Die momentan schlechteste Nachricht für den fragilen Libanon ist, dass der Krieg im benachbarten Syrien mit unverminderter Härte weitergeht. Und leider steigt somit auch die Gefahr einer Ansteckung. Wir wollen mal einen kleinen Blick auf die aktuelle Entwicklung eines Konfliktes werfen, der weniger denn je ein rein syrischer ist.

„Märtyrer“ und Schmuggler

Die Beerdigungen von „Märtyrern“, deren Todesort ungenannt bleibt, ist ein Indikator der Ansteckung. Aus dem Irak wie aus dem Libanon schicken schiitische Milizen (Muqtada Sadrs Mahdi-Armee und Hizb-Allah bzw. Harakat ´Amal) Freiwillige nach Syrien, deren Opfer daheim zumindest ohne konkreten Namen bleibt. Ihre eigentlichen Aufgaben sind schwer feststellbar. Sie bewachen offenbar wissenschaftliche Einrichtungen, die für Hizb-Allah eines Tages noch bedeutend werden könnten (Chemiewaffenfabriken), den Sayyidah Zainab-Schrein in Damaskus und helfen Regierungsmilizen im Grenzbereich. Gleichzeitig sickern aber auch Kämpfer der Opposition relativ ungehindert aus den Nachbarländern ein. Ein schiitischer Abgeordneter der Mustaqbal-Partei, `Ukab Saqr, gilt mittlerweile als einer der prominentesten Organisatoren des lebhaften bewaffneten Grenzverkehrs zugunsten der syrischen Opposition. Der entwickelt sich mittlerweile dermaßen widerstandslos, dass Syriens Armeeführung vor kurzem ankündigte, demnächst werde man auch auf dem Territorium des Nachbarlandes schießen, was die Luftwaffe auch bereits in symbolischer Form tat. Dass freilich die eigenen Nachschubwege ebenso ungehindert durch den Libanon verlaufen, ließ Damaskus unerwähnt.

Diese Verwicklung geht auch längst über den üblichen„kleinen Grenzverkehr“ hinaus. Dieser ist bspw. in der sunnitische Enklave ´Arsal in der mehrheitlich schiitischen Biqa`a schon eine alte Tradition, lädt sich aber zunehmend auf: Parteien docken an diesen Schmuggel an, die sunnitisch-schiitische Trennlinie gewinnt etwa im Falle ´Arsals eine immer größere Bedeutung. Am Ostermontag wurden etwa gezielt 8 syrische `Alawiten in der Biqa`a entführt, einer Gegend in der mittlerweile die Ausbildungscamps beider Seiten wie die Pilze aus dem Boden sprießen. Im Falle der entführten Syrer scheint – was nicht untypisch ist – auch eine familiär-kriminelle Verwicklung eine Rolle zu spielen (offenbar wurde ein Angehöriger des entführenden Clans zuvor von Verwandten der Entführten seinerseits verschleppt). Gerade aber dieses Verschmelzen verschiedener Dimensionen (Politik, Konfession, Geschäft, Verwandtschaftsbande, ....) ist für die fortschreitende Entwicklung im Libanon bezeichnend.

Die dabei zunehmende Wahrnehmung eines angeblichen regionalen Konfliktes zwischen Schiiten und Sunniten mag falsch sein. Faktisch kämpfen Staaten und Parteien gegeneinander. Wir müssen von staatlichen wie politischen Konflikten reden. Konfession ist in diesem Zusammenhang primär eine „In-group“, sie strukturiert die politische Entscheidung vor. Daraus aber entwickelt sich gegenwärtig jedoch ein gefährliches Eigenleben. Und dieses Eigenleben lässt auch die prekäre Situation der Hizb-Allah noch ein wenig gewagter erscheinen.

