bliebt ein mindestens schaler Beigeschmack übrig. Auch die Begründung des Sprechers der syrischen Opposition, es müsse sich um Soldaten handeln, denn der Iran habe versucht, sie wieder zu erlangen, scheint alles andere als logisch: Im Normalfall liegt es wohl im Interesse jedes Staates gefangene Staatsbürger frei gelassen zu bekommen, gleich ob Zivilisten oder Militärs.

Fassen wir zusammen: Hundertprozentig überzeugende filmische Belege für die Präsenz von Libanesen und Iranern fehlten lange Zeit. Erst um einiges  später wurden die Hinweise konkreter – mittlerweile bekennt sich die Hizb-Allah auch ganz offen zu ihrem Einsatz im Nachbarland. Allerdings lässt die Vielzahl der Anschuldigungen syrischer Deserteure, Iraner würden mitschießen, durchaus vermuten, dass dies nicht  aus der Luft gegriffen ist. Zudem berichteten verschiedene arabische Medien über diese Gerüchte. Wenn wir von Libanesen sprechen, wird in diesem Zusammenhang natürlich immer die schiitisch-isalmistische Hizb-Allah gennant. Hizb-Allah, Iran und ihre Alliierten bestritten ein solches Engagement allerdings bislang vehement: Michel `Aoun, wichtigster christlicher Partner der „Partei Gottes“ im Libanon,  sprach etwa von einer „Intrige“ (al-Hayyat, 23.03.2011).  Sicher ist allerdings, dass sich bislang iranische Militärberater im Libanon und in Syrien befanden, in beiden Fällen als Helfer ihrer Verbündeten. Auch in ziviler Mission halten sich viele Iraner im Lande auf. Und warum sollten diese gerade jetzt abziehen? Diese Frage zu beantworten, ist nicht Zweck des Artikels. Es geht hier nicht darum festzustellen, ob sie da sind sondern dass ihre Anwesenheit behauptet wird, wiewohl viele dieser Belege nicht belastbar sind.  Es geht also nicht um das „ob“, sondern um das „warum“ der Behauptung.

Angesichts der vielen gefälschten Videos stellt sich uns vielmehr die Frage, welchen Zweck diese erfüllen. Kurzum, es geht um das mittlerweile für viele sunnitische Extremisten identitätsstiftende Phänomen des Anti-Schiismus, nicht um die Frage einer realen Präsenz der Hizb-Allah in Syrien.

Schiitische Achse?

Die enge Bindung des Iran an Syrien hängt aber weniger mit irgendeiner „schiitischen Achse“ zusammen, wie Daniel Pipes oder in den 80ern Michel Seurat mutmaßten, auch wenn sunnitisch-arabische Medien sich ebenfalls gerne in dieser Klischeekiste bedienen. Vielmehr dürften strategische Erwägungen ausschlaggebend sein: Der wichtigste Rivale der `Asad-Dynastie in Damaskus war stets das konkurrierende Ba`th-Regime in Bagdad. Und im Rahmen dieser Rivalität befehdete man sich mit allen nur möglichen Mitteln:

  • Wenn Syrien im Libanon den Bürgerkrieg beenden wollte, unterstützte der Irak prompt den damals noch syrienfeindlichen General `Aoun
  • kämpfte die syrische Armee östlich von Beirut zusammen mit mehr oder weniger linken Muslimmilizen gegen christliche Kämpfer, half Saddams Regime letzteren mit Waffenlieferungen
  • und auch eine veritable Terrorkampagne vermittels palästinensischer Splittergruppen lieferten sich die beiden Staaten; 1976 etwa stürmte der pro-irakische palästinensische Fatah-Revolutionsrat das Semiramis-Hotel in Damaskus, als Vergeltung für die syrische Intervention im Libanon auf Seiten der Christenmilizen; die schweren Anschläge 1986 in Damaskus wurden neben den Israelis und US-Amerikanern auch den Irakis zugeschrieben, da die Ausführenden (entweder radikale sunnitische Islamisten oder christlich-libanesische Extremisten aus dem Bereich der sog. „Zedernwächter“,  möglicherweise auch eine Kombination aus beiden, wie gefangene Muslimbrüder damals angaben) allein kaum über die nötige Logistik verfügt hätten
  • als Saddam Husain im Irak 1979 an die Macht kam, „säuberte“ er seine Partei auf der Grundlage des Vorwurfes, Teile der Mitglieder hätten sich mit einer „ausländischen Macht“ verbündet. Da dies kaum der Iran sein konnte (bei säkularen Sunniten wäre das wohl kaum überzeugend gewesen), war klar, dass es sich dabei um Syrien handeln musste
  • folgerichtig fand sich Syrien – getreu der alten Devise „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ – neben Libyen auch als einziger arabischer Staat 1980 auf der Seite Teherans wieder, als der Irak seinen östlichen Nachbarn überfiel.

