Das eigene Leben zu opfern, um den Erhalt der Nation zu garantieren, ist ein weitverbreitetes und positiv unterlegtes Phänomen in der Türkei. Von der Grundschule angefangen bis zu den Universitäten finden sich verpflichtende Kurse zur türkischen Revolutionsgeschichte und der Bedeutung des Selbstopfers für die eigene Gemeinschaft. Der Aufruf Recep Tayyip Erdogans am Spätabend des 15. Juli und in den Morgenstunden des 16. Juli an die türkische Bevölkerung, für die Demokratie und die Nation auf die Straße zu gehen und notfalls diese zu verteidigen, war somit die Aktivierung einer nationalstaatlichen Sozialisierung, die zum fundamentalen Staatsverständnis einiger Teile der türkischen Bevölkerung gehört.

 

Dieses Staatsverständnis ist aber keineswegs von islamisch-konservativen Kräften in der Türkei zum Teil der nationalstaatlichen Erziehung gemacht worden, sondern von Anhängern Mustafa Kemal Atatürks, dem Gründer der modernen Türkei. Während des Kalten Krieges nutzten Kemalisten und Islamisten diese Auffassung, um gegen kommunistische Parteien oder linke Gruppierungen in der Türkei vorzugehen. Auch heute noch greift die Politik auf das weit verbreitete Opferverständnis zurück, wenn beispielsweise kurdischstämmige Minister als Landesverräter gebrandmarkt werden, weil, so zumindest die Überzeugung, sie den Opfern und der Opferbereitschaft der türkischen Nation keine Anerkennung zollen würden. Gegenwärtig erfährt die Gülen-Bewegung, was es bedeutet, in der Türkei als Verräter dargestellt zu werden.

 

Das ungleichgewichtete Verhältnis von Demokratie und Opfer in der Türkei führt zu einer Radikalisierung und Entdemokratisierung. Dass die Putschisten angeklagt und somit ihrer rechtmäßigen Strafe zugeführt werden müssen, ist eine Sache, sie aber vor Ort zu lynchen und im Nachhinein die Bevölkerung für ihre Taten zu preisen, eine andere. Die AKP fordert ihre Anhänger auf, die Straßen zu kontrollieren und die Türkei zu schützen. Dies könnte dazu führen, dass Teile der Bevölkerung sich als legitime Autorität der Exekutive verstehen und zu Richtern und Henkern werden.

 

Die Gewalt richtet sich gegenwärtig nicht nur gegen die Putschisten, sondern auch gegen Minderheiten in der Türkei. So berichten türkische Tageszeitungen bereits von zahlreichen Übergriffen islamistischer Gruppen auf Aleviten, Kurden oder andere religiöse Gruppen. Angesichts dessen wird das Vertrauen in den Rechtsstaat weiter abnehmen. Dadurch könnten auch radikale kurdische Gruppierungen Aufwind erhalten, was die ohnehin angespannte Situation weiter verschärfen würde.

 

All dies zeigt, dass in der Türkei derzeit viel mehr auf dem Spiel steht, als die Hintermänner des Putsches ausfindig zu machen. Der türkische Präsident und die AKP müssen jetzt beweisen, dass sie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ernst nehmen und selbst bereit sind, die Gesetze einzuhalten. Die eigenen Anhänger müssen zur Besonnenheit aufgerufen werden. Selbstjustiz darf nicht toleriert, sondern muss aufs Schärfste verurteilt und verhindert werden.

 

Von Hüseyin Cicek