Hizb-Allah und das „bewaffnete Verzuiling“

De facto ist Hizb-Allah eine einzige Gradwanderung. Sie ist eine fundamentalistische Gruppe, aber auch die Vertretung der Mehrheit der Schiiten im Libanon, sie muss also auch Leute integrieren, die vom Alkohol nicht lassen wollen und keinesfalls eine Theokratie nach iranischem Vorbild anstreben. Sie steht nunmehr vor der Aufgabe die vielfältige schiitische Gemeinschaft zusammenhalten. Darüber hinaus musste die Partei ihre revolutionär-universalistischen Zielsetzungen aus den 1980ern zu Teilen fahren lassen, um überhaupt am politischen System des Libanon teilzuhaben. Denn hierfür benötigt sie Partner, denen schon innerhalb der eigenen Konfession ein Staat nach Khomeinis Konzeption kaum akzeptabel erschiene. Um nun mit anderen kooperieren zu können, beschränkte sich Hizb-Allah seit Anfang der 1990er im Prinzip auf eine Art „bewaffnetes Verzuiling“. „Verzuiling“ meint auf Holländisch „Versäulung“. Damit wird jene Art kulturell-politischer Autonomie verstanden, die in sog. Konkordanzsystemen die Grundlage gegenseitiger Zusammenarbeit ist, getreu dem Motto: „Lässt Du mich in meinem Haus schalten und walten, lass auch ich Dich“. Im Falle der Hizb-Allah kommt diese Autonomie freilich schwer bewaffnet daher.  Das weckt Ängste und erlaubt ihr gleichzeitig zusammen mit Harakat ´Amal einen fast konkurrenzlosen und autoritären Zugriff auf die eigene Gemeinschaft, den aber wohl die Mehrheit der libanesischen Schiiten unterstützt.

Die syrische Revolution nebenan, also der drohende Verlust des militärischen, politischen und teilweise auch ökonomischen Hinterlandes droht Hizb-Allah allerdings zu radikalisieren, wie ein bemerkenswerter Vorstoß der Partei im Juli 2012 nahelegt. Nach mehreren Grenzverletzungen, sowohl durch syrische Oppositionelle als auch durch die Armee des al-´Asad-Regimes, welche in einigermaßen regelmäßigen Abständen den Grenzraum mit schweren Waffen beschoss, entschloss sich Staatspräsident Michel Sleiman in Gestalt seines Außenministers `Adnan Mansour, in Damaskus formell zu protestieren und einen Verzicht der syrischen Seite auf weitere Grenzverletzungen einzufordern. Im Fernsehen erklärte daraufhin Hizb-Allah-Generalsekretär Sayyid Hasan Nasr-Allah, die Formel von Ta`if (die den Krieg 1990 beendete) funktioniere nicht mehr, man müsse sie neu aushandeln. Im Kern beinhaltete der Vorschlag Nasr-Allahs nichts anderes, als eine konkurrierende Gewalt im Institutionenarrangement der libanesischen Verfassung, als aktiven Wettbewerber auszuschalten. Dieses Modell mag als Regierungsmodell in einer Fülle westlicher Staaten hervorragend funktionieren, man denke nur an Deutschland oder das Vereinte Königreich, in einem heterogenen Staat wie dem Libanon wäre es tödlich. Es würde de facto das „Durchregieren“ einer spezifischen Gruppe oder eines Lagers bedeuten. Aber der Hizb-Allah fehlt es nicht nur hier seit einigen Jahren immer mehr an Fingerspitzengefühl.

BasharBerri

Provokante Symbolik: Libanons (schiitischer) Parlamentspräsident Nabih Berri (li) von der Harakat ´Amal neben Bashar al-´Asad auf einem Plakat der Organisation im gemischt schiitisch-sunnitischen Basta tahta . Die Überschrift preist beide als der "kommende Sieg"

Die Radikalisierung und der Rücktritt

Mit dem Rücktritt des Premierministers Najib Miqati im März 2013 erreichte die Verschärfung des Tones dies einen neuen Höhepunkt. Vorausgegangen war der Versuch des „8. Märzes“ und des FPM den sich der Altersgrenze nähernden Chef der „Inneren Sicherheit“, Generalmajor ´Ashraf Rifi, einen treuen Parteigänger Hariris, ausgerechnet durch General `Ali al-Hajj zu ersetzen. Al-Hajj war bereits Rifis Vorgänger und musste nach dem Attentat auf Rafiq al-Hariri 2005 und der zumindest unklaren Rolle der libanesischen und syrischen Sicherheitskräfte in eben dieser zurücktreten. Seine Beziehungen zum östlichen Nachbarn gelten im Allgemeinen als extrem eng. Ausgerechnet ein Mann Syriens also, einer, der obendrein noch verdächtigt wurde, irgendwie in die Hariri-Ermordung involviert gewesen zu sein (obwohl dies nicht bewiesen ist), sollte jenen Offizier ersetzen, der die „Innere Sicherheit“ teilweise doch recht offen versucht hatte, in den Kern einer Mustaqbal-Miliz zu verwandeln, wie seine Versuche Kämpfer in Jordanien auszubilden (vgl. auch unser alter Artikel), gezeigt hatten. Diese Personalie muss als reine Provokation gesehen werden. Sie war ebenso unsensibel wie unnötig, hätte es doch auch andere sunnitische Offiziere gegeben, zeigte aber, wie sehr der Syrienkonflikt es offenbar sowohl für das ´Asad-Regime nebenan, als auch für den „8. März“ notwendig macht, den Sicherheitsapparat zu kontrollieren. Begleitet wurde dies durch immer härter werdende Anschuldigungen, die jeweilige Gegenseite sei doch nur ein Agent des Auslandes. Die hämische Rhetorik mit der der „8. März“ um die Hizb-Allah Miqatis Demission quittierte, würde allein schon ausreichen, um den Konflikt im Libanon weiter anzuheizen.

