Seit dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan wird die Öffentlichkeit in der Türkei von Berichten und Diskussionen über Gewalt an Frauen und Mädchen beherrscht. Kritisiert werden einerseits die Gewaltkultur gegen Frauen und andererseits die strukturellen Bedingungen, die dazu führen. In ihrem Kommentar zeigt Meltem Kulaçatan auf, dass die Gewalt nicht isoliert zu betrachten ist, sondern sämtliche Teile der Gesellschaft und Politik durchdringt.

Mitte Februar erschütterte der Mord an der Studentin Özgecan Aslan die Öffentlichkeit in der Türkei.[1] Die Studentin war in der Mittelmeerstadt Mersin in einem Bus nach Hause unterwegs gewesen. Sie befand sich als letzte Mitfahrende im Bus. Der Busfahrer bog jedoch an einen entlegenen Ort ab und versuchte, sie zu vergewaltigen. Es kam nicht zur Vergewaltigung. Vielmehr wurde Özgecan durch die Messerstiche ihres Täters getötet. Um seine Tat zu vertuschen, verbrannte er gemeinsam mit zwei Helfern ihre Leiche. Özgecan hatte sich stark gegen ihren Peiniger gewehrt. In ihrer Handtasche wurde später Pfefferspray gefunden.

Seitdem reißen die Berichterstattungen über sexuelle Übergriffe, Missbräuche sowie Misshandlungen nicht mehr ab. Allein nach dem Mord an Özgecan, wurden innerhalb der wenigen Wochen, die seitdem vergangen sind, 25 weitere Frauen ermordet, wobei es sich hier lediglich um die Morde handelt, die bekannt wurden.

Nach dem Mord an der Studentin fanden spontane Demonstrationen statt, die sich gegen die Gewalt an Frauen richteten. Auffällig an diesen Protesten war – auch wenn es sich zahlenmäßig um kleinere Gruppen handelt – dass sich vor allem Männer daran beteiligen. Ihre Solidarität drückten sie dadurch aus, indem sie sich Röcke anzogen und damit bekleidet in die Öffentlichkeit gingen, sich über soziale Netzwerke mit den Frauen solidarisieren und die nach wie vor bestehenden Bedingungen, die die Gewalt gegen und an Frauen ermöglichen, scharf kritisieren.[2] Man mag sich über das Mittel der Wahl wundern, einen Rock anzuziehen in einem Land, in dem Männer weder lange Röcke noch lange Gewänder tragen. Der Rock ist hier jedoch ein Symbol, auf das zurückgegriffen wird. Denn viel zu häufig wird Frauen und auch Mädchen eine Mitschuld angelastet, wenn sie vergewaltigt, sexuell missbraucht, belästigt oder misshandelt werden.

Mit Blick auf den Mord an Özgecan Aslan werden in unterschiedlichen Kommentaren, Analysen und Kritiken Vergleiche mit der Situation von Frauen und Mädchen in Indien gezogen. Und in der Tat sind die Parallelen zwischen den beiden Sexualmorden an der 20-jährigen Özgecan Aslan und der 23-jährigen Jyoti Singh Pandey in Indien, die durch die Folgen einer Gruppenvergewaltigung im Jahr 2012 starb, groß: beide Frauen befanden sich im öffentlichen Raum auf dem Weg in ihr Zuhause. Beide studierten und strebten berufliche Karrieren an. In beiden Fällen verhalfen weitere Helfer zur Tötung und zur Vertuschung der Taten. Beide Gewalttaten gelangten in einem breiten Ausmaß in die mediale Öffentlichkeit, woraufhin in Indien und in der Türkei landesweite Proteste stattfanden, in denen sowohl die Gewaltkultur gegen Frauen sowie die laxe Rechtsprechung kritisiert wurden. Der Ruf nach härteren Bestrafungen oder gar der Wiedereinführung der Todesstrafe wurde in den letzten Wochen, ausgehend von der Ermordung von Özgecan Aslan, erneut ausgesprochen. Das türkische Parlament hatte die Todesstrafe in sogenannten Friedenszeiten im Jahr 2002 abgeschafft.[3] Dies galt als sehr späte Errungenschaft in der modernen Geschichte der Türkei. Gegenwärtig wird der Ruf nach der Todesstrafe zuweilen populistisch genutzt, wodurch tatsächliche Reformbestrebungen und Lösungsstrategien ausbleiben.

