Seit nun einem Jahrzehnt wird die Türkei von der AKP regiert. Bereits 2002 ließ sich eine Veränderung in der türkischen Außenpolitik beobachten und die AKP signalisierte, dass die Türkei in den Folgejahren mehr Mitsprache im Nahen Osten und somit die regionale Führung beanspruchen werde. Als Ahmet Davutoglu 2009 zum Außenminister ernannt wurde, richtete sich die Aufmerksamkeit der internationalen Medien auch auf dessen außenpolitisches Konzept, das als „Strategische Tiefe“ bekannt wurde. Darin deutet Davutoglu auf die historischen und geographischen Wurzeln der Türkei hin und befürwortet ein besseres Verhältnis mit den Anrainerstaaten und eine mehrdimensionale und mehrregionale Außenpolitik. Diese neue türkische Außenpolitik wird in einigen Kreisen immer wieder als „neo-osmanisch“ beschrieben. Doch was genau steht hinter dieser Bezeichnung? Handelt es sich dabei tatsächlich um ein substanzielles außenpolitisches Konzept oder lediglich um einen rhetorischen Kniff im außenpolitischen Diskurs?  

Osmanismus im Osmanischen Reich

Das Osmanische Reich war im 19. Jahrhundert mit zahlreichen Krisen konfrontiert und führte mehrere Reformen durch. Die Reformperiode wurde als Tanzimat – Periode (Tanzimat, deutsch: Neuordnung) bekannt und begann im Jahre 1839. In dieser Zeit wurde der „Osmanismus“ ein bedeutender Begriff in der osmanischen Innenpolitik. Ziel der neuen Politik war es die multireligiöse und multiethnische Bevölkerung des Reiches unter einer neuen „osmanischen“ Identität zu vereinen und ihre Loyalität zum osmanischen Staat zu festigen.[1] Ohne aufgrund ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit diskriminiert zu werden, sollten alle Bürger des Reiches gleichgestellt und ihre Rechte gewährleistet werden. In diesem Sinne wurde später ein Gesetz zur Staatsbürgerschaft verabschiedet, das allen Bewohnern des Reiches die osmanische Staatsbürgerschaft zusprach. Diese Reform kann auch als eine Gegenreaktion zu den Nationalismusbewegungen innerhalb des Reiches verstanden werden. Mit der neuen Identität sollten die inneren Unruhen beendet und die Innenpolitik stabilisiert werden. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg wurde die osmanische Nation und somit der Osmanismus beendet.  

Neo-Osmanismus im politischen Diskurs der Türkei

In den 80er Jahren tauchte der Begriff „Neo-Osmanismus“ zum ersten Mal in den türkischen Medien auf und wurde für die Außenpolitik des damaligen türkischen Ministerpräsidenten Turgut Özal benutzt. Özal, der ebenfalls wie Erdogan ein konservativer Politiker war, betonte in seiner Politik immer wieder die gemeinsam geteilten Werte und die osmanische Vergangenheit der Region. In der Innenpolitik nahm Özal eine tolerante Haltung gegenüber Minderheiten ein und wies auf den Islam als gemeinsame Identität hin. In der Außenpolitik pflegte er intensive Beziehungen zu den Nachbarstaaten und versuchte vor allem die wirtschaftliche Situation der Türkei zu stabilisieren. Deshalb waren Özals außenpolitischen Interessen eng an seine Wirtschaftspolitik gekoppelt. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung der Sowjetunion sah Özal in den Turkstaaten (Turkmenistan, Aserbaidschan, usw.) neue Kooperationspartner und neue Wirtschaftsmärkte, um die türkischen Exporte zu erhöhen. Neben arabischen Märkten und Investoren, nahm der Kaukasus eine besondere Rolle für Özal ein.[2] Turgut Özals aktive Außenpolitik auf dem Kaukasus, auf dem Balkan und im Nahen Osten wurde zum Teil als „neo-osmanisch“ bezeichnet[3], aber eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Begriff fand auch zu jener Zeit nicht statt. In den Folgejahren blieb diese Bezeichnung eher im Hintergrund und wurde erst mit der AKP-Regierung erneut aufgegriffen. Es bleibt festzuhalten, dass der Neo-Osmanismus trotz der ähnlichen Bezeichnung keine direkte Weiterentwicklung des Osmanismus ist. Der Letztere war an erster Stelle ein innenpolitisches Konzept für die Gleichstellung aller Bürger im Osmanischen Reich, während der Neo-Osmanismus vielmehr ein außenpolitisches Konzept darstellen soll, welches eine enge Zusammenarbeit zwischen den Staaten in den ehemaligen osmanischen Territorien vorsieht.  