Gleichzeitig zeigte der Rücktritt Miqatis, wie stark dieser seiner sich zunehmend im Konflikt mit den Schiiten aufschaukelnden sunnitischen Basis im Norden immer weiter entgegenkommen musste. Wäre er nicht gegangen, seine Gefolgsleute in Tripoli hätten es ihn spätestens an der Wahlurne spüren lassen! Denn faktisch ist auch Miqatis Anhängerschaft an den seit fast einem Jahr andauernden Kämpfe zwischen `Alawiten und Sunniten auf Seiten der Sunniten in der nordlibanesischen Hafenstadt beteiligt. Dies erinnert fatal an die Situation vor dem Bürgerkrieg 1975 bis 1990. Auch damals war es „die Straße“, die den an sich durchaus pragmatischen aber abgehobenen politischen Eliten zunehmend das Handeln diktierte.

Eine politische Landschaft in Bewegung

Obendrein ist momentan die libanesische politische Landschaft in Bewegung. Auch dies lässt Parallelen zu 1975 erkennen. Damals hatten die etablierten Politiknotabeln fortlaufend an Einfluss verloren. Die Wahlerfolge neuer Kräfte, etwa der Phalangisten unter den Christen, des ba`athistischen Arztes `Abd al-Majid al-Rafi`i in Tripoli oder des (christlichen) Linksaktivisten Najjah Wakkim in Beirut belegten dies. Zusätzlich brachte der Influx der Palästinenser eine Anbindung an andere, regionale, Konflikte und eine Verschiebung des fragilen innerlibanesischen Kräftegleichgewichtes. Eine ähnliche Lage droht auch momentan durch die Verwicklung des Libanon in den Krieg im benachbarten Syrien.

Der bedeutendste sunnitische Akteur, der ehemalige Premierminister Sa`ad al-Din Rafiq al-Hariri (Mustqabal-Block), lebt aus Angst vor Attentaten mittlerweile im Ausland, was seine Wirkung schmälert. Zudem befindet sich der Milliardär in ökonomisch schwierigem Fahrwasser, auch wenn die Tatarenmeldungen seines Erzfeindes, der Zeitung „al-Akhbar“ wohl hoffnungslos übertrieben scheinen: Ein Bankrott kann schon aufgrund saudischer Garantien derzeit wohl ausgeschlossen werden. Dennoch ging zumindest eine Sicherheitsfirma Hariris Pleite. Damit verloren v.a. ärmere Sunniten aus der Vorstadt ihre Jobs. Gerade die in Beirut überall präsente Sicherheitsbranche dient dabei als Transmissionsriemen politischer Patronage der in der libanesischen Dienstleistungsökonomie relativ chancenlosen Vorstädter.

Und diese Männer aus der Dahiyyah (Vorstadt) sind es, die sich als Verteidiger der sunnitischen Gemeinschaft verstehen, ebenso wie ihre schiitischen Nachbarn. In die von Hariri hinterlassene Lücke rücken andere nach. Salafisten zum Beispiel. Etwa der in Tripoli stadtbekannte Prediger Shaikh Salim al-Rafa`i oder die Familie al-Shahal mit gleich mehreren prominenten Shaikhs, die während der Auseinandersetzungen im Mai 2012 in Tripoli gegenüber der libanesischen Presse mehr und mehr als Sprecher der ultra-frommen Sunniten auftraten. Allerdings ist Tripoli schon immer ein besonderes und recht prekäres Pflaster gewesen.