Es gibt eine zusätzliche Korrelation, die die Gemeinsamkeiten der Folgen, resultierend aus den medialen und öffentlichen Effekten, deutlich macht und einen Rückschluss auf den Umgang mit Opfern von sexueller Gewalt ermöglicht: sie findet täglich statt, unabhängig von der Herkunft und der sozialen Schichtzugehörigkeit der betroffenen Frauen, Männer, Mädchen und Jungen. Lediglich die Formen der Gewalt unterscheiden sich aufgrund der Milieu-Zugehörigkeit und der Region, in der sie stattfinden. Untersuchungen in der Türkei zeigen hier auf, dass Zusammenhänge zwischen dem Bildungsgrad und der ausgeübten Form der Gewalt bestehen. Je stärker die Frauen in Clanartige und dörfliche Strukturen eingebunden sind, in denen der Ehrkodex über das sexuelle und körperliche Verhalten der weiblichen Familienmitglieder definiert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit durch „Ehrenmorde“ oder durch die Beihilfe zum Selbstmord getötet zu werden.[4] Die häusliche Gewalt ist jedoch ein Phänomen, das bildungs- und schichtunabhängig besteht. Obendrein besteht eine enge Wechselbeziehung zwischen der ökonomischen Eigenständigkeit der betroffenen Frauen und ihrem Handlungsradius, sich aus strukturell bedingten Gewaltsituationen lösen zu können.

Und dennoch sind es nur vereinzelte Fälle, die einen tatsächlichen öffentlichen Aufruhr und eine mediale Resonanz bewirken: Menschen, die Opfer von Sexualverbrechen und sexuellen Misshandlungen werden und in die mediale Konstruktion der sogenannten „weißen Türken“ passen, erfahren eine deutlich höhere Empathie als diejenigen, die bereits durch ihre ethnische und soziale Herkunft einerseits stigmatisiert und andererseits marginalisiert werden. Dieser Begriff geht auf den Terminus „beyaz (weiß) ve siyah (schwarz) Türkler“ zurück.[5] Er etablierte sich in den 1990er Jahren und bezeichnet zunächst den Habitus der Medienschaffenden in diesem Zeitraum, die dem kemalistisch-laizistischen Spektrum angehören und sich selbst als progressiv bezeichnen. Der Lebensstil der „weißen Türken“ orientiert sich am westlichen Standard, den sie sich aufgrund ihrer Berufe leisten können. Mit Blick auf die Gegenwart lassen sich die Effekte dieses Begriffs auf die Angehörigen des säkularen Milieus beziehen, die einen breiten Zugang zu höheren Bildungsinstitutionen besitzen und sich durch eine hohe berufliche global orientierte Mobilität auszeichnen. Zwar fehlt dem Begriff die wissenschaftliche Grundlage und infolge dessen auch seinem Gegenbegriff „siyah Türkler“ (schwarze Türken), nichtdestotrotz werden beide Terminologien faktisch im Mediendiskurs verwendet, um die Spannungslinien zwischen den unterschiedlichen Milieus zu beschreiben. Die Kritik an den Termini beyaz Türkler und siyah Türkler richtet sich gegen die ihm inhärenten diskriminierenden Assoziationen, die die Zuschreibungen hervorrufen und sich im Mediendiskurs wieder spiegeln.

