Lybien zwischen regionaler Spaltung und nationaler Einheit: Eine historische Perspektive. Nach dem Aufstand, der 2011 den langjährigen Machthaber Mu’ammar al-Qaddafi stürzte, kommt Libyen nicht zur Ruhe. Noch immer wird die Autorität der neuen Regierung von den zahlreichen Milizen herausgefordert, die am Sturz des alten Regimes beteiligt waren und meist bestimmte lokale, teils von Stammesidentitäten geprägte, Interessen vertreten. Von Jakob Krais. Dazu kommt, dass auch Vertreter der historischen Großregionen (Tripolitanien im Nordwesten, der Fezzan im Südwesten sowie die Cyrenaika im Osten) bei der neuen Machtverteilung mitreden wollen. Im März 2012 erklärte sich die Cyrenaika – also in etwa die Osthälfte Libyens – unter einem Mitglied der traditionell mächtigen Sanusi-Familie zum autonomen Gebiet. Schon während des Bürgerkriegs von 2011 schien es zeitweise, als sollten die Cyrenaika, in deren Metropole Bengasi der oppositionelle Übergangsrat seinen Sitz hatte, und Tripolitanien mit der Hauptstadt Tripolis, die lange fest in den Händen Qaddafis und seiner Getreuen blieb, für längere Zeit getrennte Wege gehen. Da mit dem Eingreifen der NATO der Krieg schnell zugunsten der Aufständischen entschieden war, blieb die territoriale Integrität Libyens freilich zunächst gewahrt. Geht der Aufstand, der die Diktatur gestürzt hat, aber vielleicht weiter bis zur Auflösung des libyschen Nationalstaats? Auf diese Frage wird noch keine zuverlässige Antwort möglich sein. Ich möchte aber kurz darstellen, aus welchen historischen Gegebenheiten heraus sich die heutigen Probleme verstehen lassen. Die Ursprünge „Libyens“ Seit wann gibt es Libyen eigentlich? Auch wenn es libyschen Nationalisten nicht gefallen mag: Zum ersten Mal wurde der Name Libyen für das heutige Territorium erst 1934 gebraucht, und zwar von einem Italiener. Bei seinem Amtsantritt als Gouverneur der Kolonie führte Italo Balbo, Marschall der königlich-italienischen Luftwaffe und Faschist der ersten Stunde, die neue Bezeichnung ein – bis dahin war das Gebiet als zwei Kolonien verwaltet worden, Tripolitanien und Cyrenaika. Umgangssprachlich hatte man nach der größten Stadt Tripolis meist einfach von Tripolitanien für das gesamte heutige Libyen gesprochen, eine Gewohnheit, die sich in den Nachbarländern Algerien und Tunesien gehalten hat. Wieso wählte die italienische Kolonialverwaltung nun aber „Libyen“ als Landesnamen? Die Italiener, die 1911 ihre Eroberung in Nordafrika begannen, leiteten ihr Recht dazu folgendermaßen ab: Als Nachfahren der Römer hätten sie einen Anspruch auf die ehemaligen Provinzen des Imperiums, darunter das damals osmanische Tripolitanien. Um die Verbindung ins Altertum zu untermauern, musste ein antiker Begriff her. Das griechische „Libyen“ – zurückgehend auf die altägyptische Bezeichnung „Lebu“ für ein Berbervolk – stand im antiken Weltbild schlicht für den südlichen Kontinent (auf Latein hieß „Libyen“ dem entsprechend „Africa“). Libya_ethnic_groups Die drei großen Regionen des heutigen libyschen Staates gingen schon seit der Antike häufig getrennte Wege. Während die Städte der so genannten Tripolis („Dreistadt“) phönizische Gründungen waren, wurde die Cyrenaika von Griechen besiedelt. Der Fezzan war dagegen die Heimat der afrikanischen Zivilisation der Garamanten. Der Westen des heutigen Libyen orientierte sich in der Antike und im Mittelalter kulturell und politisch meist an Karthago, später an Tunis, der Osten an Alexandria und Kairo. Zum ersten Mal bildete das heutige Libyen eine Einheit, als es Ahmad Pascha al-Qaramanli, dem Gouverneur des osmanischen Sultans in Tripolis, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelungen war, sich de facto unabhängig zu machen und seine Autorität auch in die Cyrenaika und den Fezzan auszudehnen. Allerdings war diese Selbstständigkeit wieder beendet, als das Gebiet 1835 unter direkte osmanische Verwaltung kam.   Nation-building nach der Unabhängigkeit Nach gut dreißig Jahren italienischer Kolonialherrschaft wurde Libyen im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten besetzt und wieder geteilt: Tripolitanien und die Cyrenaika standen unter britischer, der Fezzan unter französischer Militärverwaltung. Nach einem Beschluss der UNO erhielt das gesamte Gebiet schließlich 1951 seine Unabhängigkeit, und zwar als Vereinigtes Königreich Libyen. Unter König Idris, dem Oberhaupt der islamischen Sanusiyya-Bruderschaft, bildeten die drei historischen Regionen drei gleichberechtigte Provinzen in einem föderalen System, auf das sich die Vertreter der verschiedenen Landesteile erst unter internationalem Druck geeinigt hatten. Obwohl Libyen damals weniger Einwohner hatte als z. B. Berlin, besaß es nach der Verfassung des Bundesstaats nun vier Regierungen und vier Parlamente in drei Provinz- und zwei nationalen Hauptstädten (zum Ausgleich regionaler Differenzen waren der traditionelle Verwaltungssitz Tripolis und die königliche Residenz Bengasi zu gleichberechtigten libyschen Hauptstädten erklärt worden). Diese mit der Unabhängigkeit