Qatar und die WM 2022

Es ist Ausnahmezustand angesagt – Fussballeuropameisterschaft. Und da das Fussballfieber nun schon mal grassiert, lassen wir doch auch www.fokus-nahost.de davon erfassen. Denn da behaupte noch jemand, Fussball wäre nicht politisch und hätte mit dem Nahen Osten nichts zu tun. Und ob!

Fussball und Politik – auch im Nahen Osten oft ein Problemfall

Wer einen Vorgeschmack auf die Qualitäten des WM-Gastgebers von 2022 haben wollte, bekam erst jüngst in Beirut die Gelegenheit dazu. Dort gastierten die Qataris und spielten gegen die libanesischen Nationalmannschaft um die Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien. Auf dem mühsam geflickten Rasen des Camille-Chamoun-Stadions mühte man sich beiderseits redlich; mit dem besseren Start für die höher gewetteten Kicker vom Persischen Golf. In einer eher drittligareifen Partie kamen die Libanesen auf sehr mäßigem Niveau immer besser ins Spiel. Nur ein grausiger Fehlpass aus der Kategorie „Wir stoppen den Ball so weit wie ihn andere passen“ (um einmal Otto-Rehagel zu zitieren) bescherte den Qataris in Gestalt eines Stürmers mit dem typisch arabischen Namen Sebastián Soria doch noch den Sieg.

Damit ist Qatar aber noch lange nicht qualifiziert: das Team wird noch auf die WM-erfahrenen Südkoreaner und Iraner sowie auf die Usbeken treffen. Das wird zumindest extrem schwer für die Qataris. Immerhin aber hatten sie dem rivalisierenden Zwergenstaat Bahrain in der Qualifikation schon eine lange Nase zeigen können: Im letzten Gruppenspiel erzielte Muhammad Kasola in Teheran kurz vor Schluss den rettenden Ausgleich gegen Iran. Dieser Treffer war Gold wert. Denn ohne diesen Punkt wäre Qatar punktgleich mit Bahrain gewesen, welches wiederum wie durch ein Wunder im Parallelspiel gegen den Fussballzwerg Indonesien seine Torbilanz so nachhaltig verbesserte, dass es bei Punktgleichheit in der Tabelle vor den Qataris gelegen hätte. Dabei hatten die Bahrainis dieses Kunststück in nur einer einzigen Partie erreicht: Sie schlugen die Indonesier mit 10:0! Wohlgemerkt, bis dato konnte Bahrain in 5 Spielen dieser Runde gerade einmal drei Tore aufweisen und hatte sich in Teheran mit 0:6 ordentlich demontieren lassen. Und nun überrollte man plötzlich Indonesien zweistellig, das entscheidende Tor zur Verbesserung der Torbilanz in der 95. Minute erzielend. Die Indonesier hatten durch verbandsinternen Streit nur eine B-Elf an den Golf geschickt, bei der 8 der auflaufenden Spieler im Nationaldress debütierten. Allerdings fehlten auch Bahrain 8 Spieler, die die Proteste der schiitischen Bevölkerungsmehrheit gegen die sunnitische Herrscherdynastie im Lande aktiv unterstützt hatten. Dieser Umstand schien ihnen jedoch nicht zu schaden. Denn schon nach gerade einmal drei gespielten Minuten sah Indonesiens Torwart die Rote Karte.

Was jedem Kreisligaspiel zwischen Schneeweiß Betlehem und Traktor Pjöngjang alle Ehre gemacht hätte, nahm seinen Lauf. Selbst die Ansetzung des Schiedsrichter, André al-Haddad aus dem Libanon, war bemerkenswert. Nicht nur dass der Fussballverband des Libanon notorisch korrupt und zerstritten ist, die konfessionellen Rivalitäten und politischen Instrumentalisierungen gingen sogar soweit, dass zwischen 2006 und Oktober 2011 keine Spiele im Lande mehr vor Zuschauern ausgetragen werden konnten. Und ausgerechnet aus diesem eher zweifelhaften Verband, in dem Spieler wie Funktionäre von Parteien bezahlt werden, kam der Referee dieser Partie. Monsieur al-Haddad hatte übrigens im September 2011 bei einem WM-Qualifikationsspiel zwischen der VR China und Singapur die Heimmannschaft dermaßen bevorteilt, dass die Chinesen 2:1 gewannen, auch dank eines von zwei sehr fragwürdigen Elfmetern, die Haddad verhängte, während er Singapur einen solchen verweigerte.

Immerhin verhängte der libanesische Referee auch im Spiel Bahrain gegen Indonesien gleich vier Penalties. Dieses denkwürdige Spiel in Manama wird möglicherweise sogar ein juristisches Nachspiel haben, da die FIFA eine Untersuchung angekündigt hat.