Diese spezifischen Formen des Milieurassismus und der ethnischen Diskriminierung finden sich auch in der Medienberichterstattung über Gewalttaten an Frauen und Mädchen wieder: Je stärker sie in traditionell und dörflich orientierte Familienstrukturen eingebunden sind, desto kulturessentialistischer werden ihre Gewalterfahrungen zuweilen kommentiert, unabhängig davon, ob sie in ruralen oder urbanisierten Regionen leben. Davon ist auch die Rechtsprechung betroffen. Nach dem Motto weil ihre Kultur so ist, werden relativierende Urteile und Abmachungen zum Teil beschlossen oder gar gefordert.[6] Sonach werden die Klägerinnen dazu gezwungen, weiterhin in den prekären Strukturen zu leben, in denen ihnen kein ausreichender Schutz geboten werden kann.

Ein weiteres Beispiel für diese Handhabung im öffentlichen Diskurs, basierend auf den unterschiedlichen Konstruktionen ausgehend vom Milieu und der Ethnie, ist der sexuelle Missbrauch und die Misshandlung inhaftierter Kinder und Jugendlicher (!) im Gefängnis von Pozantı sowie der sexuelle Missbrauch und die Tötung von kurdischen Mädchen während der 1980er Jahre.[7] Die Vorgänge in Pozantı wurden bereits vor Jahren durch Journalisten publik gemacht. Den Kindern und Jugendlichen wird vorgeworfen, „Teil von terroristischen und prokurdischen Gruppierungen“ zu sein, da sie Steine auf Sicherheitskräfte warfen. Und tatsächlich sind diese Kinder kurdischer Herkunft. Sie stammen aus Gebieten, deren Bevölkerung mehrheitlich kurdisch ist und in der die Polizeipräsenz und die willkürliche Gewalt gegen Teil ihres Lebensalltags sind. Die verhafteten Kinder und Jugendlichen sind physischen uns sexuellen Misshandlungen ausgesetzt, die bisher nicht geahndet wurden.[8] Sie befinden sich quasi in einem „rechtsfreien“ Raum und erfahren, dass staatliche Institutionen und auch die Polizei Teil der strukturellen Gewalt sind. Die Täter, die von den Eltern der betroffenen Kinder angeklagt worden sind, wurden Anfang dieses Jahres frei gesprochen.

Politik und Sprache

Ein Gesichtspunkt, der zu wenig Aufmerksamkeit erfährt, ist sicherlich der Zusammenhang zwischen der Alltagssprache und der Gewalt. Die in der türkischen Sprache verwendeten Schimpfwörter beziehen sich zu einem großen Teil auf die Abwertung des weiblichen Geschlechts. Pädagogen und Psychologen weisen hierbei auf die Geschlechterstereotypisierungen im Kindesalter hin. Kinder, die mit einer Sprache aufwachsen, in der ein bestimmtes Geschlecht als Projektionsfolie für Abwertungen und Schimpfwörter dient, könnten keine gewaltfreie Kommunikation entwickeln. Neben der Abwertung des weiblichen Körpers, kann hierbei auch die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins für Mädchen eingeschränkt werden.

Einen weiteren sprachlichen Aspekt nehmen Redewendungen in der türkischen Sprache ein, die affirmativ als „leidenschaftlich“ gedeutet werden, in denen Besitzansprüche an der Partnerin geäußert werden. Diese Sprichwörter werden vielfach dort ausgesprochen, wo es sich um Gewalttaten in Partnerschaften handelt, aus denen sich die Frauen im Vorfeld lösen möchten und deshalb getötet werden. Obendrein werden sie während Gerichtsverhandlungen von seitens der Täter formuliert und dadurch unterstrichen, indem sie ihre „Liebe“, die sie für die getötete Partnerin oder Ex-Partnerin empfanden hervorheben, was häufig zu mildernden Umständen führt.

