Nach 45 Wahlgängen hat der Libanon einen neuen Präsidenten. Wir stellen „den Neuen“ vor.

Das Zeremoniell wäre der Würde des Anlasses angemessen: Wenn im Vatikan der neue Papst gewählt wird, so steigt weißer Rauch auf und ein Sprecher verkündet: Habemus Papam – wir haben einen Papst, oder eigentlich: wir haben einen Vater. Im Libanon müsste die Ankündigung eigentlich lauten: Habemus Avum, wir haben einen Großvater. Denn der am Montag gewählte neue Amtsinhaber Michel Aoun, ist stolze 81 Jahre alt. Wir wollen in diesem Artikel kurz beleuchten wer der neue Staatspräsident des Libanon ist und was diese Wahl für das Land bedeuten könnte

Wer ist Aoun?

Michel Aoun wurde 1935 in einem südlichen Vorort von Beirut geboren: Haret Hreik. Er ist Maronit und kommt aus einfachen Verhältnissen – sein Vater war Metzger und Landwirt. Seine Familie stand der Strömung des christlich-maronitischen Politikers Raymond Eddé nahe, eines liberalen Politikers, der im Libanon insbesondere in den 1960er bis 1980er Jahren unter Akademikern einen gewissen Einfluss hatte.

Aoun trat in die Armee ein und machte dort rasch Karriere. Er galt als persönlicher Freund Eddés und Anhänger des von 1958 bis 1964 amtierenden Staatspräsidenten Fuad Chéhab, eines ebenfalls christlichen Armeeoffiziers der 1958 ins Amt des Staatspräsidenten gewählt wurde. Er stand für ein bislang in der Geschichte des Landes einmaliges Ausbreiten des Staates in seine Peripherie, einen Ausbau des vorher kaum vorhandenen staatlichen sozialen Netzes und eine neutrale Außenpolitik.

Aoun führt sich gerne auf Eddé, Chéhab und de Gaulle zurück. Er gilt als extrem ehrgeizig. Ein ehemaliger Kamerad in der Armee schilderte einmal in einem Buch über Aoun, dass dieser ihn in sein Schlafzimmer geführt habe, dort seinen Kleiderschrank öffnete und ihm den dort hängenden Anzug mit den Worten „Schau Dir diesen Anzug an, er ist es den ich zur Amtseinsetzungszeremonie als Präsident der Republik tragen werde“, präsentiert habe (Aqni`at al-Mukhallis, Beirut 2009, S. 72).

 

Das Phänomen Aoun

Bei Kriegsausbruch 1975 koordinierte Aoun den Angriff christlicher Milizen auf das Palästinenserlager Tall az-Za`atar im Osten Beiruts. Dieses war von palästinensischen Milizen zu einem schwer befestigten und bewaffneten Stützpunkt ausgebaut worden.

In den kommenden Jahren stieg Aoun mit amerikanischer Hilfe rasch an die Armeespitze auf. Er galt als entscheidungsstarker Soldat, der auch unter seinen muslimischen Kameraden Rückhalt genoss, wiewohl er selbst gläubiger Christ ist.

Ende der 1980er Jahre stand der Libanon ökonomisch am Abgrund. Das Land war durch den Krieg verwüstet, syrische und israelische Truppen standen auf seinem Boden und die Möglichkeit eines Zusammenlebens der verschiedenen Konfessionen schien in Frage zu stehen. Im muslimischen Lager hatten sich jihadistische Gruppen und die radikal-schiitische Hizbollah gebildet. Auf der anderen Seite radikalisierte sich auch die Christenmiliz der „Libanesischen Streitkräfte“ (trotz des Namens nicht mit der Armee zu verwechseln) und dachte – kaum verhohlen – über eine Auftrennung des Libanon in eine muslimische und eine christliche Staatlichkeit nach.

