Eric Hobsbawm kennzeichnet das „lange 19. Jahrhundert“ als ein Jahrhundert der „Extreme“. Damit verweist er u.a. explizit auf die unzähligen politischen Radikalisierungsprozesse auf dem eurasischen Kontinent, ausgehend von der Französischen Revolution bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Ebenso ist das „lange 19. Jahrhundert“ ein Jahrhundert der Völkermorde oder Genozide. Aus diesem Grund ist es am heutigen Abend mein Ziel, innerhalb des mir gebotenen Rahmens, den armenischen Völkermord oder Genozid in einen breiten historischen Kontext einzubetten und das Geschehen nicht isoliert zu betrachten. Nicht zuletzt deswegen, weil mehr als 20 Millionen osmanische Muslime zwischen 1822-1922 durch reguläre oder irreguläre Streitkräfte der Kolonialmächte ermordet wurden. In diesem Zusammenhang wurde bisher kaum der Begriff Genozid verwendet. Ich möchte in zwei Schritten vorgehen: a) zuerst werde ich auf die Entstehung der Idee der territorialen Exklusivität und der dazugehörenden homogenen Nation eingehen. Daran anschließend b) wie die Idee der Homogenisierung die Regeln des Krieges veränderte und ethnische Säuberungen, Genozid oder Völkermord zu „natürlichen“ Kriegsinstrumentarien der Mächte des „langen 19. Jahrhunderts“ werden ließen. Es ist unverantwortbar und opportunistisch, die Gewalttaktik Genozid von 1915 ihren Ausgang nehmen zulassen. Die muslimische Bevölkerung im 19. Jahrhundert war immer wieder Ziel ethnischer Säuberungen, Genozid, Völkermord. Die Kriegsniederlagen der Hohen Pforte förderten nationalistische Entwicklungen auf ihrem Territorium und veränderten die gesellschaftspolitische Situation im Osmanischen Reich nachhaltig.   Territoriale Exklusivität, Homogenität und Souveränität Als in Jena der Geist der Moderne in der physischen Gestalt von Napoleon Bonaparte (1769-1821) vor dem Fenster des deutschen Philosophen Hegel vorbei ritt und letzterer eine neue Zeit für die Menschheit angebrochen sah, so ahnte er nicht, dass die Idee der national determinierten territorialen Exklusivität (die Massenmobilisierung) und die damit zusammenhängende Vorstellung einer homogenen Nation innerhalb derselben, nicht a priori zu einem besseren Zusammenleben der Völker beitragen werden würde. Ganz im Gegenteil, zunächst wurde im Zuge der Französischen Revolution u.a. die Frage der Identität und Hierarchie/Staatlichkeit (Gewalt) radikal in das tagespolitische Geschehen gerückt. Anders gesagt und etwas simplifiziert: der Augsburger Reichs- und Religionsfrieden und Westfälischer Frieden wurden zugunsten einer national kodierten territorialen Einheit und ethnisch zusammengehörender Mitglieder derselben modifiziert. Somit war nicht mehr nur die konfessionelle Zugehörigkeit innerhalb des europäischen Staatswesens ausschlaggebend, sondern die ethnische Komponente bildete das Gravitationszentrum des Gewaltmonopols. Keineswegs verlor Religion an Bedeutung, vielmehr wurde sie national neu gewuchtet. Es war Clemens Wenceslaus Nepomuk Lothar Fürst von Metternich-Winneburg zu Beilstein (1793-1859), der die damaligen europäischen Mächte nach dem Sieg über Napoleon 1815 zu einem Bündnis chauffieren und kurzfristig bis 1830 einen vorläufigen Frieden erzielen konnte und den Siegeszug des Nationalismus für eine kurze Zeit aufhalten konnte. Einen Frieden, an dem das Osmanische Reich nicht teilhaben durfte. Genau 15 Jahre nach dem Wiener Kongress, mit der Unabhängigkeit Griechenlands, wurde die 1815 so wichtige Balancepolitik der eurasischen Mächte bewusst aufgegeben. Am eurasischen Wettrennen um die Territorien der Hohen Pforte waren abgesehen von einem „Kranken Mann am Bosporus“, ein halbes Dutzend irrer Kolonialmächte beteiligt, die die Interessen der nicht-muslimischen Völker im muslimischen Vielvölkerstaat für sich nutzen konnten. Um nur ein Beispiel zu nennen, die Bevölkerung Griechenlands betrug im Jahre 1821 939 000. Sieben Jahre später betrug die Zahl 753 000. 