Zuletzt wurde in vielen Medien vom Tod des Sykes-Picot Abkommens und somit auch der von ihm geschaffenen staatlichen Landschaft des Nahen Ostens gesprochen. Ich bin da anderer Meinung. Es geht - mit der relativen Ausnahme der Jihadisten - nicht um die Überwindung einer angeblich ungerechten Grenzziehung, es geht um unterschiedliche politische Ordnungen in diesen Staaten, bzw. um Machtteilhabe.

Als die Süddeutsche mit Thomas Avenarius vorlegte , die FAZ sekundierte, da wollte offenbar die Zeit mit Andrea Böhm sich nicht lange bitten lassen , wobei Böhm den mit Abstand besten Beitrag verfasst hat: Das Sykes-Picot-Abkommen ist wieder ein aller Munde und angeblich geht es im Nahen Osten nur mehr um die Beseitigung dieser Ordnung, seit der „Islamische Staat im Irak und der Levante“ (ISIL) medienwirksam die Sandbarrieren zwischen Syrien und dem Irak zerstört hat.

Karte der Einflusszone ISILs Quelle: New York Times

Karte der Einflusszone ISILs
Quelle: New York Times

Zur Erinnerung: 1916 einigten sich Frankreich und Großbritannien auf eine Aufteilung des „Fruchtbaren Halbmondes“, wobei Russland als dritter Profiteur vorgesehen war. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie dort veröffentlichen die Bolschewiki jedoch das bis dahin geheime Abkommen um sich bei ihren ehemaligen Verbündeten für deren Engagement im Russischen Bürgerkrieg auf Seiten der „Weißen“ zu rächen. Googelt man nun dieser Tage einmal „ISIL“ und „Sykes Picot“ stellen sich sofort dutzende Suchergebnisse ein – mal „richtige“ Medien, mal Blogseiten – in denen behauptet wird, eine „falsche“ Ordnung des Nahen Ostens sei nunmehr zerbrochen, das Ziel sei jetzt in der Region die Beseitigung der Linien von Sykes und Picot. Das ist – meiner Meinung nach – falsch.

Grenzziehung durch das Sykes-Picot-Abkommen Quelle: wikipedia bzw.  http://www.passia.org

Grenzziehung durch das Sykes-Picot-Abkommen
Quelle: wikipedia bzw. http://www.passia.org

Das „Falsche“ zusammengezwungen?

Fangen wir der Reihe nach an: Was heißt denn „falsch“? Der Vorwurf, man habe zusammengezwungen was nicht zusammengehöre, ist deshalb wenig überzeugend weil es im Osmanischen Reich keine Gegend gegeben hätte, die in einer Zeit als man autarke Nationalstaaten anstrebte sowohl homogen besiedelt als auch überlebensfähig gewesen wäre. Der Libanon unterstreicht dieses Dilemma ganz passend: Der ursprüngliche christlich-drusisch dominierte „Petit Liban“ als autonome Provinz im Osmanischen Reich war zwar relativ homogen besiedelt, weit überwiegend Christen und Drusen – aber schon diese zerfielen in Konfessionen (Maroniten, Griechisch-Orthodoxe, Griechische Katholiken, usw.) und waren sich keinesfalls einig: nach dem traumatischen Massenschlachten 1859/60 war der Frieden zwischen Maroniten und Drusen nur notdürftig wieder hergestellt worden. Sie alle aber erfuhren nach der türkischen Hungerblockade im Ersten Weltkrieg, wie abhängig sie in ihrem Gebirge von den umliegenden Agrargebieten waren. Prompt sah sich der maronitische Patriarch Niqula Hayek (Hawayik) bei den Pariser Friedensgesprächen 1919 veranlasst, einen „Grand Liban“ zu fordern, einen Staat der Agrargebiete und weitere drusische wie christliche Dörfer eingliedern sollte – aber vor allem auch Muslime, die den christlichen Bevölkerungsanteil von knapp 80% auf knapp 55% absenkten. Das Resultat war der bis heute latente Schwebezustand des Libanon. Anderen Staaten wäre es ähnlich gegangen: überlebensfähige, homogene Einheiten standen nicht zur Verfügung.