Im weiter südlich gelegenen Saida, der Heimatstadt des Hariri-Clans, fungiert der salafistische Imam der Bilal bin-Rabah-Moschee, Shaikh Ahmad al-´Asir, als Pendant. Da er zuletzt dazu aufrief, unter dem Dach des Widerstandes gegen Israel auch eine sunnitische Miliz aufzubauen, wurde er landesweit bekannt. Zumal er sehr direkt Sa`ad al-Din Rafiq al-Hariri für den „Machtverlust der Sunniten“ verantwortlich machte, was technisch unsinnig ist, da ja auch Miqati Sunnit ist, aber ein weithin empfundenes Gemeinschaftsgefühl der libanesischen Sunnah ausdrückt.

Das Potential für salafistische Extremisten mag vorhanden sein, v.a. im Norden des Landes, außerhalb ist es jedoch nicht mehrheitsfähig. Über längerfristige Trends sollte hier nicht spekuliert werden. Insgesamt zeigen die zur Verfügung stehenden Zahlen (etwa das "Global Attitude Project")  aber auch, dass „religiöser Extremismus“ im Libanon primär nicht der oftmals mit diesem Terminus assoziierte Fundamentalismus sein muss, sondern eine religiös symbolisch ausgedrückte Gruppenidentität. Gefährlich ist er dennoch. Je mehr sich über Syrer und Palästinenser das Kräftegleichgewicht verschiebt, desto kritischer wird es. Seit 2011 die palästinensische Hamas Damaskus verließ, sind die von ihr und der Fatah kontrollierten Flüchtlingslager (die vielen kleinen linken Gruppen spielen kaum eine reale Rolle) in Syrien wie im Libanon zu einer Hochburg der syrischen Opposition geworden. Zumal etwa im berüchtigten Beiruter Viertel Tariq al-Jadidah eine typisch-libanesische, inoffizielle Mischung aus (sunnitischen) Libanesen, Syrern, Palästinensern und Irakern lebt. Die somit vorhandenen Bewaffneten verstärken die mittlerweile besser ausgebildeten und bewaffneten Kämpfer der Hariri-Miliz, die 2008 noch von den Männern des „8. Märzes“ deutlich überrannt wurden. Dennoch dürften letztere immer noch wesentlich überlegen sein.

Die Angst, „die Schiiten“ könnten die Macht übernehmen, ist inzwischen ubiquitär. Dass 2010 sogar ein Konflikt mit der an sich politisch eher harmlosen Akhbash-Gruppe zu einer Schießerei zwischen den liberalen Sunniten von der Akhbash und der Hizb-Allah führte, unterstreicht wie angespannt die Situation in den gemischten Stadtvierteln mittlerweile ist. Dort kontrollieren die Schiiten-Parteien mit ihren Milizen zumeist die Straßen und sie zeigen dies mit ihrer allgegenwärtigen politischen Symbolik, mit der sie diese förmlich pflastern. V.a. die Poster Bashar al-´Asads sind dabei provokanter Stein des Anstosses. In den sunnitischen Geschäften und Innenhöfen hängen dann die Hariri-Porträts und die Bildnisse des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, des neuen gemäßigt-konservativen Sterns am sunnitischen politischen Firmament. Was bleibt ist eine latent gereizte Grundstimmung, die rasch explodieren kann. Die Fernsehbilder aus Syrien sind für die einen ein Dokument sunnitischen, für die anderen schiitischen Leidens und der Willen den bedrängten „Brüdern“ zu helfen ist umso größer, je weiter man in die Vorstädte kommt.

Bashar al-´Asad an einem Parteibüro der schiitischen Harakat ´Amal im gemischt schiitisch-sunnitischen Basta tahta: Kontrollanspruch und permanente Provokation der hier aus dem politischen Straßenbild verdrängten Sunniten. al-´Asad wird als "Triebfeder" angepriesen. In jedem Fall treibt die Frage der Positionierung in der Auseinandersetzung um seine Herrschaft auch im Libanon die fragile politische Konfliktlage an.

Fazit

Verschwörungstheorien sind fehl am Platze. Niemand bezahlt libanesische Akteure für ihr Tun – von Ausnahmen abgesehen. Im Syrienkonflikt bündeln sich lediglich innerlibanesische Konflikte wie in einem Prisma. Syrer schauen in den Libanon und sehen diesen durch die syrische Brille, ebenso sehen viele Libanesen den Konflikt in Syrien primär mit zutiefst libanesischen Maßstäben. Dadurch gewinnt aber eine ohnehin fragile und angespannte politische Landschaft weiter an Dynamik.