Parallel zu dieser Radikalisierung des Denkens „verlotterten“ die Milizen immer mehr: im Besitz eines faktischen Gewaltmonopols, entwickelten sie sich von einer auf breiter und spontaner Massenmobilisierung beruhenden Truppe aus Freiwilligen mehr und mehr hin zu einer professionalisierten Ersatzarmee aus Männern (und Frauen), die oftmals aus der Unterschicht kamen, ihre Waffen zur Errichtung einer regelrechten Kriminalitätsindustrie missbrauchten.

Als Aoun 1988 die Wahl eines libanesischen Staatspräsidenten zum Anlass nahm, sich putschartig vom scheidenden Präsidenten Amin Gemayel zum Ministerpräsidenten einer Notstandsregierung machen zu lassen, sahen in ihm viele ihren Hoffnungsträger, die mit dieser Entwicklung des Krieges nicht einverstanden waren.

Viele sahen einen Ausverkauf ihrer Heimat drohen, da es in den Sondierungsgesprächen anlässlich der Wahl primär um die Frage ging, wer welcher ausländischen Macht am besten gefiele. Konservative, die keinen separaten de-facto Staat der Christen wollten, sahen in ihm den Vertreter der Armee und Helden von Tall az-Za`atar. Liberale den Freund Raymond Eddés. Junge, oftmals gebildete Beirutis, die einzige Hoffnung auf ein Zusammenwachsen des geteilten Landes, Bürgerliche wollten von den Milizen „erlöst“ werden, fragwürdige Extremnationalisten wie der Dichter Sa`id `Aql brachte ihm Oden dar (Die Miliz, der `Aql zuvor seine wortgewaltige Stimme geliehen hatte, war für ihre Brutalität besonders gefürchtet). Gewissermaßen verkörperte er mit den überwiegend christlichen Restbrigaden seiner Armee die Miliz derjenigen, die keine Miliz hatten und ermöglichte es ihnen somit wieder am politischen Prozess teilzuhaben.

Wiewohl Aouns Amtszeit verfassungsrechtlich fragwürdig war und ihn die politisch relevanten Muslime fast einhellig ablehnten (aber es gab inoffizielle Kontakte), entwickelte sich rund um ihn und seine Person ein wahres Happening rund um den Präsidentenpalast in dem Aoun residierte. Aoun verkörperte als politisches Symbol sehr unterschiedliche Hoffnungen seiner bunt gemischten, meist christlichen Anhänger die diese Demonstrationen als monatelanges charismatisches Element in einem politischen System wahrnahmen, in welchem durch den sehr elitären Charakter des typischerweise vorherrschenden Konsenssystems eine breite Partizipation an Politik eher unüblich ist. Sosehr sie ihn jedoch mit hymnischen Elogen feierten – `Aounak jayi min Allah, lautete einer der Slogans; ein Wortspiel: es heißt sowohl „deine Hilfe kommt von Gott“ als auch „dein Aoun kommt von Gott“ – sollte man sich nicht täuschen: sie nahmen dies als IHRE eigene, aktive Parteinahme wahr. Das „Phänomen Aoun“ endete jedoch rasch und blutig: Aoun hatte eine „Intifada der Befreiung“ ausgerufen und erst versucht gewaltsam die Christenmilizen zu entwaffnen, dann die syrische Armee angegriffen. Als 1990 seine wichtigste Nachschubquelle, der Irak, ausfiel, überstieg dieses Mammutprogramm die Kräfte seiner (christlichen) Resttruppe bei weitem und der Präsidentenpalast wurde von syrischen und libanesischen Einheiten überrannt. Was folgte, waren oftmals bittere Jahre in denen sich Aoun im Exil in Frankreich befand, seine Anhänger starken Repressionen der syrischen Besatzungsmacht ausgesetzt sahen. 2005, nach der Zedernrevolution, zu der auch seine Sympathisanten maßgeblich beigetragen hatten, kehrte er in den Libanon zurück und gründete seine eigene Partei, die „Bewegung freier Bürger“

 

Für was steht Aoun?