Die Sprache hat sich zudem innerhalb des politischen Diskurses verändert.[9] Frauen werden öffentlich auf ihre „Tugendhaftigkeit“ verwiesen[10], indem sie direkt oder indirekt auf ihr Sexualverhalten einerseits angesprochen und in diesem Zusammenhang andererseits darüber Spekulationen konstruiert werden. Desgleichen wird ihr persönlicher Bewegungsfreiraum in Frage gestellt. Denn, so der Umkehrschluss, zu bestimmten Uhrzeiten dürften sich Frauen und junge Mädchen eben nicht „draußen“ aufhalten – so provozierten sie selbst entsprechende Übergriffe. Die Reaktionen auf diese Diskussionen und vergleichbare Äußerungen in sozialen Netzwerken sind Ausdruck einer tiefen Polarisierung, die das Land prägen: einerseits wird den Frauen und den jungen Mädchen ein „Selbstverschulden“ vorgeworfen, andererseits wird besorgt danach gefragt, weshalb sich das Land zunehmend in dieser zuweilen rückschrittlichen Orientierung befindet und ob es den Frauen und Mädchen ergehe wie den Frauen in der Öffentlichkeit in Kairo.

Der Anstieg der Gewalt gegen Frauen und die Untätigkeit von seitens der Politik wird von Frauenrechtsgruppen, Juristinnen und Journalisten sowie Wissenschaftlerinnen kritisiert. Offene Kritik gab es auch an der neuen Benennung des Familienministeriums in „Familien- und Sozialministerium“, in dem der Begriff „Frau“ nicht vorkommt[11]: Frauen verschwänden aufgrund dessen als Individuen aus der Politik und folglich auch Problemfelder, die das unmittelbare Lebensumfeld von Frauen betreffen, welche durch politische Maßnahmen und Reformen nicht angegangen werden. Eine weitere Kritik lautete, dass Frauen lediglich als Teil eines Familienverbundes und in ihren Rollenaufteilungen innerhalb familiärer Strukturen betrachtet und definiert werden. Infolgedessen könne sich die Politik in den „blinden Winkel“ zurückziehen und häusliche Gewalt als rein privates Problem ignorieren.

Unterschiedlichen Statistiken zufolge ist die Gewalt gegen Frauen vor allem in der Zeit der nunmehr seit 13 Jahren amtierenden Regierungspartei AKP angestiegen. Die Zahlen werden jedoch voneinander differierend interpretiert. Sie belegten lediglich bereits Bekanntes. Der große Unterschied, der sich im Vergleich mit Zahlen aus der Vergangenheit ergibt sei der, dass es lediglich häufiger zu Strafanzeigen komme. Andere Interpretationen legen nahe, dass die Zahlen ein Beleg für das sich wandelnde gesamtgesellschaftliche Klima[12] sei, die von einer zunehmen misogyner Regierungspolitik einerseits und andererseits von der Zurückdrängung von Frauen aus der Öffentlichkeit und aus der Politik durchdrungen werde. Ohnehin belegten aktuelle Statistiken lediglich die Tatsache, dass Frauen in allen öffentlichen Bereichen unterrepräsentiert sind: demzufolge gibt es nur 77 weibliche Abgeordnete im türkischen Parlament – von insgesamt 535. Von insgesamt 27 Ministerien ist lediglich eines mit einer Ministerin besetzt. Obwohl stets die hohe Anzahl der Professorinnen in der Türkei mit der geringen Anzahl der Professorinnen in Deutschland verglichen wird, zeigen auch hier die Zahlen auf der universitären Ebene ein deutliches Ungleichgewicht: das Amt der insgesamt 174 Universitätsrektoren bekleiden lediglich 14 Frauen. In 43 von insgesamt 81 Provinzen in der Türkei gibt es keine einzige weibliche Abgeordnete.[13] Die schärfsten Kritiker sprechen gar – mit Blick auf die Tötungen – von einem sogenannten Feminizid. Gemeint ist jedwede Form von Gewalt an Mädchen und Frauen, die zum Tod führt – unabhängig von der Motivation, die der Gewalt zugrunde liegt. Begründet wird diese Einschätzung durch den täglich stattfindenden Tod von Frauen und Mädchen, basierend auf unterschiedlichen Gewaltformen.

