Die Beziehungen zwischen dem Irak und Syrien waren seit Ende des zweiten Weltkriegs von Misstrauen geprägt. Trotz vordergründiger panarabischer Vereinigungsrhetorik und einem durch die amerikanische Besetzung erzwungenen Austausch vieler Führungsebenen nach 2003 kam es zu
keinem Zeitpunkt zu spannungsfreien diplomatischen Beziehungen. Die Befürchtungen dass islamistische Kräfte den zerfallenden syrischen Staat als Rueckzugsgebiet und Basis nutzen können um auch im Irak zu operieren ist in irakischen Regierungskreisen sehr präsent und fundiert eine grundsätzlich das syrische Regime unterstützende  Politik. Doch so weit muss Bagdad gar nicht in die Ferne sehen. Anfang Januar 2014 gelang es der islamistischen Miliz Addaula Alislamiya FilIraq (Islamischer Staat im Irak) für mehrere Tag die komplete Kontrolle über die 75km von der irakischen Hauptstadt entfernte symboltraechtige Stadt Faludscha zu erlangen, die Stadt bleibt umkämpft. Die Sicherheitsfunktion konnte der irakische Staat bereits vor Ausbruch des Syrienkrieges nicht vollständig erfüllen.

Die Situation des Irak

Seit der Entlassung in formale die Unabhängigkeit 1932 war das Land stetig ein Konfliktherd der Region. Dabei war die Entität des von den Kolonialmächten konstruierten Nationalstaates jedoch zu keinem Zeitpunkt in Gefahr. Es waren keine separatistischen Bewegungen, sondern stets um Zugang zu Schlüsselpositionen im staatlichen Verteilungsapparat bemühte Gruppen und Netzwerke, die versuchen über die bestehenden staatlichen Kanäle ihren Einfluss und so den sozioökonomischen
Status ihres Klientels zu verbessern. Eine Vereinigung mit Syrien hätte den Konkurrenzdruck um Machtpositionen erhöht, allerdings durch die im Vergleich zum Irak relativ niedrige Wirtschaftskraft Syriens nicht signifikant die Höhe der zu verteilenden Renten und Ressourcen.

Der Irak ist ein ethnisch und konfessionell gespaltenes Land. Zurzeit besteht die Gesamtbevölkerung aus 75–80 % Arabern, 15-20 % sind Kurden und 5 % sind Angehörige anderer ethnischer Gruppen. Dabei bekennen sich ca. 60% zum schiitischen und ca. 35% zum sunnitischen Islam; die Mehrheit der Kurden ist sunnitisch geprägt. Diese konfessionelle Spaltung sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass zwar an den konfessionellen Konfliktlinien entlang verlaufende, aber auch intrareligiöse und religionsunabhängige Konflikte bestehen. Wie kein anderer verstand es vor diesem Hintergrund Saddam Hussein 24 Jahre lang Konflikte für seinen Machterhalt zu nutzen und Familien, Clans, Stämme und quer verlaufende Netzwerke gegeneinander auszuspielen. Da staatliche Institutionen nach 2003 ihre Sicherheitsfunktion nicht mehr erfüllen konnten, gewannen lokale Stammesführer und religiöse Ideologen an Einfluss, den sie auf verschiedene Wege in Teilhabe an den reichen Ölressourcen des Landes zur Stärkung ihrer Netzwerke umzusetzen ersuchen.

Das festgefahrene irakische System

Dass die von Shiiten dominierte zweitstärkste Liste mit Nuri Al-Maliki den Ministerpräsidenten stellt, obwohl sein Gegenspieler Allauwi mit seiner sekularen Einheitsliste als Sieger aus den Parlamentswahlen von 2010 hervorging wird von insbesondere von Akteuren, deren Netzwerke schwer oder keinen Zugang zu staatlichen Ressourcen haben, als einer von vielen Hinweisen auf eine schleichende shiitische Dominanz vermarktet. Die so und durch die verfassungskonforme, theoretische Möglichkeit eines rein shiitischen Föderalstaates angeheizte Diskussion um die Dichotomie von Shia und Sunna wird von den Konfliktparteien oft aufgegriffen, um neue finanzielle Quellen zu erschließen und weitere Gruppierungen in ihre Netzwerke einzugliedern. Die