Aoun war zuvörderst immer ein stark auf den Staatsapparat fixierter libanesischer Patriot. Er sah sich selbst als der Vertreter des „legitimen Staates“, der die Teilung in konfessionelle Ministaaten ablehne. Seine Rhetorik war und ist hart: alles wird in existentialistische Vokabeln und Dichotomien verpackt.

Bei der ersten Parlamentswahl nach der Zedernrevolution 2005 fungierte Aoun noch wie 1988-90 als breiter Hoffnungsträger v.a. der Christen im Lande. 2006 jedoch schloss er einen Vertrag mit der schiitisch-islamistischen Hizbollah ab. Seitdem wird er viel gespaltener wahrgenommen, was sich auch in sehr deutlichen Verlusten bei der Parlamentswahl 2009 niederschlug. Er galt jetzt nicht mehr als „Führer der Christen“, sondern als Vertreter einer spezifischen Sicht auf das was es heißen könnte, in dieser Region ein Christ zu sein.

Zunächst erscheint ein Vertrag eines bekennenden Liberalen mit einer islamistischen Partei recht abstrus zu sein. Die Logik dahinter erschließt sich jedoch rasch beim zweiten Blick: Aoun begründete dies mit der Notwendigkeit die Hizbollah zu entwaffnen, was aber angesichts der realen Schwäche des libanesischen Staates gegen deren Willen nicht ginge. Also müsse man sie gleichermaßen „libanisieren“, also in einen entkonfessionalisierten Staat einbinden. Darin zeigt sich dann auch das liberale Element: zunächst die rein taktische Zweckbeziehung zum Zweck einen Staat zu erschaffen, der das Individuum als Einzelperson und Bürger wahrnimmt, nicht jedoch über seine konfessionelle Zugehörigkeit. Dann aber auch indem er es auf sich nahm „die Mauer der Furcht zu durchbrechen“ (Une certaine vision, Paris 2007, S. 103). Es geht also darum, überhaupt die Möglichkeit zu erblicken, anders als in der Attitude eines stets abwehrbereiten Bergvolkes unter Muslimen zu leben. Seine Berater kommen oftmals aus Kreisen um Raymond Eddé, die bereits in der Vorkriegszeit einen christlichen Isolationismus im Libanon durchbrechen wollten, indem sie eine libanesische Eigenstaatlichkeit stärker in regionale Identitäten (lies: muslimische) einbanden. Gedacht war diese Allianz als ein taktisches Bündnis.

Zum ersten jedoch verlor seine Partei signifikant Mitglieder. Zum zweiten aber sollte Hizbollah an die Akzeptanz eines liberalen Staatsmodells herangeführt werden, indem man ihr wiederum positive Eigenschaften und Funktionen zuschrieb: etwa die Verteidigung des Landes gegen israelische Einmärsche oder die Übernahme staatlicher Wohlfahrtsfunktionen. Aoun steht für ein liberales Christentum: anders als die meisten Linken, die mit Religion im Libanon zumeist nichts oder wenigstens nicht viel zu tun haben wollen, sehen sich seine Anhänger als Christen, die dies auch politisch bleiben wollen. Für sie bedeutet eine Integration in ein weiteres, damit zwangsläufig muslimisches Umfeld eine Option als Christen in der Region noch Einfluss zu haben. Dazu sehen sie im säkularen syrischen Regime ebenso einen Verbündeten wie in der politischen Schia, die gleichfalls, regional betrachtet, sich in einer gegen Saudi-Arabien positionierten Minderheitenstellung befindet.

Gegner wiesen darauf hin, dass sich dabei Aoun mehr und mehr die Sprache der Hizbollah zu Eigen macht und die „Partei Gottes“ bis heute keinerlei Anstalten macht, ihre Waffen aufzugeben. Gerade während des syrischen Bürgerkrieges wurde deren Zahl und Qualität eher noch verbessert. Damit stellt sie mehr denn je einen Staat im Staate wahr.