Das Problem war nicht unbedingt, dass „Unpassendes“ zusammengefügt wurde. Wer osmanische Bevölkerungszählungen aufmerksam durchliest (auf Englisch von Kemal Karpat bearbeitet) und einmal ein wichtiges Betätigungsfeld der politischen Geographie des 19./20. Jahrhunderts, die ethnische Landkarte, anschaut, wird rasch erkennen, dass eine homogene Aufteilung des Landes gar nicht möglich gewesen war. Das Osmanische Reich hatte sich jahrhundertelang als irdischer Niederschlag einer von Gott gewollten islamischen Ordnung gesehen, Untertanen wurden durch ihren Platz in einer komplementären Schöpfungsordnung hierarchisch bestimmt, wie sie sich selbst sahen, oder hätten sehen sollen, war vollkommen egal. Deshalb interessierten die Armenier lange Zeit die osmanischen Behörden auch nur als christliche Untertanen, wo und ob sie in der Mehrheit waren war unwichtig, da sich in der alten Ordnung sowieso kein Anspruch auf eine durch Mehrheitsverhältnisse begründete Unabhängigkeit ihrer Gebiete ergeben hätte: Gott bestimmt durch den von ihm gewollten Kalifen die Ordnung der Dinge, nicht der Mensch selbst als Armenier in seinem eigenen Staat, weshalb es auch keine Notwendigkeit gab, sich in größeren homogenen Territorien zusammenzufinden. Man sah also auch keine Notwendigkeit, eine "homogene" Besiedlung (wo gibt es die schon?) anzustreben.

Es wäre aber auch falsch überhaupt davon auszugehen, dass es „zwangsläufige“ Grenzziehungen gegeben hätte. Das einzig Zwangsläufige war nach 1918 das Machtinteresse der siegreichen Entente-Mächte, wobei Großbritannien im Grunde genommen nur den Persischen Golf (über Basra) und den Suez-Kanal (über Palästina) absichern wollte, in Frankreich waren die Kolonien von Anfang an recht unbeliebt, weshalb der von der Pariser Regierung mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragte Jurist Paul Huvelin eben dieses auch passend mit „Que Vaut La Syrie?“ (Was kostet Syrien?) betitelte. Faktisch aber war der eigenen Präsenz eine v.a. finanziell eng gezogene Grenze gesetzt. Dies führte dazu, dass die Kolonialstaaten zuvörderst den Rahmen festlegten. Die Staaten, die durch diesen Rahmen jedoch geschaffen wurden, waren keinesfalls mutwillig zusammengeflickte Teile, die irgendwie „widernatürlich“ gewesen wären, sie waren nur auch nicht selbstverständlich, weil das für die meisten Selbstverständliche gerade gegangen war. Faktisch fühlten sich – auch wenn die arabistische Geschichtsschreibung dies über Jahrzehnte hinweg anders darstellte – die meisten muslimischen Untertanen des Sultans in Istanbul immer noch als dessen Subjekte. Die arabische Revolte im Hijaz war mehr ein Geheimdienstunternehmen der Briten und einer lokalen Dynastie, der die Osmanen einen größeren Machtzuwachs verwehrt hatten, als ein arabischer Aufstand. Die zeitgenössische arabischsprachige Presse verurteilte die Erhebung, es gab unter den 600.000 arabischen Soldaten der türkischen Armee im Ersten Weltkrieg kaum Fahnenflüchtige und nationalistische Clubs hatten nur wenige Mitglieder.