Man mag die vorangegangen Beispiele als Einzelfälle bezeichnen, die keine Rückschlüsse auf die sich wandelnde Kultur insgesamt zulassen, zumal die amtierende Regierung im In- und Ausland erst und vor allem aufgrund ihres Vorgehens während der landesweiten Proteste im Frühsommer 2013 stark unter Kritik geraten ist und der mediale Fokus auf dem Vorgehen der Polizei und der Regierung vor allem in dieser Zeit lag. Die Zunahme der physischen Gewalt und die polizeiliche Willkür bestehen jedoch nicht erst seit der Protestwelle aus dem Jahr 2013. Ferner lassen sich die einzelnen Bereiche, in denen die strukturelle und unmittelbare Gewalt gegen Teile der Bevölkerung zunehmen, nicht isoliert voneinander betrachten. Im Gegenteil: Die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft werden – unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit – zu wenig geschützt.

Auch und obwohl die Geschlechtszugehörigkeit die Vulnerabilität steigert, besteht ein darüber hinaus zunehmend willkürlicher Umgang mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Während der Gezi-Park-Proteste wurde der damals 14-jährige Berkin Elvan auf dem Weg zur Bäckerei von einem Gummigeschoss so schwer getroffen, dass er ins Koma fiel. Nur wenige Monate später starb der Junge, kurz nach seinem 15. Geburtstag. Sein Todestag jährte sich nunmehr. War die Stimmung zum damaligen Zeitpunkt bereits angespannt genug, wurden die Verantwortlichkeiten der Umstände, die zum Tod des Jungen führten, bei den Eltern ausgemacht: nur verantwortungslose Eltern schickten ihr Kind während der Proteste „raus“. Hätten die Eltern Berkin zu Hause behalten, so wäre er immer noch am Leben.[14] Im Zuge der Anklage und der medialen Berichterstattung wurde die Religionszugehörigkeit von Berkins Eltern zusätzlich von seitens mancher Politiker missbraucht: sie sind Aleviten.[15] Auch Ali Ismail Korkmaz[16], der an den Folgen seiner Verletzungen starb und Lobna Allami[17], die erst über Monate hinweg das Gehen und Sprechen nach ihren schweren Kopfverletzungen mühsam wieder erlangte, sind nur einige Beispiele der jungen Erwachsenen, die während der Proteste vor zwei Jahren lediglich ihr Demonstrationsrecht umsetzten oder gar als Unbeteiligte verletzt wurden. Diese Beispiele ließen sich ungeschönt fortsetzen, zumal etliche Betroffene bis heute kein Schmerzensgeld für ihre massiven Verletzungen erhielten oder gar mit weiteren Anklagen rechnen müssen.

Wohin also mit der Wut der jungen Generation und der Bevölkerung, wenn ein System, welches sich die Stärkung der Zivilgesellschaft und Reformen auf die Fahnen schrieb, versagt und die eigenen Kinder regelrecht bestraft? Wo das Parlament zur Schaubühne körperlicher Auseinandersetzungen wird und das Recht des Stärkeren – vermeintlich – siegt und weibliche Parlamentsabgeordnete regelrecht vorgeführt werden[18]? Wo die politische Macht auf den Staatspräsidenten und die Regierungspartei in einem so hohen Maß konzentriert ist, wie es zuletzt vor 1950, also vor der Demokratisierungsphase der Fall gewesen war und in den Medien die Selbstzensur vorherrscht[19]?