Das Konzept der Strategischen Tiefe und die Merkmale des Neo-Osmanismus

Als 2009 Ahmet Davutoglu zum türkischen Außenminister ernannt wurde, rückte auch sein außenpolitisches Konzept, die „Strategische Tiefe“, in den Vordergrund der internationalen Öffentlichkeit. Noch vor seinem Amtsantritt hatte er seine politischen Überzeugungen in einem gleichnamigen Buch veröffentlicht. Später versuchte er die einzelnen Schritte aus dem darin entwickelten Konzept in der türkischen Außenpolitik umzusetzen. Er betrachtet in seinen außenpolitischen Ansätzen die Türkei als eine „zentrale Macht“ mit einer „Schlüsselposition“ in der Region. Deshalb solle die Einflusszone der Türkei erweitert werden und neben dem Nahen Osten und Balkan, auch Regionen wie Kaukasus, Mittelmeer und Schwarzmeer umfassen. Erst durch eine multiregionale Außenpolitik könne die Türkei eine globale strategische Rolle einnehmen.[4] Dieser von Davutoglu formulierte regionale Führungsanspruch wird häufig herangezogen um angebliche Merkmale des Neo-Osmanismus darzustellen. Demnach bezeichne der Neo-Osmanismus eine multidimensionale und multiregionale türkische Außenpolitik, die sich auf die ehemaligen geographischen Grenzen des Osmanischen Reiches konzentriere und dabei die religiös-kulturellen Werte hervorhebe. Dies stelle jedoch keine Abwendung vom Westen und keine Alternative zum Bündnis mit den westlichen Staaten dar. Die Türkei solle durch diese multiregionale Politik eine Brückenfunktion übernehmen und während sie sich in die islamische Welt reintegriert weiterhin ein Teil Europas bleiben. In der Innenpolitik folgen die sogenannten Neo-Osmanen dem osmanischen Erbe. Somit werden zum Beispiel die kurdisch-nationale Identität der Kurden - solange sie der türkischen Verfassung treu bleiben - toleriert, der Islam als gemeinsame Religion betont und die lange historische und kulturelle Vergangenheit zwischen Kurden und Türken hervorgehoben.[5]  

Reaktionen in nationalen und internationalen Kreisen

Die Verwendung des Begriffs Neo-Osmanismus löst bei unterschiedlichen Gruppen verschiedene Assoziationen aus und wird politisch instrumentalisiert. Sowohl in der türkischen als auch in der internationalen Öffentlichkeit gibt es zahlreiche Auslegungen des Begriffs. Die häufigsten auftretenden Interpretationen sehen im Neo-Osmanismus a) den Versuch den türkischen Nationalismus mit Islamismus zu vereinbaren, um dadurch die kemalistischen[6] Werte, wie Säkularismus, zu eliminieren b) eine Abwendung von der Europäischen Union und Neudefinition der eigenen (Führungs-)Rolle in der Region. c) eine zwangsläufige und logische Folge der EU-Beitrittsverhandlungen, die die Türkei zwingen neue Bündnispartner zu suchen d) eine Radikalisierung der Türkei mit imperialistischen Absichten in den ehemaligen Territorien des Osmanischen Reiches e) eine ablehende Haltung gegenüber der historischen passiven Rolle der türkischen Außenpolitik und Neubelebung des türkischen Einflusses auf mehreren Kontinenten f) keine politische Ideologie, sondern eine wirtschaftliche Strategie Innerhalb verschiedener Diskurse, sei es im wissenschaftlichen oder öffentlichen, variieren die Interpretationen zum Teil deutlich. Die Kritiker im Westen betrachten den Neo-Osmanismus als eine „Entwestlichung“ der Türkei. In der Region (in letzter Zeit vor allem von Anhängern der Assad-Regierung in Syrien) werden dem Neo-Osmanismus imperialistische Absichten zugeschrieben. Die türkischen Kritiker wiederum sehen darin eine Gefahr für die kemalistischen Werte und eine Radikalisierung der türkischen Gesellschaft. Befürworter des Neo-Osmanismus gibt es so explizit nicht, denn die türkische Regierung lehnt die Bezeichnung neo-osmanisch strikt ab. Der türkische Außenminister Davutoglu und viele weitere Regierungspolitiker haben mehrmals betont, dass sie diese Rollenzuschreibung nicht akzeptieren und drücken ihr außenpolitisches Konzept als „Null-Problem-Politik“ aus.  

