Der Regierungsantritt der Muslimbrüder in Ägypten bedeutete für die Hamas einen dringend benötigten Aufschwung, da die Bewegung mit zunehmender Geschwindigkeit an Freunden und finanziellen Unterstützern verlor, seit der Konflikt in Syrien begann. Die Hoffnungen der Hamas lagen darauf, dass eine freundlich gesinnte Regierung in Ägypten dazu beitragen würde, die Isolation des Gazastreifens zu aufzulockern, die Einfuhr von Gütern zu erleichtern und damit auch mehr Einkommen in die Kassen der Hamas spülen würde. Obwohl das eine Regierungsjahr Mursis diese Hoffnungen nicht erfüllen konnte, ist sein Sturz dennoch ein verheerender Schlag für die Hamas. Von Mahmoud Jaraba und Lihi Ben Shitrit Hamas frühzeitige, wenn auch nominelle Unterstützung der syrischen Opposition gegenüber Bashar al Assad bedeutete, dass die Bewegung nicht nur ihr internationales Hauptquartier in Damaskus, sondern auch die wichtige politische und finanzielle Unterstützung seitens Irans, dem regionalen Verbündeten des Assad Regimes, verlor. Ghazi Hamad, Hamas Staatssekretär für Äußeres in Gaza, bestätigte vor kurzem, dass finanzielle Hilfe sowohl von Teheran als auch von Damaskus auf Grund deren Unterstützung der syrischen Opposition gestrichen wurde. Vor dem Zusammenbruch der Beziehungen, überwies Teheran, einigen Quelln zu Folge, mehr als 20 Millionen Dollar monatlich an die Konten der Hamas, mit deren Hilfe die Hälfte der Regierungsangestellten in Gaza bezahlt werden konnte. Angesichts Hamas angespannter strategischer Situation bedeutete die Amtsenthebung Mursis einen schweren Schlag für die Hamas. Die ägyptischen Generäle, die für die Amtsenthebung Mursis verantwortlich waren, haben seitdem den Zugang zum Gazastreifen noch stärker eingeschränkt. Einen Monat nach Ägyptens „Volkscoup“ blieben die Grenzöffnungen zwischen Ägypten und Gaza weitgehend geschlossen und 80% der unterirdischen Tunnel – der Lebensader des Gazastreifens, durch die Lebensmittel, Treibstoff und Baumaterialien aus Ägypten geschmuggelt werden, waren laut UN Middle East Sonderbotschafter Robert Serry nicht mehr in Betrieb. Das Schließen der Tunnel, welche die Haupteinnahmequelle der Hamas darstellten, haben deren Kassen erschöpft und verursachten eine Verschlechterung der wirtschaftlichen und humanitären Situation in Gaza. Hamas Wirtschaftsminister Ala al-Rafati folgend, brachte die Schließung der Tunnel einen Verlust von rund 230 Millionen Dollar allein im Juli ein, was dazu führte, dass rund 20.000 Arbeitsplätze verlorengingen und so die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit weiter stieg. Al-Rafati führte weiterhin aus. Dass 90% der durch Quatar und die Türkei unterstützten Bauprojekte auf Grund des Mangels an Baumaterialien gestoppt werden mussten. Die Verbindung zwischen Hamas und der ägyptischen Muslimbruderschaft hat den Ruf der Bewegung im post-Mursi Ägypten getrübt. Ägyptische Medien haben die Hamas der Einmischung in ägyptische Innenpolitik beschuldigt und bescheinigten ihr Versuche Ägypten durch die Unterstützung Mursis destabilisieren zu wollen. Einige sehen die Hamas sogar verantwortlich für die sich verschlechternde Sicherheitslage im Sinai. Diese Beschuldigungen haben generell für eine negatives Bild der Palästinenser in Ägypten gesorgt. Mousa Abu Marzook, Hamas zweithöchster Offifzieller, sprach bereits von einer Spannung zwischen dem ägyptischen und palästinensischen Volk, auf nie dagewesenem Niveau. Am Freitag dem 26. Juli 2013 berichtete die staatliche ägyptische Nachrichtenagentur