Und diese Allianz hält bis heute, v.a. weil die Syrer so verbilligtes iranisches Öl beziehen können. Möglicherweise hat Syrien aber auch von iranischen Rüstungsprogrammen profitiert. 2006 unterzeichneten beide Staaten zudem ein Verteidigungsabkommen, das sich zuvörderst gegen die USA und Israel richtet. Die gemeinsame – wenn auch nicht bedingungslose – Hilfe für Hizb-Allah einigt zusätzlich: Für beide Staaten bringt dies Einfluss im Libanon und ein Druckmittel gegen Israel, das auf konventionell-militärischem Wege kaum erreichbar wäre.

Konfessionalismus als ambivalente politische Waffe

Neben diesem straetgisch motivierten Kern muss jedoch auch ein wesentlicher Aspekt dieser Anschuldigungen berücksichtigt werden, der mit zwei Dingen zusammenhängt:

  1. Zum einen dem angenommenen (wenn auch nicht tatsächlichen) konfessionalistischem Charakter des syrischen Regimes als angeblichem Regiment der `Alawiten und zum anderen die Rolle, die Perser im arabischen Teil des Vorderen Orients oftmals wahrnehmen müssen. Nun ist es eben nicht so, dass Rassismus in eben dieser Region vollkommen unbekannt wäre. Als Saddam Husain im Krieg gegen Iran mit schöner Regelmäßigkeit geradezu abstoßende anti-iranische Stereotypen verwandte, konnte er zumindest an vorhandene Vorstellungen anknüpfen. Schon sein Onkel Khair-Allah Talfah hatte das berühmte Pamphlet „Drei Dinge, die Gott nicht hätte erschaffen sollen: Perser, Juden, Fliegen“ verfasst, dass sein Großneffe Udai 1989 sogar amtlich veröffentlichen ließ. Nun ist dies sicher ein extremer Fall, der für die arabischen Gesellschaften ähnlich repräsentativ sein dürfte, wie die NPD für die deutsche. Nichts desto trotz appelliert ja auch diese nicht an etwas, das sie aus der Luft gegriffen hat, sondern an Stereotypen, die durchaus eine gewisse historische Wurzel in Deutschland aufweisen. Hinzu kommt, dass der Perser als Feindbild im Irak für die dortige Sektion der al-Ba`th nochmals eine besondere Rolle spielte, was sich insbesondere in der Frage nach der Ausbürgerung angeblich persischstämmiger Iraker während  ihrer Herrschaft ausdrückte. Generell aber sind im arabischen Raum Iraner bzw. Perser durchaus Ziel rassistischer Ausbrüche und vice versa. Wer die diversen Facebookseiten aufsucht, auf denen über die müßige Frage gestritten wird, ob denn der Persische Golf nun ein persischer oder doch eher ein arabischer sei solle, kann sich von den Auswüchsen dieses Phänomens überzeugen. Insofern ist die Anschuldigung radikaler Teile der syrischen Opposition, das Regime sei iranisch, durchaus brisant, appelliert sie doch an recht niedere Instinkte oder ist Ausdruck derselben (und von nicht minderer Qualität als die einschlägigen Ausbrüche der amtlichen Nachrichtenagentur SANA gegen die Opposition). Mittlerweile hat diese Anschuldigung einen festen Platz in der Symbolik der Proteste eingenommen, sei es im Slogan „Nicht Iran, nicht Hizb-Allah, wir wollen einen gottesfürchtigen Muslim“ („la Iran, la Hizb-Allah, bidna Muslim iakhaf Allah“, „Nicht Iran, nicht Hizb-Allah, wir wollen einen gottesfürchtigen Muslim“, ab ca. 1,50 Min.) , der Verbrennung der Flaggen Russlands, Chinas, Irans und der Hizb-Allah (Brennende Fahnen 1   Brennende Fahnen 2   Brennende Fahnen 3  ) oder des Porträts Hasan Nasr-Allahs durch Demonstranten (Verbrennung des Porträts H. Nasr-Allahs 1  Nasr-Allah 2  Nasr-Allah 3 )
  2. Gleichzeitig aber ist dieser Vorwurf nicht zwangsweise Ausdruck einer generellen Ablehnung der Schiiten, sondern einer politischen Unzufriedenheit mit dem Regime. Das macht seine Ambivalenz aus.  Hier bricht sich der Zorn über die Unterstützung des Systems ´Asad Bahn, dessen Schutzmächte  zur Zielscheibe werden, immerhin trifft dieser ja auch – wenn auch ingeringeren Maße – Russland und China. Nun ist es eben so, dass Hizb-Allah und der Iran auf allen Kanälen zur Unterstützung des Regimes in Damaskus aufrufen, oftmals verbrämt mit einer Ermahnung zur Reform, die aber unter Führung des gegenwärtigen Regimes stattfinden solle . Presseorgane dieser beiden Verbündeten  werden seit Beginn der Unruhen nicht müde, die syrische Opposition als konfessionalistisch zu bezeichnen. Zusätzlich mutiert hier jedoch auch die offizielle Legitimation des Regimes zum Eigentor. Vor allem die Hizb-Allah erfüllte für Bashar al-´Asad hierbei eine wichtige Funktion: Im selben Maße wie das mangelnde Charisma der syrischen Präsidentenfamilie, allen voran Bashars unüberhörbares Lispeln, wenig legitimatorische Effekte zuließ, gelang es mit der Mystik des „muqawamah“, des bewaffneten Widerstandes gegen Israel, den das Regime in Damaskus selbst trotz aller Rhetorik so hartnäckig scheut, diese Lücke zu schließen. Nicht zuletzt deshalb wurden die Porträts Nasr-Allahs und des marj`a der Hizb-Allah, des kürzlich verstorbenen Großayatollah Muhammad Husain Fadl-Allah, besonders zahlreich von den (halb-) offiziösen Bilderhändlern Syriens verkauft.

