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Droht eine Libanisierung Syriens? - Fokus-Nahost

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Droht eine Libanisierung Syriens?

Zu den Evergreens der amtlichen syrischen Presse gehört eine mit frappierender Monotonie vorgetragene Warnung: Wenn das derzeitige Regime ginge, käme der konfessionalistische Bürgerkrieg. Hugo Chávez, Venezuelas starker Mann, sekundierte erst jüngst, der imperialistische Westen infiltriere das Land mit Terroristen um dessen pan-arabische Rolle zu unterminieren. Und der Hizb-Allah-Fernsehsender al-Manar TV warnte im trauten Einklang mit Syriens offizieller Nachrichtenagentur SANA, vor einer Verschwörung der „Zionistischen Einheit“ (also Israels). Der Libanon mit seinem mehr als 15-jährigen Gemetzel (von 1975 bis Anfang 1991) wird bei solchen Warnungen oft als abschreckendes Beispiel genannt,  natürlich schwingt auch immer eine Furcht vor „irakischen Verhältnissen“ mit. Doch was steckt hinter diesen düsteren Mahnungen? Wird Syrien seinen Nachbarn ähnlicher werden und wie sähe das dann aus? Ist der Libanon ein realistisches Szenario für den Vorderen Orient?

1. Welche Länder?

Generell ist der Libanon geprägt vom Versuch das bunte Potpourri von 19 Religionsgemeinschaften, einer Unzahl von Clans und diversen einander teilweise in herzlicher Abscheu zugeneigten Parteiungen zusammenzuhalten. Und selbst wenn die meisten Libanesen selbst kaum ein gutes Haar an ihrem politischen System lassen, so muss man bei realistischer Betrachtung der Sache doch Theodor Hanf zustimmen, der immer wieder für den Libanon „in die Bütt“ gegangen ist. Bei allen Mängeln: Es hätte schlimmer kommen können. Solange das libanesische politische System vom prinzipiellen Willen zur Zusammenarbeit getragen wurde, funktionierte es durchaus. Wann immer die „große Lösung“ versucht wurde, ging dies schief. 1859/60 und 1975-91 mündeten solche Versuche in Bürgerkriege, in denen die Beteiligten selbst vor den widerwärtigsten Gräueltaten nicht zurückschreckten.

Generell aber stellt der Libanon einen Sonderfall dar, da politische Identitäten hier auch durch den Konfessionalismus besonders stark ausgeprägt sind.  Das heißt, konfessionell und ethnisch heterogene Länder des Orients liefen ganz sicher eher Gefahr sich nach libanesischem Vorbild zu entwickeln, als solche mit ethnisch-konfessionell relativ homogener Bevölkerung. Zu letzteren gehören ganz sicher viele Golfstaaten wie Oman, Katar, die VAE, Saudi-Arabien (wiewohl in diesem Falle nicht unterschätzt werden sollte, dass diese Einheit vom gegenwärtigen Regime künstlich erschaffen wurde), Ägypten, Libyen, Palästina und Tunesien. All diese Staaten weisen zwar relevante Minderheiten auf, diese spielen aber rein quantitativ betrachtet keine überragende Rolle. Auf der anderen Seite stehen jene politischen Einheiten des Vorderen Orients, deren Bevölkerung relativ heterogen ist. Hierzu gehören der Irak, ehemals der Sudan, Algerien und Marokko mit ihren großen Berberminderheiten, die politische durchaus eine wichtige Rolle spielen, der konfessionell unheinheitliche Jemen sowie Jordanien, wo eine kleinere christliche Minderheit, v.a. aber die palästinensische Bevölkerungsmehrheit im Gegensatz zu den Alteingesessenen zu dieser Vielfalt beiträgt. Hinzu kommen noch Kuwait und Bahrain mit bedeutsamen schiitischen Minderheiten. Und eben Syrien. Circa 13-15% der Bevölkerung sind Schiiten, davon die überaus meisten `Alawiten, 10% Christen, 3% Drusen, 10% Kurden, hinzu kommen kleinere und unbedeutende Gruppen wie Armenier (fast nur in den großen Städten), Tscherkessen (im 19. Jh. von den Russen aus dem Kaukasus vertrieben und von den osmanischen Behörden als Grenzwache gegen die regelmäßigen Beduinenraids angesiedelt) oder sogenannte „Assyrer“, die freilich – auch wenn ihre offizielle Selbstdarstellung häufig gegenteiliges suggeriert – mit den antiken Assyrern nichts zu tun haben. De facto handelt es sich um ursprünglich aramäischsprachige Christen aus dem heutigen Irak bzw. der heutigen Osttürkei, die jedoch heute zumeist außerhalb des Gottesdienstes sich des Arabischen bedienen. Der übergroße Rest der syrischen Bevölkerung besteht also zu über 60% aus arabischen Sunniten. Syrien wäre also ähnlich heterogen wie der Irak. Vom Libanon scheidet das Land der Umstand, dass bei Wahlen theoretisch eine Gruppe – so sie denn einigermaßen geschlossen wählen würde – automatisch die Regierung bestimmen könnte. Das libanesische Problem eben auch bei allerbestem Willen niemals eine Mehrheitspartei haben zu können, stellt sich hier also nicht.