186 000 Muslime wurden Opfer ethnischer Säuberungen. Nicht nur die Griechen wüteten in Griechenland, sondern auch Türken führten ethnische Säuberungen durch, wie etwa im Jahre 1822 auf der Ägäis-Insel Chios (Osterhammel 2013; Karpat 2001; Yavuz/Sluglett 2011; Moumdjian 2011). Nicht nur im Westen, sondern auch im Osten verlor die Hohe Pforte Territorien. Die Besetzung Indiens durch die Engländer sorgte dafür, dass unzählige Massen indischer Muslime in das Reich der Hohen Pforte migrierten und ihre Gewalterfahrungen in Istanbul nicht nur dem Sultan vortrugen, sondern das Medium Zeitung nützend, die breite Bevölkerung über die (selbst)erfahrene Gewalt aufklärten. Aufgrund geostrategischer Überlegungen und militärischer Unterlegenheit wurde das Klagen der indischen Muslime kaum von der osmanischen Elite wahrgenommen bzw. wurde nicht zum politischen Brennpunkt (Adam 2002). Rassistische Gründe spielen u. a. eine Rolle und ebenso die Tatsache, dass das Britische Empire das Osmanische Reich, trotz eigner Eroberungspolitik im Nahen Osten und Asien, unterstützte und die Meerengen am Bosporus ohne jedwede Einmischung von außen verwalten und somit die zaristische Expansionspolitik eindämmen wollte. Gleichzeitig konnte bspw. das britische Empire dem Druck politischer Eliten, wie etwa christlich evangelikaler Nationalisten und liberaler, im eigenen Land nicht entgegentreten und beteiligte sich u.a. auf deren Drängen gezielt an der Zerstörung der osmanischen Flotte in Navarino Oktober 1827. Ein wichtiger Sieg, der die griechische Unabhängigkeit mit sich brachte. Ebenso die Suzeränität/Oberhoheit des griechisch-muslimischen Volkes bzw. deren Überleben und Sterben der Verantwortung (russisch-)griechischer Nationalisten übergab. Wenige Jahre später, ermöglichte das Abkommen von 1838 zwischen dem Britischen Empire und der Hohen Pforte den Briten nicht nur einen uneingeschränkten Zugang zum osmanischen Markt, sondern war auch das wichtigste Argument für die Briten, die uneingeschränkte territoriale Integrität der Pforte zu verteidigen. Gleichzeitig unterstützten Briten oder die Russen ethnisch-nationalistische Gruppen im Osmanischen Reich. Die Gewalterfahrungen der Krimtataren im 19. Jahrhundert wurden von der osmanischen Öffentlichkeit viel stärker wahrgenommen und spielen bis heute eine wichtige Rolle in der Erinnerungstradition der Türkei.1783 wurde die Krim vom zaristischen Reich annektiert. Somit war ein Großteil der muslimischen Bevölkerung im Osten nicht mehr unter der Führung Istanbuls. Mehr als 100 000 Krimmuslime wanderten aus und Anatolien wurde ihre neue Heimat. Auf russischem Boden wurde gezielt durch die orthodoxe Kirche und die panslawische Bewegung eine Russifizierungspolitik betrieben. Die Opferzahlen der Russlandmuslime in den 1850er und 1860er Jahren betrugen auf der Krim mehr als 200 000. Sie wurden systematisch verfolgt und in das Reich der Pforte deportiert. Die muslimischen Völker des Kaukasus erlitten weitaus größere Verluste. Gezielt und systematisch wurden ethnische Säuberungen oder Völkermord in Kaukasus durchgeführt. Zwischen 1859 und 1864 wurden mindestens 450 000 bis zu einer Million Muslime getötet. Krankheiten, Hunger, Unfälle etc. sorgten zusätzlich dafür, dass viele das Reich der Pforte nicht lebend erreichten (McCarthy 2008; Bennigsen, Alexander und Lemercier-Quelquejay, Chantal 1967; Durman 1988). Gleichzeitig profitierten die Russlandmuslime vom Zarenreich. Die Politik des Zarenreiches orientierte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts an einer Inklusion der muslimischen Völker. Vor allem der Aufbau von Druckereien hatte einen positiven Einfluss auf die türkisch-tatarische Identitätsbildung mit nationalem