Wie sehr Aoun dabei sich seinem Partner anpasste, wird deutlich, wenn man seine Aussagen zur syrischen Regierung kontrastiert: während er Syrien Ende der 1980er Jahre wiederholt als die „Macht des Todes“ im Libanon bezeichnete, avancierte es in einem Interview, welches er 2012 dem Damaszener Staatsfernsehen gab, zu nichts geringerem als demjenigen unter den arabischen Staaten, welcher der „absoluten Demokratie“ am nächsten käme – weil dort die Christen frei seien. Über das Individuum, mithin ein sehr liberaler Topos, sagte er nichts.

 

Warum jetzt?

Aoun galt im mehr als zweijährigen Rennen um die Präsidentschaft, die im Libanon stets einem maronitischen Christen zusteht, zunächst als Kandidat der Hizbollah. Nachdem jedoch sein aussichtsreichster Rivale, Samir Geagea, das Handtuch geworfen hatte, bahnte sich die Entscheidung vom Montag schon an. Geagea ist seit seiner Zeit als Chef der Miliz „Libanesische Streitkräfte“ in den 1980ern der ideologische und machtpolitische Erzrivale Aouns. Er steht für ein sehr entschiedenes, konservatives Christentum, welches eher wenige Bildungen an die Region wünscht, vor allem aber primär die Konfessionen als Träger politischer Identitäten und Entscheidungen ansieht – weitaus mehr als der auf den „gleichmachenden“ Staat fixierte Aoun („The great disembedding“, wie der kanadische Philosoph Charles Taylor einmal sagte). Jüngst gab es sogar gemeinsame Kommunalwahlvorschläge beider Parteien. Aoun wurde aber erst mit den Stimmen des liberal-sunnitischen „Zukunfts-Blocks“ ins Amt gewählt. Dafür wird wohl dessen Vorsitzender, Saad ad-Din Rafiq al-Hariri Premierminister.

 

Was bedeutet das für den Libanon?

Erst einmal geht eine mehr als zweijährige Agonie zu Ende: nach 45 Wahlgängen (!!!) hat auch der Libanon wieder einen Präsidenten. Für die libanesischen Christen ist dies eine gute Nachricht: der Staatspräsident ist eher ihr inoffizieller Sprecher als das Staatsoberhaupt. Damit wird der andauernde Prozess einer christlichen Entfremdung vom bestehenden Libanon möglicherweise gestoppt. Generell ist Aoun eine sehr starke Persönlichkeit. Allerdings ist er bereits 81 Jahre alt. Ob sein Programm der Entkonfessionalisierung, also der Abschaffung des Konfessionsproporzes, durchsetzbar ist, hängt jetzt v.a. von der Hizbollah ab. Sie muss sich entscheiden, ob sie eine normale Partei werden will oder nicht. Auf der anderen Seite stellt der sunnitische Premierminister das eigentliche Machtzentrum im Libanon dar. Mit Saad ad-Din Rafiq al-Hariri haben die libanesischen Sunniten und ihre amerikanischen und saudischen Verbündeten das stärkstmögliche Wiederlager eingebaut. Faktisch aber, so kann angenommen werden, haben Syrien und die Hizbollah (damit auch der Iran) einen kleinen Sieg errungen: Sie haben einen Verbündeten zum Präsidenten gemacht und profitierten von den zunehmenden Ängsten der Christen vor sunnitischen Jihadisten. Im syrisch-libanesischen Grenzgebiet haben sich starke Nester diverser al-Qa`idah-Gruppen etabliert.

Man sollte sich allerdings nicht irren: Aoun mag grenzenlos ehrgeizig, polemisch und auch redegewandt sein, er hat aber seinen durchaus eigenen Kopf. Seine Parteifreunde wissen übrigens ein Lied davon zu singen: Wann immer ich einen von ihnen über die Persönlichkeit ihres Chefs befragte, erhielt ich dieselbe Antwort: er sei stark, er sei ein guter Zuhörer, usw. – und am Ende entscheide er ganz alleine.