2. Was meint Konfessionalismus?

Diese Frage ist die eigentliche Schlüsselfrage. Die Erfahrung des Irak nach dem Sturz Saddam Husains hat uns vor voreiligen Schlüssen gewarnt. Trotz Jahren arabisch-nationalistischer Propaganda zeigte sich am Ende, dass kommunalistische Identitäten so lebendig waren wie ehedem. Wir haben an dieser Stelle absichtlich den Ausdruck „kommunalistisch“ verwendet. Denn er beschreibt das zugrundeliegende Problem wesentlich präziser als der zumeist gebrauchte Terminus „konfessionalistisch“. Denn um ein Konfessionalist zu sein, muss man gewollt und gezielt eine Politik betreiben, die auf den politischen Maßstäben einer konfessionellen Gruppe aufbauend, diese eine einseitig fördert. Solche ideologischen Konfessionalisten gibt es freilich im Vorderen Orient sehr wenige. Im Irak wäre hier unter anderem ganz sicher Muqtada as-Sadr oder die da`wah-Partei, im Libanon die Hizb-Allah oder die christliche politische Rechte zu nennen. Diese Gruppen greifen in ihren Ideologien ganz gezielt und ausschließlich kulturelle Symbole einer Konfession auf und verarbeiten sie zu einem politischen Programm bzw. zu einer politischen Theologie, auch wenn sie noch ein Bekenntnis zum übergeordneten Gesamtstaat anhängen. Die kurdischen Parteien im Irak (PUK und KDP) sind aufgrund ihrer offensichtlichen ethnischen Ausrichtung sicher Ausnahmen. Dieses politisch bewusste Berufung auf die kulturellen Symbole einer Konfession ist im arabischen Raum jedoch nicht die Regel. Besonders stark ist sie zweifelsohne bei den Schiiten ausgeprägt, insbesondere im Libanon. Geprägt von der konfessionell organisierten Verteilung der Posten des öffentlichen Sektors war dies hier auch zuvörderst zu erwarten. Zudem wurden die durch ihre Minderheitenposition jahrhundertelang quietistisch orientierten Schiiten durch den Kontakt zu den sich religiöser Symboliken bedienenden politischen Ideen Muhammad Baqir as-Sadrs und `Ali Shari`atis politisiert und durch ihre Erfahrungen im libanesischen Bürgerkrieg rasch konfessionalistisch radikalisiert. Die libanesischen Christen ihrerseits zeichnen sich durch eine Traditionslinie aus (Albert Hourani nennt sie die „Ideologie des Gebirges“), die ihr politisches Selbstverständnis auf jene kulturell-politische Autonomie zurückführen, welche die Christen des Libanongebirges über Jahrhunderte hinweg genossen. Dies ist außerhalb des Landes kaum der Fall. Parallele Bestrebungen bei ägyptischen Kopten waren noch erfolgloser als die irakischer Christen. Eine Erscheinung wie der libanesische Dichter Sa`id `Aql, der das arabische Alphabet im Libanon durch das lateinische und die offizielle Hochsprache (fusha) amtlich durch lokalen Dialekt ersetzen wollte, wäre außerhalb dieses Landes kaum möglich.

Freilich, man sollte nie die tiefe Verwurzelung der Religion im Selbstverständnis der meisten Orientalen unterschätzen. Genauso wenig jedoch all die anderen Identitäten, in denen viele Araber genauso tief verwurzelt sind.  Zuviel wird oft mit dem Faktor "Konfession" erklärt. Das Kriterium, die das politische Leben des Libanon noch sehr viel mehr strukturiert als eben dieser, ist das der Herkunft. Auf die Frage „min ayy bayt?“ folgt sozusagen der soziale Offenbarungseid, nämlich die Taxierung des sozialen Standes. Clanstrukturen sind die erste und bedeutsamste gesellschaftliche Standortbestimmung. Schließlich sollte man an dieser Stelle nie vergessen, dass de facto alle libanesischen politischen Blöcke konfessionsübergreifend agieren, auch der der beiden Schiitenparteien Hizb-Allah und `Amal.

Wie sehr es dabei auf Familienbande ankommt, zeigen zwei Beispiele: Zum einen die engen Bindungen zu Syrien, die die christliche Minipartei Marada immer aufwies, zum anderen die Teilung der drusischen Konfession. Der Grund hinter der Allianz der Marada lag an den engen geschäftlichen Bindungen des eigentlichen Kerns der Partei (deren ideologisches Weltbild man lange suchen müsste), des Clans Frangié (Faranjiyyah) an die in Damaskus regierenden `Asads. Im drusischen Fall hat sich sicher der weitaus größte Teil dieser Konfession hinter der vom Jumblatt (Junbalad)-Clan organisierten PSP versammelt, während ein sehr kleiner Teil zur Partei des rivalisierenden Clans der `Arslans gehört, die zumeist gerade in jenem politischen Lager zu verorten ist, in der sich die PSP gerade nicht befindet. Als Sulaiman Frangié 1970 zum Präsidenten des Libanon gewählt wurde, warfen ihm seine Kritiker vor, er habe 1957 im Rahmen einer jener traditonellen Familienvendettas, die im Libanon keineswegs unüblich waren, mit anderen Angehörigen des Frangié-Clans mehrere Mitglieder des rivalisierenden Clans der Duwaihys in der Kirche von Miziarah während einer Beerdigung, erschossen. Dass auch die Duwaihys Maroniten waren, spielte für keinen der Beteiligten eine Rolle, ging es doch um die Vorherrschaft im Bezirk. Und selbst die ideologisch hinreichend prononcierten Parteien, wie die al-kata`ib, die Forces Libanaises, die FPM oder eben die PSP, weisen eine erstaunliche Relevanz familiärer Strukturen auf.

Historisch reicht dies lang zurück: Seit den von vielen Libanesen so gerne verklärten Tagen der drusischen Ma`ani-Dynastie, die weite Teile der heutigen Staaten Syrien und Libanon beherrschte, waren überkonfessionelle Koalitionen der bedeutenden Clans des Libanon die Regel. Und auch aus der Zeit zuvor werden sich immer wieder ähnliche Koalitionen berichtet. Dass diese in den Chroniken nicht dieselbe Rolle einnehmen, könnte in deren Natur liegen: Da sie überwiegend von Klerikern verfasst wurden, betrachteten diese solche Bündnisse nicht unbedingt als Ruhmesblatt. Chroniken waren in dieser Zeit weniger eine getreuliche Wiedergabe des Geschehenen, denn vielmehr Ausdruck politischen Wollens.

Solche konfessionsübergreifenden Koalitionen gab es im heutigen Syrien auch, aber im geringeren Maße. Dies lag nicht nur an der Dominanz der Sunniten, sondern auch daran, dass jede Form zentralstaatlicher Ordnung im vergleichsweise zugänglichen Syrien wesentlich präsenter war, als im kaum kontrollierbaren Libanon. Dennoch mussten – was in der Natur patrimonialer Herrschaftsform liegt – auch hier die großen Familien der Minderheiten eingebunden werden. Wer in Damaskus regieren wollte, war schlecht beraten sich nicht auch die Gefolgschaft der großen Christenfamilien zu sichern. In den peripheren ländlichen Regionen galt dies um so mehr. In der kurzen Phase parlamentarischer Tätigkeit während des Mandates bis zur Vereinigung mit Ägypten 1958 präsentierten sich die politischen Parteien Syriens ähnlich clanbasiert wie im Irak oder im Libanon.

