In der vergangenen Woche fand im Jemen ein Qat-Boykott statt. Qat ist eine Pflanze mit einer leicht stimulierenden Wirkung,  die im Jemen täglich von einem Großteil der Bevölkerung konsumiert wird. Am vergangenen Donnerstag sollten sich die Jemeniten jedoch dazu entscheiden nicht auf den Blättern der Pflanze zu kauen. Hind Aleryani, die zu dem Boykott aufrief, meint dass mit dieser Angewohnheit gebrochen werden müsse um politischen Wandel erst möglich zu machen. Es stellt sich also die Frage, welche Bedeutung Qat in der jemenitischen Gesellschaft hat, welche Probleme der Konsum mit sich bringt und letztlich, wie der Boykott zu bewerten ist.   Die ersten Blicke eines Jemenreisenden fallen meist auf die einseitig fast kugelförmig aufgeblähten Backen der Einheimischen. Gelangweilt und vor sich hinstarrend sitzen sie auf den dreckigen Bürgersteigen der Hauptstadt. Die meisten von ihnen sind Tagelöhner; Maler, Maurer, Gärtner oder Klempner, die sich mit dem Kauen der kleinen grünen Blätter des Qat-Baums die Zeit vertreiben. Beim zweiten Blick, fallen die Taxifahrer und Busfahrer auf, die mit einem kleinen Tütchen grüner Blätter auf dem Schoß ihre Wägen durch die verstopften Straßen der staubigen Stadt manövrieren. Auch die Fahrer der teuren Toyota Landcruiser, die mit Sonnenbrille und Smartphone in der Hand ungeduldig und hupend an Taxis und Bussen vorbei sausen, füllen ihre Backe Blatt für Blatt. Ladenbesitzer und Mitarbeiter sitzen hinter ihren Tresen auf Decken und mit Kissen und unterhalten sich. Währenddessen pflücken sie die glänzenden Blätter von den Qat-Sträuchern um dann auf ihnen zu kauen. Beleibte Männer in langen weißen Gewändern, beigen Jacken und aufwendig bestickten Tüchern um den Schultern kehren mit großen Sträuchern Qat unterm Arm in schicke Villen ein. Hier kauen sie genüsslich zu den Klängen der arabischen Laute auf der grün-rötlichen Pflanze. Spätestens am zweiten Tag einer jeden Jemenreise fällt auf: Qat ist Teil der jemenitischen Gesellschaft. Jeder Anlass wird dazu genutzt um die Pflanze zu kauen. Und mehr noch, Qat wurde zum Bestandteil einer jeden Feierlichkeit. Zur Geburt eines Kindes, der Heimkehr oder Abreise eines Freundes, zur Hochzeit, zum Schul- oder Universitätsabschluss, an Feiertagen, dem Wochenende und an Beerdigungen ist es Sitte Qat zu kauen. Auch im Alltag hat die Pflanze ihren Festen Platz. Die einen meinen sie können ohne Qat nicht arbeiten. Andere wollen auf die Pflanze während Prüfungsvorbereitungen nicht verzichten. Auch bei Treffen mit Freunden dürfen die Blätter nicht fehlen. Männer kauen überall: Auf den Straßen, Zuhause oder am Arbeitsplatz. Für Frauen hingegen, schickt es sich nicht in der Öffentlichkeit. Während es für unverheiratete Frauen als unsittlich gilt überhaupt zu kauen, vertreiben sich verheiratete Frauen damit ihren Alltag Zuhause oder bei Freundinnen. Es hat sich um die Pflanze eine Kultur entwickelt Um 13:00 Uhr wird im Jemen Qat gekaut. Nun machen Behörden und Geschäfte zu und große Teile des Lands kommen zum Stillstand. Nach dem üppigen Mittagessen füllen sich die Qat-Märkte und die sonst so belebten Straßen leeren sich. Auf dem Markt wird das Qat ausgewählt und über Preise verhandelt. Es gibt viele unterschiedliche Sorten, die sich in ihrem Aussehen und ihrer Qualität unterscheiden. Es gibt große und kleine