Die Bombe die Ende vergangener Woche die Ibrahim-Monzer-Straße im Ostbeiruter Stadtteil Ashrafiyyah erschütterte, scheint den Libanon wieder etwas näher an einen möglichen Bürgerkrieg gerückt zu haben. Die Betonung liegt dabei auf scheinen. Denn trotz aller Schwarz-Weiß-Rhetorik der beteiligten politischen Akteure, bei der für das kleine Wort „vielleicht“ schon seit einigen Jahren so wenig Platz bleibt, stellt für die meisten Libanesen ein Bürgerkrieg ein Horrorszenario dar, das sie dringend vermeiden wollen.

Die unsichtbare Straßensperre in der Brust

Als nach 15 Jahren Krieg 1990 syrische Truppen den Präsidentenpalast östlich von Beirut stürmten, schlugen sie noch einmal richtig zu. Hunderte Verteidiger des Komplexes wurden von ihnen hingerichtet. Sie waren die letzten Toten eines Konfliktes, der rund 120.000 Menschen das Leben gekostet hatte. Hunderttausende Libanesen waren verwundet, fast 800.000 geflohen, weite Teile des Landes verwüstet, die Innenstadt Beiruts wortwörtlich ausgelöscht. Und genau dieses Erbe  ist eine der Stärken des Libanon in der derzeitigen Situation. Die meisten Libanesen sind nicht eben willig, eine neue militärische Auseinandersetzung zu suchen.

Aber es gibt auch die andere Form der Erinnerung: die Bitterkeit über erlittenes Leid etwa, die Ussama Sa`ad als die „unsichtbare Straßensperre in der Brust“ bezeichnet hat. V.a. pflegen die ehemaligen Kriegsmilizen aller ideologischen Richtungen das Erbe des Kampfes in einem quasi-religiösen Märtyrerkult, in welchem für Zweifel an der eigenen Sendung kein Platz ist.

Allgegenwärtiger Märytrerkult. Hier ein ausladendes Plakat der mit Hizb-Allah verbündeten Harakat Amal. Dargestellt sind gefallene Kämpfer der Partei. Links ist der Felsendom als vermeintliches Ziel des eigenen Kampfes zu sehen. Die Allgegenwart der Märtyrer soll den durch die Plakatierung ausgedrückten Herrschaftsanspruch der Partei im Viertel als rechtmäßig durch Leistung erworben legitimieren

Die Aufbereitung des Krieges verlief aufgrund der Heterogenität des Landes dezentral, jede politische Gruppe kultivierte ihre eigene Vision, insbesondere in den Kleine-Leute-Vierteln wie Tariq al-Jadidah oder Burj al-Barajnah, aus denen gegenwärtig die Bewaffneten kommen, die so rasch wie vorhersehbar die Straßen der südlichen Stadtbezirke der libanesischen Hauptstadt fluteten. Diese sind keineswegs fix an bestimmte Parteien gebunden. Sie sind, wie der weitaus größte Teil der gesamten libanesischen Gesellschaft permanent bewaffnet, haben ihre Sturmgewehre daheim gebunkert. Viele der sunnitischen Kämpfer aus Tariq al-Jadidah gehören zu Familien, die früher Syrer und Palästinensermilizen mit Bewaffneten versorgten, nicht wenige sind selbst palästinensischer Herkunft.

Ein zerschossenes Haus am Tayyouneh-Platz, an der Nahtstelle zwischen dem christlichen Furn al-Shubbak, dem sunnitischen Horj Beirut sowie dem schiitischen Chiyyah. Die Trümmer des letzten Bürgerkrieges sind noch immer nicht ganz beseitigt, dennoch brachen hier nach dem Mord an General al-Hassan Gefechte zwischen sunnitischen und schiitischen Milizen aus.

In Tripoli sind die mittlerweile berüchtigten sunnitischen Milizionäre aus Bab al-Tabbanah, die seit über einem halben Jahr sporadisch mit dem Nachbarviertel Jabal Muhsin kämpfen, einigermaßen ebenmäßig auf die Patronagenetzwerke der Hariri-Familie und – man höre und staune – des pro-syrischen Ministerpräsidenten Miqati verteilt. Das hindert sie jedoch nicht daran, gegebenenfalls die Seiten zu wechseln. Und die Kämpfer der schiitischen Hizb-Allah sind auch nicht immer klar zuzuordnen. Ein beliebtes Spiel der „Partei Gottes“ ist es früher immer nach Anschlägen und Geiselnahmen gewesen, zu verkünden, dass wäre ja gar nicht sie gewesen, nur der „Clan Mugniyyah“ sei verantwortlich. Nur dass dessen de-facto-Chef der damalige Militärchef der Partei, Imad Mughniyyah war.