Anstrich. Genau 100 Jahre nach der Eroberung der Krim, also im Jahre 1883, begann Ismail Bey Gaspiralı seine Zeitung Tercüman/Dolmetscher herauszugeben. Der Krimkrieg 1853-1856 und der Russisch-Türkische Krieg 1877-78 und zahllose andere Konflikte bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges waren dafür verantwortlich, dass Muslime in das Osmanische Reich migrierten und sich u.a. der Jungtürkischen Bewegung anschlossen. Ihre Gewalterfahrungen wurden u.a. in Tercüman dokumentiert und die osmanische Bevölkerung wurde immer wieder über gewalttätige Übergriffe im Zarenreich und auch außerhalb informiert. Immer wieder wird in Tercüman das osmanische Millet System offen oder subtil in Frage gestellt. Ein Ziel der Verleger ist es anhand empirischer Belege nachzuweisen, dass die Idee des Vielvölkerstaates im 19. Jahrhundert keine Zukunft hat. Zusammengefasst bedeutet dies, dass die nationalistischen Entwicklungen in Europa zu einer Infragestellung der konfessionellen Separation von Territorium sowie Zugehörigkeit führten und im Osmanischen Reich zu einer Kritik am Millet System. Ebenso, dass die Methode der ethnischen Säuberungen im 19. Jahrhundert zur Schaffung von homogenen Staaten als legitimes Mittel eingesetzt wurde.   Unabhängigkeit, Krieg und Völkermord Die einstimmige Befürwortung der griechischen Unabhängigkeit 1830 war der Startschuss für eine intensive Zunahme nationalistischer Entwicklungen auf dem Territorium der Hohen Pforte und ethnische Säuberungen auf dem eurasischen Boden (Yavuz/Sluglett 2011; Karpat 2001; Moumdjian 2011). Alle europäischen Mächte sprachen sich für die Unabhängigkeit der Griechen aus und unterstützten die Hellen. Die Vorbildfunktion der Griechen für die kommenden Unabhängigkeitsbestrebungen auf dem eurasischen Boden ist nicht zu unterschätzen. Vor allem unterstützten die Imperien des 19. Jahrhunderts die Idee von Homogenisierung und Staatlichkeit. Anders gesagt, nur der neu errichtete griechische Staat mit spezifisch ausgewiesenen Grenzen wurde als legitimer Vertreter des griechischen Volkes weltweit akzeptiert. Somit öffneten die europäischen Mächte einer fatalen opportunistischen Politik Tür und Tor. Bspw. bekämpften sie Unabhängigkeitsbewegungen auf ihrem Territorium und Kolonien mit unerbittlicher Gewalt und unterstützten sie auf dem Boden des osmanischen Reiches (Karpat 2001; Hobsbawm 2005). Nur acht Jahre später, also 1838, unterstützten die Briten die Osmanen, um den Einfluss der Russen zurückzudrängen. Im Krimkrieg 1853-56 kämpften britische, französische und osmanische Truppen gegen die Armee des Zaren und die russische Schwarzmeerflotte wurde vollständig zerstört. Auch der Russisch-Türkische Krieg 1877-78, der die Russen bis zu den Eingangstoren Istanbuls vorstoßen ließ, weniger als 15 Kilometer, endete damit, dass die europäischen Mächte in Berlin den russischen Einfluss zurückdrängen konnten. Einmal mehr waren es u.a. britische Interessen, ihre indische Kolonie nicht zu gefährden oder ihren Zugang zum Suezkanal zu verlieren, die die russischen Erfolge zunichtemachten. Das Abkommen von San Stefano im März 1878, dass das Osmanische Reich zu einem Protektorat Russlands hätte werden lassen, wurde nach wenigen Monaten im Juni 1878 revidiert. Im Gegensatz zu den Briten, stand die Habsburger Monarchie einem russischen Sieg über das Osmanische Reich nicht mit Wohlwollen gegenüber, zumal dadurch orthodoxe Gruppen auf dem Balkan gestärkt hätten werden können. Anders gesagt, der Einfluss der Doppelmonarchie auf dem Balkan wäre ernsthaft gefährdet gewesen. Das Prinzip Homogenisierung und Souveränität wurde von den Kolonialmächten nur akzeptiert, solange es nicht die eigenen Interessen gefährdete. Letzteres war ein europäisches Mittel, um den „Kranken Mann am Bosporus“ in die Knie zu zwingen. Das Abkommen von San