von Susanne Kaiser. Yasmina Khadra könnte Algeriens nächster Präsident werden. Der regimekritische Autor gab Anfang November seine Kandidatur für die Wahl im Frühjahr 2014 bekannt. Seine Chancen stehen schlecht, doch den Zeitpunkt hat er gut gewählt: Nach Jahren der Stagnation könnte sich die politische Zukunft Algeriens bald ändern. Yasmina_Khadra_20100328_Salon_du_livre_de_Paris_2Korrupt, skrupellos, gierig – Yasmina Khadras Romane zeichnen kein gutes Bild von den Beamten und Funktionären des algerischen Systems. Ob Polizei, Justiz oder die höchsten politischen und wirtschaftlichen Kreise, sie alle schildert Khadra als durchdrungen von Seilschaften und Vetternwirtschaft. Seine Systemkritik brachte dem Autor das französische Exil ein, in dem er bis heute lebt. Als Mohammed Moulessehoul wurde der Schriftsteller 1955 in der Sahara geboren, genauer in Kenadza. Als hochrangiger Offizier der algerischen Armee begann er mit dem Schreiben von zeitkritischen Kriminalromanen. Das Pseudonym Yasmina Khadra, die beiden Vornamen seiner Frau, legte er sich zu, um der immer schärfer werdenden Zensur zu entgehen. Im Jahr 2000 quittierte er den Militärdienst und flüchtete mit seiner Familie über Mexiko nach Paris, wo er heute Leiter des algerischen Kulturzentrums (CCA) ist. Hier lüftete er auch das Geheimnis um seine Identität – seinen Nom de plume behielt er als Autorennamen bei.
Nun zieht es den regimekritischen Schriftsteller zurück nach Algerien. Anfang November gab er seine Kandidatur für das Präsidentenamt bekannt. Nach den Umbrüchen in den arabischen Nachbarländern scheint Khadra wie viele exilierte Intellektuelle aus dem Nahen Osten eine Chance zu sehen, die Verhältnisse in seinem Heimatland verändern zu können. Diesmal könnte der Wahlausgang tatsächlich offen sein Khadra hat damit einen Zeitpunkt für seine Rückkehr gewählt, zu dem die politische Zukunft Algeriens ungewiss ist.  Der seit 14 Jahren amtierende Präsident Abdelaziz Bouteflika von der Nationalen Befreiungsfront (FLN) gilt als schwer krank. Für April 2014 ist die Präsidentenwahl in dem flächenmäßig größten Land Nordafrikas angesetzt, ohne dass Bouteflika bisher seine Zukunft oder Nachfolge geregelt hätte. Ob er sich für eine vierte Amtszeit aufstellen lässt, wie der Generalsekretär des FLN Amar Saïdani verkündet hatte, ob er die Wahl in letzter Minute durch eine Verfassungsänderung verhindert oder gar nicht mehr antritt, alle Varianten scheinen möglich. Dies sorgt für Anspannung unter den Mächtigen in Algerien, die ihre Herrschaft in Gefahr sehen. Trotz sorgfältiger staatlicher Regulierung der kritischen Presse werden Fragen immer lauter, wie es um den Gesundheitszustand des Präsidenten bestellt ist, wie es in dem Land weitergehen soll und wer als möglicher Nachfolger gehandelt wird. Sollte Bouteflika keine weitere Amtszeit regieren können, steht dem FLN ein nicht zu unterschätzender Generationenkonflikt bevor: Mit dem Präsidenten tritt dann die letzte Generation ab, die noch im Algerienkrieg (1954–1962) für die Unabhängigkeit von Frankreich gekämpft hat. Und damit die letzte Generation, die verkörpert, wofür der FLN steht. Die jungen Leute dürften weit weniger an den alten Rivalitäten zwischen Algerien und Frankreich interessiert sein. Obwohl sich Khadra selbst keine großen Aussichten bei der Präsidentenwahl ausmalt, möchte er doch jede noch so kleine Gelegenheit nutzen, sich in Stellung zu bringen. So erklärte er gegenüber der französischen Tageszeitung Le Figaro: „Ich habe eine Chance von 99 Prozent, nicht gewählt zu werden. Aber diese kleine Hoffnung werde ich ausspielen. Ich weiß, dass ich die Frauen und die jungen Leute auf meiner Seite habe“. Auf Inhalte seines Wahlprogramms, das gerade mit einem Expertengremium ausgearbeitet werden soll, ist der Autor bisher nur oberflächlich eingegangen. Lediglich eine feste Absicht hat er kundgetan: „Mein Ziel ist einfach. Ich möchte die Dinge in Algerien verändern“, so Khadra. Sein Wahlprogramm dürfte sich vor allem an Frauen und junge Leute richten, setzt sich der Autor doch seit vielen Jahren für Frauenrechte ein und möchte den am meisten von der hohen Arbeitslosigkeit betroffenen Jugendlichen Bildung und eine Perspektive geben. Das Ende der autokratischen Regime Doch auch die Regierungsclique bleibt nicht tatenlos. Bereits im September hatte Bouteflika sein Kabinett radikal umgebildet, um so die Zukunft