Auch die – zu anfangs oftmals von Christen ausgehenden – Vorschläge einer oder mehrerer arabischer Entitäten im Osmanischen Reich konnten sich nicht wirklich vorstellen, aus einem Staat auszuscheiden, der schon allein durch den Status des türkischen Sultans als Kalifen eine ungeheure emotionale Bindekraft für viele Muslime entfaltete. Auch Christen verwiesen meist mehr auf Reform und Autonomie. Amin Rihani und Jibran Khalil Jibran, die wohl bekanntesten libanesischen Schriftsteller des „langen 19. Jahrhunderts“ sahen sich etwa als Reformliberale, als Christen, als Libanesen, als Syrer und Bürger des Osmanischen Reiches – und das alles gleichzeitig ohne auch nur den geringsten Widerspruch darin zu empfinden. Es wäre müßig darüber zu spekulieren, was passiert wäre, wenn das Osmanische Reich in der Hand der nationalistischen Jungtürken den Ersten Weltkrieg überlebt hätte – es ging jedenfalls unter, ohne dass seine arabischen Bürger einen besonders starken Wunsch verspürt hätten neue Staaten zu bekommen. Zu wenige konnten ohnehin lesen und schreiben – in Ostsyrien betrug die Analphabetenrate in den 1930er Jahren fast 90% – und hätten daher sich wohl vor allem als Untertanen, als Angehörige einer lokalen Gemeinschaft und einer diese überschreitenden Religionsgemeinschaft gesehen, sie hätten auch in vielen – aber nicht in allen – Fällen einen Begriff für eine arabische Identität gehabt, die ihnen durch ihre Sprache zufiel, aber das wäre viel zu verschwommen gewesen um eine politische Forderung nach einem konkreten Staat zu implizieren, was aber wiederum grundlegender Bestandteil eines Nationalstaates ist: Ein Staat für die Araber weil sie Araber sind statt der Idee eines Reiches war nicht Grundmotiv des Osmanischen Reiches.

Kurzum, 1919/20 gab es keine sich zwangsläufig ergebenden Staaten. Vielmehr trafen neue Herrscher auf eine Masse aus freigesetzten Untertanen, die sie zu erziehen gedachten. Beflügelt vom europäischen Bild von Nation und objektiver, rational begründbarer, einzig wahrer Identität formulierte dies Iraks erster König Faysal einmal wie folgt:

„In Iraq there is still (…) no Iraqi people, but unimaginable masses of human beings, devoid of any patriotic ideal, imbued with religious traditions and absurdities, connected by no common tie, giving ear to evil, prone to anarchy, and perpetually ready to rise against any government whatsoever. Out of these masses we want to fashion a people, we would train, educate, and refine“ (zitiert nach: Malik: Sovereign Creations, S. 24)

Die Kolonialmächte konnten zwar Grenzziehungen zu ihren Gunsten verändern, sie konnten Jordanien aus dem Boden stampfen und Provinzen hinzufügen, wie das wilayah Mossul dem neuen irakischen Staat, oder wegnehmen wie den Sandjak von Alexandrette Syrien. Aber das geschah nicht ganz ohne Grundlage: In Alexandrette bildeten Türken, Armenier und Araber jeweils je etwa ein Drittel der Einwohner. Obendrein hatte es durchaus geographische Identitäten gegeben: „al-`Iraq“ (die Tiefebene) oder „balad ar-rafidain“ (Zweistromland) waren ebenso Begriffe gewesen wie „bilad al-Sham“ oder in seiner eher christlichen Variante: Suriya. Aber daraus ergab sich eben keine Forderung nach einem Staat, wie etwa bei Amin Rihani zu sehen ist, der sich als Libanese und Syrer gleichermaßen betrachtete, was durch die Tatsache, dass beide Gebiete heute keine geographischen Namen mehr sind, sondern Nationalstaaten mit daher einander ausschließender politischer Zugehörigkeit, mittlerweile so nicht mehr möglich wäre.

Banale nationale Identitäten, aber gegensätzliche Ordnungsvorstellungen

Das Problem der neu entstandenen Staaten bestand v.a. darin, dass es keine gemeinsame Idee einer neuen Ordnung gegeben hatte. Der Nahe Osten ist die Region großer Entwürfe. Die immer wieder von den Betroffenen so empfundenen Defizite ihrer Staaten- namentlich ökonomische Unterentwicklung, Armut, fremde Interventionen und die Unfähigkeit Israel zu besiegen – fordern geradezu große Antworten auf große Fragen hinaus. Wer jeweils im Nahen Osten verkehrte, weiß ein Lied davon zu singen: Die Frage nach dem „Wie konnte das nur passieren?“ wird ständig gestellt und vor dem Hintergrund der teils höchst unterschiedlichen Lebenshintergründe auch ganz verschieden beantwortet. Gerade aber das Scheitern des säkularen arabistischen Nationalismus, das Abgleiten etwa der Entwicklungsdiktaturen Syrien und Irak in reine Familiendiktaturen, hat Lücken hinterlassen die diese Staaten so fragil machen. Man könnte die Frage ja auch umgekehrt stellen: Was macht denn Deutschland als Nationalstaat so stabil? Dass letztlich für die weitaus überwiegende Mehrheit die Frage wie denn die Politik in dieser Gemeinschaft organisiert werden soll, einigermaßen konsensual beantwortet werden würde. Überspitzt formuliert: Deutsche Wahlkämpfe erreichen mit der Frage „Juncker oder Schulz?“ oder ob denn die Mehrwertsteuer oder die Einkommenssteuer um 2% nach oben gesetzt werden sollen, ihren Höhepunkt. Dies ist das Resultat einer saturierten Gesellschaft, in der nach 1945 der Konfliktaustrag zwischen vormals teils durchaus bitter verfeindeten gesellschaftlichen Gruppen so institutionalisiert und verregelt wurde, dass wenige außen vor blieben.

