Recep Tayip Erdoğan versteht es, sich national und international medienwirksam zu präsentieren. Immer wieder lassen seine überspitzten, vereinfachenden und unhaltbaren Aussagen Politiker in der Türkei und auch außerhalb verzweifeln. So z.B. seine Behauptung, dass es Muslime gewesen seien, die Amerika entdeckt hätten. Auch Erdoğans erst kürzlich getroffenen Aussagen über die Rolle der türkischen bzw. muslimisch-türkischen Frau innerhalb der Gesellschaft haben die Wogen in der Türkei hochgehen lassen. Der türkische Präsident betonte explizit, dass „seine“ Religion die gesellschaftliche Position der Frau eindeutig definiert hätte: die Mutterschaft.Nicht nur auf gesellschaftspolitischer Ebene, sondern auch im geopolitischen Bereich sorgen Präsident Erdoğans Entscheidungen für Unbehagen unter westlichen Politikern. Die Verstärkung politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zu Putins Russland, dieInhaftierungen von Journalisten und politischen Gegnern, Duldung sowie teilweise aktive Unterstützung jihadistischer Gruppen in der Türkei und die passive Haltung gegenüber der IS sind nur einige Beispiele dafür. Dabei stellt sich die Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Erdoğans gesellschaftspolitischen Aussagen und geopolitischen Entscheidungen? AKPs innenpolitische Erfolge Auch wenn viele kemalistische und westliche Kritiker der AKP Islamisierung vorwerfen und behaupten, dass die Partei Stück für Stück die laizistische Türkei in einen islamischen Staat verwandeln will, so ist die Realität weitaus komplexer. Seit 2001/02 bis heute konnte die AKP unter Präsident Erdoğan das Wirtschaftswachstum wesentlich steigern und die Türkei aus der Wirtschaftskrise führen. Das gegenwärtige Wirtschaftswachstum der Türkei liegt bei mehr als 5,5%, das BIP konnte verdreifacht werden. Ziel des türkischen Präsidenten ist es, die Türkei bis 2023 unter die Top-10 Wirtschaftsmächte weltweit zu katapultieren. AKPs neue außenpolitische Ausrichtung, die USA und EU Die Türkei hat ein starkes Interesse an guten politischen Beziehungen zu  Russland. Dies hängt jedochweniger damit zusammen, dass Erdoğan und Putin als politische Zwillinge vieles gemeinsam haben, sondern vielmehr damit, dass die USA und die EU die geopolitischen Interessen der Türkei bewusst ignoriert haben. Die Destabilisierung des Nahen Ostens durch die Bush jr.-Administration und das Fehlen einer Strategie der Obama-Administration für den Nahen Osten sind u.a. Gründe für die Annäherung der türkischen Regierung an Russland und gleichzeitig ihre Zurückhaltung gegenüber der IS. Zusätzlich führte das Zögern der USA sowie der EU adäquat auf die jüngeren Veränderungen im Nahen Osten, ausgelöst durch den Arabischen Frühling, dazu, dass sich die Türkei eine neue außenpolitische Strategie zulegen musste. Ganz besonders die Haltung der Obama-Regierung nach dem Chemiewaffeneinsatz im Syrienkrieg sorgte in der Türkei für großes Unbehagen. Einmal mehr zeigte die US-Regierung, dass ihr keine politisch überzeugenden Maßnahmen zur Verfügung stehen, um die Situation im Nachbarland der Türkei zu verändern. Auch die schier unendlich dauernden EU-Beitrittsverhandlungen sind Gründe für das schlechte Verhältnis zu Europa. Politische sowie wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliche Bevormundung Auch wenn Kritiker Präsident Erdoğan vorwerfen, dass er die Errungenschaften des Mustafa Kemal Atatürk abschaffen will, so ist dies nur die halbe Wahrheit. Zugegeben, die gegenwärtige Politik der AKP gegenüber ihren politischen Gegnern orientiert sich keineswegs an den Regeln eines demokratischen Rechtstaates. Gleichzeitig ist das Handeln der AKP, gemessen am türkischen Demokratieverständnis, rechtskonform. Das Mundtot-Machen politischer Gegner war zu Zeiten Atatürks ebenso wie heute ein beliebtes Mittel, um politische Konkurrenten auszuschalten. Genauso wie die laizistische CHP während des Kalten Krieges immer wieder linke Parteien mit dem Vorwurf, die Türkei in einen Satellitenstaat Russlands zu verwandeln, auflösten und deren Mitglieder verfolgten, so trägt die heutige Politik Erdoğans deutliche Züge jener rigiden Politik. Anders gesagt, der Umgang der AKP mit politischen Widersachern entspricht der politischen Kultur der Türkei. Hinzu kommt, dass der wirtschaftliche Erfolg der AKP ihr Verhalten offensichtlich zu einem gewissen Grad tolerierbar macht. Auch ist ihre Politik in der Kurdenfrage innerhalb der Türkei von größerem Erfolg begleitet als die ihrer Vorgänger. Vor allem bildet der Nordirak – die kurdische Zone – einen wichtigen Absatzmarkt für die türkische Wirtschaft. Der wichtigste Grund, weshalb Präsident Erdoğan die Türkei mit eiserner Faust regieren kann, ist die schwache Opposition. Kurz gesagt: die AKP bzw. Präsident Erdoğan versteht es, internationalen Herausforderungen adäquat zu begegnen und innenpolitische Querelen mit wirtschaftlichen Erfolgen entgegenzutreten.   Hüseyin I. Cicek ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg