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Ein kurzer Überblick zur Muslimbruderschaft

Veröffentlicht in der Nürnberger Zeitung vom 9.02.2011 hier

Pragmatismus und Religion – Die ägyptische Muslimbruderschaft

Die ägyptische Muslimbruderschaft ist die prominenteste Vertreterin des moderaten politischen Islam. Derzeit wird oft darauf verwiesen, dass das Regime Mubarak gerade die islamistischen Kräfte von der Machtübernahme abgehalten habe. Die Gefahr stünde im Raum, dass die Muslimbrüder Ägypten nach iranischem Vorbild verändern wollten. Ein kurzer Abriss über Ursprung, Struktur, Ideologie und aktuelle Programmatik der Muslimbruderschaft soll helfen, diese Organisation realistisch einzuschätzen.

 

Der Ursprung

Die ägyptische Muslimbruderschaft wurde 1928 von dem Pädagogen Hasan al-Banna (1906 – 1949) in Ismailiyya gegründet. Der Widerstand gegen die damalige britische Besatzung Ägyptens, die Wiederherstellung einer politisch-religiösen Identität, die mit der Abschaffung des Kalifats 1924 verloren ging, sowie die Reformation und Modernisierung islamischen politischen Denkens waren leitend. In Ihrer über 80jährigen Geschichte hat die Bruderschaft trotz des seit 1952 wirksamen Verbots große Mitgliedszahlen zu verzeichnen. Nach heftigen internen Konflikten in den 1950er Jahren hat sich die Muslimbruderschaft mit ihren Wahlteilnahmen seit 1984 zu einem offensichtlich pragmatischen Akteur gewandelt. Aus den teilweise freien Parlamentswahlen von 2005 ging sie mit „unabhängigen“ Kandidaten als stärkste Oppositionskraft (ca. 20%) hervor.

Struktur

Organisatorisch stützt sich die Muslimbruderschaft auf zwei Säulen. Zum einen ist dies der sozial-karitative Arm, der durch ein ausgedehntes Netzwerk an Schulen und Krankenhäuser zur breiten gesellschaftlichen Verankerung der Bruderschaft beiträgt. Zum anderen ist dies der politische Arm. Über allem steht das so genannte Führungsbüro mit dem spirituellen Führer an der Spitze. Beide werden von Delegierten gewählt, die auf Grund der administrativen Struktur durch die Mitgliederschaft legitimiert sind.

Ideologie

Die Ideologie der Bruderschaft geht von der Vorbildfunktion des einzelnen Gläubigen aus. Entscheidungsfreiheit über persönliche Handlungen, die letztlich jedes Individuum selbst vor Gott verantworten muss, sowie die Forderung nach einer gerechten Gesellschaftsordnung sind die Kernmotive ihres Denkens. Die Bedeutung von Gerechtigkeit wird mit einem Freiheitsbegriff verknüpft, der sich gegen die Einschränkung individueller Rechte, besonders der unbehinderten alltäglichen Religionsausübung, ausspricht. Im Kontext des autoritären Regimes stehen die Forderung nach Presse- und Meinungsfreiheit, demokratischer Mitbestimmung und dem Ende der Polizeiwillkür, legitimiert durch den seit 1981 bestehenden Ausnahmezustand, seit mehreren Jahrzehnten im Mittelpunkt ihrer politischen Programmatik. Anders, als radikale religiöse Strömungen hält die Muslimbruderschaft eine menschliche Regierung und demokratischen Machtwechsel für notwendig in einem gerechten Staatssystem.

Der zivile islamische Staat

2005 hat die Bruderschaft ihr Konzept eines zivilen islamischen Staates im Rahmen eines Entwurfs eines Parteiprogramms vorgestellt. Beachtenswert ist, dass der Staatsbürger unabhängig von der jeweiligen Religion, Sprache, Ethnie oder der kulturellen Herkunft definiert wird. Die Bruderschaft bezieht sich vielmehr auf eine in der ägyptischen Gesellschaft tief verankerte Religiosität, auf das Arabertum sowie auf die ägyptische Zivilisation. Natürlich bleibt neben diesem eher zivilen Aspekt der islamische Faktor prägend. Dass Ägypten verfassungsrechtlich bereits ein islamischer Staat sei und Artikel 2 der Verfassung den Islam als Staatsreligion festschreibt sowie die islamische Rechtsordnung (Sharia) als maßgebende Quelle der Gesetzgebung bestimmt, wird von der Muslimbruderschaft stets betont. Die islamische Wertorientierung der Muslimbruderschaft drückt sich besonders in einem von konservativ-religiösen Idealen geprägten Familien- und Menschenbild sowie der Legitimierung demokratischer Methoden mit islamischen Termini aus.

Ausblick

Die Revolution in Ägypten ist sozialen Ursprungs und wird von der Jugend getragen. Die aktuellen iranischen Versuche, die Revolution als „islamisch“ zu bezeichnen, hat deshalb auch die Bruderschaft scharf zurückgewiesen und betont, dass es darum gehe, „verfassungsmäßige Rechte für Männer, Frauen, Muslime und Christen gleichermaßen“ zu garantieren. Die Aufhebung des Ausnahmezustands, die dringend nötige Reform des Wohlfahrtsstaates und die Bekämpfung der Korruption werden gefordert. Die Muslimbrüder sind ein akzeptierter, aber auch in Ägypten nicht unumstrittener Teil der Gesellschaft. Historisch betrachtet handelt die Bruderschaft intern bereits nach Prozessen, die aus Parteien bekannt sind. Mit ihrer moderaten Agenda eines zivilen islamischen Staates und der pragmatischen Politik muss die Bruderschaft in einem demokratischen Ägypten als Akteur ernst genommen werden, ihre Bedeutung sollte jedoch hinsichtlich eines mutmaßlichen Potentials von rund 30% Zustimmung auch nicht überbetont werden.

Ein Interview mit der Aargauer Zeitung findet sich hier.

1 Kommentar

  1. Grüßt Euch,

    Sehr interessanter Blog! Meine Familie hat mich auf Euer Projekt aufmerksam gemacht und ich finde das Vorhaben endlich auch einmal ein Portal in deutscher Sprache das sich mit dem Orient beschäftigt zu schaffen genial, denn da war wirklich Handlungsbedarf. Hatte jetz auch eine ähnliche Idee, aber Ihr könnt ja einfach mal auf mein Blog schaun, es steckt allerdings noch in den Kinderschuhen, ich werde hoffentlich die nächsten Tage erste Artikel veröffentlichen können.

    A propos Muslimbruderschaft. Seid Ihr am 24. November bei Gudrun Krämers Vortrag in Erlangen? Ich studiere nämlich Orientalistik in Bamberg und ich würd mich freuen wenn ich mich mal mit Euch so unterhalten könnte 🙂

    Grüße

    Fabi

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