Blätter, grüne und rote. Ganze Sträucher, aber auch gepflückte Blätter in kleinen Tüten abgepackt. So manch ein Jemenit ist pingelig bei der Auswahl seines Qats. Tim Mackintosh-Smith, ein bekannter britischer Autor der seit über 30 Jahren in der Altstadt von Sanaa lebt, vergleicht jene Jemeniten mit Wein-Snobs. In der Tat liegt der Vergleich nicht fern. Der Weinliebhaber riecht, schwenkt und schmeckt den Wein bevor er ihn kauft. Der Qat-liebhaber streicht über die Blätter, guckt sich die feinen Äste an und riecht die Pflanze bevor er sich mit dem Verkäufer auf einen Preis einigt. Eine Portion ist schon für wenige hundert jemenitische Riyal zu haben, wobei die teuersten Sorten mehrere tausend Wert sein können (100 YR = 0,36 EUR). Mit ihrem Qat in der Hand kehren die Männer an ihren Arbeitsplatz zurück, gehen nach Hause oder zu Freunden.  Oft wird in großen Runden Qat gekaut und auf dem sogenannten Mafrash - eine ebenerdige Sitzgarnitur, die sich an den Außenwänden großer Säle schier endlos entlang bahnen. Hier diskutieren Bekannte und Fremde angeregt über Politik, Literatur, Religion und Gesellschaft. Qat-Runden gelten als wichtiger Austausch, bei dem Probleme erörtert oder Anliegen vorgetragen werden. Außerdem bieten sie einen Raum um Geschäfte zu besprechen, Dorf-Sheikhs zu wählen oder Ehen zu arrangieren. Ein Ort an dem Themen kritisch diskutiert, Informationen ausgetauscht und Neuigkeiten verbreitet werden. Ein Land auf Drogen - Die Folgen des Qat-Konsums In der geselligen Runde verbringen sie nun die nächsten sechs bis neun Stunden damit ihre Backen mit den frisch erstandenen Blättern zu füllen. “Takhzeena” wird das Qat-kauen auf Arabisch genannt. Übersetzt beudeutet es Lagern. Eben das Lagern von Blättern in der Wange bis sie eine Kugel bilden. Dort entfaltet die Pflanze ihre Wirkung. Nach einigen Stunden ist der Kauer schließlich “mukhader” (unter dem Einfluss von Drogen). Zuerst ist er euphorish und aufgeregt. Er spürt ein Wohlbefinden und hohe Konzentrationsfähigkeit. So mancher berichtet von einem Gefühl der Überlegenheit. So heißt es oft: “Wenn man Qat kaut, bildet man sich ein man könne Präsident des Jemens werden!” Später wandeln sich diese Empfindungen in Dysphorie, Angstgefühle, Schlaf- und Appetitlosigkeit und Depression. Auch wirkt sich die Pflanze negativ auf das Herz-Kreislauf-System und Verdauung aus. Von den körperlichen Folgen von Qat abgesehen, liegt das größte Problem in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen des Konsums. Die Pflanze nimmt ca. 15 % des kultivierten Lands in Anspruch. Die Tendenz ist jedoch steigend, da der Anbau der Pflanze für Bauern sehr profitable und die Nachfrage weiterhin groß ist. Problematisch ist dies, wenn Qat auf Kosten von Getreide und Gemüse kultiviert wird. Lebensmittel muss der Staat ohnehin schon importieren. Um Qat wiederum zu exportieren gibt es keinen Markt. Ein weit aus größeres Problem ist dass für den Anbau der Qat-Pflanze die ohnehin schon geringen Wasserressourcen des Lands verschwendet werden. Für Qat wird ca. 30 % des Wassers verbraucht. Der Grundwasserpegel sinkt kontinuierlich. Schätzungen zur Folge wird Sanaas Wasservorrat in ca. 5 Jahren trocken laufen. Desweiteren legt der Qat-Konsum annähernd das komplette Land lahm. Schätzungsweise werden täglich 14.6 Millionen Mann-Stunden mit diesem Zeitvertreib verbracht. Wertvolle Zeit, während der die Arbeitskraft in der Wirtschaft verloren geht.  