von Anna Sunik Noch vor wenigen Jahren im lonely planet als „probably the most boring place on earth“ beschrieben, ist Katar seit einiger Zeit, vor allem aber seit Beginn des „Arabischen Frühlings“, ständig in den Schlagzeilen.

Seit Emir Hamad bin Khalifa Al Thani 1995 seinen Vater absetzte, der ohnehin die schweizerischen und französischen Kurorte interessanter fand als das karge katarische Hinterland, ereignete sich ein rascher Wandel. Zusammen mit seiner zweiten Frau, der politisch sehr aktiven Scheikha Moza, setzte er in den 18 Jahren seiner Regentschaft politische und soziale Reformen in den Bereichen Bildung, Infrastruktur, Politik und Wirtschaft um. Katar ist zum größten Flüssiggaslieferanten der Welt geworden. In der Education City in Doha haben Kataris freien Zugang zu Hochschulbildung in Dependancen amerikanischer Universitäten und die Qatar Foundation (Vorsitzende der privaten, aber vom Emir gegründeten Stiftung ist Sheikha Moza) stellt ungeheure Töpfe für Projekte im Entwicklungs-, Wissenschafts- und Forschungssektor bereit wie auch für das Sponsoring von Sportvereinen (seit 2010 tragen die Barça-Trikots den Schriftzug der Stiftung).  Die rasante Entwicklung brachte zahlreiche Gegensätze hervor.

Seit einigen Jahren glitzern atemberaubende Wolkenkratzer am Ufer der Hauptstadt des kleinen Wüstenstaates, der bis vor wenigen Jahrzehnten vollständig von der Perlenfischerei abhängig war und nur vereinzelte Fischersiedlungen und Beduinenzelte kannte. Vollverschleierte Frauen in schwarzer Abbaya und Männer in weißen Dischdaschas spazieren neben asiatischen Gastarbeitern und westlich gekleideten Geschäftsleuten an der Corniche entlang. Kataris stellen lediglich 15% der Gesamtbevölkerung, der Rest sind ausländische Arbeitskräfte. Ein Rekord sogar für eine Region, für die importierte Lohnarbeit den Standard darstellt.

Das winzige Land, mit einer der höchsten Diabetes- und Übergewichtrate der Welt, hat durch die Durchführung internationaler Veranstaltungen wie der Asienspiele 2006 und dem Bau modernster Stadien erfolgreich ein sportfreundliches Image aufgebaut und es geschafft, ein globales Mega-Event wie die Fußballweltmeisterschaft 2022 an Land zu ziehen. Der Sommer mit über 40°C Durchschnittstemperatur stellt dabei keine Herausforderung dar. Wenn die Veranstaltung nicht auf den Winter verlegt wird, werden die Stadien mit innovativer Technik auf wohlige 27°C  runtergekühlt. Alkohol soll dann sogar außerhalb von Hotels und Bars verfügbar sein.

Geprägt von einer dem saudischen Wahhabismus nahestehenden konservativen Form des Islam, unterstützt der reiche Golfstaat islamistische Bewegungen in aller Welt und baut Prachtmoscheen in muslimischen Ländern während er gleichzeitig Religionsfreiheit in seiner Verfassung festschreibt und seit einigen Jahren den Bau von Kirchen erlaubt.

Zuhause wird ausländische Kultur und Bildung gefördert, doch auch die einheimische Tradition kommt nicht zu kurz. Ihre Assimilation in der neuen Verwestlichung soll aufgehalten werden. Regelmäßige „Heritage Festivals“ und zahlreiche „Heritage“ und „Cultural Villages“ in Doha bieten ein romantisiertes Forum für die traditionellen Merkmale des persischen Golfs – wie Perlen, Palmen, Fischerboote, Kamele und die Falknerei. Zusammen mit der wachsenden wirtschaftlichen und regionalpolitischen Bedeutung, sorgen solche Projekte für einen langsamen Übergang einer extrem personalisierten Herrschaftsform hin zu einer nationalen Idee und Identität. So gefestigt scheint diese inzwischen zu sein, dass Emir Hamad, noch während die regionalen Umbrüche in anderen Ländern in vollem Gange sind und arabische Herrscher von Marokko bis Bahrain eine Initiative nach der anderen starten, um an der Macht zu bleiben, abtritt. Am 25. Juni 2013 verkündete er die Herrschaftsübergabe an seinen 33-jährigen Sohn Tamim bin Hamad und die „kommende Generation“. Auch damit bricht der Monarch mit der lokalen Tradition. Nicht nur der Kontrast zum gerontokratischen Saudi Arabien, wo ein König sein Amt nicht einmal bei langem körperlichen  und geistigem Siechtum aufgibt, ist auffällig. Auch für Katar ist es das erste Mal seit 1960, dass kein Palastcoup notwendig wäre, um einen Herrschaftswechsel zu vollziehen.