MENA, dass die Armee Mursi in Bezug auf einen Gefängnisausbruch 2011 anklagt, sich mit der Hamas verschworen zu haben. Umgekehrt haben auch islamistische Gruppen in Ägypten den Palästinensern die Schuld für die Sicherheitslage in Ägypten und dem Sinai zugeschoben – allerdings haben sie auf Mohammed Dahlan, den früheren Fatah Sicherheitschef in Gaza, als Schuldigen für die jüngsten Attacken verwiesen. Darüber hinaus gibt es auch innenpolitische Gründe für die Hamas, die zur Sorge anregen. Während des einen Jahres von Mursis Präsidentschaft stieg die Beliebtheit der Hamas im Gazastreifen von 31 Prozent im Juni 2012 auf 38 Prozent im Juni 2013. Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation und der politischen Isolation der Hamas post-Mursi ist anzunehmen, dass diese Zahlen wieder rückläufig sein werden. Überdies wird der ohnehin fragile Versöhnungsprozess zwischen der Fatah und der Hamas (mehr dazu hier), bei dem Ägypten eine zentrale Vermittlerrolle zukam, durch die jüngsten politischen Entwicklungen in Ägypten weiter gefährdet. Die dortigen Unruhen können dazu führen, dass die Regierung zu sehr mit der internen Lage in Ägypten beschäftigt ist, um sich um den Versöhnungsprozess in Palästina zu kümmern. Und während die Hamas ob ihrer derzeitigen misslichen Lage die Versöhnung vorantreiben will, könnte die Fatah auf der anderen Seite weniger Interesse zeigen. Der Beginn einer neuen Runde von Friedensgesprächen mit Israel zusammen mit der Schwächung der Hamas verringern den Druck auf die Fatah der Hamas entgegenzukommen. Tatsächlich könnte die Fatah versuchen sowohl mit Israel und Ägypten zusammenzuarbeiten, um die Stellung des internen Rivalen weiter zu unterminieren. Die eskalierenden Wortgefechte zwischen den Führungsspitzen der beiden Bewegungen deuten die Gefährdung eines Scheiterns der Aussöhnung bereits an. Die Fatah hat die Hamas bereits beschuldigt in interne ägyptische Angelegenheiten zu Gunsten der Muslimbruderschaften interveniert zu haben. Nach Hani al-Masri, einem palästinensischen Politikberater, wollen sogar einige Kreise innerhalb der Fatah die Rafah-Grenze zwischen Ägypten und Gaza geschlossen halten, um die Lage der Hamas weiter zuzuspitzen. Die Hamas hat auf der anderen Seite nur sehr wenige Optionen, um sich aus dieser Krise zu befreien und alle würden deutliche Gefahren bergen. Die Bewegung könnte versuchen ihre Beziehung mit dem Iran wiederherzustellen. Damit könnte sie zwar ihre Einnahmen erneuern, würde aber riskieren weiter an internationaler Reputation zu verlieren. Eine Verdoppelung der Bemühungen eine Übereinkunft mit der Fatah zu treffen, eine provisorische Technokratenregierung der Nationalen Einheit zu gründen und Wahlen in Gaza und dem Westjordanland abzuhalten, könnte im Hamas Interessen vielleicht am besten dienen. Aber die Unterschiede zwischen beiden Lagern, wie auch der fehlenden Anreiz für die Hamas machen eine Versöhnung derzeit unwahrscheinlich. Daher scheint ein Ausbruch von Gewalt, entweder zwischen den rivalisierenden Fraktionen in Gaza oder zwischen Ägypten und Gaza, als ein mehr als mögliches Szenario der derzeitigen Situation. Um dies zu verhindern müssen alle beteiligten Akteure versuchen die wachsenden Spannungen zu beruhigen und die militante Rhetorik zu mäßigen. Allerdings scheint keine der beiden Seiten sich in diese Richtung zu bewegen.   Dieser Artikel wurde zuerst in englischer Sprache hier veröffentlicht: http://carnegieendowment.org/sada/2013/08/01/hamas-in-post-morsi-period/gh2f