Im Nahen Osten ist dies anders: Politik war hier stets Konfrontation. Politische Parteien waren früher entweder eher von Mentalitäten getragene Elitenverbände, in denen die großen Familien dominierten, oder Kaderorganisationen, die fest davon überzeugt waren, nur sie könnten recht haben und die Macht als revolutionäre Avantgarde ganz ohne Partner gegen diese Eliten anstrebten. Das Problem mangelnder Plausibilität der Staaten in der Region ist weniger ihre schiere Existenz, es ist ihre Machtverteilung und die Ideologie, die ihnen zugrunde lag bzw. liegt. Mit dem revolutionären ba`athistischen Modell wollte sich der politische Islam nicht abfinden und umgekehrt. Ebenso ist momentan im syrischen und irakischen Bürgerkrieg der Grund für den Krieg nicht etwa im Wunsch zu sehen, die Staaten Syrien und Irak abzuschaffen, sondern die jeweils herrschende Ordnung.

Längst existiert in beiden Ländern das was Michael Billig als „banal nationalism“ bezeichnet hat: Das tägliche Beflaggen des Landes, sein Einzeichnen in die Landkarten, die Existenz seiner Fussballnationalmannschaft, usw. ist so präsent, dass es sowohl eine syrische als auch eine irakische nationale Identität gibt, auch in einer Region in der Grenzen weniger einschneidend wirken als dies in Europa der Fall war. Staaten im Arabischen Raum haben eine eigene Identität, selbst dann wenn sie zueinander nicht unbedingt als Gegensatzpaare begriffen werden: Deutschland und Frankreich sind in der Geschichte des Nationalstaates oft als einander ausschließendes Gegensatzpaar konstruiert worden, Syrien und Irak etwa wurden viel mehr komplementär zueinander verstanden. Dennoch sind sie nicht unbedingt abschaffbar oder bedeutungslos. Jeder der schon einmal in Syrien war wird bestätigen können, dass Syrer eine syrische Identität haben, die sie gegenüber anderen arabischen Identitäten abgrenzen können, so vage wie dies doch bei fast allen Selbstzuschreibungen der Fall ist. Das Problem ist mehr, was genau unter dieser syrischen, irakischen, libanesischen, usw. Identität im Sinne einer konkreten politischen Ordnung verstanden werden müsse. Denn bei dieser konkreteren Ausformulierung in politischen Termini liegen die hoch polarisierenden Unterschiede.

Jihadisten als Besonderheit

Die revolutionären Jihadisten von al-qa`idah sind von diesen „banalen“ nationalen Identitäten weniger betroffen – sie denken in anderen Kriterien. Wenn sie vom „islamischen Staat“ sprechen meinen sie – analog zum „Emirat“ der Taliban in Afghanistan – mehr eine Art betende und zugleich politisierende Gemeinde. Eine mit viel" öffentlicher Sicherheit", falls man das denn so nennen möchte, und eher rudimentären staatlichen Institutionen. Aber schon die Tatsache, dass ihre Gegner ihnen gerne die oftmals ausländische Herkunft ihrer Kämpfer unter die Nase reiben, zeigt ja, dass dieses Denken keinesfalls von allen geteilt wird. Dass aber al-qa`idah nunmehr so schnell im Irak vorrückt, hat etwas zu damit zu tun, dass Tausende Sunniten, darunter auch Vertreter des alten Saddam-Machtapparates ihnen helfen, da sie von der schiitisch dominierten Regierung al-Maliki in Bagdad von der Macht ausgeschlossen wurden. Es geht nicht um die Überwindung von Staaten, es geht um die Machtverteilung in ihnen. Auch nicht betroffen sind die Kurden, die nur sehr selten Teil der irakischen Identität waren, eben weil sie aus der Staatsideologie (der Irak als arabischer Staat) herausfielen.