Neben dem Clan tritt jedoch noch eine zweite wichtige Bezugsgröße politischer Identitäten im Vorderen Orient hinzu: die regionale Herkunft. Tatsächlich war etwa die syrische Parteienlandschaft bis 1958 sehr stark vom Gegensatz zwischen Parteiblöcken aus dem Norden und denen aus dem Süden geprägt. Ihre Bedeutung liegt ungefähr zwischen der der Familie und der Konfession, so dass wir ein Dreiebenenmodell aufmachen könnten:

  1. Familie, Clan
  2. Region
  3. Konfession

Das Substrat aller dieser Identitäten ist letztlich eine politische Ideologie, die diese plausibel macht, sozusagen die "Meistererzählung".  Und alle diese Ebenen ergänzen sich natürlich. Zusätzlich wäre natürlich noch ein syrischer Lokalpatriotismus und die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Araber zu berücksichtigen. Konkret hieße dies etwa:  Eine regional in der Gegend um Qamishli an der türkischen Grenze beheimatete Partei würde zwangsläufig einen stark kurdischen Charakter haben, da diese Stadt relativ viele Kurden beherbergt.

Region heißt dabei im arabischen Raum unter Umständen etwas durchaus kleinräumiges. Verwandtschaftsstrukturen und damit oft auch konfessionelle Zugehörigkeiten verlagern sich auch in die Städte und deren Viertel. Bedingt durch die traditionelle orientalische Raumordnungsstruktur, die eine weitreichende Autonomie der einzelnen Stadtviertel mit sich brachte, bilden diese oftmals bis heute kleine politische Einheiten. In früheren Zeiten wurde dies treffend durch die Umwallung jedes einzelnen Viertels charakterisiert, wobei die Tore des Nachts geschlossen wurden. So wäre es also noch im 19. Jh. unmöglich gewesen, in Damaskus nächtens von einem Stadtteil zum anderen zu gelangen, da die Stadt sich in lauter eingeigelte Subeinheiten aufgelöst hatte. Die patrimoniale Herrschaftspraxis, staatliche Aufgaben an untergeordnete Einheiten weiterzuverleihen, begünstigte dieses Charakteristikum ganz wesentlich.

Politische Parteien die in Syrien nach einer möglichen erfolgreichen Revolution entstünden, wären also von diesen drei Größen determiniert: Familie, Region, Konfession. Aber sind sie deswegen schon konfessionalistisch? Nein, sicher nicht. Mit Ausnahme der natürlich zwangsläufig konfessionalistischen Muslimbrüder wären sie dies nicht unbedingt. Eher wären sie kommunalistisch. Das heißt, sie verträten eine bestimmte Gegend, eine Region, einen Clan, eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe. Und aus dieser Vertretung ergäbe sich auch der mögliche ideologische Charakter dieser Parteien. Letztlich sind die meisten politischen Gruppierungen im Vorderen Orient für bestimmte Gruppen aufgrund ihrer Lebenserfahrung interessant. Ein konfessioneller Bias bestimmter Parteien sollte deswegen nicht zum Trugschluss führen, dass orientalische Politik zwangsläufig konfessionalistisch ist. Vielmehr beinhaltet die politisch geronnene Lebenserfahrung vieler orientalischer Christen eben eine gewisse Außenseiterrolle, eine Abneigung gegen konservativ-muslimische Strömungen und, bedingt durch die Protektion dieser Christen durch die europäischen Mächte im 19. Jh. und eine hier besonders starke Auswanderung, einen besseren Zugang zu westlicher Bildung. Dies hat sie für bestimmte Parteien empfänglicher gemacht, als andere gesellschaftliche Gruppen. Hierin unterscheidet sich orientalische Politik nicht von europäischer. Dem katholischen Bauern in Niederbayern erschienen auch vor dem Hintergrund seiner Lebenserfahrung andere politische Inhalte folgerichtig als dem protestantischen Bauern in Mittelfranken oder dem der Kirche entfremdeten Arbeiter in den Industriestädten. Wiewohl etwa die NPD bei der Landtagswahl 1966 ähnlich einseitig im evangelischen Teil Bayerns abräumte wie die FDP, käme doch niemand auf den Gedanken diesen beiden Parteien „konfessionalistische Politik“ zu unterstellen. Ganz im Gegensatz zum Zentrum, oder wie es in Bayern hieß: Bayerische Volkspartei, das bewusst ausschließlich kulturelle Symbole einer einzigen Konfession aufgegriffen und zu einem politischen Programm verarbeitet hat.

Übertragen wir dies auf den Vorderen Orient, so sehen wir etwa die Attraktivität, die bestimmte Ideologien auf Minderheiten ausgeübt haben. Während sich die konservativen Teile der sunnitischen Bevölkerungsgruppen oftmals im konservativen (also nicht revolutionären) Rahmen mit religiösen Symbolen hantierenden Parteien hingezogen fühlten, fällt auf, dass sich die Minderheiten des syrischen Raums (also Syriens, Jordaniens, Palästinas und des Libanon) im erstaunlichen Maße an säkular-linken Parteien orientierten. Nur der Libanon macht hier eine gewisse Ausnahme. Für Christen war natürlich eine Ideologie wie der Kommunismus oder der von einem Christen (Michel `Aflaq) geprägte säkulare arabische Nationalismus der Ba`th interessant: Er versprach ihnen Gleichberechtigung und Zugehörigkeit zu einer nicht mehr konfessionell bestimmten "ummah". Das erklärte Feindbild dieser Partei, die „Reaktionäre“, also die Konservativen, versinnbildlichten ja auch am ehesten jene Zeiten, in denen Christen Menschen zweiter Klasse gewesen waren. Darüber hinaus waren die zunehmend von der Ba`th aufgegriffenen Marxismen natürlich vor allem für jene am interessantesten, die über den Zugang zu höherer Bildung deren oftmals recht komplexe theoretische Grundlagen deutlich besser aktiv verarbeiten konnten, als andere. Und dank des Missonarstätigkeiten der Europäer hatten städtische Christen in vielen Fällen leichteren Zugang zu westlicher Bildung. So ist es denn wohl auch kein Wunder, dass etwa in der Führungsspitze der kommunistischen palästinensischen PFLP sehr stark christlich geprägt war: George Habash war Griechisch-Orthodox, Naif Hawatmah von der abgespaltenen DFLP war Katholik, Wadi` Haddad, der Militärchef der PFLP, gehörte wie Habash nominell zur Orthodoxie. Das PFLP-Kommando Martyr Halimah, welches 1977 die Lufthansamaschiene Landshut entführte, bestand gar zu drei Vierteln aus Christen. Einzig „Captain Mahmud“ Zuhair Yussif Akache scheint Muslim gewesen zu sein, Suhaylah Andrawis, Nadia Shahada Du`aibis und Nabil Harb waren Christen.