Auf Dauer Qat zu kauen ist auch nicht günstig. Schätzungsweise läuft 21% jedes Familieneinkommens in den Qat-Markt. Im Jahr 2010 wurde insgesamt YR 213,2 Milliarden  (EUR 758 Millionen) für den Konsum der Pflanze ausgegeben. Im Jemen lebt ungefähr die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Doch auch in den ärmsten Familien wird auf den täglichen Verzehr der Pflanze nicht verzichtet. Eine anti-Qat Bewegung entwickelt sich Innerhalb der letzten fünf Jahren wurden die Stimmen gegen Qat immer lauter.  Informationskampagnen, die unter anderem von der Regierung und internationalen Organisationen getragen werden haben das Ziel die Bevölkerung über die negativen Auswirkungen des Qat-Konsums aufzuklären. Im Fernsehen werden Informationsfilmchen gezeigt, die vor der Pflanze warnen. Diese Stimmen sind jedoch in Mitten der jemenitischen Qat-Gesellschaft kaum zu hören. Trotzdem sind vereinzelt Menschen anzutreffen, die sich deutlich gegen den Qat-Konsum aussprechen. Meistens sind es die Gebildeten, die der Pflanze abschwören. Sie sehen die Folgen des Konsums für die eigene Gesundheit, die Wirtschaft und Gesellschaft. In der vergangenen Woche begannen Internetaktivisten eine Kampagne für einen “Tag Ohne Qat”. Donnerstag sollte es sein, der erste Tag des jemenitischen Wochenendes, an dem traditionell viel gekaut wird. Und tatsächlich wurde die Aktion auch auf der Straße umgesetzt. Aktivisten verteilten Flyer und riefen dazu auf nicht Qat zu kauen. Die internationale Presse griff das Thema auf und berichtete über den Boykott. Auch im jemenitischen Fernsehen wurde darüber diskutiert. Hind Aleryani, die zu dem Boykott auf Twitter aufrief meinte, sie wolle die Gelegenheit nutzen, die die “Revolution” bietet. Jetzt seien Jemeniten offen für Veränderung. "Doch Qat sei schon lange ein Problem", sagte sie im Gespräch mit Fokus-Nahost. Mit dem Aufruf zum Boykott möchte sie primär eine Debatte anstoßen. Die Euphorie für den “Tag ohne Qat” war auf Twitter deutlich zu spüren. Der Boykott wurde als Wendepunkt für die jemenitische Gesellschaft bezeichnet. Auch über vereinzelte Erfolge von der Aktion auf der Straße wurde berichtet. In Taiz soll das Qat an jenem Donnerstag günstig gewesen sein, ein Zeichen dafür, dass die Nachfrage nicht groß war. Auch bedeutende Figuren der Opposition haben den Boykott unterstützt. Doch es folgte bald Ernüchterung. Noon Arabia, eine bekannte Twitter-Aktivistin meinte am darauffolgenden Tag, dass die Aktion selber nicht so erfolgreich war, wie die Berichterstattung darüber. Hind entgegnet, den Erfolg der Aktion könne man nicht an den Zahlen der Teilnehmer messen. Das Qat-Problem wurde diskutiert und Organisationen die sich gegen Qat einsetzen erhielten Aufmerksamkeit. "Das ist ein Erfolg", sagt die Internetaktivistin. Dass die Jemeniten von heute auf morgen das Qat liegen lassen ist sehr unwahrscheinlich. Trotzdem helfen Kampagnen wie diese aufzuklären und ein Bewusstsein für die schlechten Auswirkungen des Konsums in der Bevölkerung zu schaffen. Aus diesem Grund ist die Aufmerksamkeit der Medien und die Unterstützung durch Regierungen und internationalen und nationalen Organisationen wichtig. Nur so kann sich langfristig was ändern. Bild von Marie-Christine Heinze