Fazit

So wenig der Aufstand in Syrien ein konfessionalistischer Ausbruch ist, dazu beteiligen sich an ihm zu viele Syrer unterschiedlichster Herkunft, an so sehr lassen diese Symboliken jedoch erahnen, dass entsprechende konfessionalistische Zuspitzungen bei einer weiteren Eskalation der Auseinandersetzung durchaus möglich, wenn nicht sogar sehr wahrscheinlich sind. Hierfür spricht auch die weitgehende Isolation der `Alawiten im öffentlichen Raum Syriens, gleich ob diese nun Selbst- oder Fremdisolation ist. Für ein Syrien nach den `Asads wird dies eine schwere Hypothek darstellen. Einige derjenigen, die angeblichen Belege eines iranischen oder libanesischen Engagements in Syrien bei Youtube kommentierten, verstiegen sich sogar in die Behauptung, sie würden sich tausendmal lieber von Israel erobern lassen, als von den Schiiten, was angesichts der Rolle Israels in der politischen Kultur der arabischen Welt starker Tobak ist. So extremistisch und exzentrisch sich diese Ausbrüche anhören: Jeder Tag, an dem das syrische Regime weiter schießen lässt, wird ihnen mehr Gehör verschaffen.

2 Kommentare

  1. Kareem Sheahdeh

    26. Februar 2012 at 09:28

    hab diesen Blog heute durch Zufall gefunden. Vielen dank für deine genaue journalistische Recherchearbeit. Werde ab jetzt öfter bei dir lesen. Mfg

    • Thuselt Christian

      28. Februar 2012 at 09:18

      Leider waren zwischenzeitlich fast alle Links aus dem Netz verschwunden. Obwohl wir uns bemühen, regelmäßig unsere Verweise auf Aktualität hin zu überprüfen, gelingt es uns nicht immer, auf dem neuesten Stand zu bleiben. Wir bitten also um Entschuldigung, falls irgendwann mal ein Link fehlt oder gar nicht mehr hochgeladen werden kann.

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