„Ein Muslim glaubt, dass Gott ihn beschützt. Ein Islamist glaubt, er müsse Gott beschützen.“[1] Dieses Zitat stammt von dem nicht unumstrittenen Schriftsteller Ḥāmid ʿAbd aṣ-Ṣamad. Es veranschaulicht jedoch, wie kompliziert und zweifelhaft die Unterscheidung von „Muslimen“ und „Islamisten“ ist.

Selbst für den Verständigen ist es häufig schwierig einzuordnen, wer ein „radikaler Islamist“ und wer lediglich ein tief religiöser Muslim ist. Dabei ist der Begriff sehr negativ besetzt, sodass eine unberechtigte Anwendung nicht nur die Gefühle der Bezichtigten verletzt, sondern sein unsachlicher Gebrauch im öffentlichen Diskurs irreführend sein kann. Nicht jeder, der seine Lebensführung aus dem qurʾān ableitet und von der Allgemeinheit als auffällig religiös wahrgenommen wird, darf als „Islamist“ betitelt werden. Es ist vielmehr zu hinterfragen, was einen Islamisten ausmacht und wer gleichwohl keiner ist.

 

  1. Begriff des Islamismus‘

„Politischer Islam, islamischer Fundamentalismus, islamischer Integralismus / Integrismus und radikaler Islam“ werden in den Medien wie auch in der Wissenschaft meist synonym für den Gesamtbegriff „Islamismus“ mit leicht divergentem Bedeutungsgehalt verwendet.[2] Nach einer geläufigen Definition bezeichnet Islamismus jene „politische Auslegungen des Islam, die das Ziel verfolgen, Staat und Gesellschaft nach ihrer Interpretation islamischer Regeln auszurichten“.[3]

Roy grenzt diese Strömung zu den ʿulamāʾ ab: Daher sei für ihn kennzeichnend, dass Islamisten stets die Gesellschaft durch politische wie auch durch soziale Aktionen zu islamisieren suchen, wohingegen die ʿulamāʾ weniger auf die Islamisierung der Gesellschaft als eher auf die Durchsetzung islamischen Rechts und deren Werteordnung abzielen.[4] Beide Gruppierungen sind auch in ihrer Auffassung bezüglich des Stellenwerts der Rechtsordnung unterschiedlich verfasst. So verstehen die ʿulamāʾ die šarīʿa als einen Weg zur Islamisierung der Gesellschaft, Islamisten jedoch begreifen sie als einzige legitime Rechtsquelle.[5]

Weiterhin ist es wichtig den Islamismus gegenüber dem Salafismus abzugrenzen. Ein dominanter Unterschied ist hierbei die Bereitschaft der Islamisten ihre Ziele mit jedem Mittel, also auch durch parlamentarische Partizipation[6], durchzusetzen. Wohingegen Salafisten meist jede parlamentarische Aktivität und verabschiedete Gesetze als Götzendienerei (širk) ablehnen.[7]

In diesem Kontext wurde das Verhältnis islamistischer Gruppierungen zur Demokratie viel diskutiert. Eine Auffassung vertritt die Ansicht, islamistische Gruppierungen seien im Grunde antidemokratisch, da demokratisch verabschiedete Gesetze durch „innerweltliche Aushandlungen“ unter Partizipation der betroffenen Gruppen bestimmt werden, der Islamismus hingegen den Anspruch dieser Autorität allein Gottes Willen unterordnet.[8] Das gleiche Verhältnis pflegen islamistische Gruppierungen im Umgang mit dem Sozialismus und anderen politischen Verfassungen.[9] Hierbei fällt jedoch kritisch ins Auge, dass es durchaus politische Parteien gibt, die als islamistisch eingeordnet werden können und sich dennoch demokratisch-rechtsstaatlicher Mechanismen bedienen, wie beispielsweise die Muslimbruderschaft oder die türkische AKP.

 

  1. Weitläufigkeit des Begriffs

Ein großes Problem in der Bezeichnung „Islamismus“ versteckt sich in der Weitläufigkeit des Begriffs. „Beim Islamismus handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden.“[10] So können unter dieser Terminologie terroristische Gruppierungen wie die schiitische hizbu ‚llāh, aber auch ihre karitativen Unterorganisationen, Koranlesezirkel[11] und sogar die Regierung (AKP) des EU-Anwärters Türkei subsumiert werden.[12] Alle diese Gruppierungen streben irgendeine Form der Islamisierung einer Gesellschaft an, trotz unterschiedlicher Mittel und Zielvorstellungen. Diese Weite des Begriffs gestaltet Einordnungsversuche sehr ungenau, da sich dahinter sowohl ein Sprengstoffattentäter aber auch ein Bankier der Islamic Bank verbergen könnte.