der Herrschaft in seinem Sinne zu sichern. Nach Einschätzung politischer Beobachter und aus Regierungskreisen selbst wird die nächste Wahl dennoch anders verlaufen als nach den bisher üblichen Verfahrensweisen. Laut der in London erscheinenden palästinensischen Tageszeitung Al-Quds al-Arabi hat der Arabische Frühling die Situation in Algerien verändert, auch wenn er im Wesentlichen an dem Land vorbeigegangen sei. Die Zeitung bezieht sich dabei auf Aussagen des früheren Premierministers Ahmed Benbitour, wonach den Führungseliten autoritärer arabischer Staaten nach den Umsturzerfahrungen in Tunesien, Ägypten und Libyen an einem möglichst sanften Wandlungsprozess gelegen sei, damit sie nicht wie einst der tunesische Präsident Ben Ali in einer überstürzten Aktion das Land verlassen müssten. Einmal die Macht eingebüßt, hätten sie dann immer noch genug über Jahre angehäuftes Geld zur Verfügung, um sich ein angenehmes Leben machen zu können, konstatierte Benbitour. Khadra kennt die inneren Kreise der Macht Yasmina Khadra weiß als ausgewiesener Kenner der Herrschaftselite um die momentane Zerbrechlichkeit der Führungsmacht. Die Mechanismen dieser Macht hat er in seinen Romanen vielschichtig analysiert. Mit der Algier-Trilogie, die er in den Jahren 1997 und 1998 veröffentlichte (die deutschen Titel lauten Morituri, Doppelweiß und Herbst der Chimären), wurde er auch international bekannt. Gegenstand der drei an die französische Tradition des Roman noir angelehnten Kriminalromane ist die algerische Gegenwart der 1990er Jahre, die von Korruption, islamistischem Terror und ökonomischer Perspektivlosigkeit geprägt ist. Ein desillusionierter Kommissar ermittelt in allen kriminellen Milieus, vornehmlich in den höchsten Kreisen der Macht, und löst dabei kaum je einen Fall. Dennoch schafft er es, sich bei aller Resignation seine Unbestechlichkeit zu bewahren. Der Name des Kommissars „Llob“, auf deutsch so viel wie „Einsicht“, verweist dabei auf die Stellung des Protagonisten wie auch auf die von Khadra selbst, der die algerischen Machtzirkel als Insider kennt und aus der Innenperspektive schildert. Yasmina Khadra spart in seinen Geschichten dabei nicht an Gesellschaftskritik. Die Mächtigen werden als brutale, ungebildete, skrupel- und kulturlose Fettwänste geschildert, die sich durch Geld und Macht das ganze Land gefügig machen und im Chaos versinken lassen. Khadra muss sich Kritik der Verwestlichung stellen Vor diesem Hintergrund ist es keine große Überraschung, dass Khadra nicht für eine politische Partei, sondern als unabhängiger Kandidat antreten möchte. Wie die französische Tageszeitung Le Monde den Autor zitiert, sammelt er lieber Unterschriften auch auf die Gefahr hin, nicht genügend zusammen zu bekommen. Das Wahlgesetz sieht nämlich vor, wenigstens 60 000 Wählerstimmen aus mindestens 25 (von insgesamt 48) Wilayat, algerischen Verwaltungsbezirken, vorzulegen, um sich als unabhängiger Kandidat aufstellen zu können. 1500 müssen dabei pro Wilaya zusammenkommen, damit der Verwaltungsbezirk gezählt wird. „Gegen den Willen des Volkes“ wolle Khadra sein Wahlprogramm ohnehin nicht durchsetzen, wie der Schriftsteller erklärte. Der Wahlkampf dürfte für den Überraschungskandidaten nicht einfach sein. Schon jetzt wurden Zweifel laut, ob Khadra denn überhaupt die Interessen des Landes vertreten könne. Er lebe ja seit über zehn Jahren nicht mehr dort, sondern im Land der alten Kolonialmacht, in Frankreich. Auch wird ihm vorgeworfen, das erste Interview im Zusammenhang mit seiner Kandidatur mit einem französischen Medium, Le Figaro, gegeben zu haben und nicht einem algerischen. Nach eigenen Angaben hatte Khadra seine Kandidatur jedoch zuerst über die regimekritische algerische Tageszeitung Liberté öffentlich bekannt gegeben. Kritik wurde außerdem daran geübt, dass er bisher nicht näher auf sein Wahlprogramm eingegangen ist und an seinem Pseudonym festhält. Die algerische Tageszeitung L’expression sieht darin einen Mangel an ernsthafter Ambition und hält Khadras Bewerbung um die Kandidatur gar für einen zynischen Vermarktungstrick. Mitte August 2013 ist sein jüngster Roman Les anges meurent de nos blessures („Engel sterben durch unsere Verletzungen“) erschienen – bei Juillard, einem bekannten französischen Verlag. In leicht veränderter Version zuerst bei zenith (06/2013) erschienen Bildcredit: Wikipedia, Bearbeitung: zenith