geschaffene Sanusi-Monarchie hat der Libyen-Experte Dirk Vandewalle wegen ihres unausgegorenen Kompromisscharakters geradezu als „zufälligen Staat“ bezeichnet. Besonders der Föderalismus jener Jahre gilt vielen Libyern bis heute mit seiner aufgeblähten Verwaltung als Ausdruck des korrupten und nepotistischen Klientelsystems unter König Idris. Es kann daher nicht überraschen, dass unter Qaddafi die drei Provinzen, die vorher schon viele ihrer Kompetenzen eingebüßt hatten, kurzerhand komplett abgeschafft wurden. Um die nationale Einheit zu stärken, waren ethnische, religiöse und kulturelle Differenzierungen von nun an untersagt: Alle Libyer waren offiziell muslimische Araber, es durfte weder Berber noch konfessionelle Minderheiten wie die Ibaditen geben, obwohl diese schon seit Menschengedenken auf dem Territorium lebten – man denke etwa auch an die Tuareg mit ihrer eigenen kulturellen Tradition und Schriftsprache. Die im Land verbliebenen Italiener hatte das neue Regime ohnehin kurz nach der Machtübernahme ausgewiesen. Als nationaler Gründungsmythos diente seit dem Putsch von 1969, der als antiimperialistische Revolution verklärt wurde, der Widerstand gegen die italienischen Kolonialherren, den Scheich Umar al-Mukhtar angeführt hatte, bis er 1931 von den Italienern gefangen genommen und hingerichtet wurde. Dabei wurde gerne verschwiegen, dass dieser Nationalheld derselben Sanusiyya-Bruderschaft angehört hatte wie der von Qaddafi gestürzte König und dass die Bruderschaft, genauso wie die von ihr getragene Widerstandsbewegung, fast ausschließlich in der Cyrenaika aktiv war. Der antikoloniale Kampf, der hier die Nation einen sollte, trug also selbst wieder die regionale Spaltung in sich. Der für die libysche Unabhängigkeit zuständige UN-Kommissar berichtet gar, die Bewohner der Cyrenaika hätten seinerzeit einem Einheitsstaat mit Tripolitanien ablehnend gegenübergestanden, weil sie der Ansicht waren, nur sie hätten sich durch den Widerstand gegen die Italiener die Selbstständigkeit verdient. So kann es nicht verwundern, dass 2011 neben der Flagge der Sanusi-Monarchie auch das Bild Umar al-Mukhtars zum Symbol für den von der Cyrenaika ausgehenden Aufstand gegen Qaddafi wurde – obwohl letzterer sich selbst gern als Nachfolger dieses vermeintlichen nationalen Freiheitshelden betrachtete. Omar_Mokhtar_arrested_by_Italian_Fascists Libyen zwischen arabischem Nationalismus und Panafrikanismus Die nationale Zusammengehörigkeit wurde aber noch zusätzlich verkompliziert: Qaddafi hatte sich im Geiste des damals populären Panarabismus an die Macht geputscht und lehnte daher nicht nur den Föderalismus innerhalb seines Landes ab, sondern wollte Libyen gleich mit der restlichen arabischen Welt zu einem gigantischen Nationalstaat vereinen. Über die Jahre unterzeichnete Qaddafi tatsächlich mit zahlreichen anderen Staatsoberhäuptern Vereinigungsabkommen, die einen ersten Schritt zum panarabischen Superstaat darstellen sollten, und zwar nicht bloß mit sämtlichen angrenzenden Ländern (außer dem großen Nachbarn und Vorbild Ägypten also mit Tunesien, Algerien, dem Sudan sowie dem nicht arabischen Tschad), sondern sogar mit so entfernten Staaten wie Marokko oder Syrien. Diese laut angekündigten Projekte auf dem Weg zur arabischen Einheit waren freilich kaum mehr wert als das Papier, auf dem sie standen, und blieben in der Praxis ohne jede Wirkung. In der arabischen Welt, wo Libyen ohnehin immer zu den kleineren und unbedeutenderen Staaten gehörte, zunehmend isoliert, wandte Qaddafi sich spätestens in den Neunzigerjahren dem afrikanischen Raum zu, in dem das inzwischen reichste Land des Kontinents größeren Einfluss ausüben konnte. Mehr als die Gründung einer wohltönenden „Afrikanischen Union“ kam bei diesem neuen panafrikanischen Projekt allerdings nicht heraus, und bei der libyschen Bevölkerung, die in weiten Teilen das Ziel der arabischen Einheit noch durchaus befürwortet hatte, stieß der Panafrikanismus ihres Führers bestenfalls auf Desinteresse. Muammar Gaddafi, Leader of the Revolution of the Great Socialist PeopleÕs Libyan Arab Jamahiriya, sits reading in the Plenary Hall of the United Nations (UN) building in Addis Ababa, Ethiopia, during the 12th African Union (AU) Summit Die libysche Politikwissenschaftlerin Amal Obeidi hat in einer empirischen Studie gezeigt, dass die afrikanische Identität für die meisten Libyer keine Rolle spielte – ebenso wenig übrigens wie die libysche! Die meisten Befragten identifizierten sich entweder mit dem lokalen und regionalen Umfeld oder aber mit der weiteren arabischen Nation bzw. sogar der Glaubensgemeinschaft des Islam. Nach dem Gesagten könnte man fast das zitierte Wort von der Kompromissmonarchie König Idris’ als zufälligem Staat abwandeln und sogar von Libyen insgesamt als zufälliger Nation sprechen. Es bleibt dem politischen Willen der heutigen Libyer überlassen, sich einen modernen Nationalstaat zu schaffen, der regionale, aber auch ethnisch-kulturelle Vielfalt mit einer Einheit – so sie denn gewünscht wird – verbindet.