Eine weitere Ungenauigkeit offenbart sich durch den Vergleich der Terminologien des Islamismus und des Fundamentalismus. Die „Trennlinie zwischen Orthodoxie und Islamismus“ geht fließend ineinander über und lässt eine Differenzierung nur sehr schwer zu.[13] Einerseits wollen beide Strömungen die Islamisierung ihrer Gesellschaft voranbringen. Diese Vorstellungen gehen jedoch so stark auseinander, dass kein gemeinsames ideales islamisches Gemeinwesen zu finden ist.[14]

Eine größere Rolle des islamischen Rechts im öffentlichen Leben durchzusetzen, ist ein wenig überzeugendes Merkmal, um Gruppierungen als islamistisch einzustufen. Schließlich lässt sich eine breite Zustimmung für eine stärkere Bedeutung des islamischen Rechts bei den meisten Muslimen finden.[15] So sprechen manche Autoren vor allem dann von Islamisten, wenn aufgezwungene religiöse Regeln für einen Großteil der Gesellschaft als Teil der Ideologie der politischen Bewegung verstanden werden und nicht nur, wie im Fundamentalismus, ein gottesfürchtiges Leben propagiert wird.[16] Auch diese Ansicht scheint wenig zu überzeugen, da selbst in Kreisen, welche gemeinhin kaum als islamistisch betitelt werden, Abweichler von eingefahrenen Glaubensvorstellungen als „Abfällige vom Islam“ (murtadd) angesehen werden.

Wenn Islamismus durch die „Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik“ (s. o.) gekennzeichnet ist, dann stellt sich in letzter Instanz sogar die Frage, inwiefern nicht sogar der gläubige Muslim auch ein Islamist sei, der freitags die Moschee besucht, seinen zakāt bezahlt und seine Mitmenschen über den Islam aufklärt.

Um einen Bedeutungsunterschied zwischen Muslimen und Islamisten herauszukristallisieren, muss die Ebene von Akzeptanz und Ablehnung gegenüber verschiedenen Ausprägungen des Islam betrachtet werden. Hierzu ein plastisches Beispiel: Ein in Ägypten aufgewachsener Muslim wird den Islam so pflegen und weitergeben, wie er sich in seiner Kultur über die Jahrhunderte hinweg entwickelt und überliefert hat. Ein ägyptischer Islamist hingegen sucht, nach seinem Verständnis, den „wahren Kern des Islams“ und lehnt tradierte Entwicklungen ab, welche seiner Meinung nach nicht dem Ideal des von Muḥammad vorgegeben Lebens entsprechen, gleichwohl aber vom „traditionelle[n] Muslim“ akzeptiert werden.[17]

Lösungsansatz

Es wurde aufgezeigt, dass der Begriff „Islamismus“ eine viel zu weite Bedeutung umfasst, viel zu wenig differenziert und subsummiert unter seiner Definition politische Aktivisten, wie auch Terroristen und karitative Gruppierungen, ohne einen Unterschied in der Begrifflichkeit zu machen mit negativer Konnotation.

Diese Problematik bezüglich des Islamismus-Begriffs gilt es aufzulösen. Dies soll in zwei Schritten stattfinden. Innerhalb des ersten müssen die minimalen Bedingungen geklärt werden, unter welchen eine Gruppierung als „islamistisch“ einzuordnen ist, und die sich nicht gleichzeitig auf Fundamentalisten oder „normale“ Muslime ausdehnen lassen. Dabei sollen genannte Definitionen miteinfließen, jedoch unter Berücksichtigung der oben erwähnten Problematik modifiziert werden. Diese Definition darf danach keineswegs alleine stehen, sondern muss unbedingt in einem zweiten Schritt eine Differenzierungssystematik erfahren, welche ausreichend ist, um verschiedene Strömungen innerhalb des Islamismus zu beschreiben, jedoch nicht in ein kompliziertes generalisierungsunfähiges System ausartet.

Erstens: Für die Eigenschaft „islamistisch“ ist eine Selbstwahrnehmung durch die Gruppierung notwendig, also eine eigens festgelegte Legitimierung des eigenen Handelns und gewählter Mittel durch Prinzipien, die sie selbst als islamisch versteht, aber nicht zwingendermaßen den Inhalt ihrer Forderungen widerspiegeln muss.[18] Ein weiterer Aspekt muss das Vorhaben einer umfassenden Islamisierung nicht nur der Gesellschaft, sondern insbesondere des Staatsgefüges sein.[19] Des Weiteren muss die Gruppierung die Verwirklichung der šarīʿa als Rechtssystem anstreben, welche ausschließlich qurʾān und ḥadīṯ als legitime Rechtsquellen[20] heranzieht und den qurʾān als Verfassung[21] Gottes (Theokratie) für den Staat versteht. Als letztes Merkmal muss die als „ursprünglich“ aufgefasste Glaubensvorstellung im Ideal des von Muḥammad vorgelebten Islams von den Mitgliedern der Gruppierung angenommen und propagiert werden.[22]

Zweitens: Eine nach obiger Definition als „islamistisch“ erkannte Gruppierung muss in zwei Kategorien eingeordnet werden. Zum einen muss geklärt werden, ob die Gruppierung radikal oder pragmatisch ausgerichtet ist. Eine pragmatische islamistische Organisation erkennt sowohl die politischen Realitäten und kulturellen Gegebenheiten des jeweiligen Landes an, ohne dabei auf Zwang und Unterdrückung zur Erreichung der eigenen politischen Ziele setzen zu wollen. Der radikalen Strömung geht es vor allem um eine Umwälzung der Gesellschaft in einer islamisch revolutionären Veränderung, welche die Schonung und Daseinsberechtigung anderer religiös-kultureller Auffassungen verbietet.