Sollten Syrien und der Irak nunmehr als Folge des Krieges zerbrechen, so geschieht dies nicht, weil sie „widernatürlich“ waren oder etwas „natürlicheres“ entstehen wird, sondern weil in den bestehenden Einheiten keine ausreichende Verteilung von Macht gelang. Schon die Frage nach einer exakten Grenzziehung möglicher neuer Staaten wird uns bald daran erinnern, wie wenig „natürlich“ diese sein werden – v.a. in städtischen Ballungsräumen. Denn wo dies etwa in Bagdad heute möglich ist, hat eine seit Jahren anhaltende „ethnische Säuberung“ dazu geführt.

Rückzug des Staates stärkt relativ kleine, aber konsistente Netzwerke aus Gewaltprofis

Daneben müsste man noch einen weiteren, letzten Punkt anmerken, der eng mit dem oben angeführten Scheitern diverser nahöstlicher Entwicklungsdiktaturen zusammenhängt. Der Rückzug des Staates aus seiner Fläche hat Freiräume geschaffen, die oftmals nur mehr lokal verregelt werden. Der syrische Staat hat in den Jahren nach ca. 1979 immer stärker auf die städtischen Zentren Damaskus und Aleppo gesetzt, einzig für die Küstenregion blieb die staatliche Gießkanne noch gut gefüllt – wenigstens im Rahmen eines Landes, in dem Lehrer selten von ihrem Gehalt allein leben können. Im Rest des Landes entstanden immer mehr „Self-help“-Netzwerke. Wenn der Staat nicht baut, baut man selbst und besorgt sich das Geld an anderer Quelle. Im Baugewerbe und in der Landwirtschaft sollen weitaus mehr als die Hälfte der dort tätigen „schwarz“ arbeiten, das heißt sie erhalten auch keinen Zugang zu staatlichen Sozialmaßnahmen. Diesen Ausfall versuchen private Netzwerke auszugleichen, seien es familiäre Strukturen, wohltätige Vereine, das Ausland oder islamistische Organisationen. Dieses Schrumpfen des Staates kann bis in den Sicherheitsbereich gehen: Im Irak hatte die Saddam-Herrschaft es unter dem Embargo seit 1991 vorgezogen sich auf die Fleischtöpfe der Macht zurückzuziehen, Stammeseinheiten übernahmen Sicherheitsaufgaben.

Wo Staaten scheitern greift man gerne zur Selbsthilfe, hier bei der Stromversorgung. Staatsscheitern bedeutet eher das Verschwinden der Regierung als des Staates selbst

Wo Staaten scheitern greift man gerne zur Selbsthilfe, hier bei der Stromversorgung. Staatsscheitern bedeutet eher das Verschwinden der Regierung als des Staates selbst

Solche Netzwerke können nicht nur leicht übernommen werden, sie sind auch zu lokal organisiert um einer an und für sich kleinen Gruppe wie der al-qai`dah-Abspaltung „ISIL“, die zeitweise nur etwa 8.-10.000 Kämpfer hatte, Widerstand entgegen zu setzen. Die rücksichtslosen und dank privater Netzwerke auch gut ausgestatteten „Gewaltprofis“ von ISIL können so auch mit wenigen Männern ein Gebiet übernehmen, in dem sich ihnen einfach niemand (oder zu wenige) entgegen stellt. Damit haben wir in diesem Teil des Nahen Ostens mittlerweile einen Zustand erreicht, der für das sub-saharische Afrika bislang typisch war: relativ kleine Gruppen können große Räume erobern, da Herrschaft seit dem Niedergang der Entwicklungsdiktaturen keinerlei Anspruch mehr erhebt, das Territorium als Ganzes zu kontrollieren, sondern sich auf Zentren beschränkt, von wo aus sie sich mal ausbreitet, mal dorthin wieder zurückzieht. Das eigentlich Gefährdende für die „Sykes-Picot-Ordnung“ des Nahen Ostens besteht darin, dass, wenn dort das Banale der Staatsidentität zu lange nicht mehr präsent ist, dieselbe auf lange Sicht als überflüssig wahrgenommen werden kann.