Ähnlich stark wie auf Christen wirkte der Nationalismus der Ba`th auf die syrische Schiiten, während er im Irak vor allem Sunniten ansprach. Beides dürfte wohl auf seine Vorliebe für klandestine militärische Strukturen zurückzuführen sein. Da die Ba`th vor allem Militärs ansprach, gerieten in beiden Fällen oftmals jene Gruppen im besonderen Maße in ihr Fahrwasser, die im Sicherheitsapparat überrepräsentiert waren. Im Gegenzug waren Schiiten im Irak und im Libanon häufig extrem arm und somit für kommunistisches Gedankengut anfällig. Dass nun die Kurden Syriens sich ebenfalls im besonderen Maße für die KP begeisterten, lag sicher daran, dass arabischer Nationalismus für einen Kurden nicht unbedingt eine Verheißung darstellt.

Es bleibt also festzuhalten: Keine dieser Parteien war konfessionalistisch, keine betonte  konfessionell determinierte Symbole um ihrer selbst willen. Aber ihre Ideologien sprachen Individuen und Gruppen mit einer bestimmten Lebenserfahrung eher an als andere.

3. Wie könnte die politische Landkarte Syriens aussehen?

Die Einigkeit suggerierenden Bilder der Demonstrationen in Syrien sollte man nicht überschätzen. Sie zeigen nicht nur diejenigen nicht, die keinesfalls protestieren, sondern verführen auch dazu, diese Einigkeit zu glauben. Tatsächlich aber wirken Slogans wie „Irhal“ (hau ab) ähnlich einigend wie seinerzeit das berühmte „Wir sind das Volk“. Gleichwohl erwies sich schon bei den ersten Wahlen im ehemaligen Ostblock, dass kurzzeitige Proteste keinesfalls alle anderen potentiellen Konfliktlinien einer Gesellschaft einebnen können.

Das Beispiel des Irak zeigt, dass das weiter oben geschilderte Dreiebenenmodell nach wie vor Gültigkeit hat. Die meisten Parteien werden sich auf kommunalistischer Basis (bedeutsame Einzelperson, Clan, Region) bilden. So wahrscheinlich auch in Syrien. Einige dieser Parteien werden sicher auf konfessionalistisch sein. Allen voran ist hier die Muslimbruderschaft (Ikhwan al-Muslimin) zu nennen. Deren wirkliche Stärke ist kaum abzuschätzen. Ein bedeutender Teil ihrer Funktionäre hat den Aufstand Anfang der 1980er Jahre nicht überlebt. Und jene, die im Exil offiziell der Organisation vorstehen, müssen nicht unbedingt repräsentativ sein für jene, die noch im Lande verblieben sind. Tatsächlich scheinen die syrischen Muslimbrüder wesentlich konservativer und radikaler zu sein, als ihre ägyptische Sektion oder gar die tunesische nahdah. Letztlich aber verbietet sich jedes Urteil über sie, da angesichts der Repression des gegenwärtigen Regimes kein gesicherter Schluss möglich ist. Angesichts des Ausbreitens ostentativ mit der konservativen Salafiyyah assoziierter kultureller Symbole, wie dem aus Saudi-Arabien bzw. osmanischen Hofsitten stammendem Niqab, also der Vollverschleierung der Frau, und der herausragenden Rolle, die die Ikhwan im Kampf gegen das gegenwärtige Regime gespielt haben, ist aber durchaus eine starke Rolle dieser Gruppierung zu erwarten.  Zumal alle Wahlen des arabischen Raumes zuletzt in seltener Eintracht an die Islamisten gingen. Darüber hinaus ist die arabisch-sunnitische Konfession Syriens jedoch viel zu groß und beileibe zu heterogen um in einer einzigen Partei Platz zu finden. Während im sprichwörtlich konservativen Homs (sozusagen die Ostfriesen der Syrer, nämlich der Gegenstand für allerlei Witze) oder Hamah konservativ-islamistische Parteien weit vorne liegen dürften, ist dies in Damaskus noch keineswegs ausgemacht. Die syrische Hauptstadt ist bietet u.a. durchaus regimefreundliche gutbürgerliche Viertel, wo sich an der Zahl und Art der Wachposten vor der Tür die Bedeutung des Hausinhabers ablesen lässt, und ausgesprochen armselige Viertel, wo islamistische Parteien sicher einigen Zuspruch finden werden. Da auch ein breites, selbstbewusst gewordenes Bürgertum mit Zugang zu moderner Bildung stark vertreten ist, werden wohl auch linke und liberale Parteien hier gut abschneiden, oder zumindest besser als im Landesdurchschnitt. Möglich ist natürlich auch, dass die alte Rivalität zwischen Aleppo und Damaskus sich wie in den Jahren vor 1958 in verschiedenen Parteien niederschlagen wird. Damals vertrat die "Nationale Partei" die Notablen der Hauptstadt um den "starken Mann" Shukri al-Quwwatli (Staatspräsident 1943-49), die "Volkspartei" die Aleppos um Nazim al-Qudsi (Gegenspieler Quwwatlis und Präsident 1961-63).