Zum anderen sind die Art und Weise des Operationsfeldes der Organisation entscheidend für die Systematisierung. So soll in den drei Kategorien, „politisch-rechtsstaatlich“, „gesellschaftlich“ und „militant“ unterteilt werden. Als „politischrechtsstaatlich“ zu verstehen ist eine Gruppierung, wenn sie ihre Ziele anhand eines öffentlichen Diskurses, politischer Partizipation oder durch Meinungsbildung der Bevölkerung erreichen will. Wenn durch soziales Engagement und karitativer Leistung die Interessen verwirklicht werden sollen, so ist eine Organisation als islamistisch-gesellschaftlich einzuordnen. Der Hauptgedanke ist hierbei eine Islamisierung durch Dienstleistung, also beispielsweise durch Koranschulen oder Sozialversicherungsinstitute. Letztlich zu nennen sei die militante Einordnung. Solche Organisationen versuchen ihren Ambitionen durch offene Gewalt wie militärische Operationen, aber auch durch Terror und Anschläge Nachdruck zu verleihen. Es ist möglich, dass eine Organisation mehrere Mittel zur Zielerreichung in Anspruch nimmt. Jedoch ist in den meisten Fällen ein Merkmal dem anderen subsidiär.

Diese Definitionsmethode könnte dazu beitragen, die Begriffsproblematik und ihre Vagheit aufzulösen. Dadurch wird es möglich innerhalb des Begriffs stärker zu differenzieren und somit auch manche Gruppierungen zu „entdämonisieren“. Dieser Schritt ist im öffentlichen, wie auch im wissenschaftlichen Diskurs notwendig, um Ressentiments und Hass in der Gesellschaft abzubauen.

 

[1] Unbekannter Autor, Ägyptische Journalisten melden, Deutsch-ägyptischer Autor Samad offenbar entführt 2015, http://www.focus.de/politik/ausland/aegyptische-journalisten-melden-deutsch-aegyptischer-autor-abdel-samad-offenbar-entfuehrt_id_3429470.html (zugegriffen am 19.10.2015).

[2] Biskamp, Floris / Hößl,Stephan E., Islam und Islamismus, Perspektiven für die politische Bildung, Schriften zur politischen Buildung, Kultur und Kommunikation 5, Gießen 2013, (zit. als Biskamp/Hößl) S. 24-32.

[3] Biskamp/Hößl, Islam und Islamismus, S. 14.

[4] Roy, Oliver, The failure of political Islam, Cambridge, Mass. 1994 (zit. als Roy), S. 36.

[5] Roy, The failure of political Islam, S. 36.

[6] Insbesondere bei parteipolitischen Islamisten; nicht jede Gruppe unter dieses Merkmal subsumierbar.

[7] Said/Hazim Fouad, Einleitung, in: Said, Behnam T./Fouad, Hazim (Hg.), Salafismus, Auf der Suche nach dem wahren Islam, Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung Bd. 1454, Bonn 2014, S. 41.

[8] Biskamp/Hößl, Islam und Islamismus, S. 15.

[9] Biskamp/Hößl, Islam und Islamismus, S. 15.

[10] Seidensticker, Tilman, Islamismus, Geschichte, Vordenker, Organisationen, Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung 1551, Bonn 2015 (zit. als Seidensticker), S. 9.

[11] Hier wurde die deutsche Schreibweise bevorzugt.

[12] Albrecht, Holger/Köhler, Kevin (Hrsg.), Politischer Islam im Vorderen Orient, Zwischen Sozialbewegung, Opposition und Widerstand, Weltregionen im Wandel Bd. 5, Baden-Baden 2008, (zit. als Albrecht/Höhler) S. 11.

[13] Biskamp/Hößl, Islam und Islamismus, S. 30.

[14] Albrecht/Köhler (Hrsg.), Politischer Islam im Vorderen Orient, S. 11.

[15] Albrecht/Köhler (Hrsg.), Politischer Islam im Vorderen Orient, S. 11.

[16] Biskamp/Hößl, Islam und Islamismus, S. 30.

[17] Metzger, Albrecht, Islam und Politik – Politischer Islam im 20. Jahrhundert, Bonn 2002, http://www.bpb.de/izpb/24930/politischer-islam-im-20-jahrhundert, zuletzt abgerufen: 11.03.2016.

[18] Vgl. Albrecht/Köhler (Hrsg.), Politischer Islam im Vorderen Orient, S. 12, zitiert Hafez, Mohammed, Why Muslims Rebel, Repression and Resistance in the Islamic World, o. O. 2003, o. S.

[19] Vgl. Seidensticker, Islamismus, S. 9.

[20] Vgl. Roy, The failure of political Islam, S. 36.

[21] Vgl. Roy, The failure of political Islam, S. 42.

[22] Vgl. Roy, The failure of political Islam, S. 37.