Zentralregierung in Bagdad bleibt durch den konsensorientierten, nach Vorbild der schweizer Konkordanz aufgebauten langwierigen parlamentarischen Entscheidungsfindungsprozess notwendige Reformen schuldig und trägt somit indirekt zu verstärkter Unzufriedenheit in nahezu allen Bevölkerungsschichten bei. Die hohe Korruption – der Irak zählt laut Transparency International zu den zehn korruptesten Ländern weltweit – und intransparent verteilte Petrodollars führen weiterhin zu niedriger Chancengerechtigkeit und einer sich öffnenden Armutsschere im Land. Der so entstandene Nährboden für kriminelle und terroristische Aktivitäten zusammen mit durch das Feigenblatt des konfessionellen Kampfes auftretenden Geldgebern insbesondere aus den Golfstaaten, dem Iran und Saudi-Arabien, machen den Irak zu einem der Länder mit der höchsten Gewaltrate weltweit.

Die Sicht auf den Syrienkonflikt

Weite Teile der Regierung in Bagdad steht dem Assad Regime grundsätzlich freundlich distanziert gegenüber. Trotz Dementi aus den irakischen Regierungskreisen stehen selbige weiterhin im Verdacht Waffenlieferungen aus dem mit Syrien verbündeten Iran durch das Land zu leiten Außenpolitisch wird ein militärisches Eingreifen in Syrien strikt abgelehnt, oft mit dem Hinweis auf

fehlende Alternativen für die Nachkriegszeit und der Furcht vor erstarkenden islamistischen Milizen. Hartnäckige Gerüchte um syrische Kommandos, die zwischen 2005 und 2009 Terroranschläge im Irak durchgeführt haben sollen und welche auch letztlich zum Abzug der erst 2006 neu eingesetzten Botschafter im Jahre 2009 führten, tragen zur Ablehnung des Assad-Regimes insbesondere in sunnitisch geprägten Oppositionskreisen bei.

Vor diesem Hintergrund ist die dramatische Verschlechterung der Sicherheitslage im Irak seit der Eskalation des Syrien-Konfliktes zu sehen: Die mehrheitlich Sunniten zugeschriebenen Anschläge erfüllen dabei zwei zentrale Funktionen. Zum einen soll das als diktatorisch und shiitisch dominiert wahrgenommene Regime geschwächt werden, um so potentielle logistische Unterstützung für das Assad Regime einzudämmen und womöglich die eigene Position durch Einschüchterung zu stärken. Zum anderen soll die mediale Aufmerksamkeit und die Aufmerksamkeit potentieller und bereits bestehender Finanziers, die ebenfalls in Syrien einen konfessionellen Konflikt von Regionaler Bedeutung sehen, aufrecht bzw. im Irak gehalten werden.

Die Sonderstellung Kurdistan

Die verfassungsgemäß eingerichtete Autonome Region Kurdistans konnte sich bisher aus den zentralen Verteilungskonflikten heraushalten und galt auch unter Ausländern als sicheres Reise- und Investitionsziel. Seit einigen Monaten kämpfen nun kurdische Milizen in Syrien nicht mehr nur an der Seite der Freien Syrischen Armee (FSA) in Städten wie Aleppo. Ein „Bürgerkrieg im Bürgerkrieg“ scheint ausgebrochen, bei dem sich islamisch geprägte und kurdische Milizen gegenüber stehen. Dies hat zu einer kurdischen Flüchtlingswelle aus Syrien in die Autonome Region Kurdistan des Irak geführt. Weiterhin wurde die Hauptstadt Erbil im September 2013 erstmalig seit über sechs Jahren Schauplatz eines islamischen Anschlags.

Ausblick

Die Lage im Irak bleibt angespannt, die Gewalt hat in den letzten Monaten des Jahres 2013 insbesondere in der zentralen Entscheidungsmetropole Bagdad erneut zugenommen. Vor dem Hintergrund der im April 2014 anstehenden Parlamentswahlen kann mit einer verstärkten Lagerbildung und Militarisierung der bestehenden Konflikten gerechnet werden. Auf diese Situation könnte selbst ein befriedetes Syrien kaum positiv ausstrahlen. Der Irak bleibt beschäftigt mit seinen eigenen Problemen: Einer unaufgearbeiteten Geschichte, geringe Chancengerechtigkeit, hohe Korruption und einen fortdauernden Kampf um die zentralen Schnittstellen im politischen und wirtschaftlichen System.