Der Blick auf den Irak lässt außerdem erwarten, dass die Kurden wohl eine oder mehrere eigene Parteien gründen werden. Denkbar wäre hier auch eine gezielte „Aufbauhilfe“ der beiden nordirakischen Parteien PUK und KDP, zumal letztere schon in den 1950er Jahren eine Zweigorganisation in Syrien hatte. Die ähnlich wie im Irak sehr offensive aber nicht ganz so gewalttätige Arabisierungskampagne hat hier deutliche Wunden hinterlassen. Zuletzt mobilisierte um 2005 der als gemäßigt geltende Sufi-Shaikh (Tariqah-Bruderschaft) Muhammad Mashuq al-Khaznawi in Qamishli Kurden gegen das Regime vor dem Hintergrund des gestiegenen kurdischen Selbstbewußtseins im Nachbarland Irak. Am 10.05.2005 verschwand al-Khaznawi in Damaskus, drei Tage später wurde er in Dair az-Zor tot aufgefunden. Daraufhin gaben kurdische Demonstrationen im Norden Syriens schon einmal  einen Vorgeschmack auf Kommendes. Schon ein Jahr zuvor war es in Qamishli zu schweren Krawallen gekommen. Während eines Fussballspiels schwenkten Anhänger des lokalen Fussballclus kurdische Fahnen und Bilder der irakischen Kurdenführer Jalal Talabani und Mas`ud Barzani. Die gegnerischen Fans eines Clubs aus Dair az-Zor im Osten des Landes ließen ihrerseits Saddam Husain hochleben. Es entspann sich eine blutige Auseinandersetzung, die zum Sturm auf staatliche Einrichtungen und ein massives militärisches Eingreifen führte. Die Ernennung von Generalmajor  Muhammad Mansurah zum Chef der allseits gefürchteten politischen Sicherheitsverwaltung (al-Idarat al-Amn as-siasy) kann als deutliches Zeichen verstanden werden, dass das Regime in Damaskus verstanden hatte: Mansurah war von 1980 bis 82 Chef der Militäraufklärung in der Provinz al-Hasakah, die sehr stark kurdisch besiedelt ist (Hauptstadt: eben jenes Qamishli) und in der Vergangenheit Schauplatz diverser Arabisierungskampagnen war. 2011 wurde ein bekannter kurdischer Oppositioneller (Mash`al Tammu) in Qamishli von Unbekannten niedergeschossen. Auch die linksradikale PKK könnte einige Anhänger in der Region haben, zumal auch der starke Mann der syrischen Kommnunisten, Khalid Bakdash, als Kurde durchaus Einfluss auf seine Ethnie hatte.  Bis 1998 durften bzw. mussten viele syrische Kurden ihren Wehrdienst in deren Ausbildungscamps in der libanesischen Biq`a-Ebene ableisten. Möglicherweise hinterließ dies beim einen oder anderen ebenfalls Spuren. Kurdisches politisches Selbstbewusstsein ist ganz sicher vorhanden.

Sollte es nach einem Sturz des Regimes zu einem echten Bürgerkrieg nach libanesischem Vorbild kommen, müssen die syrischen Christen wohl befürchten v.a. für die Militanten von al-qa`idah zur bevorzugten Zielscheibe zu werden. Diese Angst kommt dem `Assad-Regime durchaus gelegen. Mt Verweisen auf den Irak und Libanon wird sie sogar noch geschürt. Immerhin darf nicht vergessen werden, dass 1860 auf dem Höhepunkt einer ganzen Serie von Christenpogromen im syrischen Raum das Damaszener Christenviertel von einem muslimischen Mob dem Erdboden gleichgemacht wurde. Kommt es hingegen zu einer ausgehandelten Transition oder zu einem halbwegs geordneten Neuanfang nach einem revolutionären Sturz des Regimes, dürften die meisten syrischen Christen wohl eher bei linken und liberalen Parteien ihr Plätzchen finden. Allerdings zeigt das Beispiel Iraks, dass v.a. in ländlichen Regionen durchaus eigene lokal basierte Parteien  mehr oder weniger stark auf Clan-Basis - zu erwarten sind. Zwar gibt es im Irak momentan keine autonome Region für die in diese Richtung am deutlichsten propagandistisch tätige assyrische Gemeinschaft, de facto aber sicherten sich lokale Politiker in einem Teil der Provinz Niniveh längst eine eben solche autonome Zone, die seit 2008 auch ganz offiziell von einer eigenen Polizeitruppe bewacht wird. Da Niniveh zum kurdischen Teil gehört, setzt dies die auch verschiedentlich bestätigte Zustimmung kurdischer Politiker voraus. Ein eigenes Territorium ist in Syrien jedoch keinesfalls zu erwarten. Vielmehr dürften sich in ländlichen Regionen und vielleicht auch im teilweise immer noch sehr stark nach Familien organisierten Bab Tuma-Viertel von Damaskus politische Clans bilden, die die Stimmen ihrer christlichen Anhänger meistbietend an größere Koalitionen versteigern. Möglich ist auch, dass einige von ihnen der seit einigen Jahren wieder legalisierten Syrisch-Nationalsozialen Partei (SSNP) ihre Stimme geben. Wiewohl im Internet eine gewaltige Größe dieser auf der pansyrischen Ideologie Antun Saadehs  basierenden Gruppierung ventiliert wird, ist nicht sicher, ob dieses nicht letztlich reines Wunschdenken ist. Die "liebevolle" Umarmung durch das Regime ist einer gesteigerten Popularität der SSNP sicher ebensowenig dienlich wie das Alter ihrer Funktionäre. Letztlich war sie eine stark generationelle Erscheinung, die von etwa 1940-1970 junge gebildete Menschen  in Syrien wie im Libanon anzog. Ihre Wirkung auf die derzeitigen jüngeren Generationen darf bezweifelt werden.

Die Drusen, die vor allem in Damaskus und im bergigen Jabal Duruz (um as-Suwayda´ herum) im Süden des Landes siedeln, dürften wohl ebenfalls eine oder mehrere eigene Parteien bilden. Ihre Identität ist relativ distinkt und stach schon früher aus der Umgebung heraus. Da die überaus meisten Drusen zudem immer noch in traditionellen Clans leben, muss es als sehr wahrscheinlich gelten, dass hier eigene Parteien entstehen werden. Zumal der hochangesehene Clan ´Atrash prominent in der syrischen Opposition vertreten ist.