Die für ausländische Beobachter vielleicht auffälligste Entwicklung unter Hamad bin Khalifa war jedoch die außenpolitische. Nachdem sich der Emir zusammen mit seinem Premier- und Außenminister Hamad bin Jassem Al Thani über Jahre hinweg einen Ruf als „honest broker“ in der regionalen Mediationspolitik erworben hat, brachte der „Arabische Frühling“ ein Kehrtwende. Der Beginn der Proteste 2011 und vor allem die Dominoreaktion der fallenden Staatsoberhäupter in Tunesien, Ägypten, Jemen und Libyen brachten Präsidenten und Könige in anderen arabischen Staaten an den Rand des Herzinfarktes. Der katarische Emir hingegen schien darin die Gelegenheit zu sehen, die Machtposition seines Landes in der Region auszuweiten. Katar ergriff Partei für die Protestbewegungen, unterstützte aktiv die Rebellen zunächst in Libyen, dann in Syrien. Mittlerweile ist der Zwergstaat der  größte Geldgeber des von den Muslimbrüdern regierten Ägyptens. Die Taliban eröffneten letzte Woche offiziell ihr politisches Büro in Doha, vor einigen Tagen beschlossen die „Freunde Syriens“ Militärhilfe für die Rebellen nach einem Treffen in der Hauptstadt. Diese Umtriebigkeit ist für einen so kleinen Staat erstaunlich und bemerkenswert. Über 85 Millionen Treffer spuckt dann auch die Suchmaschine aus, wenn man „Qatar punches above its weight“ googelt.

Nicht alle sind jedoch vom katarischen Aktivismus angetan. Wenig überraschend ist die Kritik von Seiten Baschar al-Assads, der mit von Katar und Saudi-Arabien unterstützen Rebellengruppen konfrontiert ist: "Sie sind nach einer langen Zeit der Armut plötzlich reich geworden und glauben, sie können sich mit ihrem Geld Geografie, Geschichte und eine regionale Rolle kaufen." Doch auch die Nachbarn am Persischen Golf sind pikiert ob Katars wachsender regionaler Rolle und seiner Nähe zur Muslimbruderschaft. Sogar ehemalige Alliierte in Libyen und Ägypten sind zunehmend desillusioniert. Al Jazeera, der wahrscheinlich bekannteste arabische Nachrichtensender der Welt und vor den Umbrüchen bewundert für seine schonungslose Berichterstattung, verlor soviel Ansehen, dass der Sender eine fingierte Studie zitieren musste, um zu beweisen, dass er immer noch der populärste ist.

In einer absoluten Monarchie, die keine formelle Meinungs-und Pressefreiheit kennt und in der jeder Artikel erst einmal vom Chefredakteur auf politische Harmlosigkeit überprüft wird, ist allerdings bereits die Existenz eines solchen Senders eine Anomalie. Im Unterschied zu Nachbarn wie Saudi-Arabien oder Bahrain, die schwere Geschütze auffahren müssen, um ihre Opposition in Schach zu halten und das Fortbestehen ihres Regimes zu sichern, kann sich Katar aber mehr Freiheiten leisten. Mangels nennenswerter Opposition und politischer Protestkultur (der verhaftete Emir-kritische Dichter scheint die Ausnahme von der Regel zu sein) und, dank reichhaltiger Öl- und Gasressourcen ausgestattet mit den größten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, ist das Regime kaum an konventionelle politische Grenzen gebunden.

Bedeutet nun der Herrschaftswechsel auch einen Politikwechsel? Eine Kehrtwende ist angesichts der Tatsache, dass der Übergang wohl bereits länger geplant war und Tamim auch seit Jahren auf seine Rolle als Nachfolger getrimmt wurde, nicht zu erwarten. Zudem ist die innenpolitische Lage relativ konfliktfrei. Anpassungen werden dennoch geschehen. Zum einen gilt Tamim als konservativer als sein Vater. Zum anderen ist aber auch der Höhepunkt der internationalen Bedeutung des Landes, symbolisiert durch die wehende katarische Flagge neben den Überresten des Gaddafi-Palasts in Libyen, wohl kaum mehr zu übertreffen. Eine Abschwächung des Aktivismus in der Außenpolitik ist daher zu erwarten. Angesichts der Undurchsichtigkeit der Familienpolitik der Golfländer im Allgemeinen und Katar im Speziellen ist eine Aussage darüber, ebenso wie über weitere Reform- und Entwicklungsprojekte, schwierig. Unwahrscheinlich ist aber, dass die bereits erreichte Position Katars einfach aufgegeben wird. Hamad bin Khalifa hat mit einer hochpersonalisierten Regierungsweise bereits den Grundstein für die Kontinuität der nationalen Entwicklung gelegt.