Stefano und dessen Modifizierung zeigt sehr deutlich, dass es nicht das Osmanische Reich durch Russland oder Europa zu besiegen galt, sondern die christlichen eurasischen Mächte mussten ihre christlichen Rivalen davon abhalten, machtpolitische Überlegenheit zu gewinnen. Ein kurzer Blick noch auf den Vorabend des Russisch-Türkischen Krieg: 1876 erklärten Serbien und Montenegro dem Osmanischen Reich den Krieg, unterstützt wurden sie von pan-slawischen Kreisen und russischen Offizieren, wie etwa M.G. Cherniav. Aufgrund der zaristischen Intervention konnte ein Krieg verhindert werden. Ein Grund für den Konflikt war, dass das Osmanische Reich die Steuern und Besitzverhältnisse auf dem Balkan zum Nachteil der christlichen Bevölkerung verändern wollte. Grund hierfür war, dass das Osmanische Reich ein Jahr zuvor bankrottging. Zur gleichen Zeit fand das Massaker in Batak statt. Unfähig, sich auf internationaler Ebene zu verteidigen und wirtschaftliche Reformen durchzusetzen, versuchte die Hohe Pforte durch massive Gewalt innere Herausforderungen zu bewältigen. Ab 1878 konnte das Britische Empire die Beziehungen zur Hohen Pforte zu seinem eigenen Vorteil ausbauen. Am 23 Mai 1878 forderte es die Osmanische Regierung auf, innerhalb von 48 Stunden das Zypern-Abkommen zu unterschreiben. Dieses Abkommen ist für das Geschehen von April 1915 von besonderer Signifikanz. „If Batum, Ardahan, Kars or any of them shall be retained by Russia, and if any attempt shall be made at any future time by Russia to take possession of any further territories of this imperial majesty the Sultan in Asia, as fixed by the definitive treaty of peace, England engages to join his imperial majesty, the sultan, in defending them by force of arms. In return, his imperial majesty the sultan, promises to England to introduce necessary reforms, to be agreed upon later by the two powers, into government, and for the protection of the Christian and other subjects of the Porte in these territories.” (Walker, Armenia: The survival of a Nation, S.114-15) Historiker behaupten, dass der Britische Einfluss im Osmanischen Reich aufständische armenische Gruppen im Reich der Pforte und außerhalb dazu bewog, gezielt Gewalt gegen die osmanische Zivilbevölkerung einzusetzen. Das Britische Empire wird in der türkischen Geschichtsschreibung u.a. ab 1878 als Protektorat von christlichen Völkern angesehen und somit mitverantwortlich gemacht für die Entwicklungen vor und während 1915. Diese Einschätzung halte ich nur für bedingt richtig! Es war gerade die britische Zurückhaltung und die Osmanische Fehleinschätzung des britischen Einflusses im Reich der Pforte, die die Gewalt langsam aber stetig bis 1915 eskalieren ließ. Nochmal: 1830 wurde der griechische Staat als legitimer Vertreter aller Griechen weltweit etabliert. 1878 wurde die „griechische Lösung oder Londoner Protokolle“ von neuem aufgegriffen. Anhand ethnischer, religiöser oder nationaler Linien wurde das Territorium der Hohen Pforte aufgeteilt. Vor allem der Balkan wurde nun zur Brutstätte ethnisch-religiös-motivierter Massengewalt. Der britische Konsul Sir Henry Layard hält Folgendes im August 1878, unmittelbar nach dem Berliner Abkommen, fest:

But we must not shut our eyes to the fact that the arrangements come to at Berlin, so far from having ˃settled˂ the Eastern question, may contain the seeds of future disorders and troubles, if not of future wars. The impulse given to aspirations and pretensions of ˃nationalities˂, and the sanction afforded to the new political doctrine of ˃autonomy˂, are already producing their fruits. Greeks, Albanians, Armenians, Pomaks, Bulgarians, Servians, and the innumerable other races scattered over the Turkish Empire, are encouraged to believe that they have each their special political rights, and a future, which