Während der Beerdigung von Özgecan Aslan weigerten sich die anwesenden Frauen, der Zurechtweisung des Imams Folge zu leisten, der die Trauerzeremonie leitete: sie sollten sich zurück halten und sich nach „hinten“ begeben, obwohl sie alle das gleiche suchten: den Trost und das letzte Geleit durch die Religion, welches im Türkischen als „Auf die letzte Reise begleiten“ bezeichnet wird. Die Frauen „drängten“ sich an ihm und an den anwesenden Männern vorbei, nahmen kurzerhand den Sarg auf ihre Schultern und trugen ihn selbst.[20] Es schien, wie wenn nicht einmal die gemeinsame Trauer um den Verlust eines Menschen die bestehenden Geschlechterfragen überbrücken könnte.

 

 

[1] Turkish women protest state policies that led to rape & murder of 20-year-old girl: http://muftah.org/turkish-women-protest-state-policies-led-rape-murder-20-year-old-turkish-girl/#.VQWZP010xdh.

[2] Erkekler, Özgecan cinayeti etek giyerek proteso etti: http://onedio.com/haber/erkekler-ozgecan-cinayetini-etek-giyerek-protesto-etti-458023, 21.02.2015.

[3] Todesstrafen, basierend auf terroristischen Straftaten wurden in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Im Jahr 2003 wurde die Todesstrafe zudem aus dem Militärgesetz abgeschafft.

[4] Vgl. dazu: Yazgan, Ayfer: Morden ohne Ehre. Der Ehrenmord in der modernen Türkei. Erklärungsansätze und Gegenstrategien, Transcript, Bielefeld, 2011, S. 150-158.

[5] Kulaçatan, Meltem: Geschlechterdiskurse in den Medien. Türkisch-deutsche Presse in Europa, Springer VS, Wiesbaden, S. 99.

[6] Yazgan, Ayfer: Mord ohne Ehre. Der Ehrenmord in der modernen Türkei. Erklärungsansätze und Gegenstrategien, Transcript, Bielefeld, 2011, S. 269.

[7] Türker, Yıldırım: Binlerce Pozantı. 2010’lu yıllarda Pozantı’da Kürt çocuklarına reva görülen, bir zincirin halkasıdır. Yeni değildir: http://www.radikal.com.tr/yazarlar/yildirim_turker/binlerce_pozanti-1081386, 11.03.2012 und: Temelkuran, Ece: Pozantı Cezaevi’nin Çocukları: Mutlu son yok

http://www.ecetemelkuran.com/kategori/yazilar/30594/pozanti-cezaevinin-cocuklari-mutlu-son-yok, 09.03.2012.

[8] http://www.evrensel.net/haber/105733/pozanti-magduru-cocuklara-muebbet-hapis-istemi, 22.02.2015.

[9] Şafak, Elif: ‚Masculine and aggressive language‘ language of Turkish politics: https://www.youtube.com/watch?v=JsJhRm1sPCA, (ab 3:15, Anm. der Verfasserin). Vgl. dazu auch: İlkkaracan, Pınar: The feminist movement and women’s right in Turkey: https://www.youtube.com/watch?v=8AU2m1O2ZWg.

[10] Başbakan: „O kadın, kız mıdır kadın mıdır?“http://www.cnnturk.com/2011/yazarlar/06/04/basbakan.o.kadin.kiz.midir.kadin.midir/618955.0/, 04.06.2011. Akkoc, Raziye: Turkish PM tells female reporter to ‚know your place‘:

http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/turkey/11022632/Turkish-PM-tells-female-reporter-to-know-your-place.html, 08.08.2014.

[11] Kadınlar bakanlığın ismini değiştirdi: “Aile değil Kadın Bakanlığı!”:

http://www.sendika.org/2015/02/kadinlar-bakanligin-ismini-degistirdi-aile-degil-kadin-bakanligi/, 25.02.2015.