Da in Syrien außerhalb der `alawitischen Gemeinschaft nur sehr wenige Schiiten existieren, ist ein Übergreifen der explizit schiitisch-islamistischen Parteien des Irak hier kaum zu erwarten. Da die schiitische Konfession sich zuletzt durch den Einfluss der explizit politischen Theologie, die hier in den letzten Jahrzehnten Fuss fassen konnte, am meisten konfessionalisiert hat, ist dies durchaus ein gutes Zeichen für Syrien. Was mit den `Alawiten nach einem Sturz des `Assad-Regimes geschieht, ist noch unklar. Während die meisten Syrer niemals behaupten würden, dass es irgendwelche Probleme zwischen Muslimen und Christen gäbe, so wird doch – zumindest hinter vorgehaltener Hand – des öfteren eine gewisse Abneigung gegen `Alawiten zum Ausdruck gebracht. Zumal sich diese oftmals in den sunnitischen Hochburgen eher unter ihresgleichen aufhalten. Möglicherweise werden gerade sie für die gezielte Manipulation konfessioneller Identitäten durch das Regime bezahlen müssen. Dabei ist diese manipulative Herrschaftspraxis keineswegs neu: Schon die Osmanen ließen beispielweise nach dem Ende der Janitscharen 1826 die Polizeigewalt in Damaskus erst von Soldaten aus der Provinz Mossul, dann von kurdischen Clans wahrnehmen, siedelten kauskasische Tscherkessen an, um die Drusen im Jabal Duruz und auf dem Golan zur Räson zu bringen; in der heutigen Protesthochburg Homs nahmen Turkmenen Sicherheitsfunktionen war. Die Franzosen wiederum förderten während der Mandatszeit gezielt ethnisch-konfessionelle Minderheiten, so dass v.a. das Militär von diesen dominiert wurde. Auch dies war ein wesentlicher Grund für die Stärke der kommunistischen und der Ba`thi-Ideologie in den Streitkräften.

Dabei wäre es natürlich unsinnig, dem gegenwärtigen Regime politischen Konfessionalismus vorzuwerfen. Allein mit Mustafa Talass, dem ehemaligen Verteidigungsminister und  dem einstigen Außenminister und Vizepräsident `Abd al-Halim Khaddam waren zwei Sunniten in herausgehobenen Positionen über Jahrzehnte hinweg treue Stützen der `Asads. Talass´ Sohn Manaf soll eine der Schlüsselfiguren des Regimes zum sunnitischen Handelsbürgertum gewesen sein. Auch der derzeitige Vizepräsident (und ehemalige Außenminister) Faruq Shara`a ist Sunnit. Mit `Abd ar-Ra`uf al-Kasm war ein weiterer Sunnit von 1980 bis 87 Ministerpräsident. Danach überwachte er als Chef des Nationalen Sicherheitsbüros die diversen Geheimdienste des Landes. Allein diese vier Namen sollen stellvertretend für viele andere stehen. Das prinzipielle Kriterium für die Besetzung politischer Posten in Syrien ist Loyalität zum Regime und nicht die Konfession. Allerdings ist bei Verwandten (auch ganz entfernten) und `Alawiten tendenziell eher bedingungsloser Gehorsam zu erwarten, was wiederum den überproportional hohen Anteil dieser Gruppe im Staatsappart erklärt, besonders in für das Regime zentralen Militäreinheiten. Nur führt eben dieser Anteil, wie Nikolaos van Dam zurecht bemerkt, oft zur Wahrnehmung des Regimes als konfessionalistisch, v.a. bei Syrern selbst :

 
     „sectarianism may start to lead its own life, irrespective of whether or not the dominant political group derives its power from sectarian solidarity.“  (van Dam, Orient 21/1, 1980, S. 56)
 

 Und genau dieser Umstand könnte besonders fatal werden. Einmal gesetzt den Fall, dass bei einem wie auch immer gearteten Sturz der `Asads kein Bürgerkrieg ausbricht, welche Rolle wird den `Alawiten künftig zufallen? Zweifellos eine bedeutende. Denn durch ihre Posten im Apparat haben sie vielfach durchaus einen gewissen Einfluss errungen. Ihnen diesen vollkommen zu nehmen, könnte tatsächlich zu irakischen Verhältnissen führen. Da eine direkte Weiterführung der alten Ba`th kaum möglich scheint, werden sich hier andere politische Parteien unter tätiger Mithilfe von Repräsentanten des gegenwärtigen Regimes bilden, wahrscheinlich ebenfalls auf Clanbasis. Es ist allerdings nicht anzunehmen, dass die Gardeeinheiten des Regimes einfach nach Hause gehen werden. Auch die via "Youtoube " augestrahlten Aufrufe einzelner Deserteure der Armee an ihre ehemaligen Kameraden, sich einer „freien arabischen syrischen Armee“ anzuschließen, können daran nichts ändern. Ein massenhaftes Überlaufen wird schon allein von der Tatsache verhindert, dass circa zwei Drittel der syrischen Armee im Hauran – also um Damaskus und bis zum Golan – stationiert sind. Ein Herauslösen einer ganzen Einheit aus dieser Truppenkonzentration erscheint kaum möglich.

Was an dem oben entwickelten Szenario einer syrischen politischen Landschaft nach ´Asad auffällt, ist, dass ideologische Parteien, mit Ausnahme der Islamisten, nur mehr eine geringe Rolle spielen. Diese Annahme basiert darauf, dass jene Parteien, die früher vermittels ihrer Ideologien Minderheiten im besonderen Maße ansprachen, mittlerweile stark an Prestige verloren haben. Die Ba`th dürfte unter diesem Namen wohl noch nicht einmal in Syrien überleben. Selbst für den meisten `Alawiten ist sie zu sehr mit zwei blutigen Regimen assoziiert, zumal ja auch Angehörige dieser Konfession gefoltert und ermordet wurden. Den orientalischen Kommunisten, die den eurkommunistischen Schwenk vieler kommunistischer Parteien nach dem Prager Frühling m. E. nicht mitgemacht haben (mit Ausnahme der KP Libanon, die  sich zwar zusehends radikalisierte, aber dennoch 1973 ein Mehrparteiensystem akzeptierte, um mit der drusisch-sozialistischen PSP zusammenarbeiten zu können), ist schlichtweg das alte Paradoxon der „Konkreten Utopie“ abhanden gekommen. Selbst in Palästina sind diese Gruppen mittlerweile nur mehr ein Schatten ihrer vergangenen Tage. Und dies, obwohl die palästinensische Gesellschaft sich in einigen wesentlichen Punkten von der syrischen unterscheiden dürfte: Erstens verloren durch die Vertreibung 1948/49 die alten Eliten sehr früh ihr soziales Renommee, zweitens sind die Palästinenser durch den jahrzehntelangen Kampf gegen Israel unter der Führung politisch-ideologisch geprägter Parteien stärker politisiert als andere Araber, und zum dritten zehren viele dieser Organisationen noch heute von ihrem alten Ruhm. Vermutlich dürften analoge syrische Parteien nicht ganz so erfolgreich sein, zumal die Kommunisten (Bakdash-Flügel) etwa in der derzeitigen Einheitsfront als „Blockflöten“ der Ba`th vertreten sind. Nur ein Teil der Kommunisten ist als "Syrische Volksdemokratische Partei" unter Riyadh al-Turk in der Opposition aktiv. Die Tatsache aber, dass etwa die linken Palästinenserparteien in universitär geprägten Wahlbezirken (etwa in Ramallah), in verarmten Flüchtlingslagern sowie im stark christlichen Bethlehem besonders gut abschnitten, lässt erahnen, dass dies – auf möglicherweise niedrigerem Niveau – auch in Syrien der Fall sein könnte. Insbesondere sollte man nicht unterschätzen, dass de zweifelllos geradlinige Sozialist Riyadh al-Turk ebensowenig den typischen Habitus der meisten Syrer wiederspiegelt, wie der sozialdemokratisch orienterte Präsident des von vielen Staaten bereits anerkannten "Syrischen Nationalrates", Burhan Ghaliun, ein in Paris lebender Soziologieprofessor. Beide (Ghaliun ist Jahrgang 1945, Turk gar 1930) sind in gewisser Weise typische Vertreter ihrer Generation, die vom Anti-Imperialismus geprägt wurde. Am Ende könnten sie ebenso aus der Zeit fallen, wie viele Oppositionelle des einstigen Ostblocks (nicht Biermann oder Bohley gewannen die Volkskammerwahlen 1990, sondern Kohl und de Maiziere).

Generell werden stark ideologisch fundierte Parteien also eher die Minorität sein. Das heißt jedoch nicht, dass clan- oder personenbezogene Parteien nicht auch an einen prinzipiellen Habitus appellieren können. Ganz im Gegenteil. Die Entwicklung im Libanon zeigt, dass sich dieser Habitus stark weiterentwickeln kann, so dass bestimmte Gruppierungen mit einer bestimmter politischen Grundorientierung oder einem spezifischen Lebensentwurf assoziiert werden können, selbst wenn politische Familien oder Einzelpersonen immer noch eine wichtige Rolle spielen.  Auch ist denkbar, dass sich auf Dauer Koalitionen und Blöcke verfestigen werden. Vor allem konservative Parteien werden sich jedoch damit schwer tun. Erinnern wir uns: Auch in Deutschland war es stets der Konservativismus, der sich um Einzelpersonen, Fraktionen und Fraktiönchen oder eben um historisch etablierte Regionen herum kristallisierte. Nichts desto trotz appellierten sie an eine gewisse politische Grundhaltung und wenn dies auch nur das soziale Phlegma der ländlichen Bevölkerung war. Dass sich dies etwa in der Arbeiterbewegung und bei Teilen des politischen Katholizismus anders darstellte, lag v.a. daran, dass diese sich auf machtvolle organisatorische Apparate stützen konnten. Da die syrische Gesellschaft relativ konservativ ist, werden wir hier m. E. ein déjà-vu erleben. Libanon und Irak lassen erahnen, dass ein Verfestigungsprozess, also der Herausbilden einer spezifischen politischen Marke, eher lange dauern und sehr stark lokale Züge tragen wird. Sollte sich in Syrien relativ rasch eine nationale Identität stabilisieren, was durchaus schneller als bei den beiden genannten Nachbarn der Fall sein könnte, dann wird der Stimmenanteil dieser Parteien wahrscheinlich recht stark fluktuieren. Einzig das Beispiel Russlands, wo sich der Staatsapparat Regierungspartei und seine allerloyalste Opposition selbst erschaffen hat, weicht hiervon ab. Dieses Szenario wäre in Syrien nur bei einer unvollständigen Transition denkbar, wenn etwa ein reformierter Teil des gegenwärtigen Regimes an der Macht überleben sollte.

Eine schnellere Stabilisierung als in den beiden Nachbarländern scheint in Syrien zumindest im Bereich des Möglichen: Anders als im Libanon existiert ja kein politischer Block, den grundsätzlichen Charakter des Staates in Frage stellt. Nach dem Ersten Weltkrieg erstrebte ein Teil der libanesischen Christen noch einen rein christlichen „Petit Liban“, die meisten Muslime wollten niemals zum tatsächlich entstandenen „Grand Liban“ dazugehören. Einzig die Kurden wären hier in Syrien in dieser Hinsicht relevant. Aber kein syrischer Christ möchte einen eigenen Staat. Und anders als im Irak ist der Charakter des syrischen Staates nicht ganz so künstlich und von außen induziert. Im Gegensatz zum Regime in Bagdad hat der ideologische Bruder und realpolitische Feind in Damaskus zudem sein Land zwar brutal, aber nur in Ausnahmefällen mit so exzessiver Grausamkeit regiert, wie zuletzt Saddam Husain das seine. Giftgas haben die ´Asads nie gegen Teile der eigenen Bevölkerung einsetzen lassen.