have been scarificed, for a time, to brute force or to political necessities. Those who think themselves strong enough to support their aspirations by arms will be ready to rebel against the authority under which they believe they have been placed in violation of justice and of the principle of ˃nationality˂. Those who cannot recur to force will have recourse to intrigue and conspiracy. Both processes have already begun. […] If foreign Powers interfere, as they will probably do hereafter, it may be with the object of promoting their own special and particular interest.“[1]

Türkisch-tatarische Intellektuelle, die innerhalb russischer oder europäischer intellektueller Kreise sozialisiert wurden, verfassten mehrere Artikel zu den geostrategischen Entwicklungen ihrer Zeit. Während für die „christliche“ Presse das Osmanische Reich massiv und ohne Rechtsgrundlage die Christen auf seinem Territorium verfolgte, wie etwa William Gladstone in verschiedenen Artikeln festhält, so waren es vor allem christliche Untergrundorganisationen, die laut Tercüman die Gewalt eskalieren ließen. Verschiedene Dokumente aus dem „Armenian Revolutionary Federation in Boston“ belegen, dass während 1878 und 1891 mehrere armenische Organisationen gegründet wurden und diese teilweise von der russischen oder europäischen Presse als legitime Führer der armenischen Nation ausgezeichnet worden sind.[2] Welchen Einfluss verschiedene armenisch-politische Organisationen auf die Mehrheit der Armenier im Reich der Pforte hatten, ist schwer nachzuweisen. Im Gegensatz dazu hatte sie einen massiven Einfluss auf türkische Intellektuelle, zumal sie in ihren Auseinandersetzungen mit der ausländischen Presse sich zu illusionären Realitätskonstruktionen verleiten ließen und nicht-muslimische Völker des Osmanischen Reiches unter Generalverdacht stellten. Andererseits war die ausländische Presse ihrerseits sehr bemüht, das Osmanische Reich als Hölle auf Erden zu präsentieren, in der Christen ihren Alltag bewältigen mussten. Kurz gesagt, je mehr das Streben nach politischer Unabhängigkeit zunahm, desto mehr wurden die illusionären Realitätskonstruktionen der muslimischen oder christlichen Gruppen für wahr gehalten. Die armenischen Bestrebungen im „langen 19. Jahrhundert“, werden in der türkischen Literatur u.a. unter zwei Gesichtspunkten gedeutet. Erstens, armenisch-separatistische Gruppen in Anatolien hätten durch gezielte Provokationen und der damit verbundenen mutmaßlichen Inkaufnahme von christlichen Opfern versucht, die europäischen Kolonialmächte davon zu überzeugen, das Osmanische Reich aufzuteilen. Zweitens, dass das britische Empire und das Zarenreich gezielt und mutmaßlich die christliche bzw. armenische Bevölkerung mit dem Versprechen der politischen Unabhängigkeit gegen das Reich der Pforte mobilisieren konnte. Zuerst möchte ich auf das Erklärungsmodell Provokation eingehen. Diese Theorie hat ihre Berichtigung mit Blick auf Istanbul oder den urbanen Raum im Osmanischen Reich. Die osmanische Bank wurde von der Hunchak-Partei angegriffen; ihr Ziel, den Sultan zu töten und auch Massenproteste in Istanbul zu organisieren, können als Provokationen gedeutet werden, welche die europäischen Kolonialmächte zu einer Besetzung der Territorien der Hohen Pforte ermutigen hätten sollen. 