Tatsächlich also sitzen die Parteien und nationalen Politikpatrone mehr auf eine immerwährende Erscheinung, die „starken Jungs“, auf und versuchen sie für sich zu mobilisieren. Wie eng diese Bindungen dann sind, hängt von der Situation ab. Momentan gelingt dies ganz gut. Um mobilisieren zu können, muss das politischen Narrativ der jeweiligen Organisation dabei für die zu Mobilisierenden plausibel sein und/oder sich finanziell rentieren. Die Bewaffneten haben nämlich durchaus ihre eigenen Interessen. Die Kämpfer von Bab al-Tabbanah etwa empfanden es noch nie als Widerspruch erst pan-arabistisch, dann pro-palästinensisch, dann salafistisch zu sein. Ganz im Gegenteil, jedes dieser Narrative entsprach ihrer sunnitisch-arabischen Identität wie ihrem Selbstverständnis als „Entrechtete“ der Gesellschaft. In diesem gesellschaftlichen Segment existiert eine Subkultur, die um so leichter zu den Waffen greift, als sie sich primär über die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft definiert, die primär lokal und „sha`abi“ (also in etwa volkstümlich oder die sprichwörtlichen „kleinen Leute“) ist, daneben sich aber auch mindestens diffus als Bestandteil einer Großgruppe begreift.

Und diese Großgruppen sind heute verstärkt „Sunniten“ und „Schiiten“. Eine derzeitig maßgebliche Konfliktlinie im Nahen Osten verläuft zwischen diesen beiden Konfessionen. Das ist zwar so nicht ganz richtig, wird aber so wahrgenommen. Insofern ist die gegenwärtige Auseinandersetzung im Libanon auch nicht einfach eine Fortsetzung des alten Bürgerkrieges von 1975 bis 1990, sondern die Auswirkung der Kriege im Irak und in Syrien. In diesen Zusammenhang muss auch der Mord an General Wissam al-Hassan eingeordnet werden.

Wer war’s?

Die Frage „Wer war’s?“ drängt sich jetzt natürlich auf. Die Leserbriefspalten der Zeitungen quollen schon wenige Stunden nach dem Anschlag wieder vor Spekulationen über. Mit großem Gestus ließ man uns wissen, dass es nur die Amerikaner gewesen sein könnten, die mal wieder einen Krieg bräuchten. Im starken Kontrast hierzu stand die offizielle Reaktion der westlichen Regierungen, die sofort Syrien als schuldig ansahen. Die Frage, wer es denn nun gewesen ist, kann auch hier nicht klar beantwortet werden. Aber es deutet doch einiges auf die offizielle Version hin. Wir werden erklären warum:

1. Die USA konzentrieren sich momentan auf den Iran und Afghanistan. Alle anderen Schauplätze werden eher sekundär abgehandelt. Das große, viel beschworene Eingreifen in Syrien fand ja bis heute nicht statt. Weder landeten Marines am Stand von Lattakia, noch erhielt der relativ schlecht organisierte Stab der „Freien Syrische Armee“ diejenigen Waffen, die er zu einem Sieg benötigen würde. Auch die Türkei hat bislang nur einige Artilleriesalven über die Grenze gefeuert, einen echten Krieg mit den Nachbarland scheut Premierminister Erdogan, auch weil dieser daheim ausweislich türkischer Meinungsumfragen nicht eben beliebt wäre. Einzig die Golfstaaten haben die Aufständischen in Syrien signifikant mit Material unterstützt, allerdings auch nicht über ein gewisses Niveau hinaus. Viele der Gelder die den radikalen Islamisten unter den syrischen Oppositionellen zufließen, kommen zudem (zumindest offiziell) aus privaten Kanälen. Kurzum: Schon allein im Hinblick auf diverse Erfahrungen im Libanon und im Irak scheint momentan niemand in Washington bereit zu sein, selbst einzugreifen. Warum sollte man sich also noch einen zweiten Krieg nebenan schaffen? Bei aller Feindschaft zur Hizb-Allah, so wäre doch ein nuklear bewaffneter Iran für die USA die wesentlich wichtigere Herausforderung als eine Miliz, die zwar lokal bedeutend ist, aber kaum als strategische Bedrohung taugt.