Nun ist dies natürlich ein Problem Bahrains, nicht unbedingt Qatars. Aber es wirft ein bezeichnendes Licht auf Staaten und Regime in einer Region, in der der Fussball als Werbekampagne in eigener Sache, als ein politisches Vehikel gilt und in der man Erfolg in jeder Branche oftmals nur als eine Frage des Geldes betrachtet. Zuletzt hatte es auch zwischen dem Libanon und Syrien eine „Fussballkrise“ gegeben, nachdem der libanesische Fussballverband die Nachbarn beschuldigt hatte, bei einem Nachwuchsspiel das Alter der teilnehmenden Kicker gefälscht zu haben. Pikanterweise entdeckte er diese Fälschung erst, nachdem man soeben ein U-19 Spiel gegen den übermächtigen Nachbarn mit 0:6 in den Sand gesetzt hatte. Zufälligerweise sollen 6 syrische Spieler genau am Stichtag, den es bei U-19 Spielen einzuhalten gilt, dem 01.01.1993 geboren worden sein. Da die FIFA auch einen nicht spielberechtigten Spieler in der A-Nationalelf Syriens entdeckte, ordnete sie einen Boykott gegen das Land an.

Merkwürdige Geburtstage beim Nachwuchs - Syrische Fussballnationalspieler - Quelle: SANA

Die gekaufte Elf

 Aber zurück zu Qatar. Die Nationalelf Qatars ist eigentlich so etwas wie die „Best of“ der qatarischen Profiliga, mit Ausnahme all derjenigen alternden Stars, die bereits für eine andere Nationalelf gespielt haben und die sich nun nur noch auf ihre alten Fussballtage ein erkleckliches Zubrot verdienen wollen. Allein von jenen 43 Spielern die 2011/12  für Qatar spielten, sind nur 26 in Qatar geboren. Das muss aber durchaus nichts heißen, wenn man bedenkt, dass nur 300.000 der 1,6 Mio. Einwohner des Landes „echte“ Qataris sind. Mindestens vier der in Qatar geborenen Kicker wiesen afrikanische, ägyptische oder jemenitische Wurzeln auf. Fünf Spieler kamen aus dem Senegal, vier aus Ghana, zwei aus Kuwait und Brasilien, je einer aus Uruguay, Saudi-Arabien, Jemen und dem Irak. Wissam Rizk, ein Mittelfeldspieler mit palästinensischen Wurzeln wurde in Kuwait geboren, die Identität des Angreifers Majid Mohammad wird vom saudischen Verband angezweifelt. Laut eigenen Angaben stammt Muhammad aus dem Sudan, die Saudis halten ihn für einen in Kairo geborenen Sudanesen, dessen Eltern nach Saudi-Arabien auswanderten. Ein weiterer Stürmer, Yussef Ahmad, wurde ebenfalls als Sohn eines afrikanischen Vaters in Medina geboren. Während das auf Fremde prinzipiell eher abwehrend reagierende Saudi-Arabien ihn nicht so ohne weiteres einbürgern wollte, gelang es Ahmad in Qatar ganz einfach die Staatsbürgerschaft zu erlangen, was die grundlegende Systematik dieser Art der „Nachwuchsföderung“ imGastgeberland der WM 2022 unterstreicht.

Das dies kein Versehen ist, unterstreicht die renommierte „Aspire Academy“ in al-Rayyan. Dort werden in einem harten Ausleseprozess Landeskinder und vor allem Ausländer zu Spitzensportlern ausgebildet. Der deutsche Leiter des Zentrums, Andreas Bleicher, meinte gegenüber einer Zeitung, man habe mit 5950 Mitarbeitern eine Fußball-Talent-Sichtung bei 26.000 Spielen mit 429.600 Kinder aus dem Jahrgang 1994 in sieben afrikanischen Ländern durchgeführt.  Diese Kinder, so darf man annehmen, haben keinerlei qatarische Vorfahren, aber den dringenden Wunsch den bedrückenden ökonomischen Verhältnissen ihrer Heimat zu entkommen.

Aspire Academy in Rayyan - Quelle: Spox.com

Trainingsplätze der Akademie - Quelle: aspire.qa

Dabei ist diese Variante immerhin noch die Light-Version einer systematischen Einbürgerungspolitik, zur Mehrung des nationalen Prestiges. Anno 2004 hatte Qatar schon einmal wesentlich ambitioniertere Pläne, eine international wettbewerbsfähige Nationalelf aus dem Boden zu stampfen. Damals scannte man die weltweite Fussballlandschaft nach guten Kickern, die noch nicht für ihr Nationalteam gespielt hatten. Und man wurde fündig: Der damalige Torschützenkönig der Bundesliga, der Brasilianer Ailton, sein Landsmann, Dortmunds Rechtsverteidiger Dede sowie der Stürmer Leandro und der französische Bremer Innenverteidiger Valerièn Ismael sollten gegen Millionengage für Qatar auflaufen. Im Gespräch waren ein Handgeld von 1 Mio, € plus ein Jahresgehalt von 400.000 €. Erst ein Beschluss der FIFA, dass Bezüge zum Land aufzuweisen seien, stoppte das Unterfangen.

