1945:  David Ben-Gurion, erster Premierminister Israels, besucht die Konzentrationslager Dachau und Bergen-Belsen. Er spricht dort mit Überlebenden des Nazi-Regimes und hält eine kurze Rede, in der er die Lösung für die Situation des jüdischen Volkes benennt: „Eretz Yisrael as a Jewish center, which does not rely on others but builds its strength, its will and its independence.“ Es scheint, als wurde sich Ben-Gurion in den KZs erneut bewusst, welcher Hilflosigkeit die Juden in Europa unter den Nationalsozialisten ausgesetzt waren. Betrachtet man den zeitlichen Kontext, in dem nur zwei Monate zuvor die ersten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki gefallen waren, erkannte der Premier vielleicht schon zu diesem Zeitpunkt, in den Todeslagern der Nazis, die volle Abschreckungswirkung einer nuklearen Bewaffnung.[1] Wie es nach den Ereignissen des 2. Weltkriegs dazu kam, dass Israel zur Atommacht aufstieg und warum es sich beim  israelischen Nuklearprogramm um das „am schlechtesten gehütete Geheimnis“[2] überhaupt handelt, werden wir in den nächsten Seiten ergründen.

Eines unterscheidet Israel grundlegend von anderen Atommächten: Es gibt keine offiziellen, klaren Aussagen über den Stand des israelischen Atomprogramms, geschweige denn Einblicke für internationale Regime wie die Atomenergiebehörde (IAEA). Dass Israel Atomstaat ist, steht quasi außer Frage. Das Land verfügt Schätzungen zufolge aktuell über ca. 80 Nuklearsprengköpfe.[3] Israel versteht es seit Jahrzehnten gekonnt, genügend Informationen preiszugeben, um seinen Feinden die nukleare Überlegenheit unmissverständlich mitzuteilen, während offene Aussagen um jeden Preis vermieden werden. Bereits seit den 1960er Jahren nutzen israelische Entscheidungsträger die Ausdrucksweise, Israel werde nicht der erste Staat sein, der in der Region Nuklearwaffen besäße. 1983 antwortete der israelische Premierminister Jitzchak Schamir amerikanischen Journalisten auf die Frage nach einem israelischen Atomwaffenprogramm: „Israel has no nuclear weapons, will not resort to using nuclear weapons and will not be the first to introduce such weapons into the region.“[4] Was sich auf den ersten Blick wie eine klare Absage an ein Atomprogramm anhört, trügt:  Dem ehemaligen Verteidigungsminister und Ministerpräsidenten Israels Jitzchak Rabin zufolge würde ein Land Atomwaffen nur „einführen“ („introduce“), wenn es sein Atomprogramm öffentliche erklären und Atomwaffentests durchführen würde. Damit machte er implizit klar, dass Israel durchaus Nuklearwaffen besitzen könne, jedoch abgeschwächt durch die Aussage, das Land würde sie nicht „einführen“.  Und was ist unter der Bezeichnung „Atomwaffen“ zu verstehen? Bezieht er sich ausschließlich auf zusammengesetzte Atomsprengköpfe oder bezieht er auch einzelne Komponenten oder sogar eine Infrastruktur für Atomwaffen mit ein? Der Atomwaffensperrvertrag (NPT) definiert Atomwaffen als getestete Atomwaffen – für israelische Atomwaffentests liegen jedoch nach wie vor keine Beweise vor. Und zu guter Letzt bleibt auch der Terminus „the region“ unklar: Könnten damit US-Basen und Schiffe im Nahen und Mittleren Osten gemeint sein? Auch könnte „the region“ Pakistan oder Indien mit einschließen. Klar ist, Israel möchte Verwirrung stiften. Aber warum?

 

Trotz seiner turbulenten Staatsgründung und der damit verbundenen Probleme legte Israel den Grundstein für sein Atomprogramm bereits im ersten Jahr des neuen Staates. Zur Überprüfung der Uran-Ressourcen in der Wüste Negev wurde im Jahr 1948 ein Forschungs- und Planungsstab im Verteidigungsministerium geschaffen. Zeitgleich lief die Planung für eine entsprechende Forschungsstelle innerhalb des Weizmann Instituts.[5] Denn von Anfang an befand sich Israel im Krieg oder zumindest im kriegsähnlichen oder angespannten Zustand mit der palästinensischen Bevölkerung und umliegenden arabischen Staaten. Trotz Unterstützung durch seine Partner war Israel anfangs vielen der umliegenden Staaten finanziell sowie größentechnisch weit unterlegen. Die Zukunft und das Überleben des Staates befanden sich stets in einem ungewissen Zustand.[6]  Die zeitweise militärische Stärke von Syrien, dem Irak, Jordanien und Ägypten war beträchtlich, hinzu kam der Ölreichtum in diesen Ländern sowie dem Iran und Libyen. Die Überlegenheit Israels über die arabischen Streitkräfte im Krieg von 1947/1948 würde, das war Israel bewusst, nicht zwangsläufig anhalten, wenn sich die arabischen Staaten besser koordinieren und geschlossen und in großem Umfang gegen Israel vorgehen würden.[7] Diese Befürchtungen verstärkten sich später mit dem Aufstieg Gamal Nassers in Ägypten. Ben-Gurion hatte stets vor dem Aufstieg eines charismatischen arabischen Führers gewarnt, der die arabischen Staaten vereinen könnte. Er befürchtete, Nasser könnte zu einer Art zweitem Kemal Atatürk werden.[8]