2. An einem Bürgerkrieg im Libanon kann in Amerika niemand interessiert sein. Die Erfahrungen aus dem letzten (1975-90) zeigen, dass das kleine Nachbarland Syriens rasch zu einem Fass ohne Boden werden kann. Und in diesem Fass könnten am ehesten die eigenen Verbündeten untergehen. De facto offenbarten die auf Wikileaks veröffentlichten Hilfsgesuche politischer Funktionäre des derzeit opponierenden „14. März“, dass die Milizen der pro-amerikanischen Seite keinesfalls ausreichend für einen Krieg gerüstet sind. Hizb-Allah dürfte die wohl bestorganisierte und –trainierte Privatarmee der Welt unterhalten. Der damalige Verteidigungsminister Elias Murr gab an vor einigen Jahren an, dass die damals führenden Köpfe des „14. März“, Sa`ad al-Din Rafiq al-Hariri (Sohn des ermordeten Rafiq al-Hariri), Walid Jumblatt (Führer der Drusenpartei PSP) und Samir Ja`ja` (Vorsitzender der christlichen Forces Libanaises) vor allem leichte Waffen ausgäben, wobei es den letzteren an Geld mangele. Eine Einschätzung übrigens, die die US-Botschaft an anderer Stelle teilte und sich sorgte, dass angesichts fehlender externen Geld- und Waffenkanäle das Abzweigen finanzieller Ressourcen von FL und PSP immer auch auf Kosten von Patronagekapazitäten und Parteiorganisation ginge. Samir Ja`ja` selbst bestätigte dies wenige Wochen später anlässlich eines Überraschungsbesuches in der amerikanischen Botschaft in Beirut, als er andeutete, dass, wenn die Armee die christlichen Wohngebiete des Landes nicht beschützen könnte, seine Partei zwischen 7. und 10.000 ausgebildete Kämpfer mobilisieren könne. Er bräuchte nur dringend Waffen für diese. Kurzum, während Hizb-Allah auf eine der effizientesten Privatarmeen der Welt und einige Verbündete zurückgreifen kann, steht die Gegenseite primär mit den landesüblichen leichten Infanteriewaffen da. In einer kriegerischen Auseinandersetzung im Libanon können die USA also momentan gar nicht interessiert sein.

3. Auch Syrien dürfte sich angesichts des westlichen Embargos kaum über einen Krieg nebenan freuen. Denn die durch ein großzügiges Bankgeheimnis und eine eher wenig entwickelte Steuermoral begünstigten libanesischen Banken stellen für das Regime in Damaskus eine der wichtigsten finanziellen Outlets zur Welt dar. Aber eine kleine Warnung an den Gegner dürfte man in der syrischen Führung positiver sehen. Tatsächlich befinden sich seit Jahren radikale Islamisten in Tripoli, die von dort aus auch schon Bombenanschläge in Syrien verübt haben. Eine der vormals wichtigeren dieser Gruppen, die Fatah al-Islam, kam dabei anscheinend sogar ursprünglich mit syrischer Hilfe ins Land. Mittlerweile kämpfen diese Gruppen aber gegen das Regime in Damaskus und auf Seiten sunnitischer Milizen in Tripoli. Ihre politischen Verbündeten sind momentan die Parteien des „14. Märzes“. Sie zu treffen, liegt in der Logik des syrischen Bürgerkrieges.

4. Der ermordete General war nicht irgendein Offizier. Er fungierte zunächst als Leibwächter des 2005 ermordeten Rafiq al-Hariri, dann als Kommandeur einer kleinen aber professionellen Geheimabteilung. In dieser Funktion ließ er vor einigen Monaten den ehemaligen kata´ib-Minister Michel Samahah festnehmen, der 24 Sprengsätze von Syrien in den Libanon geschmuggelt haben soll. General `Ali Mamlouk, seit dem Tod General Rajihas neuer Generalstabschef der syrischen Armee habe ihm diese Waffen persönlich zukommen lassen. So schwer sich dies im Einzelnen überprüfen lässt, so sehr steht Samahah jetzt im Mittelpunkt eines Konfliktes zwischen dem „14. März“ und dem pro-syrischen „8. März“ unter Führung der Hizb-Allah. Und der maronitische Christ mit dem Faible für die Welt der Geheimdienste, galt seit Jahren als wichtiger Verbündeter der Asads im Nachbarland, der u.a. beim Abkommen zwischen den schiitischen Parteien Hizb-Allah und Amal sowie dem ehemals anti-syrischen General Michel `Aoun nach dessen Rückkehr aus dem französischen Exil 2005 vermittelte. Samahah war so nah an Syriens Seite, dass er Bashar al-Asad auf dessen Frankreichbesuch 2008 begleitete – in der syrischen, nicht in der libanesischen Delegation. In den 1980er Jahren gehörte er zusammen mit dem notorischen Schwerstkriminellen Elie Hubayqah zu jenen „Phalangisten“, die intensiv daran beteiligt waren im Jahr 1985 eine letztlich gescheiterte Annäherung der Christenmilizen an Syrien einzufädeln. Damit wurde Damaskus zumindest geschwächt. Neben Samahah wurde nämlich auch der ehemalige General Jamil al-Sayyid verhaftet, der an der Verschwörung beteiligt gewesen sein soll. al-Sayyid, ein Schiit, stand zu seinen aktiven Zeiten der Amn al-`Am vor, dem größten Sicherheitsdienst im Lande. Er wurde beschuldigt, einer der Verantwortlichen für das Hariri-Attentat 2005 gewesen zu sein, saß deshalb auch in Haft. In jedem Fall stand er jenem Geheimdienst vor, der am deutlichsten von Syrien abhängig war. Über all dies hinaus blamierte al-Hassan den Hizb-Allah-Verbündeten `Aoun, als er eines seiner Parteimitglieder, den ehemaligen Chef der militärischen Spionageabwehr Fayez Karam, als israelischen Spion enttarnte.

