In den letzten Monaten ist die Bedrohung durch Al-Qaida im Jemen gewachsen. Mit der Gründung mehrerer kleiner Islamischer Emirate im Südjemen konnte die Organisation mittlerweile ihre Kontrolle über mindestens drei Städte ausweiten. So geht noch immer eine nicht nur lokale, sondern auch internationale Gefahr von der jemenitischen Al-Qaida aus. Dies wurde erneut klar, nachdem es einem britischen Geheimagenten saudischer Abstammung gelungen war, die Organisation zu infiltrieren und eine neu-entwickelte „Unterhosenbombe“ zu entwenden. Ein weiterentwickeltes Modell jener Bombe, die 2009 in einem Passagierflugzeug im Himmel über Detroit detonieren sollte. 

Noch vor drei Jahren nahm man an, es gäbe lediglich ein paar Hundert Al-Qaida-Kämpfer im Jemen. Mittlerweile hat sich diese Zahl mindestens verdreifacht. Al-Qaida ist im Jemen auf dem Vormarsch. Zumindest entsteht dieser Eindruck bei der täglichen Lektüre der Nachrichten aus dem fast schon isolierten südjemenitischen Abyan und dem benachbarten Shabwa. Hier ist es Al-Qaida gelungen, islamische Emirate zu gründen; die rot-weiß-schwarze Nationalflagge der Republik Jemen musste der Al-Qaida-Fahne weichen. Mit weißer Schrift auf schwarzen Hintergrund markieren nun die Worte: „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Gesandter“ das Territorium, das die Organisation kontrolliert und verwaltet.

Seit Mai 2011 konnte der jemenitische Zweig von Al-Qaida unter dem Namen „Ansar al-Sharia“ (dt.: Die Hüter der Sharia) die Kontrolle über einige kleinere Städte im Süden des ärmsten arabischen Landes gewinnen und stetig ausweiten. Zuerst gewannen die Al-Qaida-Kämpfer die Kontrolle über Zinjibar und Jaar. Später nahmen sie auch die Stadt Azzan im östlich gelegenen Shabwa ein. Andere Versuche Städte einzunehmen waren gescheitert. So konnte die Organisation im Januar 2012 zwar die Stadt Radaa kurzfristig einnehmen wurde jedoch nach Kämpfen mit lokalen Stämmen wieder aus der Stadt vertrieben. Ähnlich erging es Al-Qaida in der südjemenitischen Stadt Lawdar, wo die Gruppe auf heftigen lokalen Widerstand stieß.

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Das islamische Emirat Abyan und Shabwa

In den Städten, die von Al-Qaida kontrolliert werden, wurden mittlerweile Polizeistationen in Gerichte umgewandelt. Sie sollen zügig und ausschließlich auf Grundlage der Sharia über Streitigkeiten und Kriminelle richten. Auch die im Koran vorgesehenen Körperstrafen, die so genannten Hudud-Strafen, wurden wieder eingeführt. So soll bereits mehreren Menschen wegen Diebstahls die Hand abgehackt worden sein.

Laut den Aussagen eines lokalen Ladenbesitzers in Abyan wäre jedoch die Kriminalität seit der Machtübernahme durch Al-Qaida stark zurückgegangen, denn die Hudud-Strafen wirkten abschreckend. Man könne nun sein Geschäft unbeobachtet für das tägliche Gebet zurücklassen. Zu den festgeschriebenen Gebetszeiten müssen Läden nun schließen – eine im Jemen eigentlich unübliche Praxis. Doch das fünfmalige Gebet am Tag ist in den von Al-Qaida kontrollierten Gebieten nun eine religiöse Pflicht, die von der herrschenden Autorität durchgesetzt wird.

Was der Saleh-Regierung innerhalb der letzten Dekaden nicht gelang, versucht die Organisation nun innerhalb kürzester Zeit zu erreichen. In ihrem Emirat baut Al-Qaida neben administrativen Strukturen auch Infrastruktur für Wasser und Strom auf. Hilfsgüter vom Roten Kreuz werden unter den Augen der Jihadisten am Staat vorbei direkt an betroffene Familien verteilt. Al-Qaida nutzt so die Schwäche des jemenitischen Staates für sich aus, um die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen.

Doch al-Qaida ist auch außerhalb ihrer Emirate aktiv. Immer wieder kommt es, zu Angriffen auf Öl-Pipelines, die den internationalen Ölkonzern Yemen LNG zwingen seine Förderung anzuhalten. Außerdem bekannte sich die Organisation zum Mord eines amerikanischen Lehrers in der zentraljemenitischen Stadt Taiz – eine Stadt die unter Kontrolle der Regierung steht.

Warum wurde die Organisation so stark?

In den vergangenen Monaten erreichte Al-Qaeda auf der Arabischen Halbinsel eine noch nie dagewesene Stärke. Doch was hat dazu geführt, dass Al-Qaida im Jemen plötzlich so stark wurde?

Eine Erklärung ist sicherlich, dass der Jemen ein fragiler Staat ist, dessen Schwäche sich Al-Qaida zu Nutze macht. Dieser Prozess des Scheiterns wurde durch die anti-Regimeproteste des Arabischen Frühlings beschleunigt. Folglich wurde damit auch die Ausbreitung der Terrororganisation angetrieben. Doch scheint diese Erklärung angesichts der Vielzahl an Faktoren und Akteure am Boden zu vereinfacht und ist lediglich einer aus vielen Blickwinkeln auf das Al-Qaida-Problem im Jemen. Welche Rolle spielt also möglicherweise das Saleh-Regime, die Opposition oder die Amerikaner im Erstarken Al-Qaidas?

In einer Beitragsserie über Al-Qaida werde ich unterschiedliche Erklärungsansätze, die sich sowohl im lokalen, als auch im internationalen Diskurs wiederfinden lassen, beleuchten und diskutieren. So zum Beispiel die Rolle der amerikanischen Drohneneinsätze, die Zuverlässigkeit des jemenitischen Regimes im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, sowie die Entwicklung des militanten Islamismus im Jemen.