 

Um in dieser feindlichen Umgebung die eigene Sicherheit zu gewährleisten, setzte Israel auf die nukleare Abschreckung. Nach den ersten Forschungen in den 1940er Jahren wurden immer wieder israelische Wissenschaftler an Universitäten und Forschungsinstitute im Ausland geschickt.[9] Mit Start der „Atoms for Peace“-Politik der USA in den 1950er Jahren wurde die Verbreitung von Nukleartechnologien zur friedlichen Nutzung vorangetrieben. Israel profitierte durch Schulungen und einen Leichtwasserreaktor aus den USA, was die israelischen Wissenschaftler mit dem Umgang der Technologien vertraut machte.[10] Insbesondere in den 1960er Jahren erhielt Israel dann massive Unterstützung auf dem Gebiet aus Frankreich. Was die Motivation Frankreichs zur Unterstützung Israels anbelangt, so waren Frankreichs Probleme in Algerien ausschlaggebend und die Hoffnung, ein nukleares Israel würde Gamal Nasser in seiner Unterstützung der Rebellen einknicken lassen; zudem strebte Frankreich selbst nach der Atombombe und die Zusammenarbeit ermöglichte den Austausch zwischen französischer Technik und israelischem Schwerwasser und wissenschaftlichen Quellen sowie Computertechnik aus den USA. Auch der Plutonium produzierende Reaktor nahe Dimona, der anfangs gegenüber den USA als Textilfabrik ausgegeben wurde, wurde von einem französischen Unternehmen mit Regierungsverbindungen erbaut.[11] Der US-Geheimdienst kam Ende 1966 zu dem Schluss, dass Israel in der Lage sei, innerhalb weniger Wochen eine Atombombe zu fertigen.[12]  1968 erwarb Israel von den USA 50 Kampfflugzeuge des Typs Phantom F-4 und erkundigte sich offen darüber, ob die Flugzeuge mit Raketenträgern ausgestattet werden könnten, die Atombomben transportieren können. Der Verkauf erfolgte, obwohl sich Israel weigerte, dem neu gegründeten NPT beizutreten, was die USA zuvor als Bedingung für den Verkauf formuliert hatten.[13] Später vertiefte Israel seine Beziehungen zu Südafrika – Gerüchte über einen gemeinsamen Atomtest vor der südafrikanischen Küste 1979 blieben unbestätigt.[14]

 

Diese Strategie der „nuklearen Doppelgleisigkeit“ beschreibt Taysir N. Nashif wie folgt: „As part of its posture of nuclear ambiguity, Israel has not disclosed its full intentions concerning the actual development of nuclear weapons; at the same time, it has not revealed any lack of intentions concerning such development.”[15] Würde Israel sein Atomprogramm offen legen, käme massiver internationaler Druck auf die Staatsführung zu; insbesondere, wenn es das Atomprogramm zwar einräumen, jedoch weiterhin keine Überprüfungsmaßnahmen durch internationale Stellen zulassen würde. Mit dieser Strategie der Doppelgleisigkeit können feindliche Staaten abgeschreckt werden, indem man sie im Unklaren über das Atomprogramm lässt; selbst was inoffiziell lange bekannt ist, wird nie bestätigt und auch der genaue Umfang des Programms bleibt so völlig im Verborgenen. Nicht nur Druck wäre die Folge für Israel, auch der mögliche Wegfall von Unterstützung aus dem Ausland. Ein US-Gesetz von 1967 verbietet es den Vereinigten Staaten beispielsweise, Staaten wirtschaftlich zu unterstützen, die an einem Atomprogramm arbeiten, welches nicht internationaler Kontrolle untersteht.[16]

 

Unabhängig von den eigenen nuklearen Fähigkeiten ist es Israels erklärtes Ziel, kein Atomprogramm anderer Staaten der Region zuzulassen – von der Bombardierung irakischer Reaktoren 1981 bis hin zur aktuellen Debatte um das iranische Atomprogramm.[17] [18] Würden andere Staaten des Nahen und Mittleren Ostens tatsächlich die Atombombe erlangen, würde Israel seine Nicht-Offenlegung wohl aufgeben, um mit der vollen Größe seines Arsenals seine Überlegenheit beteuern zu können. Denn ein weiteres atomar aufgerüstetes Land in der Region würde nicht zu einer gegenseitigen Abschreckung im Sinne der „mutual assured destruction“ führen, wie es im Kalten Krieg der Fall war – Israel wäre allein durch seine geringe Größe stets angreifbarer als der Zusammenschluss arabischer Staaten. Ali Akbar Rafsanjani, ehemaliger Präsident des Iran, sagte dazu: “The use of a nuclear bomb against Israel will leave nothing on the ground, whereas it will only damage the world of Islam.“[19]

 

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Israel aus eigener Sicht gute Gründe für die Strategie der nuklearen Doppelgleisigkeit hat: Solange nichts zugegeben wird, gibt es offiziell kein Atomwaffenprogramm und solange es kein Atomwaffenprogramm gibt, hat das Land auch keine Einschränkungen zu befürchten – gleichzeitig ist aber doch genug bekannt, um die Gegner im Zaum zu halten. Mehrmals drangen Informationen über das Programm nach außen – sei es wie im Fall Mordechai Vanunu scheinbar unabsichtlich durch Informanten oder wie häufig behauptet durch den israelischen Geheimdienst forciert.[20] [21] Und so konzentrieren sich die internationalen Medien und die meisten politischen Zusammenkünfte eher auf die sogenannten Schurkenstaaten wie Nordkorea oder den Iran. Nordkorea ist zwar 2003 aus dem NPT ausgetreten und geht auffällig offen mit seinem Atomprogramm um; der Iran zumindest untersteht jedoch, wie oben erläutert, im Gegensatz zu Israel internationalen Kontrollen.[22] [23] Gerade die guten Beziehungen der USA zu Israel sowie die deutsche Vergangenheit des Nationalsozialismus spielen eine wichtige Rolle in der Duldung der israelischen Politik der Nichtoffenlegung. Doch sollte nicht vergessen werden, dass Forderungen an Israel in diesem Zusammenhang – zumal gleichermaßen an andere Staaten gestellt – nicht an der Geschichte des Landes festgemacht sein sollten, sondern der internationalen Sicherheit und Glaubwürdigkeit internationaler Regime dienen müssen.



[1] Vgl. Karpin, Michael: The Bomb in the Basement. How Israel Went Nuclear and What That Means for the World, New York, 2006, S. 8.

[2] Vgl. Cohen, Avner: The Worst-Kept Secret. Israel’s Bargain with the Bomb, New York, 2010, Einführung und S. 121 f.

[3] Vgl. Stockholm International Peace Research Institute: Nuclear Forces Development, Stand Januar 2013. Abgerufen unter: http://www.sipri.org/research/armaments/nuclear-forces (Stand 28.04.2014).

[4] Vgl. Cohen, Yoel: Whistleblowers and the Bomb. Vanunu, Israel and Nuclear Secrecy, London, 2005, S. 10.

[5] Vgl. Catudal, Honoré M.: Israel’s Nuclear Weaponry. A New Arms Race in the Middle East, Berlin, 1991, S. 24.

[6] Vgl. Pry, Peter: Israel’s Nuclear Arsenal, Boulder, 1984, S. 5.

[7] Vgl. Barnaby, Frank: The Invisible Bomb. The Nuclear Arms Race in the Middle East, London, 1989, S. 47 f.

[8] Vgl. Shalom, Zaki: Israel’s Nuclear Option. Behind the Scenes. Diplomacy Between Dimona and Washington, Brighton, 2005, S. 2.

[9] Vgl. Pry, Arsenal, S. 5 ff.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Karpin, Basement, 2006, S. 269.

[13] Vgl. Catudal, Weaponry, 1991, S. 44 f.

[14] Vgl. Pry, Arsenal, 1984, S. 71 ff.

[15] Vgl. Nashif, Taysir N.: Nuclear Weapons in Israel, New Delhi, 1996, S. 37.

[16] Vgl. Cohen, Yoel: Nuclear Ambiguity and the Media: The Israeli Case, in: Communicating Security. Civil-Military Relations in Israel, Oxon, 2008, S. 165.

[17] Vgl. Barnaby, Invisible, 1989, S. 149.

[18] Vgl. Borger, Julian: The truth about Israel’s secret nuclear arsenal, in: The Guardian online, 15.01.2014. Abgerufen unter: http://www.theguardian.com/world/2014/jan/15/truth-israels-secret-nuclear-arsenal (Stand 28.04.2014).

[19] Vgl. Cohen, Avner: Secret, 2010, Introduction.

[20] Vgl. Nashif: Nuclear Weapons in Israel, 1996, S. 38.

[21] Vgl. Der Spiegel: Tod aus der Textilfabrik, 05.05.1969. Abgerufen unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45741537.html (Stand 16.02.2014).

[22] Vgl. Becker, Markus: Luftmessungen. Radioaktive Gase belegen Nordkoreas Atomtest, in: Spiegel Online, 23.04.2013. Abgerufen unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/luftmessungen-radioaktives-xenon-belegt-nordkoreas-atomtest-a-896029.html (Stand 15.02.2014).

[23] Reuters: Atomwaffen: Nordkorea kündigt Sperrvertrag, in: Frankfurter Allgemeine online, 10.01.2003. Abgerufen unter: http://www.faz.net/aktuell/politik/zuspitzung-atomwaffen-nordkorea-kuendigt-sperrvertrag-192930.html (Stand 15.02.2014).