Fazit

Es ist wahr, dass die Türkei seit der AKP-Regierung eine intensive Zusammenarbeit mit der islamischen Welt betreibt. Die Interessen der türkischen Außenpolitik nur auf die ehemaligen Grenzen des Osmanischen Reiches zu reduzieren wäre jedoch unzutreffend. Die Türkei schloss in den letzten 10 Jahren zahlreiche politische und wirtschaftliche Abkommen mit unterschiedlichen Staaten in Asien, Afrika und Amerika ab. Nicht alle diese Staaten waren Teil des Osmanischen Reiches oder teilen die gleichen kulturellen Werte und historischen Erfahrungen. Diese Schritte zeigen die pro-aktive und multidimensionale Haltung der AKP-Regierung in der türkischen Außenpolitik. Zudem betonen die Akteure der türkischen Außenpolitik stets die Bedeutung des EU-Beitritts für die Türkei. In der aktuellen türkischen Außenpolitik sollte man deshalb keine „Achsenverschiebung“ oder „Abkehr vom Westen“ suchen. Das Land versucht sich als politisches und wirtschaftliches Zentrum der Region zu etablieren und ist weiterhin bemüht mit seinen westlichen Alliierten zu kooperieren. Die geographische „Brückenfunktion“ einer stabilen Türkei könnte auch auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene positive Auswirkungen für den Westen haben. Was den Neo-Osmanismus betrifft, so ist dieser Begriff meiner Meinung nach nichts weiter als eine oberflächliche Bezeichnung für die türkische Außenpolitik. Was genau darunter zu verstehen ist, liegt ganz in den Händen des jeweiligen Verfassers. Dementsprechend spiegeln sich die verschiedenen Wahrnehmungen der türkischen Politik in den zum Teil widersprüchlichen Auslegungen des Begriffes wider. Darüber hinaus handelt es sich bei dem Begriff um eine Fremdzuschreibung, die schon insofern nicht richtig ist, da die meisten Argumente auf Davutoglus Buch „Strategische Tiefe“ basieren und dieses außenpolitische Konzept nun einmal bereits „Strategische Tiefe“ heißt. Neo-Osmanismus ist folglich keine fundierte Theorie, die sich als Analyserahmen oder zur Erstellung von Prognosen über die künftigen Schritte der türkischen Außenpolitik eignet. Stattdessen lässt der Begriff viel Spielraum für Interpretation und wird in der internationalen Öffentlichkeit häufig mit Entwestlichung und Imperialismus assoziiert. Gerade aufgrund dieser negativen Konnotationen dient der Begriff nicht einer angemessenen Beschreibung der türkischen Außenpolitik. Im Zweifelsfall ist ein Verweis auf konkrete politische Zielformulierungen wie das Konzept der „Strategischen Tiefe“ oder die „Null Problem Politik“  die bessere Alternative.    


[1] Vgl. Mardin, Serif: The Genesis of Young Ottoman Thought, New Jersey 1962
[2] Vgl. Laciner, Sedat: Turgut Özal Period in Turkish Foreign Policy: Özalism, USAK Yearbook of International Politics and Law, Vol. 2, 2009, pp. 153-205.
[3] Vgl. Grigoriadis, loannis N.: The Davutoglu Doctrine and Turkish Foreign Policy, Bilkent University Working Paper Nr.8, Ankara/Athens 2010
[4] Vgl. Davutoglu, Ahmet: Stratejik Derinlik, Istanbul 2001
[5] Es gibt zahlreiche Artikel von Heinz Kramer und Ömer Taspinar zum Neo-Osmanismus.
[6] Unter Kemalismus werden die Reformen und westliche Orientierung Mustafa Kemal Atatürks, Gründer der Republik Türkei, verstanden.