Das weckt Erinnerungen an einen ähnlich gelagerten Fall aus jüngster Zeit. Teodoro Obiang Nguema Mbasogo hatte 2011/12 zwei große Auftritte. Der seit 1979 autoritär und brutal regierende Diktator des kleinen westafrikanischen Staates Äquatorialguinea durfte seine kickenden Untertanen gleich zweimal als Botschafter des weltweit nicht sonderlich geachteten Landes bejubeln. Dank erheblicher Ölvorräte ist dieses jedoch mittlerweile ein für afrikanische Verhältnisse relativ wohlhabend – wenigstens was den Präsidenten angeht. Von diesem Geld finanzierte er sich auch einen kleinen fussballerischen Aufschwung seines Landes. Nur dass – analog zu Qatar – dem neuen Reichtum und dem alten Prestigewillen ein bedrückender Mangel an „human ressources“ gegenübersteht: Äquatorialguinea weist nur 1,2 Mio. Einwohner auf.

Trainingsplätze der Akademie - Quelle: aspire.qa

Genoveva Anonma - Quelle: Turbine Potsdam

Die Nationalelf, die zur Frauen-WM nach Deutschland flog, konnte sich dank Weltklassespielerin Genoveva Anonma immerhin Rest-Chancen bewahren, nicht ganz unter die Räder zu kommen (sieht man mal von einem gewissen Handspiel ab.  Sieben ihrer 21 Spielerinnen kamen jedoch aus Brasilien, je zwei aus Nigeria und Kamerun, eine aus Burkina Faso und eine aus Mali. Einige dieser Eingebürgerten hatten wohl kaum die nötigen Vorfahren in Westafrika bzw. dort mindestens fünf Jahre lang gelebt.

Äquatorialguineische Frauennationalmannschaft - Quelle: Guardian

Bei den Männern stellte sich dies noch etwas bunter dar. Auch hier wurde eingekauft und eingebürgert was die Scheckbücher hergaben. Am Ende standen im 23-Mann-Kader für die Afrikameisterschaft 2012 im eigenen Lande ein Brasilianer, zwei Ivorer, fünf Kameruaner, sowie je ein Liberianer, Nigerianer und Kolumbianer – einige, wie etwa Torwart Danilo, ohne die geringste Bindung nach Äquatorialguinea. 10 Fussballer mit zumindest rudimentären äquatorialguineischen Wurzeln wurden aus den unteren spanischen Ligen zusammengeklaubt. Deren bekanntester, Javier Balboa von Beia-Mar spielte immerhin siebenmal für Real Madrid. Ganze zwei Spieler wurden in Äquatorialguinea geboren.

Äquatorialguineische Männerfussballnationalmannschaft - Quelle: BBC

Javier Balboa - Quelle: SC Beira Mar

Der Hauptanreiz dieser „naturalisierten“ Kicker dürfte schlichtweg da Geld gewesen sein: Die ja größtenteils recht unbekannten Fussballer Obiangs erhielten 1 Mio. US-$ Prämien nach der Afrikameisterschaft 2012, für jedes Tor gab es 20.000 Dollar.

Ein neuer Trend: Kauf´ Dir eine Nationalmannschaft

 Dieser Trend, den Qatar und Äquatorialguinea setzen, ist zwar nicht neu, war aber selten so international und so finanzkräftig. Während Clubmannschaften wie Manchester City, Paris Saint Germain oder der FC Malaga sich schon ganz selbstverständlich sich in der Hand arabischer Investoren befinden, wirken zusammengekaufte Nationalmannschaften immer noch befremdlich.

Karl Marx hat einmal behauptet, dass der traditionelle feudale Lehnsherr selbst zum Kapitalisten wird oder aber verschwindet. Genau dies ist jedoch nur begrenzt richtig. Denn tatsächlich existieren parallel zu- und verwoben miteinander verschiedene soziale Ordnungsformen. Eine davon ist die Patrimoniale, also die Auffassung des Staates als Privateigentum seines Herrschers, womit das Prestige beider verschmelzen. Fussballnationalmannschaften sollen dabei den Stellenwert ihrer Herrscher repräentieren. Dafür werden die Athleten aus den ärmsten Ländern rekrutiert und vorgeblich naturalisiert.

Diese Erscheinung ist nur das Produkt von Ölreichtum und globalisiertem Finanzwesen, an welchem besonders kleine Staaten überdimensional partizipieren, indem sie sich als Logisitik-, Banken- und Steueroasen anbieten. Daraus resultieren „Firmenstaaten“ wie Qatar, die einerseits international wie kapitalistische Unternehmen, im Grunde wie eine Fondsgesellschaft, auftreten, im Inneren aber im Stile personaler Herrschaft aus der Zeit vor dem Kapitalismus, nur mit wesentlich moderneren technischen Mitteln, agieren.

Insofern ist die FIFA mittlerweile absolut auf der Höhe der Zeit, man könnte auch sagen sie ist konsequent: Sie lässt das Konsumprodukt Fussball demnächst von zwei Investmentfonds austragen. Zuerst ist Russland dran. Die Stadion müssen auch hier größtenteils wie auch der Rest der Infrastruktur noch gebaut werden. Und danach darf der Beinahe-Stadtstaat Qatar ran. Die Welt zu Gast beim Investmentfonds.

Daten und Fakten zu Qatar gibt es unter diesem Link