[12]Demirci, Elif: ‚Kadın cinayetleri 7 yılda yüzde 1400 arttı. Mor Çatı Kadın Sığınağı Vakfı kurucusu avukat Canan Arın, kadına her türlü şiddetin yapıldığını belirtti: http://www.radikal.com.tr/turkiye/kadin_cinayetleri_7_yilda_yuzde_1400_artti-1030040, 24.11.2010.

[13] kader’in 8 Mart karnesi. Temsilde şiddet var. Kadın Adayları Destekleme Derneği (KA-DER), kadınların karar alma mekanizmalarındaki durumunu araştırdı, in: Hürriyet, 7-8 Mart 2015, S. 5. Vgl. hierzu auch die Studie über die Anzahl der Vertreterinnen in der Politik und die Gründe für die geringe Zahl von Frauen in der Politik: Türkisch: http://kasaum.ankara.edu.tr/files/2013/11/2011_04_KONDA_Siyasette_Kadin_Temsili_Raporu.pdf, Englisch: http://www.konda.com.tr/en/reports.php?tb=2.

[14]Erdoğan Berkin Elvan’ı terörist ilan etti annesini de yuhalattı: http://www.cumhuriyet.com.tr/video/video/50743/Erdogan_Berkin_Elvan_i_terorist_ilan_etti_annesini_de_yuhalatti.html#, 14.03.2014.

[15] Cagaptay, Soner: Turkey’s Slow-Burning Alevi Unrest: http://www.washingtoninstitute.org/policy-analysis/view/turkeys-slow-burning-alevi-unrest, 24.03.2014.

[16] Uras, Umut: The killing of Ali Ismail Korkmaz: http://www.aljazeera.com/indepth/features/2014/02/killing-ali-ismail-korkmaz-20142681450320113.html, 07.02.2014.

[17] Hürriyet: She was my elder sister before, now she is my baby: http://everywheretaksim.net/tag/lobna-allami-en/, 07.07.2013.

[18] So geschehen mit der CHP-Politikerin Şafak Pavey. Pavey verlor als junge Frau durch einen Unfall in der Schweiz ihr Bein. Die Kleidungsvorschrift im Parlament sieht vor, dass Frauen keine Hosen tragen dürfen. Pavey bat um das Tragen von Hosen, um ihre Prothese zu verdecken, wogegen sich Cemil Çiçek, der Präsident des türkischen Parlaments, aussprach. Çiçek stimmte erst ein, als das Gesetz verabschiedet wurde, wonach weiblichen Abgeordneten das Tragen des türban/Kopftuch, erlaubt wurde. Das Thema beherrschte im Jahr 2012 die Medien in der Türkei. Kritisiert wurden der Umgang mit Frauen im Parlament und die Missachtung der Intimsphäre von Şafak Pavey. Vgl. dazu: Hinsliff, Gaby: Safak Pavey: Turkey’s ‚immoral woman‘ and the fight to wear trousers. Safak Pavey is the first disabled woman to be elected to Turkey’s parliament. But the opposition MP finds the country’s obsession with women’s bodies frustrating

http://www.theguardian.com/politics/2014/feb/09/safak-pavey-turkeys-immoral-woman-trousers.

[19] Baydar, Yavuz: The Newsroom as an Open Air Prison: Corruption and Self-Censorship in Turkish Journalism http://shorensteincenter.org/corruption-and-self-censorship-in-turkish-journalism/, Februar 2015.

[20] „Kadınlar imami dinlemedi“ (Die Frauen hörten nicht auf den Imam), in: http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/turkiye/214197/Kadinlar_imami_dinlemedi.html#, 14.02.2015, (Stand: 06.03.2015). Zwischen dem Imam und den Frauen entwickelte sich ein Disput, da der Imam davon sprach, dass Gott den Täter wieder auf den rechten leiten Weg sollte (ıslah etmek). Die Frauen widersprachen ihm heftig und erklärten, dass sie selbst nach Gerechtigkeit suchen würden. An der Zeremonie nahmen rund 5000 Personen teil (Anm. und Übersetzung der Verfasserin).