4. Libanisierung Syriens?

Einen Bürgerkrieg als „Libanisierung“ zu bezeichnen, träfe die Sache nicht wirklich. Im Kern unterschied sich der libanesische Bürgerkrieg ja nicht wirklich von anderen bewaffneten Auseinandersetzungen dieser Art, weder in seinen Phasen, noch in der Professionalisierung der Teilnehmer und der Ökonomisierung und Fraktionierung der Parteien. Die eigentlich mögliche Libanisierung ist auch nicht unbedingt – wie weiter oben erläutert – eine Konfessionalisierung. Sie könnte jedoch in Gestalt der Konkordanz ein ganz wesentliches Merkmal des politischen Systems des Libanon annehmen.  Insgesamt würde die syrische Parteienlandschaft wohl zwei mögliche Formen annehmen: Entweder wird sie extrem zersplittert und allmählich größere von taktischen Überlegungen zusammengehaltene Blöcke ausbilden, oder die Muslimbrüder werden die mit Abstand stärkste Partei. Dass es für die Ikhwan zu einer Alleinregierung reicht, scheint jedoch eher unwahrscheinlich, Dazu müssten fast alle sunnitischen Araber für sie stimmen. In jedem Fall kommt nun doch noch der Libanon zu Ehren und zwar über das Mittel der Konkordanz. Ein auf sehr eingeschränktem Wettbewerb basierendes politisches System scheint für ein Land wie Syrien die bestmögliche Aussicht zu sein. Die Grundprobleme Syriens dürften dabei folgende sein:

  1. Es existiert keine ernsthafte Erfahrung mit politischem Wettbewerb um Macht. Der klassische angelsächsische Modus des Wechsels zwischen Regierung und Opposition könnte angesichts der traurigen Tatsache, dass Syrien gemeinsam mit dem Irak in der innerarabischen Putschstatistik ganz vorne liegt, wenig hilfreich sein. Die Angst nach einer Niederlage nie mehr an die Fleischtöpfe der Macht zu gelangen, dürfte bei den meisten Akteuren viel zu groß sein. Ein Konkordanzsystem wäre durchaus in Lage, dieser Furcht die Ursache zu nehmen, indem eine möglichst große Koalition den ergebnisoffenen Wettbewerb um Macht ersetzt.
  2. Hinzu kommt, dass mindestens einer der Beteiligten, bei Beteiligung einer irgendwie umgewandelten Ba`th sogar zwei, die Kommunisten einmal außen vor gelassen, noch nicht ganz sicher auf dem Boden einer demokratischen Ordnung steht. Während wir bei der tunesischen Nahdah einigermaßen sicher davon ausgehen können, dass sie sich am Vorbild der türkischen AKP orientiert und bei weitem keinen „Gottesstaat“  anstrebt (auch wenn Deutschlands führende Intellektuellenzeitschrift „Bild“ am Tag nach der Tunesienwahl besorgt fragte, ob man denn auch künftig dort Urlaub machen könne), so ist dies bei den syrischen Muslimbrüdern keinesfalls ganz sicher. Nur eine Einbindung in eine möglichst breite Koalition könnte anderen politischen Akteuren diesbezüglich etwas mehr Sicherheit verschaffen.

Ein Konkordanzmodell  nach libanesischem Vorbild birgt zwar viele Probleme, allen voran Elitenlastigkeit und Selbstlähmung des Systems, kann aber auch Sicherheit und Stabilität bewirken. Mit Gerhard Lehmbruch könnte man die Grundlagen eines solchen Systems wie folgt umschreiben:

“Die politischen Konflikte in Proporzsystemen beruhen (...) auf sozialen Antagonismen zwischen rivalisierenden, in sich jeweils relativ homogenen und geschlossenen Gruppen innerhalb des Systems, die ihre jeweiligen Zielvorstellungen als einander ausschließend, als nicht kompatibel perzifieren. (...) die daraus resultierenden Konflikte haben fast überall im Verlauf der Geschichte einmal oder öfter in bewaffneten Auseinandersetzungen kulminiert.”  (Lehmbruch 1967, S. 14f.)

Es geht also darum, jenes Szenario zu vermeiden, dass John Le Carré in seiner Novelle „The Mission Song“ wie folgt salopp zusammenfasst:

„Elections won´t bring democracy, they´ll bring chaos. The winner will scoop the pool and tell the losers to go fuck themselves. The losers will say the game was fixed and take to the bush. And since everyone voted on ethnic lines anyway, they´ll be back to where they started and worse.“   (Le Carré 2006, S. 108)

Merkmale eines solchen Konkordanzsystems sind zumeist Proporz und Machtteilung bei gleichzeitiger Autonomie der das System konstituierenden Säulen. Das Resultat ist relativ elitenlastig, zumal in einem unterentwickelten Land. Zwar ist Syrien durchaus bürgerlicher als manch andere arabischer Staat, der Zugang zur Macht dürfte jedoch für weite Teile der Bevölkerung, sozioökonomisch bedingt, stark eingeschränkt sein. Generell sollte ein Konkordanzsystem eher nicht als endgültige Lösung dienen. Es kann jedoch zumindest über Jahre hinweg das Land stabilisieren. Ob es danach überhaupt noch abschaffbar ist, was Libanesen tendenziell eher bestreiten würden, hängt sehr stark von der Frage ab, ob ein Nation-building auf breiter partizipatorischer Basis in Syrien Erfolg hatte.

3 Kommentare

  1. Ich bin eben zufaellig vorbei gekommen. Gefaellt mir sehr.

  2. Der Witz ist ja, dass der ehemalige Vizepräsident Abdel Hakim Khaddam ( Abd al-Halim Chaddam ) schon im Jahr 2006 zu einem Sturz der syrischen Regierung aufgerufen hat:

    Khaddam calls for Syrian revolt
    Last Updated: Friday, 6 January 2006, 23:22 GMT
    Former Syrian Vice-President Abdul Halim Khaddam says he wants to see President Bashar al-Assad ousted through a popular uprising
    http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/4586972.stm

    Der Mann hat also Erfahrung mit Revolutionen. 😉

    Damals im Jahr 2006 war aber von irgendwelchen Aufständen in Syrien weit und breit nichts zu lesen, zu sehen oder zu hören bei uns. Der Irak und Afghanistan machten da ja noch genügend Schlagzeilen.

    • Thuselt Christian

      5. Dezember 2011 at 08:32

      Richtig, Khaddam gehört seit seinem Sturz durch Bashar al-Asad zur Opposition. Dort befindet er sich Seit´ an Seit´ mit Bashars Onkel Rifaat. Ich zweifele aber, ob die anderen Oppositionellen die beiden nun wirklich allzu ernst nehmen.
      Übrigens gab es 2006 durchaus kleinere Zusammenstösse: Im Norden (im Text erwähnt) und in Damaskus wurde eine Schießerei zwischen angeblichen Islamisten (also das was das Regime für solche hält) und den Sicherheitskräften am Qasiyun-Berg gemeldet.

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