5. Weshalb sollten die Amerikaner oder Israelis nun aber einen ihrer wichtigsten Männer im Libanon töten? General al-Hassan stand dem Geheimdienst der „Inneren Sicherheit“ vor, der von den USA und Saudi-Arabien finanziert wurde. Nun spiegelt die libanesische Sicherheitslandkarte in etwa die politische Kartographie wieder und so kontrollieren die Schiitenparteien Hizb-Allah und Harakat Amal die „Allgemeine Sicherheit“ (Amn al-`Am), die Christen (tendenziell eher `aounistische Parteigänger) dominieren in der Sicherheitsabteilung der Armee (entspricht der G 2-Abteilung in NATO-Streitkräften), die Sunniten dominieren die „Innere Sicherheit“, also die nach französischen Vorbild organisierte paramilitärische Gendarmerie. Diese wird von einem weiteren treuen Freund Hariris, General Ashraf Rifi kommandiert, der in der Vergangenheit sehr deutlich erkennen ließ, dass er seine Truppe zur Keimzelle einer sunnitischen Miliz machen wollte. Dabei sollte sie als Gegengewicht zur militärisch überlegenen Hizb-Allah und deren Verbündeten agieren. Der damalige Hariri-Alliierte Walid Jumblatt bestätigte vor einigen Jahren gegenüber der amerikanischen Botschaft in Beirut, dass Rifi Hariri „schlecht beraten“ habe und Parteimitglieder aus der Reihen der Gendarmen in Jordanien hätten ausgebildet werden sollten, was aber an der Weigerung Ammans gescheitert sei, sich involvieren zu lassen. Dennoch dürfte die „Innere Sicherheit“ im Kriegsfall einen wichtigen Kern einer möglichen Sunniten-Miliz darstellen, weshalb es für Syrien, nicht aber für die USA durchaus ein hohes Maß an Rationalität haben dürfte, einen der zentralen Männer dieser Truppe aus dem Weg zu räumen.


Auseinandersetzung zwischen den Parteien um die Kontrolle eines Viertels in Form eines kleinen „Krieg der Graffiti“ in Ostbeirut, nahe der berühmten Rue Gouraud: rechts unten wurde der Slogan „Nieder mit den Forces Libanaises“ übersprüht. Der Forderung „Kehre zurück Aoun“ nahm offenbar derselbe Sprayer den Namen des Generals.

Wenn Damaskus die Grippe hat, hustet Beirut

Aus all dem folgt: Das Attentat in Beirut wäre wohl eher den Syrern als den Amerikanern oder Israelis anzulasten. Aber es spiegelt auch keine plötzliche Eskalation dar, sondern ist ein weiterer Schritt in einem graduellen Prozess, der von einer regionalen Konfliktlage gespeist wird. Die Bilder der Ausschreitungen vom Begräbnis al-Hassans sollten aber nicht täuschen: Die meisten Libanesen wollen keinen neuen Bürgerkrieg. Die Straßenschlacht brach eher spontan aus, nicht zuletzt da sich das Mausoleum Hariris, in welchem auch al-Hassan beigesetzt wurde, nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Amtssitz des sunnitischen Premierministers Najib Miqati entfernt befindet, was angesichts der angespannten Stimmung nur schief gehen konnte. Die wesentliche Eskalation aber ist auf den Krieg in Syrien zurückzuführen. Von seinem Fortgang hängt ab, ob sich die Bewaffneten in den Vororten wieder berufen fühlen, die „Ehre ihrer Gemeinschaft“ bewaffnet zu verteidigen oder nicht. „Wenn Damaskus die Grippe hat, hustet Beirut“ könnte die Lage ganz gut beschreiben.