1896 schreibt der britische Botschafter nach London „There is good reason to suppose that the object of the Hidchag (Hunchak) was to cause disorder and bloodshed with a view to inducing the Powers of Europe to intervene on behalf of the Armenian“ ( (Yavuz/Sluglett 2011, 40). Mit Blick auf die ländliche Region Anatoliens ist die Theorie der Provokation als Erklärungsmodell wenig hilfreich. Die soziale Situation der Armenier in Anatolien war aufgrund der korrupten und unfähigen osmanischen Verwaltung sehr schlecht, so dass die armenischen Aufstände in Anatolien osmanischer Fehlpolitik zu verdanken sind. Dies war auch der wichtigste Grund für christliche Missionare, sich stärker in Anatolien niederzulassen, als in Urbanen Regionen. Dies führte auch zu einem Bildungsanstieg unter der ländlichen armenischen Bevölkerung. Aufstände ländlich-osmanischer Armenier wurden vor allem durch irreguläre kurdische Truppen provoziert, die in Anatolien für Ordnung sorgen sollten. Diese interessierten sich weniger für Ordnung, als vielmehr ihre Macht in der Region zu sichern. Irreguläre Truppen wurden eingesetzt, zumal das Reich keine finanziellen Mittel zur Verfügung hatte, reguläre Streitkräfte einzusetzen. Ebenso, weil die Balkanregion wirtschaftlich weitaus wichtiger war und die osmanische Regierung ihr Heer stärker in Südosteuropa stationieren wollte. Auch das Erklärungsmodell zwei ist wenig hilfreich, die Entwicklungen im Osmanischen Reich zu verstehen. Weder Russland noch England wollten ein unabhängiges Armenien. Die Russen befürchteten, dass die Unabhängigkeit zu einer Revolte nicht-russischer Völker führen könnte. Nicht zuletzt deswegen wurden muslimische Völker stärker in das zaristische System integriert. Für die Briten hätte Armenien zu einem Sattelitenstaat Russlands werden können und somit die britischen Interessen in Indien und im Nahen Osten zusätzlich gefährden. Das zweite Erklärungsmodell überhöht den Einfluss der Russen und Briten, entmündigt die Armenier und Osmanen in ihrer politischen Entscheidungsfreiheit und unterschätzt die soziopolitischen Herausforderungen im Reich der Pforte.   Fazit Die Ursache für die Gewalt, die 1915 den osmanischen Armeniern von ihren osmanischen Brüdern angetan wurde, liegt meiner Meinung nach nicht in einer systematischen Dämonisierung der Armenier im Reich der Hohen Pforte. Auch nicht mit Blick auf 1909. Sie ist vielmehr das Resultat aus einem Wechselspiel eurasischer Machtpolitik, osmanischer Ohnmacht sowie ethnisch-nationalistischer Separationsbewegungen. Die eben besagte Reziprozität ließ das „lange 19. Jahrhundert“ zu einem Jahrhundert der Genozide werden.         Literatur Adam, Volker. 2002. Rußlandmuslime in Istanbul am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Frankfurt am Main, Freiburg (Breisgau): Lang. Bennigsen, Alexander und Lemercier-Quelquejay, Chantal. 1967. Islam in the Soviet Union. New York. Durman, Karel. 1988. The time of the thunderer Mikhail Katkov, Russian nationalist extremism and the failure of the Bismarckian system, 1871 - 1887. Boulder: East European Monographs u.a. Hobsbawm, Eric J. 2005. Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. Frankfurt Main u.a: Campus-Verl. Karpat, Kemal H. 2001. The politicization of Islam. Reconstructing identity, state, faith, and community in the late Ottoman state. Oxford u.a: Oxford Univ. Press. McCarthy, Justin. 2008. Death and Exile. The ethnic cleansing of Ottoman Muslims, 1821-1922. Princeton, N.J: Darwin Press. Moumdjian, Garabet K. 2011. From Millet-i Sadıka to Millet-i Asiya: Abdülhamid II and Armenians 1878-1009. In: M. H. Yavuz und Peter Sluglett (Hrsg.), War and diplomacy. The Russo-Turkish War of 1877-1878 and the Treaty of Berlin. Salt Lake City: University of Utah Press, 302-351. Osterhammel, Jürgen. 2013. Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München: Beck. Yavuz, M. H. und Peter Sluglett (Hrsg.). 2011. War and diplomacy. The Russo-Turkish War of 1877-1878 and the Treaty of Berlin. Salt Lake City: University of Utah Press. [1] National Archives of the United Kingdom [formerly Public Record Office]; Foreign Office Archives London, London FO, FO 424/73 Layard to Salisbury / 1008/318 August 19, 1878. [2] Unity for Salvation in Van 1872, Black Cross 1878, Defenders of the Fatherland in Erzurum 1881, Young Armenia in Tiblisi 1889.